Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 1 (1927-1928)

Zum Geleit!

Konstruktiver Sozialismus. I. Allgemeine Betrachtungen

Ethik und Klassenkampf

Gewerkschaftsbewegung und Arbeitsrecht

Die russische Revolution aus der Vogelperspektive

Der Kampf um das Gummi

Fernand Pelloutiers Platzin der Entwicklung des Syndikalismus.

Eine Produktivgenossenschaft in Schweden.

Chronik über wichtige Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Kultur.

Die Redaktion der „Internationale“ bat mich, eine Darstellung über den Genossenschaftsbetrieb der Steinindustrie in Bohuslän („Bohusläns kooperativa stenhuggeri“), deren Verhältnis zur syndikalistischen Bewegung usw. zu geben. Ich komme diesem Wunsche nach.

Die schwedische Steinindustrie konzentriert sich hauptsächlich in Bohuslän, einer Provinz in Westschweden, und beschäftigt etwa 8-9000 Arbeiter. Der größte Teil von ihnen ist mit der Herstellung von Straßenpflastersteinen beschäftigt, während nur ein kleiner Teil Bausteine herstellt. Die schwedische Steinindustrie ist in großem Maße auf den Export eingestellt, und daher kam es auch, daß sie während des Krieges stark zurückgegangen ist. Auch noch Jahre nach dem Friedensschluß war diese Industrie auf Grund der Valutaverhältnisse in den einzelnen Ländern lahmgelegt. Die schwedische Krone stand ebenso wie der amerikanische Dollar hoch im Kurse, und dies hatte zur Folge, daß Länder mit niedriger Valuta, die in normalen Zeiten die Erzeugnisse der schwedischen Steinindustrie abnahmen, keine Bestellungen in Schweden aufgeben konnten. Es setzte eine lange Periode vollständiger Arbeitslosigkeit ein, in der die Arbeiter Hunger und Entbehrungen ausgesetzt waren.

Die Ursache zur Gründung der Produktivgenossenschaft in der Steinindustrie scheint meines Erachtens in dem Wunsche gelegen zu haben, die Arbeitslosigkeit unter den Steinarbeitern durch eigene Unternehmen nach Möglichkeit einzudämmen. Eine Versammlung beschloß vor einigen Jahren die Erwerbung eines Berges zwecks Ausbeutung gegen Bezahlung einer gewissen Abgabe für eine bestimmte Menge gehauenen Stein. Hierbei stieß das Unternehmen schon auf die erste Schwierigkeit, denn die besten Steinberge waren bereits von den kapitalistischen Unternehmungen teils käuflich erworben, teils gepachtet, so daß das Unternehmen der Arbeiter von den Kapitalisten ins Hintertreffen gedrängt wurde. Größere Kapitalien braucht man in dieser Industrie nicht, nichtsdestoweniger waren die wenigen Gelder, die man aufgebracht hatte, nicht hinreichend, so daß der Betrieb andauernd mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Es gelang dem Unternehmen, Bestellungen vom Auslande hereinzubekommen, hauptsächlich aus Dänemark und Deutschland, und es dauerte nicht lange, da hatte man zwei- bis dreihundert Leute dabei beschäftigt.

Die Initiative ging von den syndikalistisch organisierten Arbeitern aus, da man aber nicht die Absicht hatte, ein speziell syndikalistisches Unternehmen ins Leben zu rufen, wurden auch Mitglieder der Zcntralverbände aufgenommen, die schließlich sogar in die Majorität kamen. Trotzdem liegt die Leitung in den Händen der Syndikalisten.

Das Unternehmen als solches steht frei und ist von den Gewerkschaftsorganisationen unabhängig. Die syndikalistische Landesorganisation Schwedens (SAC.) ist dadurch mit dem Unternehmen verknüpft, daß sie im Laufe dieses Jahres eine Anleihe von 20 000 Kronen für dasselbe hergab, eine Summe, die durch Anteilscheine der örtlichen Organisationen aufgebracht wurde. Durch diese Anteile kontrollieren die syndikalistischen Organisationen das Unternehmen.

Die Hoffnungen, die man an das Unternehmen für die Zukunft knüpft, sind recht mannigfaltig. Es gibt in der syndikalistischen Bewegung Schwedens Stimmen, die der Meinung sind, dies sei der Weg, wodurch „die Arbeiter die Uebernahme der Produktion“ verwirklichen können. Das ist jedoch eine sehr

geringe Zahl. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder der syndikalistischen Organisation ist sich darüber klar, daß man mit solchen Unternehmungen die Grenzen der kapitalistischen Ausbeutung nicht überschreiten kann. Die Zahlungen an die Bergbesitzer sind bereits eine Art Profit, den der Kapitalismus aus der Arbeiterschaft herauszieht.

Im übrigen wird das Unternehmen rein geschäftlich betrieben. Die Steine werden zu Marktpreisen verkauft. Die Arbeitskraft wird etwas über die in der Industrie gültigen Tarife bezahlt. Der bisher entstandene Gewinn ist in einem Betriebsfonds niedergelegt, und bis jetzt sind noch nicht einmal Zinsen für das investierte Kapital ausbezahlt worden, und man hat auch für die Zukunft keinerlei Richtlinien in dieser Beziehung aufgestellt. Innerhalb der Betriebsleitung hat man für die Zukunft folgendes ins Auge gefaßt: der Gewinn soll kapitalisiert werden, damit das Unternehmen und dessen Entwicklung sichergestellt wird, es könnten höchstens Zinsen für das investierte Kapital bezahlt werden, mehr aber nicht. Da man sich in keiner Weise gebunden hat, gibt es auch keinerlei Sicherheit dafür, daß man nicht eines schönen Tages Gewinnanteile für die Aktienteilhaber oder Arbeiter ausbezahlen kann. Bisher ist jedoch der antikapitalistische Geist bei Arbeitern in der Steinindustrie stark ausgeprägt.

Dagegen sind sich fast alle Syndikalisten darin einig, daß das Unternehmen eine erzieherische Bedeutung haben kann. Die Arbeiter, die auf diese Weise ihre eigenen Unternehmer sind, können sich eine gewisse Erfahrung in der Verwaltung und Organisierung der Produktion innerhalb ihres Industriezweiges verschaffen, die der Arbeiterklasse bei der künftigen Uebernahme der Produktion in ihrer Industrie, d. h. also auch bei den kapitalistischen Unternehmungen, von Nutzen sein kann. Daß die Arbeiter durch die Bildung von Unternehmen dieser Art ihre Fähigkeit bei den Funktionen entwickeln können, die gegenwärtig von den kapitalistischen Unternehmern ausgeübt werden, dürfte auch einen guten Einfluß ausüben und ihnen in ihren Bestrebungen nach Uebernahme der gesamten Produktion Zuversicht geben.

Am interessantesten und wichtigsten erscheint mir jedoch die Tatsache, daß das Unternehmen im Klassenkampf zur Geltung kommen kann. Bereits in den Lohnkämpfen mit den kapitalistischen Unternehmern haben die Arbeiter ihren Nutzen gehabt, und tatsächlich scheinen auch die Arbeiter in der schwedischen Steinindustrie die größte Bedeutung des Genossenschaftsunternehmens hierin zu erblicken. Der letzte Kampf in der Steinindustrie ist hierfür besonders kennzeichnend.

Vor einigen Monaten kam es in Berg-Evja zu einem Konflikt, der 150 Arbeiter umfaßte, von denen 135 der syndikalistischen Organisation angehörten. Da die Unternehmer die Forderungen nicht bewilligen wollten, traten die Arbeiter in den Streik. Jetzt setzte der Druck von außen ein. Die Arbeiter in anderen Steinbrüchen, die zu demselben Unternehmerkonzern gehörten, beschlossen den Sympathiestreik, und über das Verladen von Steinen für Rechnung der Unternehmer wurde die Sperre verhängt. Diese Sperre wäre ein sehr wirksames Mittel gegen die Unternehmer gewesen, sie wurde aber vom Zcntralverband gebrochen. Nun wurde die Lage heikel. Durch Dazwischentreten der Produktivgenossenschaft, die alle Streikenden in ihrem Unternehmen einstellte, die sich anderweitig keine andere Arbeit verschaffen konnten, fiel es den Arbeitern leicht, den Kampf beliebig lange auszuhalten. Der kapitalistische Unternehmer hatte tagtäglich große Verluste, den Arbeitern verursachte der Streik jedoch keinerlei Unkosten, denn sie hatten ihr normales Einkommen in dem Unternehmen der Produktivgenossenschaft. Der Unternehmer, der seiner Bockbeinigkeit wegen bekannt ist, wehrte sich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, er mußte zuletzt aber einsehen, daß die Arbeiter ihm in dieser Situation überlegen waren. Durch den staatlichen Schlichter wurden Verhandlungen eingeleitet, der, wie das gewöhnlich ist, einen Kompromißvorschlag vorlegte, den die Arbeiter jedoch verwarfen, indem sie auf Grund der Unterstützung durch die Produktivgenossenschaft ihre ursprünglichen Forderungen voll aufrechterhielten. Zu guter Letzt mußte der Unternehmer die Forderungen der Arbeiter voll und ganz bewilligen.

Der Erfolg lag also ganz und gar auf Seiten der Arbeiter, es ist jedoch mehr als zweifelhaft, ob die Streikenden ohne den Beistand der Produktivgenossenschaft diesen Sieg errungen hätten. Wahrscheinlich wären sie gezwungen gewesen einen Kompromiß anzunehmen, wobei sie nicht so vorteilhaft abgeschlossen hätten. Der Sieg hat auch eine große moralische Bedeutung, da die Arbeiter trotz des Verrates der zentralverbändlerischen Organisation ihre Löhne bedeutend über den Tarif bringen konnten, der neulich von dem Zentralverband abgeschlossen wurde, mit dem die Mitglieder der Zentralverbände selbst sehr unzufrieden sind. Jetzt konnten die Syndikalisten ihren zentralverbändlerischen Arbeitskollegen zeigen, daß es möglich war, höhere Löhne durchzusetzen als die von den Zentralverbänden durch Tarifvertrag festgelegten, unter der Voraussetzung, daß die Arbeiter nicht an Händen und Füßen durch die Bestimmungen der Kollektivverträge gebunden sind, wie es bei den Zentralverbänden der Fall ist. Die Bedeutung dieser Aktion für die Demonstrierung der Ueberlegenheit der syndikalistischen Kampfesmethoden liegt offen zutage.

Bereits des öfteren hat das Eingreifen der Produktivgenossenschaft den Arbeitern Erfolge gebracht, und hierbei hat sie natürlich eine außerordentlich große Aufgabe zu erfüllen und kann eine Waffe im Klassenkampf sein, jedoch unter der Voraussetzung, daß sie durch Anhäufung des Unternehmergewinnes kapitalstark gemacht wird. Es verdient festgehalten zu werden, daß in der letzten Zeit in der Steinindustrie eine gute Konjunktur zu verzeichnen ist, wodurch die Arbeiter der Produktivgenossenschaft sich natürlich viel leichter durchsetzen können. Wenn sich dieses Unternehmen gerade mit Hinsicht darauf, eine Waffe im Klassenkampf zu sein, entwickelt, so kann es unzweifelhaft für die Arbeiter in der Steinindustrie eine nicht geringe Bedeutung erhalten.