Im Berliner Gesundheitswesen ist seit Corona einiges los: die Beschäftigten von Vivantes und Charité haben mit den Mitteln des bürgerlichen Streikrechts bessere Arbeitsbedingungen und damit auch eine bessere Patient:innenversorgung durchgesetzt. Patient:innen unterstützen Streikposten. Ärzte verteilen vor dem Betrieb Flugblätter zur Unterstützung gefeuerter Pflegehelferinnen. Intensivpflegerinnen unterstützen den Streik ausgegliederter Servicekräfte. Die wiederum geben nach dem erfolgreichen Streik das nicht verbrauchte Geld aus ihrem Solidaritätsfonds an ausgegliederte Kolleg:innen eines anderen Unternehmens weiter: damit auch sie gewinnen.

Die folgende Rede einer Auszubildenden wurde schon 2024 im Kontext dieser Erfahrungen gehalten. Der aktuelle Großangriff der Regierung auf den Care-Bereich macht ihren Aufruf heute noch dringlicher. Wir müssen als Beschäftigte – zusammen mit Patientinnen und deren Gemeinschaften – eigenständig Macht im Gesundheitswesen aufbauen. Nur so können wir dauerhaft menschenwürdige Arbeit und Versorgung durchsetzen.


Als Arbeiter:innen im Gesundheitswesen arbeiten wir für und mit Menschen. Wir versuchen, ihre Gesundheit zu fördern und wiederherzustellen. Bei chronischen oder tödlichen Krankheiten versuchen wir, Schmerzen und Leiden zu lindern. Doch dieses System, das auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, steht uns dabei leider im Wege. Wir sollen die Arbeitsfähigkeit der Menschen wiederherstellen (d.h. das physische und psychische Minimum, um arbeiten zu gehen) oder, falls die Arbeitsfähigkeit erschöpft ist, irgendwie das Sterben begleiten.

Ein Wirtschaftssystem, das auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, hat kein Interesse an der Fürsorge für Menschen: Es strebt nach Effizienz.

Ein Wirtschaftssystem, das derart ausgerichtet ist, schafft Arbeitsplätze, bei denen die Interessen der Arbeitnehmer stets weniger wert sind als der erzielbare Profit. Profit stand schon immer vor Menschenleben. Und das erleben wir sehr unmittelbar.

Wir spüren die Bedeutung unserer Arbeit für die Patienten und die Gemeinschaft. Doch wir können die Rahmenbedingungen unserer Arbeit derzeit nicht beeinflussen.

Pflegearbeit findet in einem Umfeld statt, das von finanziellen Kürzungen, Überstunden, der Diskriminierung zwischen „rentablen“ und „unrentablen“ Patienten sowie der Ausbeutung von Arbeitskräften mit Migrationshintergrund, insbesondere von Frauen, geprägt ist. (…)

Personalmangel und ständige Überlastung führen zu psychischem Leid, Erschöpfung und der Angst, Schaden anzurichten oder Fehler zu machen. Als Pflegekräfte erleben wir täglich, dass wir unseren Erwartungen und unseren Patient:innen nicht gerecht werden können.

Wenn kaum Zeit für eine menschenwürdige Pflege bleibt, ist die Entmenschlichung der Patient:innen die Schutzreaktion vieler Pflegekräfte. Die Schicht zu überstehen, steht an erster Stelle. Oft bleiben professionelle Pflegekräfte nach ihrer Ausbildung nur wenige Jahre in ihrem Beruf.

Wir müssen dafür kämpfen, dass unsere Arbeit nicht auf eine Abfolge von Eingriffen und Maßnahmen am kranken Körper reduziert wird.

Andere Zukünfte sind möglich:

Eine gemeinschaftsorientierte und/oder selbstverwaltete Pflege, die durch ihre Praxis Erfahrungen von Gesundheit und Pflege entwickelt, die den Bedürfnissen und Interessen der Gemeinschaften, in denen sie arbeitet, entspricht.

Wir müssen bereit sein, die Grenzen unserer Rollen und der institutionellen Strukturen, die unsere Praxis bestimmen, in Frage zu stellen und ihnen Widerstand zu leisten. Unsere Autonomie ist wichtig, wenn wir eine würdige Pflege leisten wollen, die nicht durch die Überregulierung und Ökonomisierung des Gesundheits- und Pflegesektors behindert wird. Lasst uns gerechtere und kooperativere Beziehungen aufbauen. Durch den Abbau von Machtungleichgewichten können wir die Pflegepraxis verbessern. Solidarität unter Kolleg:innen ist von größter Bedeutung: Lasst uns mit Kolleg:innen und Fachkräften aus anderen Fachbereichen oder Einrichtungen zusammenarbeiten. Der Dialog zwischen verschiedenen sozialen Gruppen ist ebenfalls wichtig: Wir müssen die Beziehungen zwischen Patient:innen, Personal, Freunden und Familie pflegen, um einen dauerhaften Zustand der Solidarität und Unterstützung in den Gesundheitseinrichtungen zu schaffen.

Die zahlreichen Proteste und Streiks der letzten Zeit haben gezeigt, dass das Gesundheitswesen durch uns gehalten wird. Ohne uns würde es nicht funktionieren. Es reicht jedoch für die Zukunft nicht aus, die Personalausstattung zu verbessern. Es reicht auch nicht aus, die Ungerechtigkeiten unseres Arbeitsumfelds anzuprangern. Wir müssen unsere Interessen als Arbeitnehmer:innen und Patient:innen verteidigen.

Wir wissen, dass wir bessere Chancen haben, unsere Interessen durchzusetzen, wenn wir unsere Kräfte bündeln, Mehrheiten bilden und durch kollektive Prozesse, und Solidarität dauerhaft Macht aufbauen.

Es ist an der Zeit, grundlegende Veränderungen selbst durchzusetzen. Lasst uns – innerhalb des Gesundheitssektors – für eine selbstbestimmte Gesellschaft kämpfen!