Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 1 (1927-1928)

Zum Geleit!

Konstruktiver Sozialismus. I. Allgemeine Betrachtungen

Ethik und Klassenkampf

Gewerkschaftsbewegung und Arbeitsrecht

Die russische Revolution aus der Vogelperspektive

Der Kampf um das Gummi

Fernand Pelloutiers Platzin der Entwicklung des Syndikalismus.

Eine Produktivgenossenschaft in Schweden.

Chronik über wichtige Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Kultur.

Die Aufgabe dieser Revue soll darin bestehen, die Fragen der revo­lutionären Arbeiterbewegung gründlich zu behandeln, die Erscheinungen des modernen Kapitalismus zu beleuchten, die Entwicklungsrichtungen der heutigen Wirtschaftsordnung in ihrem Verhältnis zum Befreiungskampf des Proletariats zu betrachten, Kritik an dem politischen System der Gegenwart zu üben, die reaktionären Erscheinungen auf allen Gebieten des sozialen Lebens zu bekämpfen. Darüber hinaus sollen Berichte über die internationale Arbeiterbewegung im allgemeinen und über den internationalen Syndikalismus im besonderen gegeben werden. Allen neu auftauchenden Fragen und Ver­suchen zur Lösung des sozialen Problems soll gebührende Aufmerksamkeit gezollt werden. Auch sozialistisches Neuland wollen wir betreten.

Die deutsche Arbeiterbewegung ist zwar mächtig in die Breite, aber nicht genügend in die Tiefe gegangen. Die sozialistischen Ideen sind verflacht und haben in den politischen Parteien und Gewerkschaften nicht ihre geeigneten Träger. Der Sozialismus, den die breiten Arbeitermassen noch vor wenigen Jahren in greifbarer Nähe glaubten, hat sich für die lebende Generation zum entschwundenen Idol verfluchtet. An die Stelle des Kampfes für die Endziele der sozialen Bewegung ist der Kampf ums nackte Leben, ums tägliche Brot getreten. Doch auch dieser Kampf wird nicht in der rechten Weise geführt. Die „berufenen“ Organisationen und „bewährten“ Führer wollten die Arbeiter von Sieg zu Sieg führen, tatsächlich ging es bergab: von einer Niederlage zur andern. Der Achtstundentag und das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter im Produktionsprozeß durch Betriebsräte ging verloren, die Löhne wurden herabgesetzt, die Lebenshaltung sank auf der ganzen Linie und die Arbeitslosigkeit schlug tiefe Wunden in den Leib des Proletariats.

Daß auf parlamentarischem Wege durch Beeinflussung der Gesetzgebung nichts zu erreichen ist, zeigt sich täglich immer deutlicher. Lohnpolitik durch gesetzlich sanktionierte Tarifverträge, staatliche Schlichtungsbehörden und verbindliche Schiedssprüche haben sich als schicksalsschwer für das Prole­tariat erwiesen. Das Vertrauen in die eigene Kraft ist in den Reihen der Arbeiterschaft schwer erschüttert. Es muß wieder erweckt werden. Der Syndikalismus ist noch unverbraucht, seine Ideale besitzen noch Anziehungskraft, seine Kampfesmittel der direkten Aktion sind von den breiten Arbeitermassen Deutschlands noch nicht bewußt erprobt. Nicht der Staat hilft dem Proletariat, der Arbeitsmann muß sich selber helfen. Je intensiver der Entwicklungsprozeß des Selbstbewußtseins im modernen Proletarier fortschreitet, je weniger die Mittlerschaft des Staates und der Behörden in Anspruch genommen wird, um so rascher wird die Erkenntnis reifen, daß Eigenhandlung Freiheit schafft. Die Staatsgläubigkeit bei Sozialdemokraten wie Kommunisten, bei Zentralgewerkschaftern und allen autoritären Richtungen ist unser ärgster Feind; sie hat die Arbeiterbewegung auf den Hund gebracht, ihr sei in diesen Heften harte Fehde angesagt.

Die Staatsgläubigkeit war und ist auch das größte Hindernis für die Ent­wicklung der sozialistischen Aufbaupläne. Wo schon eine Gesellschaft­sorganisation vorhanden ist, die in die neue, sozialistische Weltordnung mit übernommen werden soll, dort braucht man keine neuen Pläne, keine Ideen über die Neugestaltung. Aus diesem Grunde ist der Staatssozialismus, sind alle marxistischen Richtungen, die heute parlamentarische Opposition treiben und morgen parlamentarisch regieren werden, so unsagbar arm an sozialistischen Neuwerten. Hier liegt auch der tiefere Grund des Mißlingens der deutschen Revolution. Und auch die Zukunft bringt nur die Früchte, die in der Gegenwart gesät werden. Wenn morgen eine neue Revolution aus­bricht, dann muß das Proletariat darauf vorbereitet sein. Es muß Betriebe leiten, den Bedarf feststellen, den Konsum regeln, die Gemeinde verwalten, die Produktion in die Hände nehmen können. Das alles muß heute schon ins Auge gefaßt werden. Das neue Leben muß außerhalb des Staates geschaffen und heute vorbereitet werden. Es gibt aber zurzeit keine Bewegung, die für sich allein so mächtig und vielgestaltig zugleich ist, daß sie allen Aufgaben gerecht werden könnte. Deshalb wird es erforderlich sein, daß die sozialrevolutionäre Arbeiterschaft sich auf allen Gebieten des sozialen Lebens Erfahrungen holt. Eine Zusammenfassung aller sozialistischen werktätigen Kräfte auf dem Boden der direkten Aktion wird sich am Tage der sozialen Revolution erforderlich machen. Und dazu wollen wir hier vorbereitend wirksam sein.

Die Rationalisierung der Wirtschaft und die internationale Vertrustung des Kapitalismus zeigen uns eine neue Entwicklungsstufe der heutigen Gesellschaftsordnung. Die Arbeiterbewegung muß dieser Neuentwicklung geistig und organisatorisch gewachsen sein. Sie muß national und vor allem auch international neue Wege suchen, um den neuen Ausbeutungsmethoden wirksamen Widerstand entgegensetzen zu können. Den vertikalen und hori­zontalen Erweiterungen des kapitalistischen Betriebes muß eine vertikale und horizontale Streik- und Boykottaktik entgegengestellt werden. Die wundesten Stellen des Kapitalismus müssen ausfindig gemacht und der Kampf an denselben eingesetzt werden. Bis heute bewegen sich die Arbeiterorganisationen immer noch auf den alten ausgetretenen Pfaden. Der Kampf der englischen Bergarbeiter ging verloren, weil noch keine neue internationale Kampfestaktik angewandt wurde. Die Hilfe der Arbeiterschaft aller Länder darf nicht in internationalen Geldsammlungen, sondern sie muß in internationalen Kampfesaktionen bestehen. Diese Methoden sind noch auszuarbeiten und sollen hier behandelt werden.

Der Aufgabenkreis, den wir dieser Zeitschrift stellen, ist groß. Wir sind deshalb überzeugt, daß die Zeitschrift ihre Leser finden wird. Der revolutionäre Syndikalismus ist noch eine Minderheitsbewegung. Von seiner Entwicklung und seinem Fortschritt hängt der Sieg und die Zukunft der Arbeiterbewegung ab. Er ist die Wiedergeburt des Sozialismus. In dieser Zeitschrift, die in Erfüllung eines Auftrages des XVI. Kongresses der Freien Arbeiter-Union Deutschlands herausgegeben wird, werden sich die Gesamtprobleme der modernen sozialistischen Bewegung im Inland und Ausland widerspiegeln.

Die Redaktion.

(Jahrgang 1, Heft Nr. 1, Seiten 1-3)