Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 1 (1927-1928)
- September.
Eröffnung der 46. Tagung des Völkerbundes in Genf. Das Budget des Völkerbundes für 1928, das den Mitgliedern des Völkerbundes zur Prüfung durch die Völkerbundsversammlung überreicht worden ist, beläuft sich auf 24 873 272 Goldfranken gegenüber 24 512 341 Goldfranken im Jahre 1927.
Beginn der Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie in Frankfurt a. M. - September.
Die Organisation der Hafenarbeiter der Nordseehäfen kündigt den jetzt gültigen Lohntarif zum 1. Oktober. Gefordert wird eine Erhöhung des Tagelohns für die erste Schicht von 7,60 auf 9,00 M.
In der Solinger Metallindustrie verfügt der Arbeitgeberverband die Aussperrung der gesamten Arbeiterschaft zum 12. September. - September.
Beginn des 7. Internationalen demokratischen Friedenskongresses in Würzburg.
Mit Rücksicht auf die jüngsten Vorfälle in Prag werden in der Tschecho-Slowakei die faschistischen Jugendverbände aufgelöst.
Der 66. Deutsche Katholikentag in Dortmund beginnt. - September.
Ein vom französischen Außenministerium veröffentlichtes Communique bestätigt, daß der Quai d’Orsay durch den Moskauer Botschafter Herbette bei der russischen Regierung Vorstellungen habe erheben lassen, weil der russische Botschafter in Paris, Rakowski, ein in der ersten Augusthälfte vom bolschewistischen Zentralkomitee
veröffentlichtes Manifest unterzeichnet hat, worin u. a. die Soldaten aller Länder zur Verbrüderung mit der Roten Armee aufgefordert werden.
Attentat auf den jugoslawischen Handelsminister Spaho in Sarajewo. Der
Minister bleibt unverletzt.
In Budapest werden 52 Kommunisten verhaftet. - September.
In Genf wird die 8. Vollversammlung des Völkerbundes eröffnet.
Eröffnung des 59. englischen Gewerkschaftskongresses in Edinburg.
Briand teilt dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann offiziell die bevorstehende
Besatzungsverminderung um 10 000 Mann im Namen der alliierten Regierungen mit. - September.
Die Interparlamentarische Wirtschaftskonferenz wird in Rio de Janeiro eröffnet. Dr. Hilferding spricht als erster Delegationsredner.
Auf dem englischen Gewerkschaftskongreß kommt zum Ausdruck, daß die Leitung der Gewerkschaften eine Politik befolgen will, die auf den Kampf mit den Arbeitgebern soweit wie möglich verzichten und dafür mit ihnen zusammenwirken will.
Die Bergarbeiterverbände in der rheinischen Braunkohlenindustrie kündigen die
Arbeitszeitabkommen zum 30. September, sie beantragen, die tägliche Arbeitszeit ab 7. Oktober auf 8 Stunden zu verkürzen. - September.
Die Zahl der Arbeitslosen in England hat sich um nahezu 5000 auf 1.042.300 erhöht.
Auf dem englischen Gewerkschaftskongreß erlitten die Kommunisten in wichtigen Fragen vernichtende Niederlagen; sie brachten nur 140 000 gegen 3 746 000 Stimmen auf. - September.
Primo de Rivera legt dem König den Entwurf betreffend die Einberufung der spanischen Nationalversammlung vor.
In der türkischen Botschaft in Rom wird ein Freundschaftsvertrag zwischen
Brasilien und der Türkei unterzeichnet.
Die Höchstbezugsdauer in der Erwerbslosenfürsorge wird vom Reichsarbeitsminister angesichts der günstigen Entwicklung des Arbeitsmarktes auf 26 Wochen herabgesetzt. Bis zu 39 Wochen geht die Unterstützung nur in der Gärtnerei, Metallverarbeitung, Maschinen-Industrie, Lederindustrie, im Holz- und Schnittstoffgewerbe und für Bekleidungsgewerbeangestellte. - September.
Die deutsche, die englische und die französische Delegation lehnen die neue Formulierung des polnischen Vorschlages zur Verbietung der Kriege ab.
Aufstand der Arbeiter in Tauroggen (Litauen).
Die argentinische Kammer nimmt einen Gesetzentwurf an, wonach der Staat das alleinige Recht zur Ausbeutung der Petroleumfundstätten erhält. Ein Gesetzentwurf über die Nationalisierung der Bergwerke ist von der Kammer bereits gebilligt worden. - September.
Das Reichskabinett berät unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Marx den Entwurf eines Besoldungsgesetzes. Das Kabinett stimmt dem Entwurf in allen wesentlichen Punkten zu.
Die Gesamtzahl der Hauptunterstützungsempfänger in der Erwerbslosenfürsorge in der zweiten Augusthälfte ist um rund 16 000 auf 404 000 zurückgegangen. - September.
Gegen die revolutionären Ausländer in Frankreich geht das französische Innenministerium in verschärfter Form mit Ausweisungsbefehlen vor. - September.
Zusammentritt der Abrüstungskommission des Völkerbundes in Genf.
Tödliches Attentat auf den italienischen Vizekonsul Graf Nardini in Paris.
In dem Spionageprozeß in Leningrad werden neun Angeklagte zum Tode verurteilt.
Der Urheber der litauischen Volkserhebung, Mikulasko, wird standrechtlich
ermordet. Durch das Standgericht in Tauroggen werden sechs am Aufstand beteiligte
Studenten zum Tode verurteilt. - September.
Der sowjetrussische Volkskommissar Abramowitz wird in Moskau von einem
Mitglied der Tscheka erschossen. - September.
Im Zollausschuß des österreichischen Nationalrats werden Zollerhöhungen auf
Weizen, Roggen, Gerste und Hafer beschlossen.
Die Gewerkschaften im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau fordern die Belegschaften zu Massenkündigungen auf.
Die vom Arbeitgeberverband der Solinger Metallindustrie angebotene Lohnerhöhung wird vom Deutschen Metallarbeiterverband und von den streikenden Belegschaften
abgelehnt; gleichzeitig werden die Verhandlungen als gescheitert bezeichnet. Die Streikenden wollen für die 20prozentige Lohnerhöhung weiterkämpfen. - September.
Wiedervereinigung der Kuomintang, der Regierungen von Wuhan und Nanking. Die Regierung übernimmt ein Komitee in Nanking. Scharfe Ablehnung der Kommunisten in der Kuomintang.
In Athen wird eine neue Verschwörung entlassener Offiziere zum Sturz der Regierung und zur Wiedereinsetzung von Pangalos entdeckt. - September.
Polen beschließt wegen der litauischen Ansprüche auf Wilna die Errichtung dreier Sperrforts gegen Litauen.
Die schwebenden Lohndifferenzen in der deutschen Herrenbekleidungsindustrie werden durch eine Vereinbarung im Reichsarbeitsministerium beigelegt. Das neue Lohnabkommen sieht eine Erhöhung von etwa 10 Prozent vor und läuft bis zum 30. April 1928. - September.
In verschiedenen Gegenden Italiens finden Kundgebungen der Bauernschaft gegen den Faschismus statt. - September.
Bei der Einweihung des Tannenbergdenkmals hält Hindenburg eine Rede, in
der er die Schuld Deutschlands am Kriege ablehnt. - September.
Der Ausschuß der III. Kommunistischen Internationale lehnt das Wiederaufnahmegesuch der deutschen Gruppe Ruth Fischer-Urban Maslow ab.
Mussolini und Woldemaras unterzeichnen einen Schlichtungs, und Schiedsgerichtsvertrag sowie ein Handelsabkommen zwischen Italien und Litauen. - September.
Wegen des Aufstandes in Tauroggen werden neuerdings acht Aufrührer zum Tode und neun zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. Von den Verurteilten werden sieben zu lebenslanger Zwangsarbeit begnadigt, der achte ist bereits hingerichtet. - –
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- September.
In Paris wird ein neues russisches Angebot überreicht. Es schlägt zur Regelung der Vorkriegsschuldenfrage 41 Jahreszahlungen à 60 Millionen Goldfrancs, außerdem in gleicher Höhe 10 Annuitäten als Kompensation für rückständige Zahlungen und als weitere Vergütung vor. Dafür werden Kredite in Höhe von 6 Annuitäten von je 100 Millionen Goldfrancs verlangt. - September.
Die belgischen Kohlenarbeiter fordern eine 12prozentige Lohnerhöhung.
Der Reichsarbeitsminister verlängert die Bestimmungen über Kurzarbeiterunterstützung über den 1. Oktober hinaus. - –
- September.
Die Sowjetregierung beschließt endgültig die Abberufung des Botschafters
Rakowski von Paris.
Die Gesamtzahl der unterstützten Arbeitslosen hat sich in der Zeit vom 15. August bis 15. September von 576 000 auf 517 000 vermindert.
Unterzeichnung des Konkordates zwischen Litauen und dem Hl. Stuhl.


