Bildquelle | english version below
Die Bundesregierung hat sich entschieden: Integrationskurse sollen massiv gekürzt werden. Nach monatelangem Streit steht seit dem 12. Mai 2026 der Kompromiss fest. Asylsuchende und Geduldete werden künftig weitgehend von Kursen ausgeschlossen bleiben, die durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) finanziert werden. Insgesamt sollen die jährlichen Ausgaben für Integrationskurse mehr als halbiert werden. Stattdessen setzt die Bundesregierung auf deutlich günstigere „Erstorientierungskurse“, die nur noch grundlegende Sprachkenntnisse und etwas Alltagswissen vermitteln sollen. Profitieren sollen davon vor allem Ukrainer:innen sowie EU-Bürger:innen, bei denen ein „arbeitsmarktpolitisches Interesse“ besteht.
Die Richtung ist klar: Sprachvermittlung wird nicht mehr als gesellschaftliche Aufgabe verstanden, sondern nur noch danach bewertet, wie schnell Menschen dem Arbeitsmarkt zugeführt werden können. Wer als ökonomisch verwertbar gilt, bekommt Unterstützung. Wer nicht unmittelbar verwertbar erscheint, bleibt außen vor.
Anders als von manchen von uns befürchtet, soll es zwar keine pauschale Ablehnung freiwilliger Teilnehmer geben. Stattdessen entscheidet künftig jedoch ein Kontingentsystem über die Vergabe der Plätze. Vorrang erhalten wiederum Ukrainer:innen sowie EU-Bürger. Menschen aus Nicht-EU-Staaten werden dadurch faktisch benachteiligt. Integration wird zur Frage der Herkunft und der ökonomischen Nützlichkeit.
Zur Erinnerung: Die Teilnahme an Integrationskursen kann bestimmten Personengruppen verpflichtend auferlegt werden. Dazu zählen in der Regel Neuzugewanderte mit Schutzstatus oder Menschen ohne Schutzstatus, deren Aufenthaltstitel die Teilnahme an einem Integrationskurs vorsieht. Bislang wurden diese Kurse vom BAMF finanziert. Wer nicht unter diese Gruppen fiel, konnte unter bestimmten Bedingungen freiwillig teilnehmen – etwa zur Verbesserung der eigenen Arbeitsmarktchancen oder zur Sicherung beziehungsweise Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Diese freiwillige Teilnahme soll nun stärker reguliert werden – zugunsten drastischer Kostensenkungen und zulasten von Lernenden aus Nicht-EU-Staaten.
Die neuen Regelungen sollen bereits ab Juni gelten. Ab November sollen die Erstorientierungskurse für Menschen im Asylverfahren deutlich ausgeweitet werden. Für uns DaZ-Lehrkräfte bedeutet diese Politik: weniger Kurse, weniger Honorarverträge, mehr Unsicherheit. Schon heute arbeiten viele Kolleg:innen unter prekären Bedingungen. Einen kürzlich in der DA erschienenen Erfahrungsbericht einer DaZ-Lehrkraft findet ihr hier. Die geplanten Erstorientierungskurse verschärfen diese Situation weiter. Kürzere Kurse bedeuten kürzere Verträge, schlechtere Planbarkeit und noch stärkeren Druck auf Lehrkräfte und Lernende.
Viele Kolleg:innen fragen sich bereits jetzt, wie sie in den kommenden Monaten ihre Miete zahlen sollen. Andere denken darüber nach den Beruf zu verlassen. Während noch vor wenigen Jahren DaZ-Lehrkräfte händeringend gesucht wurden, wird ihre berufliche Existenz aktuell kaputtgespart.
Die Kürzungen treffen Menschen, die seit Jahren wichtige Arbeit leisten und selbst oft ohne feste Verträge, ohne bezahlte Ausfallzeiten und ohne echte soziale Absicherung arbeiten.
Gleichzeitig sinkt die Qualität des Unterrichts. Eine neue Sprache lernt man nicht im Schnelldurchlauf. Gute Sprachvermittlung braucht Zeit, Kontinuität und die Möglichkeit, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Genau das droht verloren zu gehen. Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bereits jetzt bei den B2-Kursen. Finanziert werden häufig nur noch Berufssprachkurse. Sprache soll also fast ausschließlich im Kontext von Arbeit vermittelt werden. Alles andere – gesellschaftliche Teilhabe, politische Diskussionen, Freundschaften, Nachbarschaft, Kultur oder schlicht ein selbstbestimmtes Leben – spielt kaum noch eine Rolle.
Dabei wissen wir aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, welche Rolle migrantische Kolleg:innen in Arbeitskämpfen gespielt haben – und weiterhin spielen. Sprachbarrieren waren dabei nie ein individuelles Problem, sondern immer auch eine Frage von Klassenpolitik. Wir rufen deshalb alle unsere Deutschlernenden und -lehrenden Genoss:innen dazu auf, mit uns über die geplanten Änderungen ins Gespräch zu kommen. Wir glauben, dass wir als Lehrende und Lernende in dieser Hinsicht zusammenstehen müssen.
Für uns als Gewerkschafter:innen gehen damit neben schwindenden und sich ändernden individuellen Zukunftsperspektiven auch praktische Fragen einher: Wie können wir DaZ-Lehrkräfte besser vernetzen? Wie schaffen wir Strukturen gegenseitiger Unterstützung? Wie können wir gemeinsam Druck auf Bildungsträger ausüben? Und wie verhindern wir, dass Kolleg:innen vereinzelt aus dem Beruf gedrängt werden? Und weiter gefasst mit Blick auf den Abbau von Sprachbarrieren innerhalb der Arbeiter:innenklasse fragen wir: Werden wir künftig als FAU selbstorganisierte Deutschkurse aufbauen müssen, die wir unseren betriebsaktiven Genoss:innen finanzieren? Sollten Sprachkurse Teil unserer Organizing-Strategien werden – insbesondere in Branchen, in denen viele Kolleg:innen mit geringen Deutschkenntnissen arbeiten? Müssen wir stärker als bisher darauf hinarbeiten, dass Deutschkurse von Arbeitgeber:innen finanziert werden?
Wir bemühen uns derzeit darum, innerhalb des Spracharbeiter:innennetzwerks der FAU gezielt Sprachlehrkräfte einzubinden, um auf die aktuellen Beschlüsse zu reagieren. Wenn ihr DaZ-Lehrkräfte oder Deutschlernende in euren Syndikaten kennt, leitet diesen Artikel gern weiter. Wer mit uns über die genannten Fragen diskutieren möchte, kann sich jederzeit melden unter:
spracharbeit@list.fau.org
English version: Commentary on the cuts to integration courses and the situation which DaZ teachers are facing
The German government has decided: integration courses will be heavily cut. After months of dispute, a compromise was reached on May 12, 2026. In the future, asylum seekers and individuals with temporary residence permits will be largely excluded from courses funded by the Federal Office for Migration and Refugees (BAMF). Overall, annual spending on integration courses is set to be cut by more than half. Instead, the federal government is focusing on significantly cheaper “initial orientation courses,” which are intended to teach only basic language skills and some everyday knowledge. The main beneficiaries are expected to be Ukrainians and EU citizens who are of “interest to labor market policy.”
The direction is clear: language training is no longer viewed as a public responsibility, but is now evaluated solely on the basis of how quickly people can be integrated into the labor market. Those considered economically useful receive support. Those who do not appear immediately useful are left out.
Contrary to what some of us feared, there will be no outright rejection of voluntary participants. Instead, however, a quota system will determine who is given a spot in the future. Top priority will again be granted to Ukrainians and EU citizens. This leaves people from non-EU countries significantly disadvantaged. Integration becomes a matter of origin and economic worth.
As a reminder: Participation in integration courses may be obligatory for certain groups of people. These generally include new migrant people with protected status or people without protected status whose residence permits require them to attend an integration course. Until now, these courses have been funded by the BAMF. Those who did not fall into these groups could participate voluntarily under certain conditions—for example, to improve their own job prospects or to secure or extend their residence permit in Germany. Now this voluntary participation will be more strictly regulated—in favor of drastic cost cuts and at the expense of learners from non-EU countries.
The new regulations would come into effect in June. Starting in November, the initial orientation courses for people in the asylum process are to be largely expanded. For us DaZ teachers, this policy means: fewer courses, fewer contract-based teaching positions, and more uncertainty. Many colleagues are already working under precarious conditions. You can find a recent first-hand account by a DaZ teacher published in the DA here. The planned initial orientation courses will worsen this situation even further. Shorter courses mean shorter contracts, less predictability, and even more pressure on teachers and learners.
Many colleagues are already wondering how they will pay their rent in the coming months. Others are considering leaving the profession altogether. Just a few years ago there was a desperate need for DaZ teachers, and now their professional livelihoods are being cut to pieces. These cuts are affecting people who have been doing important work for years, often without permanent contracts, paid time off, or real social security.
At the same time, the quality of teaching is sinking. You don’t learn a new language from one day to the next. Effective language training requires time, continuity, and the ability to address individual needs. That is precisely what is at risk of becoming lost. This trend is already particularly evident in B2 courses. Often, only work-related language courses are funded. Language is thus to be taught almost exclusively in the context of work. Everything else—social participation, political discussions, friendships, neighborhood life, culture, or simply a self-determined life—hardly plays a role anymore.
Yet we know from the history of the labor movement what role migrant colleagues have played—and continue to play—in labor struggles. Language barriers have never been an individual problem, but have always been a matter of class politics as well. We therefore call on all our comrades who are learning or teaching German to join us in discussing the planned changes. We believe that, as teachers and learners, we must stand together on this issue.
For us as union members, this raises not only concerns about the decline and shift of individual future prospects but also practical questions: How can we better connect DaZ teachers? How do we create structures for mutual support? How can we collectively put pressure on educational institutions? And how do we prevent colleagues from being pushed out of the profession one by one? And looking more broadly at the breakdown of language barriers within the working class, we ask: Will we, as the FAU, have to set up self-organized German courses in the future that we finance for our comrades active in the workplace? Should language courses become part of our organizing strategies—especially in industries where many colleagues work with limited German language skills? Do we need to work harder than before to ensure that German courses are funded by employers?
We are currently working to actively involve language teachers within FAU’s language workers’ network in order to respond to the recent regulations. If you know any DaZ teachers or German learners in your unions, please feel free to share this article with them. Anyone who would like to discuss the issues mentioned here with us is welcome to contact us at any time at:

