Abgetrennt von den Erfahrungen der alten Bewegung und eingespannt in die durchorganisierte Situation von heute, versuchen kleine Gruppen von Lohnabhängigen einen eigenständigen, von den etablierten Mustern abweichenden Widerstand gegen die Ausbeutung zu entwickeln. Heuholz Buch ist ein wichtiger Beitrag für das Weitertreiben der bisherigen Diskussion und des sehr nötigen Selbstverständigungsprozesses unter den Mitgliedern der FAU. Eine herzustellende Verständigung über Beschaffenheit und Zweck des gemeinsamen Tuns und seine Anwesenheit in den angewandten Mitteln.

Der Blickwinkel der Schrift, die durch Äußerungen von Genoss:innen den Charakter einer Gruppenarbeit erhält, ist durch die Verhältnisse in einer der größten Zweigstellen der Assoziation bestimmt. Im Verlauf der Analyse werden jedoch soziale Bedingungen in den Blick genommen, die auch jenseits der syndikalistischen Binnenwelt bei der Beantwortung der Organisationsfrage und für kollektives Handeln mit emanzipatorischer und gewerkschaftlicher Richtung von Interesse sein dürften. Dem für die Berliner Republik so typischen anwaltlichen Aktivismus für Andere tritt Heuholz mit dem Begriff der Authentizität und dem Insistieren auf den Eingriff in den eigenen Alltag entgegen. Schauspielerei, die aus Nächstenliebe und hohen Ideen nur Bedürftige betreuen und nicht an die eigenen Ketten rühren will, ist ihm verdächtig.

Ausführlich und humorvoll zeigt er anhand eigener Erfahrung mit welchen Schwächen und Blindheiten der Aktivismus mit Immatrikulationshintergrund geschlagen ist, wenn er im Stil eines Neo-Narodnikitums für einen Kurzurlaub in einem Unternehmen anheuert, um dort – ohne Betriebskenntnis und Beziehungen zu Kolleg:innen – die aus einem Organizing-Papier entnommenen Vorschläge anzuwenden. Die Auffälligkeiten des Aktivismus, der im Buch scharf angegriffen wird, bringt die Analyse aber nicht mit der häufig bemühten Unfähigkeit der Linken oder dem zufälligen Charakter der ihn Ausübenden in Verbindung. Er wird in der Konsequenz nicht einmal völlig verworfen.

Einerseits weist die Schrift auf Parallelen zwischen dem Aktivismus und den Berufsgewohnheiten, Tätigkeiten und Karriereperspektiven einer bestimmten Abteilung der gesellschaftlichen Hierarchie, der sogenannten ‚professional managerial class‚ hin. Sie bezeichnet Berufsgruppen der Mittelschicht, die koordinierende und administrative Vermittlungstätigkeiten übernehmen. Andererseits fasst Heuholz den Aktivismus als ein notwendiges Übel für eine Übergangszeit, das richtig und verantwortungsvoll gehandhabt werden muss.

Die wissenschaftliche Diskussion um den Funktionswandel von Gewerkschaften hin zu entpolitisierten und disziplinierten Versicherungsanstalten verknüpft Heuholz mit einer mikroskopischen Analyse der noch überschaubaren Beziehungen zwischen den Syndikalist:innen. Hier beobachtet er solidarische Dienstleistungen eines ehrenamtlichen Apparates, der nach den richtigen Konsumenten sucht, sowie eine schleichende Anpassung an die Muster der sozialpartnerschaftlichen Konfliktentschärfung. Aktivismus ist ihm gleichzeitig auch ein Symptom, das zur Schwäche des selbstorganisierten Widerstandes der Lohnabhängigen abseits der etablierten Institutionen gehört.

Die Frage nach dieser Schwäche, nach ihrer Entwicklung und ihren objektiven gesellschaftlichen Hintergründen – involviert sind dabei zentrale Bestimmungen der spätkapitalistischen Gesamtgesellschaft – wurde, wie Heuholz richtig feststellt, von jüngeren Beiträgen für eine syndikalistische Strategie vernachlässigt. Das hat einen zweifachen Grund: sie schmeckt dem Optimismus nicht und sie ist nicht ohne Mühe anzugehen. Der Text von Heuholz macht oberflächlichen, sich an Mitgliederzahlen berauschenden Optimismus nicht mit und versucht größere gesellschaftliche Trends wie die Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen, die Verstaatlichung der Gesellschaft und die Niederlage der alten Arbeiterbewegung in die Analyse zu integrieren.

In der FAU verschmilzt optimistisches, abblendendes Denken mit einer Überbetonung des Willens der Einzelnen. Diese sollen in dem Versuch, von einer irregulären zu einer anerkannten, sogenannten ‚richtigen‘ Gewerkschaft zu gelangen, Wunder vollbringen, indem sie einer Schablone entsprechende Entscheidungen treffen. Diese ‚richtige‘ Gewerkschaft soll dann der Trittstein zu einer wirkmächtigen Massengewerkschaft werden. Alle Bestandteile dieser Gedankenkette, die in einzelnen Städten tatsächliche Eckpunkte der Vorstellungen von einigen Syndikalist:innen bezeichnen, werden im Buch in ihren Voraussetzungen und Folgen kritisch beurteilt.

Dem illusionären Ziel der Massenorganisation stellt Heuholz die marginale Stärkung von Arbeiter:innenmilitanz im eigenen Alltag gegenüber. Hinsichtlich der FAU tritt er für eine Verdeutlichung der syndikalitischen Methoden und den Abbau der aus der kapitalistisch-patriarchalischen Arbeitsteilung entsprungenen Verhaltensweisen ein. Zur Illusion wird das Ziel einer syndikalistischen Massenorganisation gegenüber einer heute alles durchziehenden ‚Kultur der Passivität‘, mit der wir im Betrieb rechnen müssen. Sie zeigt sich darin, dass Kolleg:innen nicht den eigenen Kopf hinhalten wollen, wenn es um die Durchsetzung kollektiver Interessen geht und schnell nach dem Betriebsrat rufen. Sie zeigt sich in der Tatsache, dass fast keine selbsttätigen Betriebsgruppen auffindbar sind und Gewerkschaften wie ver.di externe Organizer in Betrieben anlanden müssen, um Arbeitskämpfe vorzubereiten.

Ein Vorzug des Textes ist, die Passivität der Lohnabhängigen als Gewordene wieder zum Gegenstand der Diskussion zu machen und in den größeren Kontext der Niederlagen der alten Arbeiterbewegung und der Veränderungen der Arbeitsbeziehungen zu stellen. Sie begrenzen den Spielraum für syndikalistische Praxis. Die sozialpartnerschaftliche Konfliktverwaltung gewährt Lohnabhängigen im Tausch gegen Initiative und Selbsttätigkeit einen Vorteil, auf den jene verzichtet: eine vorläufige Minderung von Konfliktrisiken. Auf diesem Terrain können Riesenverbände mit bezahltem Funktionärsapparat und Stellvertretung brillieren.

Es ist eine entscheidende Frage, ob es in alltäglicher Kleinarbeit gelingen wird, dieser durch Krisen erodierenden Friedhofskultur Stück für Stück ihren Nährboden zu entreißen und sie gänzlich umzuwerfen. Es wäre jedoch naiv anzunehmen, das als eine einfache und schnell zu erledigende Aufgabe einzuschätzen. Die in den letzten Kapiteln von Heuholz gemachten Vorschläge zum Zuschnitt der Mitgliedschaft der FAU, dem Organisationsaufbau, den Übergängen und den Begrenzung der Einflussnahme der aktivistischen Teile bedürfen der kollektiven Diskussion und deren Ergebnisse können hier nicht vorweggenommen werden. Zur Förderung der Verständlichkeit könnte in einer zweiten Auflage von Heuholz der Einbau von Organigrammen erwogen werden.

Die Überlegungen zur Entwicklung eines eigenen syndikalistischen Organizing-Programms, in dem sich die politische Philosophie und das in ihr enthaltene Nein gegenüber der Kooperation mit dem Kapital und die Erfahrung der Mitglieder deutlich ausdrückt, liefern wichtige erste Impulse für eine Abkehr von sozialpartnerschaftlichen Mitteln im Sinne von Betriebsrat und Tarifvertrag. Allgemein steigern die von Heuholz hier eingeflochtenen Darstellungen der beweglichen Praxisformen der IWW, überhaupt die verwendete internationale Literatur, die Auseinandersetzung und verdeutlichen, dass in verschiedenen Ländern eine ähnliche Suchbewegung im Gange ist.

Insgesamt spricht das Buch von Heuholz für eine geschärfte Aufmerksamkeit gegenüber den internen Beziehungsdynamiken einer Organisation und verdeckten Avantgarde-Anmaßungen. Es enthält eine Reihe brauchbarer Hinweise und Argumente für das Nachdenken über Strategien im Klassenkonflikt und ihre Übersetzung in kollektiv genutzte Instrumente. Das macht es jedoch auch inhaltlich überladen. Der Grund dafür liegt vielleicht darin, dass vieles gesagt und untergebracht werden musste, weil es noch an Stimmen und Verarbeitungen von Erfahrungen aus den Untergliederungen der FAU mangelt.

Es liegt in den Händen der Syndikalist:innen, dass es nicht so bleibt.


Lieber Leben wir als Außerirdische
Basisorganisierung zwischen Aktivismus, Widerständigkeit und Militanz am Beispiel eines Syndikats der FAU
Franz Heuholz mit Beiträgen von Genoss:innen
Syndikat-A Verlag, November 2025


Hier noch eine vom Autor des Buchs bereitgestellte Zusammenfassung zentraler Aussagen desselben, nebst einem ausführlichen organisatorischen Gedankenexperiment. Zur freien Verfügung aus dem Buch, als Grundlage für Diskussionsrunden.