Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 1 (1927-1928)
Wenn Gustav Landauer in seinem „Aufruf zum Sozialismus“ zu dem Ergebnis gelangte, daß die Verwirklichung des Sozialismus nicht von bestimmten „Gesetzen der Wirtschaft“ abhängig sei, sondern in erster Linie von dem bewußten Wollen der Menschen, die sich hinaussehnen aus der Oede des heutigen Lebens, um Neues zu schaffen auf gänzlich veränderten Grundlagen, so hat er damit eine Wahrheit ausgesprochen, für die man heute vielleicht mehr Verständnis gewinnt als früher. Den Stillen im Lande, die sich nicht dazu herzugeben vermögen, den stupiden Heerbann der Parteipolitiker und marktschreierischer Demagogen zu verstärken, wird es immer klarer: „Sozialismus ist die Willenstendenz geeinter Menschen, um eines Ideales willen Neues zu schaffen“.
Damit ist jedoch nicht gesagt, daß die geistige und materielle Umwelt auf das Werden des Sozialismus keinen Einfluß hätte, oder daß seine Verwirklichung lediglich der inneren Begeisterung und dem guten Willen einer Handvoll Idealisten überlassen bleibe. Das dachte auch Landauer nicht, denn er fühlte zu gut, daß der Trieb nach Gemeinschaft und der Schöpferdrang, der danach lechzt, Neues zu schaffen, erst wieder mächtig aus der Tiefe lodern und sich machtvoll unter den Menschen entfalten müsse, bevor das Neue greifbare Gestalt gewinnen könne. Ihm war es hauptsächlich darum zu tun, jenen spießerhaften Fatalismus zu treffen, der jeden praktischen Versuch im Geiste des Sozialismus von vornherein ablehnt mit der Begründung, daß er den Gesetzen der wirtschaftlichen Entwicklung widerspreche und lediglich als unfruchtbarer Utopismus zu betrachten sei. Und gerade weil er das fühlte, sprach er davon, daß „einmal der Moment kommen könnte, wenn die Völker noch lange zögern, wo das Wort heißen muß: diesen Völkern kann der Sozialismus nicht mehr kommen“.
Sind wir überhaupt dem Sozialismus näher gekommen? Das ist die Frage, die wir uns heute ernsthaft stellen müssen. Es sind schon über hundert Jahre verflossen, daß zum erstenmal der Werberuf des modernen Sozialismus erklungen ist, und eine Arbeiterbewegung mit mehr oder weniger sozialistischem Einschlag besteht schon über siebzig Jahre. Was sind die Ergebnisse, soweit die Verwirklichung des Sozialismus in Betracht kommt? Wir fragen noch einmal: Sind wir dem Sozialismus praktisch näher gekommen oder haben wir uns weiter von ihm entfernt? Sind die Möglichkeiten seiner Verwirklichung heute geringer geworden oder türmen sich ihr größere Hindernisse entgegen, als dies früher der Fall war?
Man verstehe mich recht. Es handelt sich nicht darum, ob die allgemeine Bewegung,die wir heute als sozialistisch bezeichnen, an Zahl stärker geworden ist, ob sie einen bestimmten politischen Einfluß auf das gesellschaftliche Leben bekommen hat oder ob sie heute über weitverzweigte Organisationen und zahlreiche kulturelle Einrichtungen verfügt, an die sie vor fünfzig Jahren noch nicht denken durfte. Um das alles handelt es sich nicht. Die Geschichte hat uns oft genug gezeigt, das die numerische Stärke einer Bewegung sehr häufig auf die Kosten ihrer ursprünglichen Bestrebungen erkauft wurde, und leider ist es mit der sozialistischen Bewegung nicht besser bestellt. Es handelt sich hier einzig und allein um die Frage, ob wir dem großen Endziel des Sozialismus, der Abschaffung aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Monopole und der Reorganisation des sozialen Lebens auf der Basis gemeinschaftlicher Arbeit und gemeinschaftlichen Genusses der erzeugten Werte fühlbar näher gekommen sind.
Ist die geistige und seelische Einstellung der arbeitenden Klassen nach der langen und unermüdlichen Aufklärungsarbeit der sozialistischen Propaganda heute dergestalt, daß sie von der Größe des Problems durchdrungen sind und ihr schöpferischer Sinn nach Mitteln und Wegen Ausschau hält, um der praktischen Verwirklichung des Sozialismus die Bahn zu ebnen? Ist der Drang für das Neue, die innere Begeisterung für eine vollständige Umgestaltung der Gesellschaft heute endlich so stark entwickelt, wenn nicht bei allen, so doch zum wenigsten bei den ausgesprochenen Anhängern der einen oder der anderen sozialistischen Richtung, daß bloß noch das Bollwerk staatlicher Gewalt zu überwinden ist, um dem Sozialismus Eingang zu verschaffen?
Wir sind der Meinung, daß jeder, der über diese Frage ernstlich nachgedacht hat und dem der Sinn durch das öde Schlagwörtertum der Parteien noch nicht vollständig verdreht ist, zu der Ueberzeugung kommen mußte, daß alle einstigen Voraussetzungen sich nicht erfüllt haben, daß wir heute vom Sozialismus weiter entfernt sind als je zuvor, daß die Arbeiter, die doch an der sozialen Umgestaltung am meisten interessiert sein sollten, ihre Kräfte seit Jahrzehnten in hoffnungslosen politischen Parteirankünen zwecklos verpulvern, so daß sie für die großen Fragen des Sozialismus kaum noch Verständnis aufbringen. Vor allem aber haben sie sich in einem so unfruchtbaren und öden Doktrinarismus festgerannt, daß ihnen jeder praktische Ausblick für die unmittelbare Tätigkeit im Sinne des Sozialismus verlorengehen mußte.
In derselben Zeit hat sich der Kapitalismus zu einer furchtbaren, alles nivellierenden Macht entwickelt, ohne bei der organisierten Arbeiterklasse auch nur auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Vom Privatkapitalismus vergangener Zeiten sind wir heute in die Phase des Kollektivkapitalismus eingetreten mit seinen nationalen und internationalen Trusts und Kartellen, seinen sich über alle Länder erstreckenden Verkaufsgesellschaften und seiner Diktatur der Wirtschaft. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, erscheint die praktische Verwirklichung des Sozialismus heute viel schwieriger als je zuvor, und jedem unmittelbaren Versuch im kleineren Maßstab stehen heute von allen Seiten Hindernisse im Wege, die man früher in dieser Stärke überhaupt nicht kannte. Es ist also gar kein Zweifel, daß wir uns nicht nur im Geiste, sondern auch in den praktischen Möglichkeiten heute weiter vom Sozialismus entfernt haben, anstatt ihm in der einen und in der anderen Form näher zu kommen. Es ist sicher keine pessimistische Anwandlung, welche uns zur Feststellung dieser Tatsache veranlaßt, sondern die nüchterne Beurteilung der Verhältnisse, das Bestreben, die Dinge so darzustellen, wie sie in Wirklichkeit liegen, und nicht, wie gefällige Schönfärberei sie vorzustellen beliebt.
Gewiß wird man uns entgegenhalten, daß wir die letzte Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse vollständig verkennen. Man wird uns beweisen wollen, daß die nationale und internationale Vertrustung, die Rationalisierung der Wirtschaft und die Versuche, an Stelle der sogenannten freien Konkurrenz einen geregelten und organisierten Markt zu setzen, ja die ersten unumgänglichen Vorbedingungen für die Verwirklichung des Sozialismus seien. Wir kennen die Weise, wir kennen den Text! Aber wir wissen auch, daß Leute, die solche Behauptungen aufstellen, den Geist und den kulturellen Inhalt des Sozialismus nie verstanden haben, daß das, was ihnen als Sozialismus vorschwebt, im besten Falle ein verkappter Staatskapitalismus ist, dessen Verwirklichung alle Gebrechen und allen Ungeist des heutigen kapitalistischen Systems weit in den Schatten stellen würde. Nur der vollständige Mangel an jeglichem Freiheitsgefühl erklärt eine solche Einstellung, die nie begreifen wird, daß der Sozialismus nur auf der Basis weitestgehender Freiheit bestehen und jeder Versuch in einer anderen Richtung nur zu einem schrankenlosen Despotismus führen kann.
Es gab eine Zeit, wo der Sozialismus sich von dem politischen Radikalismus scharf trennte, indem die Vorkämpfer sozialistischer Anschauungen klar erkannten, daß der Sozialismus seine eigene Wirkungssphäre habe und hauptsächlich in der Reorganisation der Wirtschaft seinen Ausdruck finden müsse. Unter dieser Voraussetzung entwickelte sich der Experimentalsozialismus der ersten Periode. Heute ist das Verhältnis ganz anders geworden. Die sozialistische Bewegung hat alle Bestrebungen des politischen Radikalismus in abgeschwächter Form übernommen, und zwar so sehr übernommen, daß ihre ursprünglichen Ideen immer farbloser geworden sind und deren Verwirklichung in immer weitere Ferne hinausgerückt wurde. Aber sie hat auch die alte Gedankenwelt des politischen Radikalismus nicht umfassender und tiefer gestaltet, im Gegenteil, die unbegrenzte Staatsgläubigkeit ihrer Anhänger hat den Elan dieser Ideen gebrochen und degenerierend auf sie gewirkt, so daß man sich schließlich auch nicht mehr darüber wundern durfte, wenn aus den Reihen der extremsten Staatssozialisten die Freiheit als ein „bürgerliches Vorurteil“ bezeichnet wurde.
Als die alten Sozialisten der verschiedensten Richtungen ihre ersten praktischen Versuche anstellten, waren sie ein kleines Häuflein, dessen Ideen der Umwelt vollständig fremd waren und dem keinerlei nennenswerte Organisation, besonders aber keine Organisation im Sinne der heutigen Arbeiterbewegung zur Verfügung stand, die ihnen helfen konnte in ihrer praktischen Betätigung und in der Bearbeitung der öffentlichen Meinung. Sie waren fast lediglich auf ihren guten Willen und ihren inneren Drang, etwas Neues zu schaffen, angewiesen.
Heute hat sich das Bild bedeutend geändert. Die Arbeiter haben in allen Ländern große Organisationen geschaffen, deren Mitglieder nach Millionen zählen. Außer den zahlreichen sozialistischen Kulturgesellschaften auf allen möglichen Gebieten, vom wissenschaftlichen Verein bis zum Sportklub, sind die Arbeiter heute zusammengeschlossen in großen sozialistischen Parteien und gewerkschaftlichen Verbänden, die sich auf alle Berufe ausdehnen und sowohl national als international miteinander verbunden sind. Dazu kommen noch die genossenschaftlichen Organisationen in allen Ländern, die sich allerdings fast ausschließlich auf den Konsum eingestellt haben, aber ebenfalls heute über Millionen Mitglieder verfügen.
Alle diese Organisationen verfügen über eine weitverbreitete Presse, bedeutende finanzielle Mittel und eine Menge öffentlicher Einrichtungen, welche den verschiedensten Zwecken dienen. Es sind also heute Voraussetzungen gegeben, von denen die Sozialisten der ersten Periode sogar nicht träumen durften, Voraussetzungen sowohl für die Möglichkeit praktischer sozialistischer Versuche, wie auch für die fortgesetzte Beeinflussung der Oeffentlichkeit, um diese von der Gerechtigkeit, Nützlichkeit und Notwendigkeit des Sozialismus zu überzeugen.
Vor ungefähr zwanzig Jahren bemerkte Kropotkin einmal in einem Aufsatz in „Freedom“, daß die englische Arbeiterschaft heute über einen Organisationsapparat gebiete, der sie jederzeit in den Stand setze, eine vollständige Umgestaltung des gesellschaftlichen Lebens im Sinne des Sozialismus vorzunehmen. Er berief sich dabei auf die drei großen Bewegungen der englischen Arbeiterklasse: die Gewerkschaften, die Genossenschaften und den Munizipalsozialismus. Nach seiner Meinung waren die Gewerkschaften das geeignetste Instrument für eine sozialistische Umgestaltung der Produktion, die Genossenschaften für eine solche des Konsums, während der Munizipalsozialismus im Verein mit den zahllosen freiwilligen Organisationen für alle möglichen Zwecke am besten der Befriedigung allgemein kultureller Bedürfnisse vorstehen könnte. Es handele sich gegenwärtig hauptsächlich darum, diese drei Bewegungen synthetisch zusammenzufassen und ihnen ein gemeinschaftliches konstruktives sozialistisches Ziel zu geben.
Kropotkin hatte unzweifelhaft recht. Die organisatorischen Vorbedingungen für eine konstruktive sozialistische Betätigung sind tatsächlich vorhanden, und nicht bloß in England, sondern auch in vielen anderen Ländern. Was uns aber heute fehlt, ist der sozialistische Geist und der Wille zum Sozialismus. Wir sehen schon bei jeder Idee eines Versuches das unvermeidliche Ergebnis voraus und wundern uns dann, wenn sich die Hindernisse unserer Phantasie zu wirklichen Hindernissen auswachsen. Oder, wie Landauer es so schön zum Ausdruck brachte: „Die Zerstörung aller Hindernisse kommt, wenn sie wirkliche Hindernisse sind, wenn wir nämlich ganz dicht, so daß nicht der kleinste Zwischenraum mehr ist, bis zu ihnen herangerückt sind. Jetzt sind sie nur Hindernisse der Voraussicht, der Phantasie, des Bangens, Wir sehen schon: das und das wird man uns, wenn’s so weit ist, in den Weg legen — und tun einstweilen lieber gar nichts.“
Das Schlimmste ist, daß alle diese verschiedenen Formen, in welchen die sozialistische Arbeiterbewegung heute ihren Ausdruck findet, sich ganz und gar auf das Bestehende eingestellt haben und sozusagen Bestandteile desselben geworden sind, ohne daß ihre Träger auch nur eine Ahnung davon haben. Der politische Sozialismus, der seine ganzen Bestrebungen auf die Eroberung der Macht eingestellt hat, kommt schon aus diesem Grunde für konstruktives sozialistisches Wirken nicht in Betracht. Die Gewerkschaften haben sich so sehr und so ausschließlich auf die Verhältnisse innerhalb des bürgerlichen Staates eingestellt, daß sie vor jedem Versuch, die Grenzen des Lohnsystems zu überschreiten, zurückbeben und gerade aus diesem Grunde auch im Kampfe für momentane Verbesserungen mehr und mehr versagen müssen. Denn nur wer Großes fordert, dem wird Kleines gewährt. Wer sich aber immer nur mit Kleinem und Kleinstem beschäftigt, der muß sich zuletzt zufriedengeben mit den kärglichen Brosamen, die vom Tisch der Mächtigen herabfallen.
Die Genossenschaften aber haben die einstigen Voraussetzungen ihrer Bestrebungen längst vergessen und sich in Organe der kapitalistischen Gesellschaft umgewandelt. Wir wollen nicht bestreiten, daß sie auch in dieser Form dem einzelnen Arbeiter noch von bescheidenem Nutzen sein können; aber der sozialistische Fernblick, den Robert Owen einst hatte, ist ihnen verlorengegangen und zusammen mit ihm der Drang zur konstruktiven sozialistischen Betätigung,
Und doch stehen wir heute wieder vor einer Wende, wo sich die Notwendigkeit für ein konstruktives Wirken im Sinne des Sozialismus mehr und mehr bemerkbar macht und Verständnis findet. In jedem Lande sind bereits Ansätze eines solchen Wirkens wahrzunehmen. Aus diesem Grunde halten wir eine ernste Betrachtung über die verschiedenen Formen des konstruktiven Sozialismus, von den ersten Versuchen des alten Experimentalsozialismus bis zum modernen Gildensozialismus, für geboten. Dies soll die Aufgabe späterer kommender Ausführungen sein.


