Vom 22. bis 25. Mai fand in Hannover der 50. Bundeskongress der FAU in Hannover statt. Die Gewerkschaftsföderation diskutierte dabei betriebliche Strategien, Strukturreformen und die aktuelle politische Lage. In vieler Hinsicht kündigte der Kongress dabei auch einen Aufbruch an.

Kongresse der FAU: Ein Prozess der Entscheidungsfindung

Die Gewerkschaftskongresse der FAU unterscheiden sich stark von jenen anderer Gewerkschaften in Deutschland. Anträge an den Kongress stellen vor allem die Syndikate, also die lokalen Gewerkschaften. Die Entscheidungsfindung beginnt schon 70 Tage vor dem eigentlichen Kongress: Zu diesem Zeitpunkt stellen die Syndikate vorläufige Anträge. Alle anderen Syndikate haben dann knapp einen Monat Zeit, um Modifizierungen dieser Anträge vorzuschlagen, und ein gewähltes Antragsprüfungskomitee prüft, ob Anträge formal plausibel und konsistent sind. Daneben werden Anträge auch oft von Einzelmitgliedern über die bundesweiten Diskussionsplattformen heiß diskutiert.

Nach dieser Überarbeitungsphase werden die endgültigen Anträge veröffentlicht. Alle Syndikate haben dann noch einen Monat Zeit, diese zu besprechen und zuzustimmen oder abzulehnen. Das Stimmgewicht der Syndikate berechnet sich anhand der zahlenden Mitglieder vor Ort und einem sogenannten Stimmschlüssel. Dieser ergibt sich aus einer Formel, die kleinen Syndikaten proportional etwas mehr Stimmgewicht pro Mitglied zuspricht als großen. So sollen lokale Minderheitenpositionen besser geschützt werden. Die Syndikate senden ihre Abstimmungsergebnisse dann an die bundesweite Geschäftskommission, die die Ergebnisse ausrechnet und transparent veröffentlicht. Anträge, die über 75% Ja-Stimmen erhalten (Enthaltungen werden nicht gezählt), gelten als angenommen. Auch die eigentliche Abstimmung findet also vor dem Kongress statt.

Der Kongress selbst dient dann der Abberufung und Wahl föderaler Mandatierter, dem Zusammenkommen in Diskussions-AGs, die vorher angemeldet wurden und der Suche nach Kompromissen für Anträge, die keine 75%-Mehrheit erreicht haben. Erreichen die Delegierten der Syndikate für abgelehnte Anträge einen Kompromissvorschlag, so findet eine Nachabstimmung statt.

Kongress 2026: Breites Themenspektrum, viele Anträge

Nachdem der Kongress 2025 mit acht relativ unkontroversen Anträgen als eher unspektakulär erlebt wurde, war der Kongress in diesem Jahr mit über 20 Anträgen für viele Syndikate eine echte Herausforderung, auch was die Breite der Themen anging. Neben Anpassungen im alltäglichen Betrieb der FAU, bspw. hinsichtlich des Gewerkschaftsarchivs, der Kinderbetreuung auf der jährlichen Sommerschule und Budget-Fragen für bundesweite Strukturen standen auch größere Strukturanpassungen zur Debatte: Der oben genannte Stimmschlüssel wurde dahingehend verändert, dass größere Syndikate in Zukunft weniger benachteiligt werden. Ein größerer Vorschlag für beschleunigte Entscheidungsverfahren in der Bundes-FAU, der “Föderationsrat”, fand dagegen keine Mehrheit. Eine Reihe von Anträgen beschäftigte sich mit der weiteren Ausdifferenzierung unserer Gewerkschaftsstrukturen. Eine bundesweite AG für Kollektivbetriebe wurde mandatiert und eine Reihe von Eckpunkten hinsichtlich der Definition von Kollektivbetrieben im Sinne der FAU verabschiedet. Die in Gründung befindliche Jugendorganisation “Freie Arbeiter:innen Jugend” (FAJ) wurde offiziell anerkannt und ihre organisatorischen Grundsätze angenommen. Ebenso bestätigt wurden mehrere Anträge die die Initiative Grüne Gewerke (IGG) für die bessere Integration bundesweiter Branchenstrukturen in die FAU stellte. Auch eine große Spende zur Unterstützung der zapatistischen Bewegung wurde bewilligt. In der Vorabstimmung abgelehnt wurden 7 von 22 Anträgen. Zwei Anträge versuchten eine Abstimmung vom vergangenen Jahr rückgängig zu machen, ein Antrag für eine Erklärung ethischer Grundwerte der FAU wurde nicht bestätigt, jedoch eine AG zu Weiterbearbeitung beauftragt. Zwei größere Budget-Anträge scheiterten zunächst, wurden auf dem Kongress bearbeitet und verändert in die Nachabstimmung geschickt. Für einen Antrag der IGG zur Integration von Branchenstrukturen in die Gesamt-FAU schienen den Syndikaten noch weitere rechtliche Rercherchen nötig, auch dieser ging in die Nachabstimmung.

Der eigentliche Kongress begann traditionell am Freitag recht formlos vor allem mit dem Kennenleren der rund 80 Teilnehmenden. Dieser Programmpunkt ist keinesfalls eine Nebensache, ist der Rest des Kongresses doch im Regelfall recht eng getaktet. Viele FAU-Aktive sehen sich hier seit Jahren mal wieder, es gibt Gelegenheit Irritationen und Frustrationen, die sich bspw. durch Abstimmungsergebnisse der Syndikate ergeben, anzusprechen und auszuräumen. Damit ist der Freitagabend oft auch eine wichtige Grundlage um am nächsten Tag konstruktiv und ggf. mit weniger Projektion und emotionalem Ballast in die Nachbesprechung abgelehnter Anträge zu gehen.

Internationale Grußworte, Nachfragen zu Mandaten, erste Arbeitsgruppen und Feierlichkeit

Der formelle Teil des Kongresses begann am Samstagmorgen. Nach der Begrüßung durch Geschäftskommission erhielten die internationalen Gäste aus Schweden (SAC), Polen (OZZ IP), Frankreich (CNT), Schweiz (FAU) und Spanien (CGT) das Wort.

Die meisten Grußbotschaften betonten die angespannte globale Situation, den Aufstieg rechter und faschistischer Kräfte und die damit verbundenen, eher düsteren Zukunftsaussichten. Die CGT betonte, dass gerade in einer solchen Situation lebendiger Internationalismus und gelebte Geschwisterlichkeit über Organisationen und Grenzen hinweg helfen können. Die IP betonte vor allem die sich verschärfenden Angriffe des Kapitals auf die Arbeiter:innen weltweit. Es brauche weitreichende, anarchosyndikalistische Konzepte – einerseits mittelfristig als Alternative zu Faschismus und immer brutalerem Kapitalismus, andererseits in den täglichen Gewerkschaftskämpfen als Alternative zur zahnlosen Gewerkschaftsbürokratie sozialpartnerschaftlicher Zentralgewerkschaften. Auch die SAC betonte die sich immer stärker verschärfenden Klassenkämpfe weltweit und machte eine breite Perspektive auf syndikalistische Strategien auf: Wir müssten sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Nachbarschaft und auf der Straße aufstehen und den Gegenangriff starten. Der Kampf der SAC sei dabei der Kampf der FAU – und umgekehrt. Die CNT aus Frankreich, die sich erst kürzlich unserem Dachverband, der International Confederation of Labour (ICL), anschloss, sprach über den Aufstieg der militanten Rechten in Frankreich, über Polizeigewalt, Neonazi-Angriffe auf Gewerkschaftsstrukturen und immer vollere Gefängnisse. Auch die militaristische Propaganda würde immer heftiger, während die Bevölkerung gleichzeitig verarme. Gerade in so einer Situation sei ein radikaler Blick auf unsere Wirtschaftsordnung und die Welt wichtig, was für die CNT ein Grund gewesen sei, sich auch international zu organisieren. Die FAU Schweiz bedankte sich v.a. über die seit Jahren engen Beziehungen mit ihrem Namensgeschwister in Deutschland. Die FAU Schweiz sei aktuell voll im Aufbau und Wachstum und könne dabei von den internationalen Einladungen immer viel mitnehmen. Die versammelten Gäste repräsentierten europäische Gewerkschaften mit ca. 120.000 Mitgliedern. Schade war, dass es viele andere Gewerkschaften der ICL nicht einrichten konnten, eine Delegation zu entsenden, so fehlten bspw. wichtige Stimmen aus Großbritannien, Italien, Griechenland, Österreich und den USA. Auffallend an den Grußbotschaften war der geringe Fokus auf Klimakatastrophe und die KI-Konzerne, Themen die jedoch in den Einzelgesprächen mit den Delegierten trotzdem viel Raum hatten. Für die internationalen Gäste wurde im weiteren Verlauf durch mehrere Genoss:innen simultan mit Headset übersetzt.

Im Anschluss an diesen Block ging es wie immer erst einmal v.a. um organisatorische Punkte. Rückfragen zu Berichten von Mandatierten der Bundesstrukturen konnten gestellt werden, es wurde Änderungen an der Tagesordnung vorgenommen und Mandate, die auf dem Kongress neu zu besetzen sind, vorgestellt.

Dann folgten die vier AG-Phasen, das eigentliche Herzstück des Kongresses, bei dem um Kompromisse bezüglich abgelehnter Anträge gerungen und gemeinsam syndikatsübergreifend diskutiert wird. Die Delegierten der Syndikate haben bei diesen AGs mehr oder weniger feste Arbeitsaufträge und Stimmungen ihrer Syndikate im Gepäck und sollen nicht sich selbst, sondern ihre Strukturen in den Diskussionen vertreten.

In der ersten AG-Phase diskutierten Delegierte parallel über die Weiterentwicklung bundesweiter Branchenstrukturen, einen Text zur Gegenwartsanalyse und Zukunftsprognosen aus Dresden und die Pläne für das 50-jährige Jubiläum der FAU 2027. Während es bei den bundesweiten Branchenstrukturen eher um organisatorische Details ging, wurde zum 50. Jubiläum der FAU recht kontrovers diskutiert, in welchem Rahmen und mit welchen Schwerpunkten dieses begangen werden sollte. In der Debatte um Zukunftsprognosen nahmen auch alle internationalen Gäste teil. Es bestand weitgehende Einigkeit mit der vorgelegten Analyse, es wurde diskutiert, wie solche Analysen in Zukunft kollektiver erarbeitet und aktualisiert werden können und wie die FAU gemeinsam strategische Schlüsse erarbeiten kann. Die Diskussion war so weitreichend und angeregt, dass die AG um zwei zusätzliche Blocks verlängert wurde und sich ein zunächst informeller Arbeitskreis bildete, der sich ggf. im nächsten Jahr formalisieren wird.

Zwischendurch wurde es dann feierlich: Im Gesamtplenum wurden Anekdoten aus der 50-jährigen FAU-Geschichte geteilt, ein Genosse aus Hannover hielt eine flammende Rede und der Saal sang gemeinsam “Solidarity Forever” – danach gab es eine dreistöckige Torte von Genoss:innen aus Dresden und es wurde angestoßen.

In der zweiten AG-Phase kam, wie auf jedem Kongress, die bundesweite Initiative Fem*FAU zusammen, berichtete über ihre Arbeit, über Erfahrungen mit feministischer Gewerkschaftsarbeit und die Lage hinsichtlich Sexismus und Emanzipation in den unterschiedlichen Syndikaten. Eine zweite AG beschäftigte sich weiter mit der Zusammenarbeit von Branchenstrukturen und den branchenübergreifenden Ortssyndikaten. In der dritten Arbeitsgruppe wurde versucht, einen Kompromissvorschlag für den in der Abstimmung abgelehnten Föderationsrat zur schnellen Entscheidungsfindung zu erarbeiten. Hier waren die Vorstellungen der einzelnen Syndikate jedoch sehr unterschiedlich, so dass eine AG beauftragt wurde bis zum nächsten Kongress einen völlig neuen Vorschlag zu erarbeiten.

Abendveranstaltung: Der Aufstieg der OZZ IP in Polen

Am Samstagabend berichtete der Delegierte der OZZ IP Polen über den Aufstieg unserer Schwesterngewerkschaft seit Mitte der 2000er Jahre bis heute. Die IP hat dabei einige Erfolge vorzuweisen: Mitgliederzahlen im oberen vierstelligen Bereich, dabei eine vierstellige Anzahl an Mitgliedern in Amazon-Werken, Streiks von Kita-Beschäftigten und Kranführer:innen, eine wichtige Rolle in feministischen Kämpfen gegen die rechte PiS-Regierung und das alles in einem sehr rechten, gesellschaftlichen Klima als klar erkennbar anarchosyndikalistische Gewerkschaft. Der Genosse, der auch Gründungsmitglied der IP war, ging dabei auf die spezielle Rechtslage und die gesellschaftlichen Konstellation ebenso erhellend ein, wie er Konflikte, Spannungsverhältnisse und Probleme der IP klar und diffenziert benannte. Das machte den Vortrag außerordentlich spannend und aufschlussreich und lieferte gleichzeitig ein Vorbild dafür, wie mensch Genoss:innen in anderen Ländern erkenntnisreich und fair über die eigene Organisation berichten kann. Obwohl hinter allen Beteiligten schon ein langer und intensiver Kongresstag lag, wurden noch fast zwei Stunden Nachfragen zu den verschiedensten Aspekten gestellt und immer detailliert und abgewogen beantwortet. Die Abendveranstaltung war damit ein absolutes Highligt des Kongresses.

Weitere AGs, Nachabstimmungs-Anträge und Wahlen

Am Sonntag Morgen ging es mit dem dritten AG-Slot weiter. Behandelt wurde u.a. eine größere Strukturreform der FAU, die von den meisten anwesenden Syndikaten als notwendig erachtet wurde. Hintergrund ist, dass die FAU seit der letzten großen Strukturreform 2008 ihre Mitgliederbasis verzehnfacht hat, neue bundesweite Strukturen kamen hinzu und wurden jeweils einzeln geregelt, andere Strukturen erwiesen sich als zu aufwändig und unpraktikabel konzipiert. Ein großes Team will nun bis 2027 Vorschläge für eine Transformation erarbeiten. Parallel stellten sich in der AG Internationales noch einmal die Gewerkschaften FAU Schweiz, CNT Frankreich und SAC Schweden ausführlich vor. Andere AGs in den Blöcken drei und vier drehten sich eher um technische Fragen. Bemerkenswert war noch die Diskussion um den seit letztem Jahr laufenden Prozess um bundesweite Schutzstrukturen bei Diskriminierung, Übergriffen und Konflikten in der FAU. Hier wurden Rückfragen zum Prozess gestellt und die weiteren Arbeitschritte für das nächste Jahr besprochen. Eine angeregte Diskussion fand außerdem über die Erfahrungen von FAU-Mitgliedern in Betriebsräten und die Weiterentwicklung der FAU-Positionen zu diesem Thema statt.

Im Nachgang wurde eine Reihe von Anträgen in die Nachabstimmung geschickt. Der Kongress solidarisierte sich außerdem noch kollektiv mit der besetzten Nachbarschaft Prosfygika in Athen. Bei den anschließenden Wahlen wurden über 40 Personen mit bundesweiten Aufgaben mandatiert. Allgemein läuft die Besetzung dieser Positionen nun wesentlich besser als noch vor einigen Jahren.

Fazit: Viele Prozesse auf dem Weg, die FAU wird größer und ernsthafter

3,5 Tage diskutierten Delegierte, Bundes-Mandatierte und internationale Gäste die Gegenwart und Zukunft der FAU. Auch wenn nicht jede angestoßene Idee durchkam und manche Prozesse mehr als ein Jahr dauern, wird deutlich, dass die FAU sich auf den Weg macht zu mehr Mitgliedern, zu einer Ausdifferenzierung von Lokal- und Branchenstrukturen, zum Aufbau von Sozialorganisationen, zu einer besseren Einbindung von Kollektivbetrieben. Der Kongress hilft dabei auch immer wieder, ein Gefühl für die Gesamtföderation zu bekommen, diese mehr mitzudenken und eine Vision zu entwickeln, die über den Aufbau der lokalen Strukturen hinaus geht. Zusammen mit der jährlichen Sommerschule ist der Kongress ein wichtiger Ort, Irritationen und Missverständnise auszuräumen, im persönlichen Gespräch das genossenschaftliche Vertrauen zu stärken und gemeinsame Wege trotz unterschiedlicher Sichtweisen, Probleme und Schwerpunkte zu finden. Die internationalen Gäste sind dabei mit ihren Erfahrungen und ihrem unvoreingenommenerem Blick oft eine wichtige Bereicherung und auch ihre Anwesenheit stärkt das Band der Beziehungen, die unsere internationale Gewerkschaftsbewegung erst tragfähig machen.

Alles in allem wieder ein lohnenswerter Kongress, wie immer durch die Arbeit von Dutzenden ermöglicht: Der Kongress-Orga, der Tontechnik, der Kinderbetreuung, den Dolmetscher:innen, den vielen Moderator:innen und Protokollant:innen, den Antragschreiber:innen, dem Antragsprüfungskomitee, der Geschäftskmomission, dem Internationalen Komitee, den Kassierer:innen, und den vielen hundert Genoss:innen die sich mit den Anträgen beschäftigt und abgestimmt haben. Wenn mensch all diese Arbeit und die Ernsthaftigkeit dahinter sieht, kann eins wieder ein bisschen Hoffnung schöpfen, sich auf jeden Fall verbunden fühlen und mit einem Glas Sekt in der Hand nach 49 Jahren kollektiver Anstrengung in jedem Fall beherzt den Refrain von “Solidarity forever” mitschmettern. Dank euch, Genoss:innen!