Anmerkung der Redaktion: Wir dokumentieren hier einen Aufruf der Initiative Grüne Gewerke.

Es gibt keine sichere Arbeit in Klimakatastrophe und Krieg!

Am 28. April ist der „Workers Memorial Day“ (WMD), der Tag, an dem wir der Opfer von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten gedenken und gegen die Zustände protestieren, die zu ihnen führen. Auch wenn die Zahl der Todesopfer für Deutschland 2024 rückläufig war, sieht es für die Sicherheit in unserer Branche weiterhin nicht gut aus, v.a. auch global.

Was und Wann?

Wir rufen alle Kolleg:innen dazu auf, am 28. April gegen 12 Uhr, eine Schweigeminute in unseren Betrieben abzuhalten. Den ganzen Tag wollen wir dafür nutzen, mit unseren Arbeitskolleg:innen verstärkt über Arbeitsschutz ins Gespräch zu kommen. Bis zum 28. April freuen wir uns, wenn ihr uns Bilder und Texte mit euren Arbeitsschutz-Tipps zuschickt. Hier findet ihr grundsätzliche Informationen zur Meldung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten.

2024: 99 Tote, Todeszahlen rückläufig

Eine der wenigen guten Nachrichten zum Thema: Die Zahl der Todesfälle lag 2024, dem letzten Berichtszeitraum der Berufsgenossenschaft SVLFG, mit 99 Toten in den grünen Gewerken deutlich unter den Vorjahreszahlen (2021: 125, 2022: 117, 2023: 125).¹ Die Hälfte der tödlichen Unfälle entfiel dabei auf die Landwirtschaft, was bedeutet, dass hier immer noch jede Woche ein:e Kolleg:in sein:ihr Leben verliert. Der Anteil der Branchen Landwirtschaft, Gartenbau und Forst an der Gesamtheit der tödlichen Arbeits- und Wegunfälle liegt damit in Deutschland weiterhin bei knapp 20%.² Die Zahl der Gesamtunfälle in der Branche stieg sogar leicht auf 57.816, wobei die Dunkelziffer mit Sicherheit weit höher liegt. Noch größere Dunkelziffern dürfte es im Bereich der berufsbedingten Krankheiten geben. Nur ein Bruchteil von uns schafft es in den körperlich und psychisch anstrengenden Bereichen der Branche bis zur Rente. Obwohl bekannt ist, dass Burnouts, Depression etc. gerade in der Landwirtschaft immens verbreitet sind, die Suizid-Raten zu den höchsten gehören, fehlen diese psychischen Leiden in der Liste der Berufskrankheiten bis heute völlig.

Es gibt keine sichere Arbeit zwischen Bomben und Hurricanes

Weltweit sterben pro Jahr 2,9 Millionen Menschen an Arbeitsunfällen und berufsbedingten Krankheiten. Auch hier sind die gefährlichsten Branchen die grünen Gewerke (inklusive Fischerei) und das Baugewerbe.³ Doch auch Hunger, Krieg und die Auswirkungen der Klimakatastrophe treffen besondern die Kleinbäuer:innen und Landarbeiter:innen weltweit. Jedes Jahr sterben allein 9 Millionen Menschen an Hunger⁴, Hunderttausende an den Folgen von Krieg und Wetterextremen.

Auch wenn Medien und internationale Wirtschaftsenthausiast:innen immer wieder behaupten, wir würden einer besseren, weniger leidvollen Zukunft entgegen gehen, sehen die Prognosen doch wahrlich schlecht aus. Die Zahl der weltweit Hungernden nähert sich 1 Milliarde Menschen und steigt stetig an.⁵ Die Militarisierung beschleunigt sich rasant und wird durch zunehmende Verrohung gekennzeichnet.⁶ Immer offensiver wird dabei in militärischen Auseinandersetzungen auch die ökologische Grundlage ganzer Regionen in Ökoziden vernichtet, bspw. von der Türkei und den USA.⁷ Bodendegeneration, Aufrüstung, Ökozide, internationale Blockkonflikte, Wetterextreme – das alles lässt keine Sicherheit für unsere Kolleg:innen weltweit zu.

Schweigeminute – Wie gehst du es an?

Wenn du eine Schweigeminute bei dir im Betrieb anstoßen willst, geht das am besten, wenn du dir eine:n Kolleg:in suchst, um es gemeinsam anzubringen. Manche von uns finden es auch hilfreich, sich vorher in der Gewerkschaft darüber auszutauschen. Es kann sinnvoll sein, den Gedenktag im Voraus schon einmal anzusprechen, entweder an einem passenden Moment in der Mittagspause oder über eine Chatgruppe. Erinnere am besten am Tag vorher nochmal daran, dann sind die Kolleg:innen mental im Idealfall schon darauf eingestellt und du musst vielleicht nicht allein die Situation herstellen.

Im Betrieb sah die Schweigeminute bei uns ganz unterschiedlich aus. Auf einem Gründach unterbrachen die Kolleg:innen bspw. einfach die Arbeit und setzen sich schweigend auf die Dachbrüstung, um nachzudenken. In einem Gemüsebaubetrieb wurde in der Mittagspause erst geschwiegen und danach gemeinsam über Arbeitsschutz und erlebte Unfälle diskutiert. Eine weitere Möglichkeit wäre, eine Grußbotschaft an Kolleg:innen in anderen Ländern zu senden. Wie ihr den Workers Memorial Day auch begeht – am wichtgisten bleibt, aufeinander aufzupassen.

Passt aufeinander auf – global und jeden Tag!

Die meisten tödlichen Unfälle passieren unseren älteren Kolleg:innen. Der Weg bis zur Rente ist lang und wer versucht mit 50 oder 60 noch mit den jüngeren Kolleg:innen mitzuhalten, kommt schneller unter die Räder. Achtet darauf, wer welche Arbeit wie gut wegsteckt, rotiert und unterstützt ältere Kolleg:innen sowie Unerfahrene.

Zu Unfällen kommt es oft bei Tätigkeiten, die wir schon tausendmal ausgeführt haben, vor allem in der Hochsaison und kurz vor Feierabend. “Ich mach nur noch schnell!” sind vermutlich die häufigsten letzten Worte in unserer Branche. Habt die Tagesform eurer Kolleg:innen auf dem Schirm, schickt sie in die Pause. Es ist immer besser etwas Arbeit bleibt liegen, als wir bleiben liegen. Etabliert eine Kultur in euren Betrieben, in der es okay ist, Schwäche zu zeigen. Wenn Kreislauf oder Regelschmerzen ablenken, gehören wir nicht auf Maschinen, Leitern oder in eine Kuhhorde.

Allgemein: Die meisten Todesfälle passieren in Zusammenhang mit Schleppern, anderen schweren Maschinen, Leitern, Bäumen und großen Tieren wie Pferde und Kühe. Haltet euch bewusst, dass dies gefährliche Arbeitsfelder sind, bei denen es volle Konzentration braucht.

Als Gewerkschaft fordern wir in allen Betrieben die Einhaltung des gesetzlichen Arbeitsschutzes, das Stellen qualitativ hochwertiger Schutzausrüstung, Weiterbildungen in Sachen Arbeitsschutz, die Verteilung körperlich verschleißender Tätigkeiten auf die Belegschaft und das verbriefte Recht auf Arbeitsverweigerung bei Selbstgefährdung. In der Gewerkschaft bilden wir uns fort, stärken uns den Rücken und setzen Forderungen durch. Solidarische Kolleg:innen sind – unserer Erfahrung nach – immer der beste Arbeitsschutz.

Aber abseits dieser täglichen Kämpfe vor der Haustür müssen wir eben auch die globalen Ungerechtigkeiten und Verwerfungen im Blick behalten. Es ist absehbar, dass Kriege, Umweltzerstörung und Hunger, die oft genug von Deutschland und seinen Verbündeten ausgingen, nicht ewig an den Grenzen halt machen werden. Es gibt keine sicheren Arbeitsplätze auf einem zerstörten Planeten. Arbeitsschutz heißt daher auch immer, besser heute als morgen ökologische und humanistische Alternativen zum Kapitalismus aufzubauen und durchzusetzen.

Quellen

¹ Siehe Bericht von “agrar heute” und von “top agrar”.
² Quelle DGUV Pressemitteilung
³ Quelle International Labour Organisation der UN
Laut World Food Programme
Quelle: Weltagrarbericht
⁶ Als ein Beispiel kann der Gaza-Konflikt gelten, bei dem laut israelischen Militärquellen mindestens 83% zivile Opfer billigend in Kauf genommen werden. Zur Rolle westlicher KI-Konzerne bei diesem Völkermord siehe auch der Talk “Programmierte Kriegsverbrechen”. Seit dem Beginn des Gaza-Krieges als Reaktion auf das menschenverachtende Massaker vom 7. Oktober 2023 hat Deutschland übrigens Rüstungsexporte im Wert von 485 Millionen Euro nach Israel genehmigt. Quelle: taz.
⁷ Zur den Verbrechen der Türkei siehe bspw. den Kurdistan-Report. Zu den ökologischen Folgen des aktuellen Iran-Krieges hier ein anschauliches Video des ZDF zu den ökologischen Folgen moderner Kriegsführung.

Artikel über tödliche Arbeitsunfälle im letzten Jahr