Die FAU Dresden ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Das bedeutet auch: Es lässt sich längst nicht mehr alles in der nötigen Tiefe und Transparenz auf Vollversammlungen, Plena oder ähnlichen Formaten bearbeiten. Damit geht einher, dass die Zahl der Aktiven nicht im gleichen Tempo mitwächst. Die aktive Teilnahme an VVs und generell das Syndikat betreffenden Diskussionen entspricht nicht der Größe des Syndikats. Das führt zu für viele Mitglieder undurchsichtigen Strukturen und Entscheidungsprozessen und kann schnell in dem Gefühl, nicht an den Entscheidungen beteiligt worden zu sein, münden und damit Konflikte befördern.
Die FAU Dresden setzt auf Dezentralisierung und Ausdifferenzierung: Basisgruppen z.B. nach Stadtteilen, Ortskontakten oder Branchen – und daneben sind zahlreiche weitere Unterstrukturen entstanden, z.B. für Schüler:innen, Auszubildende und Freiwilligendienstleistende; Branchenorganisierungen in den Bereichen Grüne Gewerke und Bildung, Gesundheit und Sozialwesen; Unterstützung für Sozialleistungsabhängige, die AG Kollektivbetriebe, die AG Feministische Kämpfe und die Schwarz-Roten Bergsteiger:innen. Mit einigem Erfolg: Der Aktivenanteil bleibt vergleichsweise hoch. Doch es drängt weiterhin die Frage: Wie lässt sich eine lebendige Basisdemokratie auch für hunderte Mitglieder auf lokaler Ebene erhalten? Klar – es gibt die Vollversammlung und das Sekretariat, aber es zeigt sich: Die Musik spielt de facto woanders und die VV ist mehr Versammlung als voll. Um Impulse zu sammeln und ein Konzept zu entwickeln, wie sich die FAU Dresden strukturell weiterentwickeln und weiter wachsen kann, sprach die AG Basisdemokratie mit einer Vielzahl basisdemokratischer größerer Organisationen in Deutschland, aber auch darüber hinaus. Wir wollen wissen: Was kam dabei raus? Die AG berichtet:
DA: Ihr habt die AG Basisdemokratie vor anderthalb Jahren gegründet. Was war der Anlass – oder: Wie hat sich die FAU Dresden in den Jahren davor entwickelt, dass ihr zu der Auffassung gekommen seid, an diese Frage einmal ganz grundsätzlich herangehen zu müssen?
2024 gab es bei uns im Syndikat einen langwierigen und kräftezehrenden Konflikt über die Mitgliedschaft von ehrenamtlichen Vereinsvorständen mit Personalverantwortung. Die Entscheidungen, die dann getroffen wurden (oder eher nicht getroffen wurden), haben bei vielen Mitgliedern zu Frustration und Ohnmachtserfahrungen geführt. Wir mussten feststellen: Unsere Wege und Praktiken der kollektiven Diskussion und Entscheidungsfindung bei komplexen Fragen waren weder zielführend noch effizient. Schlecht besuchte Vollversammlungen, die sowieso damit hadern, ob sie die gesamte Basis repräsentieren können, haben in der angespannten Situation widersprüchliche Entscheidungen getroffen. Im Rahmen einer ausführlichen Problemanalyse haben wir wirklich seitenweise Probleme unserer Struktur zusammengetragen. Unser Eindruck war, dass sie u.a. darin begründet lagen, dass unsere Diskussions- und Entscheidungsfindungsprozesse nicht mit unserer Mitgliederbasis mitgewachsen sind. Wir wollten also unsere Strukturen so verändern, dass sie nach oben skalierbar sind, d.h. sie sollen immer noch funktionieren, wenn unsere Mitgliederbasis sich verdoppelt, verdreifacht, verzehnfacht…
Zentrale Fragen waren für uns dabei: Wie können wir als Syndikat Entscheidungen treffen, die in der Basis konsensfähig sind? Warum fühlen sich manche Entscheidungen als nicht von der Basis legitimiert an und wie können wir das ändern? Wie zugänglich sind unsere Diskussions- und Entscheidungsfindungsprozesse und wie können wir diese Zugänglichkeit verbessern?
DA: Dann seid Ihr auf die Suche gegangen – und habt Euch eine ganze Reihe unterschiedliche Organisationen angeschaut. Und da es nicht so viele Gewerkschaften in Deutschland gibt, die eine funktionierende Basisdemokratie aufweisen, auch solche, die etwas ganz anderes tun. Welche Organisationen waren da für Euch besonders spannend und warum?
Wir dachten, dass wir das Rad ja nicht mühsam neu erfinden müssen und dass wir stattdessen auch einfach von den Erfahrungen anderer Organisationen lernen können. Das war insgesamt super spannend – jedes Gespräch bzw. Interview hat uns tief in die sehr unterschiedlichen grundlegenden Strukturen und Funktionsweisen der Gruppen blicken lassen und wir haben sehr viel von ihnen gelernt.
Besonders spannend, weil sehr gut auf unsere eigenen Strukturen übertragbar, waren die Gespräche mit der Mieter:innengewerkschaft in Berlin, mit den FAU-Syndikaten Leipzig und Berlin und dem Mietshäusersyndikat.
Außerdem haben wir mit der niederländischen Gastrogewerkschaft Horeca United, mit der spanischen CNT, den Zapatistas, der Interventionistischen Linken, Ende Gelände und einem sozialen Träger aus Dresden gesprochen. Oft sind mindestens Bruchstücke aus den Gesprächen in unserem neuen Konzept gelandet.
DA: Nun standet Ihr also vor der Herausforderung, das, was ihr erfahren und als gut befunden habt, auf die FAU Dresden und ihre Anforderungen hin zu übertragen. Was schlagt ihr nun vor – wohin soll es gehen, und vielleicht auch: Was habt ihr überlegt und auch wieder verworfen? Und warum?
Unsere Strukturreform lässt sich grob so zusammenfassen: mehr Dezentralität und Autonomie der Unterstrukturen bei gleichzeitig höherer Verbindlichkeit und Verantwortungsübernahme gegenüber der Gesamtstruktur.
Dezentralität steckt ja grundsätzlich im föderalen Prinzip der FAU schon drin und wurde in Dresden schon immer hochgehalten. Das zeigt sich z.B. in unserem Basisgruppenkonzept, in der Vielzahl unterschiedlicher Unterstrukturen sowie der sehr begrenzten Machtkonzentration in unserem Sekretariat. Mehr Dezentralität und Autonomie bedeutet vor diesem Hintergrund, unsere Körperschaften zu stärken, z.B. durch eigene Budgets, sodass nicht jede kleine Ausgabe über die VV gehen muss. Außerdem sollen unsere AGs, Kollektive, Unterstützungskreise und Basisgruppen verstärkt öffentlich als solche auftreten, sodass weniger mit der VV abgestimmt werden muss. Es spricht dann nicht mehr die FAU Dresden, sondern die Basisgruppe XY in der FAU Dresden. Das entlastet das gesamte Syndikat und entspricht außerdem unserem basisdemokratischen Anspruch.
Eine höhere Verbindlichkeit und Verantwortungsübernahme gegenüber der Gesamtstruktur ist besonders wichtig, weil wir jetzt schon so dezentral aufgestellt sind. Unsere Beobachtung ist, dass zwar an vielen Stellen im Syndikat total viel gemacht wird, dass aber der Zusammenhalt als Syndikat etwas abhanden kommt. Leere VVs sind nur ein Symptom davon, es bedeutet auch eine Vernachlässigung von Neumitgliedern und unserer „Reproduktionsarbeit“ (Mandate, Mitgliederaktivierung, Bildung und nicht zuletzt unsere Föderation). Eine solche Schwerpunktsverschiebung von gemeinsamen Strukturen in die Körperschaften geschah aber phasenweise schon mehrfach in der Geschichte des Syndikats, aber auch in die andere Richtung. Das hat auch immer Impulse gegeben, als Syndikat daran zu wachsen. So wollen wir jetzt die Körperschaften mehr in die Pflicht nehmen, um die Funktionsfähigkeit der Gesamtstruktur sicherzustellen. Oder anders gesagt: um die Gesamtstruktur zu einer nützlichen und funktionierenden Infrastruktur zu machen, die die Arbeit der Mitglieder in den Unterstrukturen ermöglicht, erleichtert und verbessert.
Eine zentrale Veränderung der neuen Struktur wird die Umstellung von monatlich auf quartalsweise stattfindende VVs, an denen immer ein delegiertes Mitglied jeder Körperschaft teilnehmen muss. Fehlen zu viele Delegierte, ist die VV nicht repräsentativ für das Gesamtsyndikat und darf entsprechend keine Entscheidungen treffen. Fehlt eine Körperschaft oft und ist nicht erreichbar, steht die Anbindung ans Syndikat in Frage und sie muss eventuell aufgelöst werden. Darüber hinaus ist die VV immer noch das Entscheidungsgremium für alle Mitglieder und auch Delegierte der Körperschaften haben weiterhin jeweils nur eine (und zwar ihre eigene) Stimme.
In den Monaten zwischen den VVs wollen wir schriftliche Abstimmungen einführen. Das Verfahren orientiert sich hierbei stark an unseren bundesweiten Regelungen, d.h. es gibt jeden Monat eine Phase der vorläufigen Antragsstellung, eine Diskussionsphase, eine Einarbeitungs- und dann eine Abstimmungsphase. Das neu ausgestaltete Orga-Sekretariat unterstützt Mitglieder ggf. beim Stellen und Überarbeiten ihrer Anträge. Wenn Anträge am Quorum und der notwendigen Mehrheit scheitern, landen sie in der nächsten VV. Änderungen der Satzung oder die Schaffung oder strukturelle Veränderung von Mandaten oder Körperschaften bleiben den VVs vorbehalten.
Neben der stärkeren Formalisierung des Antragsprozesses wollen wir eine deutliche Trennung von Diskussion und Entscheidungsfindung einführen. Wenn, z.B. im Rahmen der Diskussionsphase bzw. anhand der Abstimmungsergebnisse abzusehen ist, dass ein Antrag kontrovers ist, wird dieser nicht ausgiebig auf der VV ausdiskutiert, sondern auf eigens dafür organisierten Gewerkschaftsabenden. Auf diesen werden wiederum keine Entscheidungen getroffen. Stattdessen dienen sie der tiefgehenden Diskussion und der Vorbereitung eines möglichst konsensfähigen Antrags. Obwohl wir das neue Konzept noch nicht verabschiedet haben, sind die Gewerkschaftsabende bereits jetzt ein viel genutzter Selbstläufer, der die VV sehr entlastet und insbesondere weniger gut angebundene Mitglieder gut reinholt. Unbedingte Empfehlung!
DA: Gibt es schon ein Zwischenfazit „Stand jetzt“? Wie hat die FAU Dresden auf die Ideen reagiert – und was ist vielleicht auch umstritten?
Wir sind noch nicht in der Umsetzungsphase, sondern stecken gerade tief in der Erarbeitung neuer Richtlinien, Mandatsbeschreibungen, einer Geschäftsordnung und How-to’s – d.h. mitten im Detailgefriemel. Wir hoffen, die neue Struktur diesen Herbst beschließen und dann in die Umsetzung gehen zu können. Bislang war das Feedback aus dem Syndikat sehr positiv. Alle sehen den Bedarf nach Veränderung und wir erleben eine große Offenheit und gleichzeitig sehr hilfreiche und konstruktive Kritik. Bis jetzt sind wir mit dem Prozess sehr zufrieden und entsprechend auch optimistisch, dass es zur Umsetzung kommen wird.
Besonders kritisch ist die Verbindung von gesteigerter Komplexität, Hochschwelligkeit und Arbeitsaufwand, die wir aus dem Konzept nicht so richtig rauskriegen. Wenn wir z.B. die Qualität von Anträgen verbessern wollen, damit Mitglieder gut begründete Entscheidungen treffen können, setzt das voraus, dass Mitglieder gute Anträge schreiben können und dazu braucht es wiederum Zeit und Mandatierte, die sie darin unterstützen. Wenn wir Menschen mit wenig Kapazitäten genauso ernst nehmen wollen wie an VVs Teilnehmende, dann können wir dort keine spontanen Änderungen an Anträgen mehr vornehmen – die Diskussion muss schon vorher geführt werden. Wenn wir mehr Diskussionsräume für konflikthafte Themen schaffen wollen, braucht es Verantwortliche, die diese Diskussionen anstoßen, vorbereiten und moderieren. Die Praxis wird zeigen, ob uns der Spagat gelingt und ob wir dazu in der Lage sind, auch weniger aktive Mitglieder gut abzuholen und einzubinden. Die bisherigen Strukturen hatten da aber auch ihre große Schwäche, eine Verbesserung gelingt uns da allemal.
Ein weiteres kompliziertes Problem sind schnelle Entscheidungen, z.B. Bündnisfragen oder zügiges Handeln bei Repression. Für ersteres haben wir schon die Möglichkeit zu schriftlichen Eilabstimmungen und für zweiteres kurzfristig einberufene spontane Vollversammlungen. Diese Möglichkeiten bauen wir etwas aus und wollen auch mit einer Reihe von Unklarheiten aufräumen, die in kritischen Momenten bisher gute Entscheidungen verhindert haben. Der Gegensatz zwischen gut vorbereiteten aber auch schnellen Entscheidungen bleibt aber weiterhin bestehen und bereitet uns einiges Kopfzerbrechen.
DA: Und zu guter letzt: Sicher lässt sich nicht alles so recht auf andere Syndikate oder andere Organisationsebenen übertragen, aber wenn ihr mal Berater:innen sein mögt: Was sind die wichtigsten Fehler, die Syndikate im Wachstum machen, bzw. vielleicht eher die wichtigsten Dinge, die sie auf keinen Fall unterlassen sollten?
Mindestens wenn Syndikate stark im Wachstum sind, sollten sie sich die Zeit für eine grundlegende Nabelschau nehmen. Oft fällt das im alltäglichen Kleinklein gewerkschaftlicher Arbeit hinten runter. Dabei liegt es auf der Hand, dass Strukturen, die für 10-50 Leute gut funktionieren, für 100 nicht mehr greifen, weil viel weniger auf der persönlichen „Mensch kennt sich und trifft sich eh regelmäßig“-Ebene ausgeglichen werden kann. Aufbauend auf unserer eigenen Problemanalyse haben wir einen sehr ausführlichen Fragenkatalog zu Strukturthemen entwickelt, der sehr hilfreich für die Reflexion eigener struktureller Schieflagen ist und den wir sehr gerne zur Verfügung stellen (bei Interesse schreibt einfach eine Mail an faudd70@fau.org).
Die eigenen Organisationsstrukturen und -prinzipien zu hinterfragen, sollte vor allem nicht so lange verschleppt werden, bis die Gesamtstruktur entweder so festgefahren ist, dass Änderungen aufgrund von Widerständen nicht mehr durchsetzbar sind (z.B. im Zusammenhang mit Lagerbildung oder starker Machtkonzentration), oder dass eine starke Ausdifferenzierung von Unterstrukturen dafür sorgt, dass es nicht mehr ausreichend Mitglieder gibt, die sich für die Gesamtstruktur verantwortlich fühlen und einen solchen Prozess anstoßen könnten.
DA: Und was lässt sich für die überregionale Struktur der FAU aus den gewonnenen Erfahrungen lernen?
Die Grundlage von bedeutungsvoller Weiterentwicklung des eigenen Zusammenarbeitens ist eine ehrliche Kritik der eigenen Arbeitsweise. Am Ende (oder am Anfang) stehen immer Menschen, die die Strukturen (ob Vollversammlung oder Körperschaft) als produktive Räume verstehen, um ihre Kapazitäten im Sinne ihrer Ziele einzusetzen. Das betrifft nicht nur uns oder andere Syndikate, sondern auch die Strukturen unserer Föderation. Auch diese kranken oftmals an mangelnder Beteiligung und wir als Föderation sollten uns Gedanken machen, wie Regionaltreffen, Bundeskongress, Bundesmandate oder die Arbeit der Bundes-AGs von mehr Genossis als Orte wahrgenommen werden, in denen ihre Kapazitäten sinnvoll eingesetzt sind. Dabei sind Aufmerksamkeit gegenüber dem, was andere Menschen auf anderen Ebenen oder in anderen Organisationen ausprobiert haben, zusammen mit Mut für größere Verändungen gute Grundansätze, um Prozesse anzustoßen, die sich auch lohnen. Wir müssen sie ohnehin sorgfältig ausgestalten und ausgiebig diskutieren, da können wir uns auch mal was Großes vornehmen.

