Matthias Domaschk war in der Jenaer Oppositionsszene der 1970er Jahre aktiv gewesen. Er initiierte Lesekreise und eine Untergrundbibliothek, unterstützte Gefangene, traf Dissident*innen der Charta 77 und von Solidarność in der Tschechoslowakei und Polen und diskutierte über die Revolution in Ost und West. Er war auch Roadie der Band Uller, Freund, Partner und Vater. Am 12. April 1981 kam er nach einem 13-Stunden-Verhör in einer Zelle im Stasi-Knast von Gera zu Tode.
Seine hinterbliebene Familie, seine damaligen Weggefährt*innen, Kirchenleute, das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte (ThürAZ), das auch seinen Namen trägt, die Stadt Jena und viele andere haben seitdem Matthias‘ Andenken hochgehalten. Seit 2019 bemühen wir uns, auch innerhalb der linken Szene von Jena an ihn, sein Leben und seinen gewaltsamen Tod zu erinnern. Damals erschien ein Artikel in der Direkten Aktion, der die alternativen, freiheitlichen und revolutionären Ideen und Träume von Matthias und seinen Freund*innen in den 1970er Jahren herausstellte und von Linken heute einen klaren Trennungsstrich zu autoritären Systemen und Tendenzen einforderte. 2023 haben wir eine gut besuchte Veranstaltung organisiert, bei der Peter Wensierski aus seinem Roman „Jena-Paradies“ las, und sind auch letztes Jahr anlässlich seines Todestags zu Matthias‘ Grab gegangen.
Zum diesjährigen 45. Todestag von Matthias führten wir am 11. April 2026 eine Gesprächsrunde unter dem Titel „Wenn wir unsere Freund*innen verlieren – Gespräch über Matthias, Conny und Silvio“ durch. Die Veranstaltung fand in der Jungen Gemeinde (JG) statt, ein damals wie heute widerständiger Ort, wo auch Matthias aktiv gewesen war. Es sprach ein Genosse aus Göttingen darüber, wie die Polizei im November 1989 Conny Wessmann vor ein fahrendes Auto und damit in den Tod trieb. Zwei Freunde von Silvio Meier erzählten von seiner Ermordung durch Neonazis im November 1992 in Berlin. Wir lasen außerdem aus einem Text, den uns Renate, die damalige ex-Partnerin von Matthias und Mutter der gemeinsamen Tochter, geschickt hatte, siehe weiter unten. Es ging in einer ersten Runde über die jeweilige Zeit und ihre Kämpfe und Herausforderungen und in einer zweiten Runde darum, was der Tod in den Menschen, Freund*innen und Mitstreiter*innen auslöste, wie die Szene darauf reagierte.
An der Veranstaltung nahmen gut 25 Personen teil – Schüler*innen, die gegen den Wehrdienst protestieren, jüngere wie ältere linke Aktivist*innen, Leute aus der JG, Matthias‘ Tochter und Leute aus der Zeit von Matthias. In der gemeinsamen Diskussion sprachen wir auch über die unangenehme Verklärung der Toten als Märtyrer*innen und die Formen des Gedenkens heute.
Am Tag darauf, dem 12. April 2026, gingen wir in einer sehr gemischten Runde zum Grab von Matthias. Dort legten das ThürAZ und die Jenaer Geschichtswerkstatt Kränze nieder. Andreas Ilse von Künstler für Andere, 1987 als Solidaritätsgruppe gegründet, seit 1990 ein eingetragener Verein, rezitierte das zeitlose Lied und Gedicht „Ermutigung“ von Wolf Biermann. Unser Genosse aus Göttingen sprach ein paar Worte. Er habe über eine der Fragen aus der gestrigen Veranstaltung nachgedacht, nämlich was man nach diesen Todesfällen hätte besser machen können. Wenn er sich anschaue, wie Matthias im Stasi-Knast und wie Conny in einer Hetzjagd durch die Polizei ums Leben gekommen sind, komme er zum Schluss, dass man es heute und in Zukunft vor allen Dingen verhindern müsse, dass repressive Staatsapparate, sei es die allumfassende Stasi oder die damalige Göttinger Polizeieinheit Ziviles Streifenkommando (ZSK), sich so weit verselbstständigen oder den Spielraum erhalten, dass sie Menschen auf diese Art drangsalieren und letzten Endes töten können. Matthias‘ Tochter sagte, dass sie allen Menschen danke, die ihr von ihrem Vater erzählen, den sie nie kennenlernen konnte, und die an ihn erinnern. Sie finde es wichtig, dass man aus seiner tragischen Geschichte lerne und sich dafür einsetze, dass wir in Zukunft frei leben können. Matthias‘ Schwester brachte eine Kopie der Dankbarkeitsmedaille des Europäischen Solidarność-Zentrums mit, die er 2023 posthum erhalten hatte, und platzierte sie an seinem Grab. Johannes Schleußner, SPD-ler und Dezernent der Stadt Jena, dankte als Vertreter der Stadt und persönlich für das Gedenken. Er verstehe den Tod von Matthias als Mahnung, repressive Systeme nicht zu verklären.
Neben unserer Veranstaltung und dem Gang zum Grab gab es zwei weitere Veranstaltungen. Am Freitag, 10. April 2026, fand eine aus Kirchenkreisen organisierte Gedenkveranstaltung in der Friedenskirche Jena statt, bei der Zeitzeug*innen sprachen und viel Musik gespielt wurde. Am 18. April 2026 las Tino Strempel im ThürAZ aus seinem Buch „Matz aus Jena – Drei Tage und ein Leben“ lesen. Es ist sehr schön, dass verschiedene Kreise, nämlich Kirche, Archiv und linke Szene, Initiative ergriffen, Veranstaltungen organisierten und sich aufeinander bezogen. Und noch schöner ist es, dass es so ein lebendiges Gedenken gibt, das unabhängig von offiziellen Gedenkakten stattfindet. Ein solcher städtischer Gedenkakt blieb dieses Jahr tatsächlich aus.
Drei Sachen hätten besser laufen können. In der Veranstaltung über den Tod unserer Mitstreiter*innen sprachen auf der Bühne nur Männer. Wir hätten uns mehr Mühe geben sollen, Frauen als Rednerinnen zu gewinnen. Das Leben von Matthias kam in der Veranstaltung zu kurz, da wir nur Renates Text zur Verfügung hatten. Beim Gang zum Grab waren wir aus der linken Szene nur zu zweit. Vielleicht lag die geringe Beteiligung auch an der gleichzeitig stattfindenden Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Buchenwald.
Die Samstagabend-Veranstaltung und der Gang zum Grab am Sonntag wurden im Übrigen von einer Filmemacherin filmisch begleitet. Ihr Team arbeitet an einer neuen Doku über Matthias Domaschk, die im Herbst 2026 im öffentlichen Fernsehen erscheinen soll. Wir dürfen gespannt sein!
Der nächste Todestag von Matthias ist der 12. April 2027 und fällt auf einen Montag. Wir würden uns freuen, wenn ihr euch den Termin im Kalender vormerkt. Wir werden sicherlich eine Veranstaltung oder einen gemeinsamen Gang zum Grab organisieren.
Renates Worte zum 45. Todestag von Matz
Wer wir waren? Junge Menschen in Jena, aus allen Gesellschaftsschichten. Wir wollten selbstbestimmt leben und wir wollten unser Land mitgestalten, damit es freier, gerechter und friedlicher würde. Das hat die herrschende Partei und ihre Organe in Angst versetzt. Sie haben uns bedroht und verfolgt, versucht, uns zu brechen und zu disziplinieren. Wir haben uns gewehrt, so gut wir konnten und trotzdem – oder auch deshalb – gern und glücklich miteinander gelebt.
Matz war ein feinfühliger junger Mann, der – wie die meisten von uns – auf Unverständnis im Elternhaus stieß. Er machte Musik, schrieb Gedichte, las sehr viel und hatte einen manchmal schelmischen Humor.
Weil 1976 wir den vorsichtigen Protest der Berliner Schriftsteller gegen die Biermannausweisung mit unterschrieben, wurden wir das erste Mal verhaftet. Matz wurde vier Wochen vor der Abiturprüfung von der Schule relegiert. Seine Berufsausbildung zum Feinmechaniker durfte er noch beenden, fand dann aber lange keine Arbeitsstelle.
Über unsere politischen, sozialen und kulturellen Aktivitäten wurde ja schon viel geschrieben. Über unser Privatleben auch – wir haben 1976 eine Tochter bekommen.
Am 10. April 1981 wurde Matz zusammen mit seinem Freund Peter Rösch auf dem Weg nach Berlin zu einer Geburtstagsfeier aus dem Zug geholt und in die Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Gera gebracht. Am 12. April war er tot.
Bis heute warte ich auf die Aufklärung der Ereignisse, die zu seinem Tod führten. Die Stasi hat Suizid angegeben. Die Akte, die sie dazu gefertigt haben, enthält viele Manipulationen und Ungereimtheiten, die starke Zweifel an der Darstellung der Stasi aufkommen lassen.
Alle Versuche, juristisch die Todesursache klären zu lassen und gegebenenfalls zu verfolgen, sind bisher erfolglos geblieben, weil die beteiligten MfS-Offiziere schweigen oder lügen.
Wie geht es mir damit? Trauer und Wut sind die vorherrschenden Gefühle, aber auch das Bedürfnis, sein Andenken hoch zu halten und weiterzugeben, was ihm/uns wichtig war.
Viele Jahre lang konnte ich seinen Tod nicht wirklich akzeptieren. Ich war ja im Westen und konnte nicht an sein Grab gehen. So passierte es mir anfangs oft, dass ich jemanden in der Menge der Menschen von hinten sah und dachte, das ist er. Auch habe ich viel von ihm geträumt, oft mit Schuldgefühlen verbunden, als ob ich seinen Tod hätte verhindern können.
Nach der friedlichen Revolution und der Öffnung der Grenze versuchte ich, zu erfahren, was genau passiert ist und ihm das Leben genommen hat, und möglicherweise eine juristische Verfolgung zu ermöglichen. Dafür habe ich meine Arbeit bei der Kirche aufgegeben und sechs Jahre lang beim BStU (Stasiunterlagenbehörde) gearbeitet. Es war mir eine große Genugtuung, dass wir nun in der Lage waren, alles, was die Stasi im Geheimen über uns gesammelt hat, öffentlich zu machen, den Geheimdienst zu enttarnen, auch zu verstehen, wie die gearbeitet haben und was das in unserem Volk angerichtet hat. Es war ein großes Erschrecken über die abgrundtief perfide, hinterhältige und bösartige Menschenfeindlichkeit des MfS. Die Lebenslügen offenbart zu sehen – die des Staates und die eigenen. Da war nichts sozialistisch oder friedliebend oder antifaschistisch. Das zu ertragen beim Lesen der Akten, hat sehr viel Kraft gekostet.
Aber die Tatsache, dass sie ihre Macht verloren hatten, und wir lernten, mit den Belastungen der Vergangenheit umzugehen und sie aufzuarbeiten, gab die Kraft, hat die Wut in Mut verwandelt.
Ich danke euch, dass ihr an Matz erinnert, und wünsche mir, dass sein Leben auch in Zukunft junge Menschen inspirieren möge, mutig für ihr selbstbestimmtes Leben in Freiheit und für eine gerechte Gesellschaft einzutreten und dass deswegen nie wieder und nirgendwo auf der Welt Menschen getötet werden.


