Liebe Redaktion der DA, liebe Infrastruktur-Genoss:innen des diesjährigen Kongresses,

vorneweg ein großes Danke für eure Mühen, einen Rahmen zu schaffen, der auch mich als Delegierten miteinschloss. Allerdings entlassen mich eure Rede(n) von „Aufbruch“ und „Hoffnung“ eher mit einem mulmigen Gefühl aus dem Kongress.

Der war durchaus „konstruktiv“, aber ich bin als Aktiver, der zum ersten und wohl auch zum letzten Mal dort war, nicht „mit weniger“, sondern eher mit mehr „emotionalem Ballast“ zurückgekehrt. Hätte ich nicht den Eindruck, dass es nicht auch anderen Teilnehmer:innen so ergangen ist, würde ich jetzt nicht diesen Raum beanspruchen.

Ich übe also mal ein, unsere Debatten öffentlich zu führen: Der FAU-Kongress erscheint mir in weiten Teilen als eine Veranstaltung der Selbstbezüglichkeit von einigen enthusiastischen Sozialtechniker:innen, die um Formalien und Strukturdebatten kreisen. Das scheint mir im Anarchosyndikalismus nicht verwunderlich, ist er doch eine Strömung, die stets viel auf einen „konstruktiven Sozialismus“ hielt. Und damit war oft genug praktisch gemeint, Strukturhülsen zu bauen, in welche dann nur noch ‚die Klasse‘ einströmen müsse. Erlaubt mir eine Miniabschweifung …

Die Gruppe Internationaler Kommunisten stellte dieses Verhältnis der Abspaltung des ‚Politischen‘ als Bürokratismus vom ‚Ökonomischen‘ als Arbeiter:innenselbstverwaltung bereits kurz vor der spanischen Revolution, an Fragen der ökonomischen Planung, heraus. Kurz und knapp nachzulesen in einem aktuellen Text der Initiative demokratische Arbeitszeitrechnung.

Foto vom diesjährigen Bundeskongress. Nee Spaß, so imaginierten die deutschen Syndikalisten 1923 das organisatorische Herbeiführen des Syndikalismus, sprich die eine Seite der Spaltung. Und schaut mal, sogar eine Frau hats an den Sozialtechniker-Planungstisch geschafft! Da schneidet der BuKo mittlerweile bissle besser ab.

Umso erfreulicher, dass wenigstens ein paar grundlegende inhaltliche Fragen auf dem diesjährigen Bundeskongress diskutiert wurden. Aber auch das kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der erste und größte Daseinszweck klassenkämpferischer Interessenorganisationen, nämlich die Assoziation von widerständigen Kolleg:innen und ihre Unterstützung mit syndikalistischen Organisations- und Kampfformen … naja, kaum im Alltag der Mitglieder der FAU stattfindet und so auch nur wenig den Kongress inspirieren konnte.

Diese Tatsache ausbleibender kollektiver kämpferischer Organisierung im eigenen Alltag mit der FAU, die IGG einmal nur ein bissle ausgenommen, lässt der dominanten Tendenz jeder Organisation, zum Selbstzweck zu werden, freie Bahn. So eben auch auf diesem Kongress. Genau dieses Gefühl nicht der „Hoffnung“, sondern ihrer Losigkeit hat mich deshalb beim Anschneiden der 50-Jahr-Torte und beim mehr oder weniger kraftvollen Absingen des „Solidarity Forever“ im Nacken gepackt. Beschworen wurde für mich nicht Hoffnung auf Grundlage realer Bewegung um die FAU, sondern eine Zuversicht mit Hilfe alter linker Worthülsenreihungen, was eben zwei verschiedene Dinge sind.

Also konstruktiv: Ich wünsche mir, wie schon verheizte Aktivengenerationen vor mir, weniger Föderationsüberbau für die FAU, dafür mehr unmittelbar praktische Infrastruktur für die Syndikatskämpfe vor Ort. Außer den wunderbaren IT-Strukturen und den internen und öffentlichen Kommunikationsmedien, könnte meines Erachtens der gesamte Föderationsapparat eingeschrumpft werden und ein Kongress sich folglich auf wirklich inhaltliche und praktische Synchronisierung verlegen. Vorschlagen möchte ich deshalb als einen kleinen Änderungsbeitrag dazu die erneute Reformierung der Beitragsordnung an die Föderation, sowie eine Rückverteilung der umfassenden und zum verfaulen abgelegten Finanzmittel derselben an die Syndikate zum (Unterstützen von) Kämpfen. Wenn euch das auch ein Anliegen ist und ihr mittun wollt an einem Antrag, schreibt mir gerne:

Faul666