Migrantische Carearbeiter*innen in Deutschland am Beispiel der „24-Stunden-Polin“

19. Februar 2020
19:00 - 22:00 Uhr
FAUD-Lokal "V6"
Volmerswertherstr. 6

 

Der demografische Wandel, unzureichende Versicherungsleistungen, staatliche Reformen und Untätigkeiten der Gewerkschaften in der Vergangenheit sind Hauptursachen des so genannten „Pflegenotstands“. Dies resultiert in steigender Nachfrage an Arbeitskräften im Care-Bereich. Die „Unattraktivität“ der Fürsorgearbeit liegt einerseits an der unangemessenem Entlohnung, andererseits an dem niedrigen Status der Pflegeberufe (und der Reproduktionsarbeit im allgemeinen), die meistens als „Frauendomäne“ angesehen werden, was zu ihrer mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung beiträgt.

Im Endeffekt wird Carearbeit oft an Migrant*innen delegiert. Schätzungsweise gibt es 150.000 bis 500.000 „Care-Migrantinnen“, die in Deutschland „3C-Jobs“ ausüben („cleaning, cooking, caring“). Dabei sind die meistens aus Osteuropa stammenden Frauen in Haushalten in Deutschland oft irregulär beschäftigt, um vor allem ältere pflegebedürftige Menschen zu betreuen.

Einen besonders guten Ruf in Deutschland scheinen polnische Pflegekräfte zu haben. Dies spiegelt sich in Titeln von Zeitungsartikeln wie „die 24-Stunden Polin“ oder in Alltagsfloskeln wie „die polnische Perle“ wieder.

Viele von ihnen leben im Haushalt ihrer „Kund*innen“ und sind Rund-um-die-Uhr mit der Haushalts- und Pflegetätigkeiten beschäftigt (sog. „Live-in-Arrangements“). Die permanente Orientierung an den Bedürfnissen der Klient*innen bedeutet wochen- und monatelang, 24 Stunden die Woche ununterbrochene Arbeit, die an einen Ort – das Haus oder die Wohnung der Klient*innen – gebunden ist. Das ist kein neues Phänomen, da die grenzüberschreitende Pflegeversorgung in Deutschland seit mindestens zwei Jahrzehnten zu beobachten ist.

Die räumliche und zeitliche Einschränkung bedeutet mangelnde soziale Kommunikation und zusammen mit der fehlenden Privatsphäre und Distanz in der Pflegebeziehung tragen zur sozialen Isolation bei. Die monotone Alltagsroutine der sich einerseits immer wiederholenden Haushalts- und Pflegetätigkeiten, die meist zu bestimmten Uhrzeiten erledigt werden müssen, und andererseits die Konzentration auf die Bedürfnisse der Klient*innen vertiefen das Gefühl der Einsamkeit.

Hinzu kommt das grundlegende Arbeitsrechte wie die Regelung der Arbeitszeiten und -aufgaben, Unfallsversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz usw. fehlen. Aus Angst vor dem Verlust ihrer Stelle haben nicht nur die irregulären Pflegekräfte entweder keine oder nur sehr begrenzte Möglichkeiten um bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln (oder auch nur ihre bestehenden (Arbeits-)Rechte einzufordern).

Trotz ihrer unprivilegierten Lage und der isolierten Arbeitssituation haben die( irregulären) Arbeiterinnen Handlungsmöglichkeiten dem entgegenzuwirken. Eine wichtige Rolle dabei spielen zum Beispiel die Netzwerke, die der Selbstorganisation der Pflege dienen, so dass die Pfleger*innen aus dem Netzwerk sich alle paar Wochen oder Monaten bei der Pflege der Kund*in abwechseln können. Durch informelle Kontakte innerhalb des Netzwerks wird nicht nur die Arbeit organisiert und vermittelt, sondern z.B. auch  Informationen über Vermittlungsagenturen, die den Pflegekräften schlechte Arbeitsbedingungen anbieten. Da das Netzwerk auf Kollegialität und Zuverlässigkeit basiert, kann es nach Bedarf bzw. in Krisensituationen schnell aktiviert werden (z.B. im Fall des ausstehenden Lohns).

Während des Vortrags werden Beispiele von geführten Arbeitskämpfen und Strategien, die die Arbeiter*innen entwickelt haben, dargestellt und die dabei ausgelösten Emanzipationsprozesse besprochen. Der Vortrag wird mithilfe von Fotos illustriert, die polnische Pflegekräfte selbst im Alltag gemacht haben. (so dass in manchen Fällen sogar eine „Fotostory“ entsteht).

Nach dem Vortrag bleibt Zeit um über eure mitgebrachten und über die während des Vortrags aufgeworfenen Fragen zu Diskutieren und vielleicht erste Pläne zu diskutiert welche Möglichkeiten bestehen, um  migrantische Care-Arbeiter*innen in Deutschland zu unterstützen.

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