Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 1 (1927-1928)

Zum Geleit!

Konstruktiver Sozialismus. I. Allgemeine Betrachtungen

Ethik und Klassenkampf

Gewerkschaftsbewegung und Arbeitsrecht

Die russische Revolution aus der Vogelperspektive

Der Kampf um das Gummi

Fernand Pelloutiers Platzin der Entwicklung des Syndikalismus.

Eine Produktivgenossenschaft in Schweden.

Chronik über wichtige Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Kultur.

Um besser in die Zusammenhänge und Wechselbeziehungen der materiellen und geistigen Erscheinungen der Umwelt eindringen zu können, wurde die Methode angewandt, gleichartige Erscheinungen von anderen zu sichten, zu ordnen und zusammenzufassen, wobei man aber sorgfältig darauf achten mußte, zwischen den einzelnen Ordnungen ja keine scharfen Grenzen zu ziehen. So kam man auch dazu, das gesamte Geistesleben in drei große Gebiete einzuteilen, die ebenfalls nicht scharf zu umreißen sind, sondern ineinander überfließen wie die Farben eines Spektrums. Wir unterscheiden also im Geistesleben das Gebiet des Wahren, d. h. den Drang nach Wissen, das Gebiet des Schönen, d. h. den Drang nach künstlerischer Erhöhung des Lebens und das Gebiet des Guten, d. h. den Drang, das menschliche Leben so zu gestalten, daß es nach den Forderungen der Gerechtigkeit für die Gesamtheit reibungsloser und freudiger als bisher verläuft. Das letztere Gebiet ist das der Ethik. Es umfaßt alle Bestrebungen, die auf eine bessere Erziehungsmethode, auf bessere Schulen und vor allem auf eine durchgreifende Ver­besserung der sozialen Verhältnisse hinauslaufen.

Werfen wir einen Blick auf das gegenwärtige Gesellschaftsleben, so finden wir, daß von ethischen Bestrebungen verflucht wenig zu spüren ist. Es herrscht nicht der Drang zum Guten, sondern der Drang zur Macht. Auf Kosten und unter Ausbeutung der Massen will man zu Reichtum und Ansehen gelangen. Allgemeinwohl, sozialer Ausgleich, Ethik usw. sind nur Hohn und Phrase. In der Praxis herrscht der krasseste Eigennutz. Trotzdem die Pfaffen und die Erzieher von lauter schönen ethischen Grundsätzen triefen, ist keine Spur von Recht und Gerechtigkeit zu erkennen. Daß die furchtbaren Gegensätze, die jedermann in die Augen fallen, auf Kon­struktionsfehler und auf einen falschen Unterbau zurückzuführen sind, einen solchen Gedanken weist man weit von sich. Ja, man verfolgt sogar diejenigen, die auf die Unhaltbarkeit und Schwindelhaftigkeit des heutigen Gesellschaftsbaues aufmerksam machen. Sie hören nicht darauf, wenn man ihnen sagt, daß die ganze Herrlichkeit einmal einstürzen und zusammenbrechen wird. Noch fehlt es an einer klaren sittlich-ethischen Macht, um deren Fahne sich alle besseren Elemente und guten Geister scharen könnten. Das Urchristentum, solange es noch kommunistische Tendenzen pflegte, mag eine solche ethische Macht inmitten der römischen Sittenverderbnis dargestellt haben, in ähnlicher Weise vielleicht auch manche religiöse Sekte im Mittelalter. Ich möchte hier nur an die Waldenser und Albigenser, an Savonarola und an die Wiedertäufer zur Zeit der Reformation erinnern. Auch der Sozialismus, so wie ihn z. B. Weitling oder wie ihn Kropotkin, Landauer u. a. auffaßten, hätte sich zu einer gewaltigen ethischen Macht entwickeln können, wenn nicht die große Mehrzahl seiner Anhänger sich durch Marx in die eisigen, seelenlosen Gefilde des extremen Materialismus hätte abdrängen lassen. Seine Anpassungswut an das Bürgertum, und sein Streben, um jeden Preis mitregieren zu wollen, das besonders seit dem Zusammenbruch 1918 zutage trat, haben ihm vollends jede ethische Werbekraft genommen.

Es gibt eine ganze Reihe kapitalistischer Gesellschaftseinrichtungen, die Anspruch erheben, als ethische Mächte zu gelten. Ich habe jedoch eingangs darauf hingewiesen, daß Ethik der Drang ist, solchen Grundsätzen und moralischen Anschauungen bahnzubrechen, die das Leben der Gesamtheit, das heißt: aller Menschen ohne Ausnahme, reibungsloser und freudiger wie bisher gestalten. Kann man von diesem Standpunkt aus z. B. den Staat als eine ethische Macht betrachten? Unmöglich! Wohl identifiziert sich der Staat sehr gerne mit dem Volk, wir wissen aber, daß er nur die Herrscherzentrale des Kapitalismus ist, daß seine Gesetzgebung, die den großen Diebstahl am Volke sanktioniert, den Diebstahl der Kleinen drakonisch bestraft, und die Kluft zwischen Arm und Reich ständig erweitert, mit Ethik nicht das Geringste zu tun hat. Der Staat ist ein Komplott gegen das Volk, aber keine Einrichtung für das Volk. Noch mehr als der Staat verlangen die ver­schiedenen Kirchen als ethische Mächte respektiert zu werden, weil sie dem Menschen den Ausgleich und die Entschädigung für alle auf Erden erlittene Unbill versprechen, allerdings — erst nach dem Tode. Sie segnen im Kriegs­fall auf beiden Seiten die Waffen — echt christlich natürlich —, begleiten den armen Sünder, den eine blinde Justiz vom Leben zum Tode bringt, auf das Schafott und vergällen ihm noch die letzten Augenblicke, im übrigen aber betrachten sie den wirtschaftlichen und politischen Saustall, der auf Erden gegenwärtig herrscht, als eine heilige Ordnung, die sie so glücklich sind, mitstützen zu dürfen. Auch die Herren von der Justiz halten sich wohl für eminent wichtige ethische Kräfte. Ihre Haupttätigkeit besteht darin, daß sie kraft der Gewalt, die ihnen vom Staate übertragen ist, die Enterbten und Elenden, die in die aufgestellten Paragraphenfallen geraten sind, in die Wüste der Gefängnisse und Zuchthäuser schicken. Sie lassen die Armen schuldig werden und überantworten sie dann der Pein. Als eine weitere Hauptaufgabe betrachten sie es, den Staat vor etwaigen revolutionären Spring- oder Sündfluten dadurch zu bewahren, daß sie jeden linksgerichteten Politiker oder sozialen Revolutionär zur abschreckenden Warnung, sobald sie ihm das Geringste nachweisen können, ganz exemplarisch bestrafen. Auch diese Richter sind keine Ethiker. Das gleiche läßt sich von den heutigen Pädagogen, Wissenschaftlern und Künstlern sagen. Sie sind im allgemeinen fast alle vom kapitalistischen und egoistischen Geiste erfüllt. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, die aber nur die Regel bestätigen.

Vom kapitalistischen Bürgertum, wie es sich heutzutage in allen Staaten der Erde breitmacht, kann keine Erneuerung des Lebens und keine Erlösung von den traurigen Uebeln mehr kommen, unter welchen die Völker seufzen. Der internationale Kapitalismus hat kein anderes Bestreben mehr, als sich — koste es auch einen Kampf auf Leben und Tod — seine Herrschaft zu bewahren. Die große internationale Reaktion, die gegenwärtig in allen Ländern wütet, ist die Vorbereitung zu diesem Kampf, der sich gegen die Arbeiterklasse richtet. Wenn letztere — das numerische Uebergewicht ist sowieso auf ihrer Seite — auch noch von einem höheren ethischen Geiste beseelt ist, dann wird sie siegreich aus diesem Kampfe hervorgehen. Vor allem muß die Arbeiterschaft ihr Klassenbewußtsein stärken. Millionen unserer Brüder und Schwestern stehen noch abseits und haben zum Teil noch gar nicht begriffen, was Klassenbewußtsein und Klassensolidarität bedeutet. Ja viele, die proletarischer Herkunft, von proletarischen Müttern geboren sind, verleugnen ihre Klasse so, daß sie sich als Polizisten, Soldaten, technische Nothilfe, Streikbrecher usw. in den Dienst der Herrschenden stellen und mit Gewalt gegen ihre eigenen Klassengenossen vorgehen. Viele fassen den Klassenstandpunkt andererseits so engherzig auf, daß sie ehrliche und brave Kameraden, die aus dem Bürgertum stammen und ihre gute soziale Lage preisgegeben haben, um sich dem freien Sozialismus zu widmen und Seite an Seite mit den Arbeitern zu kämpfen, nicht als Mitkämpfer gelten lassen wollen. Wieder andere beteiligen sich zwar lebhaft am Klassenkampf, aber nicht zu dem Zweck, um die Abschaffung der Klassenschichtung herbeizuführen, sondern um die Herrschaft der bürgerlichen Klasse durch die der proletarischen zu ersetzen, was jedoch nur zur Diktatur und neuen Unzuträglichkeit führen muß. All dieser zurzeit noch vorhandene Mangel an Klassenbewußtsein und an einer richtigen Auffassung der Klassenkampfidee zeigt, wie notwendig es ist, unsern Klassenkampfcharakter auf eine hohe ethische Basis zu stellen, deren wesentlichster Bestandteil Solidarität und Gemeinschaftsgefühl sind. Das kapitalistische Bürgertum hat seit langem jeden ethischen Gehalt und damit die Existenzberechtigung verloren, die Internationale aber, von einem frischen revolutionären Geist getrieben, wird die Welt erobern.