Juli 1932, Die Internationale, Jahrgang V, Heft 7
Die Internationale Arbeiterassoziation ist im Jahre 1922 in einem kritischen Augenblick der Weltarbeiterbewegung gegründet worden. Der Schatten des russischen Riesen lag auf dem Kapitalismus der ganzen Welt. Und trotz der Tatsache, daß der Sowjetstaat bereits klar den unvermeidlichen Bruch zwischen sich und dem russischen Proletariat zeigte, sah die Weltarbeiterschaft, besonders ihr linker Flügel, in der wirtschaftlichen Entwicklung Rußlands noch immer eine Verwirklichung ihrer Freiheitsträume, wenn auch nur eine teilweise.
Die Rote Gewerkschafts-Internationale, die von der russischen Kommunistischen Partei ein Jahr vorher geschaffen worden war, zog die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung vieler Länder in ihre Bahn. Frankreich, Spanien, Italien waren auf dem ersten Kongreß derselben vertreten. Man glaubte noch an die Möglichkeit einer Zusammenarbeit von Staatsgewerkschaftlern und Zentralisten auf der einen mit staatsgegnerischen und föderalistischen Gewerkschaftlern auf der andern Seite. Daraus wurde nichts. Seit 1921 wurde eich die klassenbewußte Arbeiterbewegung über die imperialistischen Pläne des Bolschewismus klar. Sie fühlte die verhängnisvolle Rolle voraus, die der Sowjetstaat in der Entwicklung der sozialistischen und freiheitlichen Ideen spielen mußte, sie sah voraus, daß nur eine besondere Organisation der revolutionären Kräfte der diktatorischen, demoralisierenden Tätigkeit der leninistischen Drahtzieher Bremsen anlegen konnte, um dem Weltproletariat wieder Mut zu geben in seinem schweren Kampf gegen Kapitalismus und Bolschewismus, gegen den weißen und den roten Staat.
Die IAA, die unter dem direkten Einfluß der ersten, bakunistischen Internationale gegründet wurde, hatte zum unmittelbaren Ziel, die revolutionäre Arbeiterbewegung aller Länder in einem festen Bündnis zusammenzuschließen. Das war eine schwierige Aufgabe, um so schwieriger, wenn man nicht nur die verschiedenen ideologischen Strömungen in der freiheitlichen Arbeiterbewegung — vom reinen Syndikalismus, der „sich selbst genügt“, bis zum intransigenten, dogmatischen Anarchismus — bedenkt, sondern auch die verschiedenen Kampfmethoden in den verschiedenen Ländern, die verschiedenen Organisationssysteme der Arbeitergewerkschaften, die oft geradezu entgegengesetzten Temperamente der Genossen.
Diese erste Periode der inneren Organisation der IAA ist heute fast beendet. Es gibt heute kein Land in Europa und Amerika mehr, wo die Ideen der IAA nicht Wurzel gefaßt hätten, und in den meisten dieser Länder entwickeln sich und wachsen die Sektionen der IAA. Wenn in einigen Ländern die Diktatur jede revolutionäre Regung ersticken konnte, so war das nur vorübergehend. Beim ersten Dämmer der wiedererstehenden Freiheit wird man sehen, daß sich sofort wieder Sektionen der IAA bilden (Italien, Portugal, Südamerika) oder sich Organisationen bilden, die die Prinzipien des revolutionären, antistaatlichen Syndikalismus vertreten — wie in Rußland oder in Polen.
Die IAA ist unabhängig von jeder politischen Partei, ist keiner angeschlossen, bekämpft alle. Sie erklärt als ihr Endziel eine freie, kommunistische Gesellschaft, die sich auf der Basis des freiheitlichen Föderalismus entwickelt. Sie erklärt weiter, daß die Arbeiterklasse schon jetzt, unbeschadet ihrer Tagesforderungen in bezug auf die Verbesserung ihrer jetzigen Arbeitsbedingungen, ein politisches, wirtschaftliches und soziales System ausarbeiten sollte, das nach dem Sturz des alten Regimes tatsächlich Kapitalismus und Staat vertreten und die wirtschaftliche Ausbeutung sowie politische, religiöse und soziale Unterdrückung abschaffen kann.
Im Hinblick auf diese klare Haltung, die keinem Mißverständnis Raum gibt, ist die Stellung der IAA gegenüber den anderen Arbeiterinternationalen nicht weniger klar und genau. Im Kampfe um unmittelbare Verbesserungen sind Bündnisse möglich und wünschenswert, sei es in internationalem, nationalem, bezirklichem oder lokalem Maßstabe, damit die organisierte Arbeiterschaft ihre Forderungen mit den größten Erfolgsaussichten geltend machen kann.
Gewiß weist die IAA sogar auf dem Gebiete der Tagesforderungen den engstirnigen und veralteten Reformismus der anderen Arbeiterorganisationen zurück, in erster Linie der „Amsterdamer“ Gewerkschaften. So hatte z. B. die IAA auf ihrem Lütticher Kongreß 1928 die wichtige Forderung des Sechsstundentages aufgestellt. Diese Forderung, deren innerer Wert vielleicht noch größer ist als der des Kampfes um den Achtstundentag vor fast einem halben Jahrhundert, wurde erst von den Amsterdamern mit bloßer Ironie betrachtet: indessen wird die Frage immer brennender, weniger infolge des Drucks der organisierten Massen, als vielmehr infolge der Arbeitslosigkeit, die bis zur Verzweiflung gewachsen ist/infolge der Tatsache, daß diese Frage des Sechsstundentages in kapitalistischen Kreisen aktuell wird, selbstverständlich immer mit der Hintertür, die beim Kapitalismus nie fehlt.
Es gilt deshalb nicht, darauf zu warten, daß die IAA ein Einvernehmen mit Amsterdam oder noch weniger mit Moskau erreichen könnte, obwohl sie den ehrlichen Willen dazu hat. In Moskau kümmert man sich in seinen neukapitalistischen Zielen wenig um die Forderungen der Arbeiter, die man angeblich vertritt.
Um so weniger soll die IAA darauf warten, daß die reformistischen oder diktatorischen Arbeiterorganisationen die geringste revolutionäre Aktion sozialen Charakters unternehmen. Die erste dieser Aktionen würde den Sturz des Kapitalismus und das Versagen des zentralistischen Staates bedeuten.
Die IAA, so schwach sie auch jetzt zahlenmäßig sei, hat aber eine zweite wichtige Aufgabe, nämlich schon heute die soziale Revolution, die als wirtschaftliche und politische Erscheinung ein Teil des organisierten Klassenkampfes ist, vorzubereiten, sie aus dem Reich der Mythen in das der Wirklichkeit zu überführen. In anderen Worten, die IAA sollte in voller Uebereinstimmung mit ihren Landessektionen, unter dem direkten Einfluß der praktischen Angaben derselben einen allgemeinen Plan des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbaus der heutigen Gesellschaft ausarbeiten.
Der heutige Wirrwarr, ein direktes Resultat der Unfähigkeit des Weltkapitalismus gegenüber den zahlreichen Problemen der Zeit, gibt derjenigen revolutionären Organisation die besten Möglichkeiten, die den Willen aufbringt, sich .an diese Aufgabe zu machen. Es gibt kein unlösbares soziales Problem, wenn im Prinzip, das der Lösung zugrunde gelegt wird, Selbsttätigkeit, individuelle und kollektive Freiheit und anti-autoritärer Föderalismus enthalten sind.
Gerade die IAA ist die einzige Arbeiterorganisation, die sich auf diesen Ecksteinen eines freiheitlichen Sozialismus gegründet hat. Infolgedessen ist sie die einzige Organisation, die fähig ist, die Aufgabe des Wiederaufbaus zu übernehmen. Welches muß demnach die Politik der IAA in bezug auf die lebenswichtigen Probleme sein, die heute die Welt im allgemeinen und die Arbeiterklasse im besonderen beschäftigen?
Sie muß zunächst bestehen im genauen Studium der heutigen Verhältnisse der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion, des Austauschs und der Verteilung der Produkte, im Eingreifen der Arbeiterorganisationen in den Produktionsprozeß durch die Schaffung von Kontrollkomitees in den Fabriken, Werkstätten, Büros und landwirtschaftlichen Betrieben. Weiter muß man, hierauf aufbauend, revolutionäre Kräfte zum Wiederaufbau heranbilden (wirtschaftliche Sturmabteilungen), die am Tage des kapitalistischen Zusammenbruchs praktisch fähig sind, ein System einzurichten, das auf den oben erwähnten Prinzipien beruht und die gesamte Arbeiterwelt zusammenfaßt, die nichts mehr wünschen wird, als zum Besten aller zu arbeiten,ohne die Vermehrung des eigenen Wohlergehens aus dem Auge zu verlieren.
Diese Politik der IAA ist weniger eine solche ihres Verwaltungsbüros oder Sekretariats als vielmehr eine der revolutionären Arbeiterorganisationen jedes Landes. Die kritische Lage, in welcher sch alle Länder heute befinden, die Schwierigkeiten, die unweigerlich die Fragen des Systems und des Regimes aufrollen, verlangen von der revolutionären Bewegung der verschiedenen Länder den Mut zu heroischen Lösungen und das praktische Suchen nach diesen Lösungen.
Die IAA selbst und die ihr angeschlossenen Sektionen haben die Pflicht, diese Studien, diese sozialen Organisationsversuche, diese Umrisse wirtschaftlicher Lösungen zu sammeln, um dem internationalen Proletariat ein umfassendes Programm der gesellschaftlichen Umgestaltung zeigen zu können, dessen unbedingte Voraussetzungen immer der soziale Generalstreik und die soziale Revolution bleiben müßten.
Die IAA kann und muß diese Aufgabe übernehmen, sie wird sie zum guten Ende führen, wie sie die Verbindung aller wahrhaft revolutionären Elemente der ganzen Welt fertiggebracht hat. Der Einfluß eines solchen Aktions- und Aufbauprogramms wird auch sehr belebend auf die Arbeiterklasse wirken, soweit sie sich noch in den Klauen der reformistischen oder diktatorischen Politiker befindet.
Das große Werk der IAA beginnt demnach erst. Sie bedarf dazu der Hilfe aller ihrer Landessektionen, und außerdem derjenigen Elemente, die vom antistaatlichen und
föderalistischen Geiste durchdrungen sind — der revolutionären Anarchisten in erster Linie. Mit dieser Unterstützung wird die IAA bald ihr Aktions- und Aufbauprogramm formulieren, an dem sich alle reaktionären Kräfte des bürgerlichen oder marxistischen
Kapitalismus die Köpfe einrennen werden.

