Anmerkung der Redaktion: Dieses Interview erschien zunächst in der SoLaWi-Zeitung „radix“, einen längeren Artikel, in dem Anarchosyndikalismus und solidarische Landwirtschaften zusammen gedacht werden, findet ihr hier.
Max: Die Initiative Grüne Gewerke (IGG) ist eine Branchenvernetzung innerhalb der FAU, in der sich Arbeiter:innen aus den Bereichen Landwirtschaft, Gartenbau, GaLa-Bau, Forst und Umweltberufen organisieren. Die IGG hat sich 2022 gegründet, Seitdem verzeichnet ihr eine stetig wachsende Zahl an Mitgliedern. Wie seid ihr persönlich zur IGG gekommen?
Marie-Lou: Ich arbeite seit dreieinhalb Jahren im Gemüsebau in Solawis. Vor etwa eineinhalb Jahren habe ich dann einen Vortrag gehört, den eine Person aus der IGG gehalten hat. Das Thema waren Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft, insbesondere Solawis. Aber es ging auch um den größeren Kontext: Wo befinden wir uns eigentlich gerade? Warum ist es wichtig, sich im Kapitalismus zu organisieren? Da bin ich mit dem Gefühl rausgegangen: Ja – es ist voll wichtig. Der Vortrag war sehr überzeugend. (lacht)
Vor einem Jahr haben wir in Leipzig eine Ortsgruppe gegründet. Das ist natürlich cool, so einen direkten Austausch zu haben.
Björn: Ich lebe in der Nähe von Marburg. Wir haben hier 2020 ein Gärtnereikollektiv gegründet. Ich hab schon länger überlegt, wo ich mich neben meiner Arbeit im Kollektiv und im Hofprojekt politisch einbringe. Dann bin ich auf die FAU gestoßen. Ich fand, dass das eine super sinnvolle Struktur ist: Die Verbindung von gewerkschaftlicher Arbeit mit Utopien im Hier und Jetzt. Die Gründung der IGG war für mich ein sehr guter Zeitpunkt, um direkt einzusteigen und mich mit Kolleg*innen auszutauschen, um die Branche Richtung Ernährungssouveränität voranzutreiben.
ML: Man muss sagen, diese Kreise an Menschen, die in Solawis arbeiten und sich organisieren – das überschneidet sich total. Hier in der Gegend (Region Leipzig) wissen auf jeden Fall viele, dass es die IGG gibt.
M: Im Vergleich zu anderen Gewerkschaften – in eurer Branche ist es ja etwa die IG BAU – wo seht ihr Unterschiede? Was macht eure Gewerkschaft besonders attraktiv?
ML: Der Unterschied ist, dass die IGG basisdemokratisch organisiert ist. Die Arbeit der IGG knüpft in der Regel im Alltag an. Und da geht’s um mehr als „nur“ den guten Lohn, sondern auch anderes, z. B. Sexismus im Alltag auf Arbeit. Dann ist sicherlich eine Besonderheit, dass wir gut vernetzt sind – etwa mit der jungen AbL oder mit ELAN (Emanzipatorisches Landwirtschaftsnetzwerk). Die IGG war auch bei den Bäuer*innen-Protesten 2024 recht aktiv. Und ein zentraler Unterschied ist mit Sicherheit auch, das wir eine Alternative zum Kapitalismus aufbauen wollen.
B: Es gibt keine bezahlten Funktionär*innen, sondern alles wird von und mit den Mitgliedern gemacht. Es gibt keine bezahlten Stellen. Das ist ein sehr besonderer Aspekt.
Oft sehen wir die Zusammenarbeit mit den Chef*innen kritisch, weil wir denken, dass wir tendenziell andere Interessen als diejenigen haben, denen der Betrieb gehört. Das bedeutet, wir machen weniger klassische Betriebsrats-Arbeit, sondern fokussieren uns auf andere Aktionsfelder. Was noch besonders ist: neben der klassischen Gewerkschaftsarbeit versuchen wir uns auch in allen anderen Lebensbereichen zu unterstützen. Wir schauen gemäß dem anarchistischen Gedanken der gegenseitigen Hilfe: Was brauchen Mitglieder? Wo gibt’s gerade Probleme? Wir versuchen z. B., bei allen Treffen Kinderbetreuung möglich zu machen.
M: Die IGG war bereits bei der Solawi-Netzwerktagung 2025 sowie bei Demeter- Ausbildungstreffen mit dabei und hat für sich geworben. Auch auf eurer Webseite erwähnt ihr Solawis als ein zukunftsweisendes Konzept. Was ist für euch der Bezug zwischen Solawis und IGG?
ML: Der Bezug ist, dass wir am Ende das Gleiche wollen, nämlich die Ernährungssouveränität. Wir wollen beide ein Ernährungssystem und eine Landwirtschaft, in der alle direkt beteiligten Gruppen den Anbau und die Verteilung selbst gestalten können. „Das Land denen, die es bewirtschaften.“
Und auch die Kritik an großen Unternehmen und Konzernen sind ein Bezug – die Solawis umgehen z. B. die Supermärkte, die sich in der normalen Vermarktung krass bereichern. Diese praktische Alternative zum Kapitalismus ist auf jeden Fall interessant.
B: Der wesentliche Punkt ist genau das: Wir wollen als syndikalistische Organisation eine solidarische, bedürfnisorientierte Wirtschaft. Das versucht Solawi einfach auch: Vermitteln zwischen Verbrauch und Produktion, und das eben demokratisch.
M: Die konzeptuelle Nähe von Solawis zum Anarchosyndikalismus ist meiner Erfahrung nach vielen Solawi-Mitgliedern überhaupt nicht bewusst. Wie nehmt ihr das bei Mitgliedern wahr? Und wie erlebt ihr das bei den Leuten, die auf dem Acker sind?
B: Das kommt wahrscheinlich voll auf die Solawi an. Ich denke, tendenziell kennen eher die Leute, die auf den Betrieben arbeiten, diese Konzepte. Solawis sind ja sehr unterschiedlich: Manche kommen aus einem klassischen hierarchischen Betrieb und haben einfach das Solawi-Prinzip als Vermarktung entdeckt. Es gibt aber auch Kollektiv-Betriebe im Solawi-Netzwerk. Und es gibt solche, die es nicht sind, aber dennoch in diese Richtung gehen. Ein Teil der Betriebe trägt auf jeden Fall nach Außen, dass sie ein Kollektivbetrieb sind, dass sie die Produktionsmittel gemeinsam verwalten, dass sie Entscheidungen gemeinsam tragen und dass die Leute, die im Betrieb mitarbeiten, gleichberechtigt sind und die gleiche Verantwortung tragen.
Wir haben übrigens auch einige Genossenschaften im Netzwerk. In diesen sind wirklich alle vereint und der Demokratiegedanke wird stark auf die Mitglieder ausgeweitet. Das kommt schon relativ dicht an das, was wir wollen.
ML: Die Organisation als Verein ist meines Ermessens auch eine ganz gute Form, um die Mitglieder mit einzubinden.
M: Solidarische Landwirtschaft nimmt für sich in Anspruch, die Grenze zwischen Produzent*innen und Konsument*innen aufzuweichen. Das soll zum Beispiel dadurch geschehen, dass gemeinsame Arbeitseinsätze auf dem Hof stattfinden. Den historischen Klassenkampf zwischen Arbeitenden und „Ausbeutern“ sollte es also in einer SoLaWi eigentlich nicht geben – oder? Was haltet ihr von solchen Überlegungen?
ML: Nur weil Mitglieder auf den Acker kommen, heißt das noch nicht, dass es keine Hierarchien auf dem Hof gibt. Was auch total absurd ist: Die Mitglieder, die das Gemüse konsumieren und auch mit auf dem Acker sind, um in ihrer Freizeit zu helfen, verdienen häufig deutlich mehr als die Gärtner*innen. Das ist spannend, und es macht die Frage auf: Wie viel wären Mitglieder bereit, für ihre Einheit zu zahlen, und damit auch bereit, den besseren Lohn der Gärtner:innen zu tragen?
B: Soviel möchte ich zu der Frage auch nicht ergänzen. Es ist der Schein von Solawi, dass es wirklich schon so ist – alle sind gleichberechtigt, werden gleich bezahlt und machen den Betrieb miteinander. Die Realität ist halt einfach nicht so.
M: Im Juli 2025 habt ihr ein betriebspolitisches Programm veröffentlicht, das detailliert eure Forderungen an die Betriebe schildert. Welche Forderungen findet ihr für die Solawis besonders wichtig?
B: Naja – in gewisser Weise das, was für alle Betriebe gilt. Solawi ist da ein witziges Sammelbecken an Betrieben, wo es die besten und die schlimmsten Arbeitsbedingungen in der Branche gibt. Es ist wirklich sehr unterschiedlich. Wenn man sich unser Programm anschaut, dann möchten wir natürlich, dass alle Punkte in Solawis erfüllt werden. Wir fänden es schön, wenn es Mindestanforderungen an Solawis gibt, die im ganzen Netzwerk einheitlich sind.
Erwähnenswert ist, dass wir oft noch nicht in demokratische Prozesse im Betrieb eingebunden sind, d. h. etwa keine Betriebsentscheidungen fällen dürfen. Dadurch, dass es die Kooperation mit den Konsument*innen gibt, ist da tendenziell etwas mehr Mitentscheidung als in gewöhnlichen Betrieben. Das ist schon mal ein Pluspunkt aus gewerkschaftlicher Sicht.
Das Wichtigste ist wie immer Arbeitsschutz. In vielen Betrieben wird da nicht so richtig darauf geachtet. Gerade dadurch, dass der Betrieb in der solidarischen Landwirtschaft eine gesicherte Finanzierung hat, sollte es eigentlich wirklich möglich sein, dass alle Beschäftigten sicher arbeiten können und dass es keine größeren Arbeitsunfälle gibt. Leute sollten wissen, wie Erste Hilfe funktioniert; wie Geräte ordnungsgemäß genutzt werden; dass auf Arbeitsschutz und Gehörschutz geachtet wird. Nicht mit Schlappen auf dem Schlepper fahren und solche Geschichten. Das ist so das Mindeste.
Dann natürlich auch Klassiker: Arbeitszeiten und Entlohnung. Dadurch, dass Solawi eine der sichersten Finanzierungen in der Landwirtschaft hat, sollten eigentlich gute Arbeitszeiten und Entlohnung über dem Mindestlohn drin sein. Wenn man das irgendwo in der Landwirtschaft etablieren kann, dann ja wohl in Solawis.
Was noch wichtig ist, das sind die Ausbildungsbedingungen in der selbstorganisierten Solawi- Ausbildung. Diese sind größtenteils schlechter als in der staatlichen oder in der bio-dynamischen Ausbildung. Das wäre so eine Mindestanforderung, sich da zusammen zu organisieren, dass das nicht geht.
M: Auf eurer Webseite schreibt ihr, die IGG plane, besondere Beratungsstrukturen für Solawis aufzubauen. Wie ist der Stand? Können sich Solawis schon an euch wenden?
B: Was Arbeitsbedingungen angeht, kann man sich immer an uns wenden – wir sind ja eine Gewerkschaft. Es gibt in den grünen Gewerken (IGG) auch verschiedene Subbranchen, da organisieren sich zum Beispiel auch Azubis. Es gibt eine große Kollektivbetriebe-Vernetzung innerhalb der FAU, die dabei auch Beratungen anbietet und sich freut, wenn noch Kollektive dazustoßen. Diese Betriebsform ist letztendlich unser Ziel.
M: Gab es innerhalb von Solawis schon Arbeitskämpfe, die die IGG begleitet hat?
B: Ja, bisher einmal. Der Arbeitskampf ist auf unserer Homepage genau beschrieben.
M: Was steht für euch dieses Jahr so an mit der IGG? Mischt ihr weiter im Solawi-Netzwerk mit?
ML: Ja, wir werden auch weiterhin in der Solawi-Öko-Blase aktiv sein, weil wir glauben, dass es hier noch einige Menschen gibt, für die die IGG anschlussfähig ist. Da können wir erstmal gut wirken und wachsen.
B: Genau. Es gibt einige Leute in der IGG, die sich zu Informationen für Solawi-Mitglieder und Konsument*innen austauschen wollen, um Basics über Landwirtschaft und Arbeitsbedingungen einfach verständlich zu machen. Von Agrarpolitik über Bodenaufbau und Naturschutz/Klima bis hin zu der Frage: Wie funktioniert überhaupt Gemüse-Anbau? Damit soll eine Broschüre für Mitglieder, innerhalb und außerhalb der IGG, bereit gestellt werden. Dann gibt es natürlich weiterhin Veranstaltungen, um auf die IGG aufmerksam zu machen.
Wir führen gerade eine Umfrage unter Solawi-Beschäftigten durch, um zu sehen, wo der Schuh gerade drückt.
ML: Auch der Aufbau von Regionalgruppen ist für uns ein wichtiges Thema, an dem wir weiter arbeiten. Es ist immer schöner, auch vor Ort eine Gruppe zum Austausch zu haben. Darüber hinaus haben wir auch eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaftsarbeit in Südspanien. Wir versuchen, Kontakte mit migrantischen Arbeiter*innen in Huelva aufzubauen, wo diese unter schweren Bedingungen in der Beerenernte arbeiten.
M: Das ist mir bei der Recherche über die IGG als ein hervorragender Punkt aufgefallen: Immer wieder weist ihr auf Arbeitsbedingungen in anderen Ländern hin und versucht, eine internationale Perspektive auf Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion herzustellen.
ML: Das ist uns sehr wichtig, weil am Ende leiden wir alle unter dem gleichen System.
M: Danke für eure Zeit!

