Sex Works

brotbuechse-high-heels.jpgSex gehört mittlerweile
zu jedem Roman oder Film, der für die große Kasse vorgesehen ist.
Kaum eine Story, in die sich nicht eine Portion Wollust hineinmischen
ließe. Eine dieser stofflichen Verbindungen erfreute sich in der
Literaturwelt zuletzt einer gewissen Beliebtheit: Mit Titeln wie
„Fucking Berlin – Studentin und Teilzeit-Hure“ oder „Nach der
Vorlesung ins Bordell – Bekenntnisse einer Kunststudentin“
drängte sich das Klischee attraktiver Studentinnen in die
Öffentlichkeit, die ein Doppelleben zwischen Hörsaal und
Prostitution führen. Wie viel autobiografische Authentizität diese
schlüpfrig daher kommenden Enthüllungsgeschichten tatsächlich
aufweisen, sei dahingestellt. Einen realen gesellschaftlichen
Hintergrund haben sie allemal.

Pionier der neuen
studentischen Prostitutionsliteratur war die Französin Laura D. In
ihrem 2008 veröffentlichten Bestseller „Mein teures Studium“
schildert sie Erfahrungen aus ihrem Nebenjob als Prostituierte vor
dem Hintergrund einer prekären Lebenssituation. Denn die damals
19-Jährige hatte zuvor im Callcenter gejobbt, wo sie nicht genug
verdiente, um zu überleben. Ein Zweitjob wiederum hätte ihr das
Studieren unmöglich gemacht. Vielen ihrer Kommilitoninnen geht es
ähnlich. Glaubt man Schätzungen der französischen
Basisgewerkschaft SUD, prostituieren sich mittlerweile etwa 40.000
von ihnen. Und auch in Großbritannien soll, im Zuge einer
zunehmenden Verschuldung von Studierenden, die Zahl der in der
Sexarbeit tätigen Jungakademikerinnen seit dem Jahr 2000 um 50%
gestiegen sein. Indessen hat das Thema auch auf die Leinwand
gefunden. So zeigt der vor kurzem gestartete Film „Tag und Nacht“
den Werdegang zweier Studentinnen in Wien, die sich anstelle von
Kellnern zum Billiglohn für einen Nebenjob im Escortservice
entscheiden.

Für Deutschland wird
grob geschätzt, dass weniger als 10.000 Studierende im Sex-Gewerbe
arbeiten. Genau lässt sich das wohl nie sagen. Schließlich handelt
es sich für die allermeisten um eine Arbeit, die sie als
vorübergehende Notlösung begreifen und bestmöglich geheimhalten
wollen. Verschiedene Beratungsstellen gehen zumindest von einem
Anstieg studentischer Prostitution aus, die zunehmend über
Internetseiten organisiert werde. Insgesamt soll es in der
Bundesrepublik etwa 400.000 Prostituierte geben, wobei im vergangenen
Jahrzehnt allgemein ein Anstieg festgestellt wurde, der häufig mit
dem Prostitutionsgesetz von 2002 in Verbindung gebracht wird. Die
damit verbundene Entkriminalisierung der Prostitution habe, so wird
angenommen, auch die Hürde gemindert, finanziellen Problemen mit
Teilzeit-Prostitution entgegenzusteuern.

Dass die
gesellschaftlichen Ausmaße von Prostitution immer im Kontext
ökonomischer Ungleichgewichte stehen, sollte nicht überraschen. Als
sich in den 1960/70er Jahren international die Prostituiertenbewegung
formierte, machte sie Armut und Lohnabhängigkeit zu zentralen
Aspekten einer Prostitutionsanalyse. Gesetze gegen Prostitution
galten ihr als Verordnungen zur „Bestrafung von Frauen, die sich
gegen ihre Armut wehren“, wie es etwa eine britische
Prostituiertenorganisation formulierte. In Konsequenz wehrte sich die
Prostituiertenbewegung gegen die Stigmatisierung ihrer beruflichen
Tätigkeit, angefangen mit der Etablierung des achtenswerteren
Begriffs der „Sexarbeit“ selbst.

Auch wenn die streikenden
Prostituierten in London 1972 richtigerweise proklamierten: „Jede
Arbeit ist Prostitution“, so ist nicht von der Hand zu weisen, dass
es sich bei Sexarbeit um ein durchaus spezielles Arbeitsverhältnis
handelt. Dazu zählt die weit verbreitete Einwirkung sexistischer und
rassistischer Stereotype ebenso wie die Tatsache, dass in der
Prostitution häufig die Machtverhältnisse zwischen Männern und
Frauen verschärft auf den Punkt gebracht werden. Ihren krassesten
Ausdruck findet Sexarbeit in Form von Menschenhandel und
Zwangsprostitution, die in Zeiten der Globalisierung eine deutliche
Zunahme erfahren haben. Auch hier sind die Zwänge einer
Armutsökonomie nicht wegzudenken. Denn „eine bewusst getroffene
Entscheidung für die eine oder andere Form der Arbeitsmigration ist
angesichts des Wohlstandsgefälles weltweit und der strukturellen
Benachteiligung von Frauen nicht immer mit Freiwilligkeit
gleichzusetzen“ (KoK e.V.). Die alte Forderung der
US-Prostituiertenbewegung, „Armut und nicht Prostitution zu
ächten“, verliert auch im globalen Maßstab gewiss nichts an
Gültigkeit.

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