Über 40° Celsius. Wüstenhitze in Mitteleuropa. Unsere Städte und Wohnungen, die Fabriken, Werkstätten, Äcker und Büros sind für solche Verhältnisse nicht ausgelegt. Trotzdem müssen wir weiter arbeiten gehen. Oder individuell krank machen? Wie gehen diejenigen, die im Gesundheitswesen, beim Transport oder in Schulen den Laden am Laufen halten, mit den neuen Verhältnissen um?“
Wir riefen über Onlineplattformen dazu auf, Erfahrungen zu teilen: Wie regelt ihr eure Arbeit? Was macht der „Arbeitgeber“? –Hier einige Antworten.
Angestellter Physiotherapeut, 36°C im Schatten:
Rückweg vom Hausbesuch. Ich strampele auf dem glühend heißen Asphalt zurück in die Praxis. Der Mief in den überhitzten Wohnungen. Die stehende Luft in der Praxis. Mein Hirn arbeitet nur langsam. Mein letzter Hausbesuch-Patient beschäftigt mich trotzdem weiter. Sein Zustand verschlechtert sich. Sieht das jemand außer mir? Der Patient witzelt nur: „Der ‚Hausarzt’“‘ kommt nicht nach Hause – rechnet sich nicht. Die Kohle, das liebe Geld.“
Hätte ich den alten Mann überreden sollen, den Rettungsdienst zu rufen? Ich weiß, wie er reagiert hätte. Er hat seine Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen gemacht. Er will nicht ins Krankenhaus. Wir kennen uns schon ewig. Seine Ablehnung ist nachvollziehbar. Aber: Das sollte sich jemand anschauen.
Erneut wäge ich Argumente ab. Wie lange hinge er dort in der Notaufnahme fest? Die zuständige Klinik verfügt über keine Klimaanlagen. Haben die wenigstens Fenster nach Norden? Ich bleibe ratlos.
Am nächsten Morgen erreicht mich ein Anruf. Der Pflegedienst hat die Einweisung veranlasst. Zunächst Erleichterung. Dann ziehen Zweifel auf: Im Radio werden Temperaturen bis 40° angekündigt. Schafft er das? Unter diesen Bedingungen?
Nachtrag: Nach der Hitzewelle. Nur noch 28°:
Besuch bei meinem Patienten im Krankenhaus. Ich finde es immer noch schrecklich heiß und stickig in den Fluren. Er ist guter Dinge. Die Hitze fand er gar nicht so schlimm. Die Reinigungskraft verdreht die Augen und meint, die Wochenendschicht wäre die Hölle gewesen. “Katastrophe!”
Die Station liegt im 7. Stock und das Personal konnte von Ost nach West Durchzug bei offenen Türen und Rollos vor den Fenstern organisieren. Das Haus hat einen ‘Tarifvertrag Entlastung’, deshalb ist die Personalausstattung viel besser als in anderen Kliniken.
Ich schätze mich glücklich, dass bei uns der AG zusammen mit der Leitstelle Trinkpausen als Einsatzstichwort eingeführt haben, damit wir auf die Wache konnten und unsere Flaschen auffüllen konnten. Zusätzlich wurden auch in allen Kliniken vermehrt Wasserflaschen verteilt.
Krankentransport, 38°C im Schatten
Sachbearbeiter, Verband für Luftfahrt, 37°C im Schatten:
Nachdem der Chef nicht mehr zu ertragen war, bin ich schon länger krankgeschrieben und sehr froh, bald einen neuen Job zu haben, wo ich es nicht mehr Leuten ermöglichen muss, für ihre Selbstherrlichkeit diese Art Hitzewelle mehr als andere mitzuverursachen, und verbringe den Tag auf die einzig ethisch wie leiblich erträgliche Art: im Fluss unter der Brücke, da wo die Sonne nicht hinscheint, und schon gar niemand langzufliegen meint.
Hab jeden Tag länger im Büro gesessen als gewöhnlich, weil es eine funktionierende Klimaanlage und dem Wetter angepasstes Essen gibt, und keiner meckert, wenn man mal ’ne halbe Stunde Schlaf nachholt (solange man das als Pause deklariert).
Unbekannte Tätigkeit, 36°C im Schatten
Einzelfallhelfer an einer Förderschule, 38°C im Schatten:
Man möchte meinen es gäbe an Schulen “Hitzefrei”. Die Regelungen dazu sehen je nach Bundesland unterschiedlich aus. In meinem Bundesland trifft die Schulleitung solche Entscheidungen eigenverantwortlich. Wenn die Außentemperatur im Schatten 25 Grad erreicht, oder solche Temperaturen im Innenbereich zu erwarten sind, kann der Unterricht nach 12 Uhr beendet werden. An Förderschulen ist die Situation nochmal ganz anders, denn die meisten Schüler:innen werden von einem Fahrdienst zur Schule gefahren und auch wieder abgeholt, sie wachsen in Wohngruppen auf, oder in schwierigen Familienverhältnissen. Daher ist ein frühzeitiger Schulschluss kaum umsetzbar, weil alles vom Fahrdienst und der Kommunikation mit den Sorgeberechtigten abhängig ist und die Zusammensetzung der Fahrgruppen dies nochmal deutlich erschwert. Es wird also durchgezogen. Aufgrund von Sanierungsarbeiten und Neubau am Schulgebäude, mussten einige Klassen in eine Außenstelle ausweichen. In den fünften Stock eines alten Ostbau. Egal wie gelüftet wird, welche Ventilatoren genutzt werden, oder ob man den Klassenraum verdunkelt, die Räume erreichen mehr als 28 Grad. Die Laune der Schüler:innen und Lehrkräfte ist entsprechend. Vor allem die Kinder leiden, da sie sowieso Lernschwierigkeiten haben, körperliche, oder geistige Beeinträchtigungen und meist unter dem Einfluss von Medikamenten stehen, deren Wirkung in der Hitze sich nochmal anders äußert. Am Nachmittag ist eigentlich niemand mehr zu was zu gebrauchen und auch mir als Einzelfallhelfer schwindet die Konzentration, obwohl mein Klient gerade in dieser Extremsituation besonderen Bedarf hat. Statt wie gehabt, dafür zu sorgen, dass mein betreutes Kind an seinen Aufgaben arbeiten und dem Schulalltag folgen kann, muss ich aufpassen, dass er vor Hitze nicht abklappt oder aggressive Schübe bekommt und in fremdgefährdendes Verhalten gerät.“
Ich wurde bereits geröstet in der letzten Woche. 39° im Gruppenraum (Flachdach, Altbau) und KEINE Klimaanlage. Vom Träger die Erlaubnis, zwei TISCHVENTILATOREN pro Gruppe anzuschaffen mit dem Hinweis, Dauerbetrieb zu vermeiden (wegen der Stromkosten).
Erzieher Kiga, 38°C im Schatten
Im Garten EIN Wasserschlauch. Das war die gesamte Hitzebekämpfung durch den Träger. Muss ich erwähnen, dass ich dort gekündigt habe?
Saisonarbeiter, Landwirtschaft, 39°C im Schatten:
Ich helfe in einem Betrieb aus. Mehrere Leute im Team sind dort ausgefallen. Es ist Hochsaison in diesem diversen Gemüsebetrieb, es stehen Pflanzungen im Freiland an, aber eigentlich haben die Jungpflanzen bei diesem heißen Wetter kaum eine Chance, in den Boden müssen sie trotzdem, die Zeitpläne sind eng. Das geht nur mit massiver Bwässerung. Die ist hier gerade noch möglich, jedoch werden die Wasserentnahmesperren immer häufiger und das Wasser in Betrieben mit eigenen Brunnen immer knapper. Zumal die umliegende Chipindustrie priorisiert wird und ihren Wasserverbrauch jedes Jahr enorm steigert.
Die Pflanzung auf dem glühend heißen Boden ist schon kräftig. Die zwei Helfer:innen die zum Mitmachtag des kleinen Biobetriebes gekommen sind, sehen nicht gut aus und fahren nach 2,5h Arbeit wieder nach Hause – die meisten sind gar nicht erst gekommen. Danach ist die nächsten Tage v.a. Arbeit in den Folientunneln angesagt. Hier liegt die Hitze schnell 10-20C° über den Außentemperaturen. Wer keine Lust auf Hautkrebs hat, arbeitet trotzdem langärmlich. Manche Arbeiten machen auch Atemschutz absolut empfehlenswert.
Ich arbeite im schnellen Takt, will fertig werden, aus den Zelten raus. Hunderte Tomaten gehen durch meine Hände. Den Takt unterbreche ich nur um alle 30 bis 60 Sekunden das beissende Gemisch aus Sonnencreme und Schweiß aus meinen Augen zu wischen. Alle Kleidung klebt an mir. Es braucht viel Erfahrung mit dem eigenen Körper um zu wissen, welche Form von Schwindel in dieser Situation die rote Linie darstellt abzubrechen. Auch einen Hitzschlag bemerkt mensch oft erst, wenn es zu spät ist. In den Mittagspausen ist das Team einsilbig, die Stimmung ist irgendwo zwischen Apathie und Anspannung, wie in der Hitze der Wochenplan gehalten werden soll. In solchen Wetterlagen passieren die meisten Arbeitsunfälle, in unserer Branche auch schnell mal schwer oder tödlich. Als ich vom Hof fahre, ist ein Kollege nicht davon abzuhalten, alleine weiter zu arbeiten. Wenn es ihn im Gewächshaus umhaut oder er sich wegen mangelnder Konzentration schneidet, wird es niemand merken – das kann lebensgefährlich sein.
Am Wochenende schlafe ich wie viele andere in schlecht gedämmten Wohnungen schlecht und unerholsam. Eigentlich besteht das ganze Wochenende nur aus dem Versuch des Körpers, sich irgendwie wieder her zu stellen. In anderen Betrieben wird Hitzearbeit eingeführt: Start morgens um fünf, lange Mittagspause, dann Arbeit am Nachmittag, teils bis in die Nacht hinein. Für den Körper und die Arbeitssicherheit definitiv die bessere Wahl – ein Leben neben der Arbeit gibt es dann aber nicht mehr.

