…oder doch besser: Klassenkampf1

Wir veröffentlichen hier eine analytische Darstellung der Wertkritik von einem Autoren, der bereits mehrere Texte zum Gegenstand veröffentlicht hat. Beispielsweise in der Broschüre Kritik des Kapitals, erhältlich beim Syndikat-A Verlag. Die Wertkritik gehört neben anderen zu den größeren theoretischen Strömungen, die durch die Gesamt-Linke dieses Landes zirkulieren und ihre Begriffe und Perspektiven werden auch in der FAU diskutiert und aufgenommen. Wenn es für den sich neue Wege suchenden Klassenkampf zur Herausbildung einer Orientierung auf theoretischem Gebiet kommen muss, so wird das nur durch eine kritische Auseinandersetzung mit den bisherigen und verbreiteten Denkgewohnheiten möglich werden. In der Redaktion haben wir unterschiedliche Haltungen zur Theorie von wertkritischer Seite, wie sie Thomas Konicz vertritt und der Kritik wie sie Gerhard Hanloser vorbringt. Einige halten beide Herangehensweisen für durchaus vereinbar. Auch halten wir beide Artikel für sehr hochschwellig. Trotzdem wollen wir als Medium auch Platz für solche voraussetzungsreichen Kontroversen bieten.

Als Theoriemode der 00er-Jahre hat die sogenannte Wertkritik die theoretisch interessierte Linke stark geprägt. Erinnern wir uns: Sie stellte eine Art Priestertheorie dar, mit einem ganzen Apparat sprachlicher Liturgieregelungen, der vorgibt, was man zu denken hat und was man unter allen Umständen (zu denken) vermeiden sollte. Geboten waren: „Warenkritik“, „Kritik der Subjektillusion“, „kategoriales Programm der Formkritik“; verboten waren: „Arbeiterbewegungsmarxismus“ und „verkürzte Kapitalismuskritik“; als Zeitdiagnose reichte: „strukturelle Zusammenbruchstendenz des warenproduzierenden Systems“, „Kollaps des Kapitals in Barbarei und Zusammenbruch“… Die Priester sagten es vor, die Gemeinde sollte es nachmurmeln. Mit der Zeit wurde die Liturgie, die auf den Nürnberger Marxisten Robert Kurz zurückgeht, einfacher gestaltet und musste sich auf vorhandene Praxis- und Habitusbedürfnisse der Gemeinde einstellen. Da differenzierte sich die Wertkritik aus: Auf der einen Seite wollte die Wertkritik Anschluss finden. Auf der anderen Seite standen einsame Propheten, die die reine Lehre verwässert sahen, ihnen ging es um Reinheit des Gedankens und Distanz zur korrumpierenden Wirklichkeit. So wurde aus der Zeitschrift des Wertkritik-Katechismus, das „Krisis“ hieß, ein ökumenisches Priesterheft. Parallel und dagegen existierte bald ein Prophetenorgan namens „Exit“. Nicht unterschlagen werden soll, dass es in den 00er Jahren auch eine „antideutsche“ Wertkritik gab. Historisch relevant war die Freiburger Initiative Sozialistisches Forum (ISF), die im Jahre 2002 einen Kongress unter dem Titel „antideutsche Wertarbeit“ veranstalteten. Die an der ursprünglichen Nürnberger Wertkritik sich orientierenden Gruppen und Einzelpersonen polemisierten teilweise heftig und treffend gegen die Antideutschen2, übernahmen allerdings auch ein paar Denkfiguren aus dieser Ideologie, wie z.B. die Annahme, es gäbe einen „strukturellen Antisemitismus“, der bereits in der persönlichen und direkten Beschlagnahme einzelner Kapitalisten und Verantwortlicher für erlittenes Leid und Unrecht vorliege. Dazwischen, danach und bis heute tragen irgendwo im linken Milieu publizierende Autoren wie Tomasz Konicz diese Gedanken in redundanter Form weiter.

Betrachten wir nochmals das Schlagwort vom „strukturellen Antisemitismus“.3 Der Annahme, es gäbe einen solchen, liegt ein zweifacher Fehler zu Grunde. Der erste grundsätzliche Irrtum besteht in der Annahme, dass Kapitalismus als soziales Verhältnis einem „automatischem Subjekt“ der Verwertung des Werts gleiche und eine „subjektlose Herrschaft“ darstelle. Die realen Subjekte – also Arbeiter*innen und Kapitalist*innen, sowie alle anderen sozialen Figuren der Gesellschaft – würden keine Rolle spielen. Das ist logisch, begrifflich und historisch freilich Unsinn, denn die kapitalistische Produktionsweise benötigt Personen, die entweder als Träger lebendiger Arbeit oder als Herren über Profit, Mehrwert und Organisation der Arbeitsprozesse Herrschaft ausüben.

Der zweite Irrtum besteht in der Annahme, dass jede Attacke auf eine als Ausbeuter ausgemachte Figur, also ein personifizierender Angriff auf das soziale Verhältnis Kapitalismus, regressiv oder gar antisemitisch sein müsse. Wer dies denkt, kennt weder die Geschichte der vielstimmigen sozialen und Klassenkämpfe, noch jene des Antisemitismus, und er verrät, dass er wahlweise ein Bild „des Juden“ oder „des Kapitalisten“ hat, das selbst antisemitisch durchtränkt ist. Denn natürlich haben sich in der langen Geschichte der Klassenkämpfe die Subalternen – unter ihnen nicht wenige jüdische Proletarier*innen – gegen konkrete Ausbeuter, Schmarotzer und Halsabschneider gewandt: Kapitalist*innen, Vermieter*innen, Sklavenhändler*innen. Das ist das Wesen des Klassenkampfs und erst aus ihm erwächst auch die Möglichkeit, die Gesellschaft ganz anders zu organisieren. Die konterrevolutionäre Wucht des Antisemitismus bestand ja darin, mittels beispielloser Hetze, Demagogie und Propaganda, erst ein Bild des „Juden“ zu konstruieren, den man anstelle der wirklichen Ausbeuter, Schmarotzer und Halsabschneider den Subalternen zum Hassen anbieten konnte. Warum? Um die Klasse zu spalten und die Gesellschaft gerade nicht anders zu organisieren, sondern die Vorherrschaft der Begüterten und aktuell Herrschenden zu verewigen. Die Wertkritik mit ihrem Gerede von „barbarischem personifizierenden Antikapitalismus“ und „strukturellem Antisemitismus“ erkennt den Inhalt und die Absicht des Antisemitismus nicht. Sie ist so auch nicht in der Lage, die aktuellen demagogischen Kampagnen zu bekämpfen, die „Enteignung“ mit „Arisierung“ gleichsetzt und im Kampf gegen Wohnungsspekulanten „linken Antisemitismus“ ausmacht. Denn in diesen Chor müsste sie mit ihrer Behauptung und Ablehnung einer „strukturell antisemitischen“, weil personalisierenden Kapitalismuskritik ja miteinstimmen.

Die Wertkritik ist ein Kind der linken Zeit der Verwirrung. Sie kam historisch speziell in der deutschsprachigen Linken auf, als ein neues Kapitel der Kämpfe und Auseinandersetzungen aufgeschlagen wurde. Spätestens mit Seattle 1999 meldete sich ein neues Bedürfnis nach Antikapitalismus zu Wort, ein Bedürfnis, das deutlich ausdrückte, dass die kapitalistische Zivilisation und Weltgesellschaft eine Zumutung darstellt. Den Bezug zu diesen Kämpfen verpasste die Wertkritik, wiewohl sie behauptete, man müsse sich von den alten Gewissheiten der gescheiterten Linken verabschieden und eine angemessen kritische Theorie, die aufs Ganze zielt, entwerfen.

Arbeitskritik schien ihr diese zu versprechen. Doch sie landete damit bloß in falschen Frontstellungen und Behauptungen über die Wirklichkeit. Vor dem Hintergrund einer Kritik der Arbeitsethik, die auf eine Denktradition verweist, die zwischen Paul Lafargue und Max Weber angesiedelt ist, meinten Wertkritiker*innen, dass die Arbeiter*innen restlos unter die Arbeit subsumiert seien, dass sie bloßes variables Kapital darstellen würden. Arbeiter*innen fallen als revolutionäres Subjekt demnach aus, weil sie „verhausschweint“ sind, so Robert Kurz redundant im „Schwarzbuch Kapitalismus“4. Die Lohnarbeit zu kritisieren heißt somit auch die Existenz und den Zustand von Arbeiter*innen zu kritisieren, weil angenommen wird, dass die Arbeiter niemals aus ihrer Formbestimmung treten wollen und können, weil eine Möglichkeit der Distanz und Selbstbefreiung nicht gegeben ist. Eine solche Behauptung mag auf die schlechte Realität klassenkampfarmer Zeitabschnitte reflektieren, sie blieb und bleibt dem jedoch negativ verhaftet. Der Arbeiter*innenrealität wird eine solche ideologische Skizze aber nicht gerecht.5 Damit wird dieser Antikapitalismus ohne und sogar gegen die Arbeiter*innen idealistisch oder romantisch – man könnte auch augenzwinkernd sagen: strukturell reaktionär. Denn es gibt eine lange Tradition von Kritik am Kapitalismus und einem Leiden an der Moderne, die entweder – im besten Fall – einen elitären Rückzug auf den richtigen Gedanken im ganzen Falschen propagieren, oder ihre Pseudokritik gegen die vorherrschende Arbeiterklasse und den möglichen Fortschritt gewaltsam durchsetzen. Heidegger überantwortete seine Kritik der technologischen Entfremdung in der Moderne an den Führer, ganze Heerscharen sog. Konservativer Revolutionäre propagierten eine radikale Kritik der Entfremdung in der Moderne, der Tauschverhältnisse, der Dekadenz im Kapitalismus. Der ehemalige Sozialdemokrat Werner Sombart, der schließlich nach der Enttäuschung über das Aussetzen des realen Proletariats als Hoffnungsträger Elitetheoretiker wurde, fand so seinen Weg zum Führer.

Wenn also die Wertkritik vor allerhand Verkürzungen warnt, unterliegt sie in ihrer scheinbaren Radikalität selbst einer gefährlichen Verkürzung: Sie will eine Kritik des Kapitalismus sein, ohne auf die proletarische Existenzform und den Klassenkampf zu reflektieren, ohne dass ihre Kritik auf die Praxisformen der Ausgebeuteten reflektieren oder einen Klassenbezug vornehmen muss.

Wertkritik ist mehr als eine Theorie, sie ist – wie das 00er-Jahre-Antideutschtum ja auch – eine Habitusform, die intellektuelle und akademische Tiefe für sich reklamieren wollte, sich radikal gebärdete und gleichzeitig modisch gestimmt mit einem verzeichneten alten „Linkstum“ abschließen konnte. Sie fand Verbreitung in der und durch die „antideutsch“-prowestliche Wochenzeitung jungle World und tauchte selbst in diversen Artikel der traditionsreichen Internationalismuszeitschrift Blätter des iz3w auf. In diesem Milieu kam man sich schick vor, sich auf Marx zu berufen, gleichzeitig herrschte ein tiefer Pessimismus der Nachwiedervereinigungszeit vor. Dabei war die neue deutsche Wertkritik in mancher Hinsicht ein altes Phänomen, das hinter den Erkenntnissen von Marx selbst zurückblieb. In der Auseinandersetzung, die Marx mit anderen Junghegelianern führte, wurde diese Position die der „Kritischen Kritik“ genannt. Wer Texte und Publikationen der wertkritisch geprägten Linken sich ansieht, entdeckt Ähnliches: Man hat etwas gegen Bewegung und setzt gegen die Bewegung, die nur als amorphe Masse, der man nur das schlimmste zutraut, z.B den Antisemitismus, auf den Geist. Auf der Seite der Theorie und der Kritik steht der Geist, das Selbstbewusstsein, auf der Seite der sogenannten Masse sind Phlegma und Biedermänner anzutreffen. So der Junghegelianer Bruno Bauer 1844, so auch mancher Theoretiker in den 00er Jahren und die ganze Szene der antideutschen Wertkritiker*innen. Kritische Bewegung war und ist in diesen Kreisen nur als Denkrevolution erlaubt.

Marx selbst hat diesem Denken eine ganze Schrift gewidmet: Die deutsche Ideologie. Hier kritisiert er jegliche Versuche sich von der Wirklichkeit zu entfernen, die Wirklichkeit aus Hegelschen Begrifflichkeiten abzuleiten, er wendet sich dagegen, die deutschen materiellen Besonderheiten in der Theorie zu verallgemeinern und eben nur noch deutsche Theorie und Ideologie zu betreiben.

Die neue deutsche Wertkritik blieb in ihrer Massen- und Proletenverachtung, die sie zu bekunden nicht müde wurde, noch geprägt von der Geschichte ihrer Vertreter in diversen westdeutschen K-Gruppen. Damals in den 70ern des 20. Jahrhunderts liebte man die Massen, wollte sie in den Kommunismus führen, und verkannte, dass Masse natürlich eine reaktionäre Kategorie ist.

Vom Begriff der Klasse mussten diese Vertreter der neuen deutschen Wertkritik allerdings auch abrücken. Das hatte mehrere Gründe: Zum einen hingen sie selbst in diversen K-Gruppen der 70er Jahre einem Klassenbegriff an, der mit den realen Arbeiter*innen nichts zu tun hatte, sondern eine Mischung aus 20er Jahre Reminiszenz und intellektuellem Wunschdenken war. An diese Phase der leninistischen Arbeiterumwerbung wollten die Wertkritiker*innen der 00er Jahre nicht mehr erinnert werden. Zum zweiten kann die Kategorie der Klasse bei der neuen deutschen Wertkritik nicht auftauchen, weil die Arbeiter nur als vereinzelt einzelne, als Tauschagenten gedacht werden können. Dies resultiert aus dem vorschnellen Schluss, dass aus den ersten Kategorien, die im Kapital oder in den Grundrissen, verhandelt werden wie die Kategorie der Ware, sich eine radikale Kapitalismuskritik ergeben würde und man sämtliche späteren Kategorien, die von Marx im Fortlauf der Darstellungsweise entwickelt wurden, ignorieren könne.6 Auf diesen ersten 100 Seiten des Kapitals gibt es jedoch noch nicht die große Industrie, das Klassenverhältnis, die Kooperation – sind diese wie sämtliche Kategorien also noch gar nicht entwickelt worden, um die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise verstehen zu können. In der neuen deutschen Wertkritik ist der Arbeiter dann immer nur vereinzelt einzelner, ein „Konkurrenzsubjekt“ – wie beispielsweise Tomasz Konicz oder auch Anselm Jappe aus dem Krisis-Kreis gerne schrieb – und auf der Ebene der Konkurrenz ist in der Tat der Antagonismus nicht auszumachen.

Zum dritten predigt die neue deutsche Wertkritik eine Kritik der Ware und des Werts ohne auf die Kategorie der Ausbeutung einzugehen. Die Neue Deutsche Wertkritik meinte sogar, dass sie mit ihrer Kritik der Ware über die angeblich verkürzte Ausbeutungskategorie hinausgehen würde.

Hierfür ein bezeichnendes Zitat von Roswitha Scholz aus dem Krisis-Kreis: „Gemäß diesem Verständnis (gemeint ist das Verständnis der NDW der Krisis-Gruppe, Anmerk. d. A.) steht nicht erst der sogenannte Mehrwert, daß heißt die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital im Zentrum der Kritik, sondern bereits die ökonomische Wertform selbst, das heißt der gesellschaftliche Charakter des warenproduzierenden Systems und damit die Tätigkeitsform der abstrakten Arbeit. Das hat zur Folge, daß im Gegensatz zum Arbeiterbewegungsmarxismus nicht bloß die ungleiche Verteilung, sondern viel grundsätzlicher das System der selbstzweckhaften Arbeit an sich radikal in Frage gestellt wird“.

Diesen Satz könnte man systematisch auseinandernehmen, besonders auffallend ist, dass die Ausbeutungskategorie für Roswita Scholz lediglich eine ungleiche Verteilung anklagt. Die Tatsache, dass in dem Zitat die Entfremdung des Tauschverhältnisses und die Mehrwertabpressung gegeneinander ausgespielt werden, verweist auf die Fixierung auf die Zirkulationssphäre, die die gesamte NDW kennzeichnet. Arbeit ist im Kapitalismus auch nicht „selbstzweckhaft“, sondern ihre Anwendung (Kauf der Arbeitskraft, Anwendung im Produktionsbereich) dient der Verwertung des Werts und ist profitgetrieben.

Marx führte die von Scholz als Gegensätze behaupteten Elemente zusammen und arbeitete heraus, dass die Existenz von Klassen, die Form des Werts und die Verdinglichung historische Phänomene des Kapitalismus sind, die es als miteinander Vermittelte zu kritisieren und abzuschaffen gilt. Seine Fetischismuskritik steht nicht gegen eine Reflexion auf den Klassenkampf als dynamischem historischen Faktor. Beides gehört zusammen. Den kritischen Begriff des Fetischs und der Fetischformen ist nach wie vor ein Herzstück radikaler Kapitalismuskritik. Die kapitalistische Produktionsweise unterscheidet sich nämlich von anderen Ausbeutungs- und Herrschaftsformen dadurch, dass sie abstrakt-sachliche Herrschaft ist. Die Herrschaft ist eine sachliche und versteckte, dennoch gibt es natürlich agierende Personen.

Marx schrieb drei Bände unter anderem zu der Frage, wie sich im Kapitalismus gesellschaftliche Verhältnisse verselbständigen, und wie die Dinge ein Eigenleben zu führen beginnen, von der einzelnen Ware bis zum Produktionsprozess und dem Verwertungsprozess. Marx hatte vor, bis zum Weltmarkt eine Darstellung der Verselbstständigungsbewegung auszuführen. Diese Verselbstständigungsbewegung, auch Mystifikation genannt, endet im dritten Band des Kapitals in der sogenannten trinitarischen Formel. Im mystifizierten Bewusstsein ist die Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit als Geheimnis der Selbstverwertung des Kapitals ausgelöscht. „Im Kapital – Profit, oder noch besser Kapital – Zins, Boden – Grundrente, Arbeit – Arbeitslohn, in dieser ökonomischen Trinität als dem Zusammenhang der Bestandteile des Werts und des Reichtums überhaupt mit seinen Quellen ist die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise, die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse, das unmittelbare Zusammenwachsen der stofflichen Produktionsverhältnisse mit ihrer geschichtlich-sozialen Bestimmheit vollendet: die verzauberte, verkehrte, auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieu le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere und zugleich unmittelbar als blosse Dinge ihre Spuk treiben.“ Marx schreibt: „Diese Formel entspricht zugleich dem Interesse der herrschenden Klassen, indem sie die Naturnotwendigkeit und ewige Berechtigung ihrer Einnahmequellen proklamiert und zu einem Dogma erhebt.“7

Diese Ausführungen von Marx sind zugespitzte Fetischismus- und Kapitalkritik. Er nimmt darin die Momente einer Kritik des Warenfetischismus auf, die er im ersten Band des Kapitals auf der Ebene einfachster Begriffe und Verhältnisse entwickelt hat, und vollendet die Kritik, indem er die Kritik der Mystifikationen, die Kritik der Klassengesellschaft und die Kritik des kapitalistischen Interesses zusammenführt. Verdinglichung und Klassenherrschaft gehören zusammen. Die Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse, die auch im Alltagsdenken scheinbar naturwüchsig hervorgebracht wird, legitimiert die Klassen. Ein einfaches Beispiel: der Profit, so wird gesagt, ist gerechtfertigt, denn der Unternehmer trägt ja auch das Risiko, er hat sich den Betrieb ja auch aufgebaut, erarbeitet usw.usf. Die Nichtproduzenten, die sich den Mehrwert aneignen, erscheinen als die eigentlichen Produzenten. In dieser Vorstellung offenbart sich der Kapitalfetischismus als Religion des Alltagslebens.

Gegen die mystifizierende Religion des Alltagslebens gibt es auch eine entmystifizierende Erfahrung des Alltagslebens. Marx gibt hier auch wieder etliche Hinweise, beispielsweise auf die Erfahrung im unmittelbaren Produktionsprozess. In der Zirkulation, schreibt Marx, treten sich Kapitalist und Arbeiter nur als Warenverkäufer gegenüber. Das führt in der Wertkritik dazu, zu sagen: ‚Klassen sind bedeutungslos, es sind eben nur zwei unterschiedliche Formen von Warenbesitzern, von Warensubjekten, von Käufern und Verkäufern‘. Nach Marx ist das die Position der Vulgärökonomen, die eine interessierte Ideologie von der klassenlosen kapitalistischen Gesellschaft vertreten. „Was den Arbeiter von anderen Warenverkäufern unterscheidet, ist nur die spezifische Natur, der spezifische Gebrauchswert der von ihm verkauften Ware. Aber der besondere Gebrauchswert der Waren ändert durchaus nichts an der ökonomischen Formbestimmtheit der Transaktion, nicht daran, dass der Käufer Geld und der Verkäufer Ware vorstellt. Um also zu beweisen, dass das Verhältnis zwischen Kapitalist und Arbeiter durchaus nichts als das Verhältnis zwischen Warenbesitzern ist, die zu ihrem wechselseitigen Vorteil und durch einen freien Kontrakt Geld und Ware mit einander austauschen, genügt es den ersten Prozess zu isolieren und an seinen formellen Charakter festzuhalten. Dies einfache Kunststück ist keine Hexerei, aber es bildet den ganzen Weisheitsvorrat der Vulgärökonomie.“8 (Es bietet auch den ganzen Weisheitsvorrat der Neuen Deutschen Wertkritik, könnte man ergänzen.)

Marx beschreibt außerdem, dass der Arbeiter, wenn er seine Arbeitskraft verkauft – und er muss dies tun, denn er ist eigentumslos –, unter das Kommando des Kapitals tritt und im Produktionsprozess der Arbeiter zusammen mit anderen eine Erfahrung macht, die ihn radikal von der Erfahrung des Kapitalisten trennt. Während der Kapitalist durch das Einsaugen fremder Arbeit Zeitsouveränität und Lebenszeit gewinnt, verliert der Arbeiter Zeitsouveränität und Lebenszeit. „Die Funktionen, die der Kapitalist ausübt, sind nur die mit Bewußtsein und Willen ausgeübten Funktionen des Kapitals selbst, des sich verwertenden Werts durch Einsaugen der lebendigen Arbeit. Der Kapitalist funktioniert nur als personifiziertes Kapital, das Kapital als Person, wie der Arbeiter nur als personifizierte Arbeit, die ihm als Qual, als Anstrengung, die aber dem Kapitalisten als Reichtum schaffende und vermehrende Substanz gehört[…]“9

Wir sollten also nach Marx die Erfahrung der Qual und der Anstrengung in der Arbeit als potentiell entmystifizierende ansehen. Das Kapital könnte demnach an den Lohnarbeitenden selbst eine Schranke finden. Sie sind es nach Marx, die den Fetischismus des Kapitals nicht nur theoretisch durchschauen, sondern auch praktisch zerstören können.

Viele würde nun natürlich diese Diagnose mit der offensichtlichen Wirklichkeit konfrontieren, mit der scheinbaren Harmonie des Arbeitsalltags, mit den Ritualen von Lohnverhandlungen usw. Dagegen hat die kritische Industriesoziologie von Harry Baverman den untergründigen Antagonismus im Produktionsprozess gut beschrieben: „Die scheinbare Akklimatisierung des Arbeiters an die neuen Produktionsweisen ergibt sich aus der Zerstörung aller anderen Lebensformen, den Resultaten von Lohnverhandlungen, die eine gewisse Ausdehnung der traditionellen Subsistenzbeschränkungen der Arbeiterklasse erlauben, dem Aufbau des Netzwerks des modernen kapitalistischen Lebens, das alle anderen Lebensweisen unmöglich macht. Unter dieser scheinbaren Gewöhnung jedoch fließt die Feindseligkeit der Arbeiter gegenüber den degenerierten Arbeitsformen, die ihnen aufgezwungen werden, als ein unterirdischer Strom weiter, der sich seinen Weg zur Oberfläche erkämpft, wenn die Beschäftigungsbedingungen dies erlauben oder wenn der kapitalistische Drang nach einer größeren Arbeitsintensität die Grenzen der körperlichen und geistigen Belastbarkeit überschreiten. Sie erneuert sich in neuen Generationen, drückt sich in dem grenzenlosen Zynismus und Widerwillen aus, den zahllose Arbeiter gegen ihre Arbeit empfinden[…]“10

Davon ausgehend müsste man an neuen Untersuchungen anknüpfen, die das Arbeitsleid in den Fokus nehmen, sowie die untergründigen Verweigerungsformen der Arbeiter*innen und anderer Subalternen betonen11, um zu neuen angemessenen Formen des Klassenkampf zu kommen. „Automatisches Subjekt“, „automatischer Zusammenbruch des Katastrophenkapitalismus“ und andere Beschwörungsformeln der neuesten und übriggebliebenen sehr deutschen Wertkritik helfen in keinster Weise, um wirklich dem krisenhaften Kapitalismus Einhalt zu gebieten und einer neuen Gesellschaft zur Durchsetzung zu verhelfen.

1 Bereits vor zwanzig Jahren, für den „Ums-Ganze“-Kongress in Frankfurt im Dezember 2007, habe ich eine ähnliche Kritik formuliert.

2 Vgl.: Robert Kurz Antideutsche Ideologie: Vom Antifaschismus zum Krisenimperialismus, Münster 2003

3 Vgl.: Gerhard Hanloser, Attac, Globalisierungskritik und „struktureller Antisemitismus“, in: Grundrisse Nr. 13, Wien 2005, online: https://www.grundrisse.net/grundrisse13/13gerhard_hanloser.htm

4 Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus – ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, Berlin 1999. Über weiter Strecken bietet dieses Buch allerdings eine absolut faszinierend Erzählung.

5 Vgl.: Gilles Dauvé, Karl Nesic, Lieben die ArbeiterInnen die Arbeit?, Beilage zum Wildcat- Zirkular 65 (2002), online: https://www.wildcat-www.de/zirkular/65/z65beila.pdf

6 Zur Vertiefung: Karl Reitter, Gerhard Hanloser, Der bewegte Marx. Eine einführende Kritik des Zirkulationsmarxismus, Münster 2008

7 Karl Marx, Das Kapital, Bd. 3, MEW Band 25, S. 838f.

8 Vgl.: Karl Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1863/resultate/1-mehrwert.htm

9 Ebenda.

10 Harry Bravermans, Die Arbeit im modernen Produktionsprozess, Frankfurt/M. u. New York 1977, S.119

11 Vgl.: Slave Cubela, Wortergreifung, Worterstarrung, Wortverlust. Industrielle Leidarbeit und die Geschichte der modernen Arbeiterklassen. Frankfurt am Main 2023