Abstract:
Die FAU bleibt hinter ihrem Potenzial an organisatorischer Größe zurück. Das liegt meiner Einschätzung nach unter anderem am ´doppelten Wahrnehmungsproblem´ des Syndikalismus: Zum einen werden wir als syndikalistische Gewerkschaft zu wenig wahrgenommen, zum anderen als realitätsfern. In großen Teilen der Gesellschaft haben wir eine geringe Sichtbarkeit. Und wenn wir dann mal wahrgenommen werden, dann oft als hoffnungsloser Haufen mit viel gutem Willen. Das Problem der ´Unsichtbarkeit´ lässt sich teilweise auf unsere ausbaufähige Öffentlichkeitsarbeit zurückführen. Das Problem der ´Hoffnungslosigkeit´ ist zumindest teilweise aus einer linksradikalen Ästhetik zu erklären, die vor allem auf den Kampf und weniger auf das Ziel ausgerichtet ist. Dieser Beitrag möchte mit der Beschreibung dieses ´doppelten Wahrnehmungsproblems´ des Syndikalismus zur Diskussion darüber anregen, wie wir unsere allgemeine Präsenz steigern und ein möglichst realistisches und positives Zukunftsszenario vermitteln können.
Immer wieder kommt in Gesprächen über die Entwicklung der FAU die folgende Feststellung auf: Wir haben eigentlich ein riesiges Potenzial, bekommen es aber aus irgendwelchen Gründen nicht hin, dieses auszuschöpfen. Im folgenden Artikel werde ich versuchen, einige Gründe für dieses Problem aufzuzeigen. Darauf kann dann in einem kollektiven Prozess eine Lösung aufgebaut werden, Ansätze hierfür enthält dieser Text nur teilweise.
1. Unsichtbarkeit
Wir sind irrelevant. Das klingt hart, in weiten Teilen der Gesellschaft ist es aber der Fall. Die Menge der Leute, die die FAU kennen, lässt sich in zwei Hauptgruppen unterteilen:
- a) Menschen die ein als solches auftretendes FAU Mitglied in ihrem Umfeld (Betrieb, Schule, Familie etc.) haben. Da es nur ca. 2500-3000 FAU Mitglieder gibt, von denen auch bei weitem nicht alle in ihren Betrieben aktiv sind, dürfte die Anzahl dieser Menschen eher gering ausfallen.
- b) Menschen die in der (meist städtisch geprägten) linken Szene unterwegs sind und vor Ort ein Syndikat haben. Diese Menschen sind für uns insofern eher irrelevant, als dass sie sich normalerweise schon irgendwo inhaltlich relativ fest eingeordnet haben, sich als Autonome, MLer, Sozialdemokraten oder sonst was verstehen. Mit anderen Worten: wenn die nicht schon in der FAU sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann noch zu uns finden, vermutlich eher gering.
Eine Ausnahme hiervon bilden meist relativ junge Menschen, die gerade erst dabei sind, sich zu politisieren. Diese Menschen abzuholen halte ich für extrem wichtig. Hier liegt extrem viel Potenzial. Diese Gruppe bewegt sich vor allem in anschlussfähigen Gruppen und Kontexten der Kampagnenlinken oder im eher bürgerlich-reformistischen Bereich. Beispiele für solche anschlussfähigen Zusammenhänge wären unter anderem Widersetzen, die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht, die Schülis gegen Rechts oder (früher) Fridays for Future (ich bin z.B. selbst über FFF auf die FAU aufmerksam geworden). Gerade im Erreichen dieses wichtigen Spektrums tun wir uns aber besonders schwer, was zum Teil an (unserer) durchaus berechtigter und wichtiger Kritik am Ansatz vieler dieser Bewegungen liegt, aber auch an unserer unzureichenden Öffentlichkeitsarbeit. Dadurch überlassen wir das Feld anderen Organisationen, wie der Linkspartei, dem DGB oder autoritären K-Gruppen, die das besser hinbekommen, .
Speaking of Öffentlichkeitsarbeit: Das ist auch so ein Themenfeld wo wir ziemlich wenig zu bieten haben. Nur wenige Strukturen haben eine gut funktionierende Social-Media Arbeit. Beispiele wie der Aufschwung der Linkspartei bei der letzten Bundestagswahl oder der zunehmende Rechtsruck unter jungen Menschen zeigen uns aber, wie wichtig öffentliche Sichtbarkeit, vorallem in den sozialen Medien (auch wenn viele sie berechtigter Weise nicht besonders mögen), ist.
Die FAU, bzw. der Syndikalismus im Allgemeinen ist nur den wenigsten Menschen ein Begriff. Das hat den Effekt, dass wir weit hinter unserem Größenpotenzial zurückbleiben. Auch für das Vertrauen in uns als Gewerkschaft ist das potenziell ein Problem. Es ist tendenziell anzunehmen, das Menschen einer Organisation, von der sie noch nie etwas gehört haben, im Zweifelsfall auch weniger vertrauen.
Exkurs: Auf die Unsichtbarkeit des Syndikalismus könnte man auch das Aufkommen relativ neuer Antiautoritär-Kommunistischer und Linkssozialistischer Gruppen zurückführen, die sich häufig im Dunstkreis der Linkspartei aufhalten, in ihren Grundlagentexten aber erklären, dass sie sowohl den Ansatz des Reformismus im Parlament, als auch die Eroberung der Staatsmacht durch eine Partei ablehnen, aber dann nicht den (eigentlich äußerst naheliegenden) Schritt machen, sich mit dem Syndikalismus als dritten Ansatz zumindest einmal auseinander zu setzen. Aber das wäre Thema für einen anderen Artikel.
2. Hoffnungslosigkeit
In meinem Gemeinschaftskunde Lehrbuch der 8.Klasse stand Folgendes: „Linksextremisten…“, damit sind ja laut Verfassungsschutz auch wir gemeint, „…wollen Freiheit und Gerechtigkeit in zu hohem Maße.“. Zwar mag der geneigte Empathie-Benutzer jetzt fragen, was denn ein zu hohes Maß an Gerechtigkeit sein soll, aber wir haben es hier tatsächlich noch mit einer inhaltlichen Kritiken unserer Ziele zu tun. Kritik am Anarchismus ist meistens (im Übrigen auch in linken Kreisen) nur eine Kritik des individuellen oder aufständischen Anarchismus. Syndikalismus und Sozialer Anarchismus, wie wir ihn vertreten, ist nur sehr selten Gegenstand von Kritik. Das mag einerseits und eventuell primär an der in 1. erwähnten Unsichtbarkeit liegen, andererseits ist es aber auch äußerst schwierig, gegen Freiheit und Gerechtigkeit zu argumentieren. Und starke Argumente gegen die Strategie des Syndikalismus scheint es kaum zu geben, also wird er nach Möglichkeit lieber ignoriert – so findet sich auch im erwähnten Lehrbuch weder eine Erwähnung des Syndikalismus, noch ein einziges Argument gegen ihn.
Ein Argument gibt es allerdings doch – ein pragmatisches. Vor allem in Gesprächen mit Menschen, die sich selbst nicht der radikalen Linken zuordnen, begegnet einem immer wieder der folgende Einwand:
„Das klingt ja alles ganz schön, ist aber leider nicht umsetzbar“.
Hier sind wir auf ein weiteres Problem gestoßen: Die Menschen haben zu großen Teilen zwar ein Bewusstsein für die Probleme des aktuellen Systems, aber ihnen fehlt die Hoffnung, dass sich daran etwas ändern ließe. Ich bin der Meinung, unsere Aufgabe ist es, diese Hoffnung hervorzurufen. Dazu ist es notwendig, aufzuzeigen, was wir uns unter einer besseren Gesellschaft genau vorstellen, wobei die aktuellen Ansätze einer emanzipatorischen Menschenrechtserklärung da schon in eine sehr gute Richtung gehen. Auch Ästhetik ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Thema. Linksradikale Ästhetik ist häufig geprägt von Protest, Aktion, Aufstand. Menschen mit Fahnen, Sturmhauben, Gewehren.
Wir zeigen den Kampf, aber selten das, wofür wir eigentlich Kämpfen.
Das ist zwar ein Stück weit nachvollziehbar, weil der Kampf für die bessere Welt im Leben vieler linksradikaler Aktivist*innen eben viel Platz einnimmt, für Menschen von außerhalb der linken Szene kann es jedoch oft abschreckend wirken. Ich halte es für notwendig, auch in unserer Bildsprache stärker aufzuzeigen, wo wir eigentlich hin wollen. Es bietet sich hierbei beispielweise an, sich visuell am Solarpunk Genre zu bedienen, welches eine positive Zukunftsvorstellung mit einem besseren Mensch-Mensch und Mensch-Natur Verhältnis abbildet. Auch andere positive Science-Fiction Szenarien wie beispielsweise das Star Trek Universum, in dem die Menschheit ihre Differenzen überwunden hat und sich der friedlichen Erforschung des Kosmos widmet, können hier als Ansatzpunkt dienen.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass wir Syndikalist*innen mit unserer Außenwahrnehmung vor allem das Problem haben, dass sie für die allermeisten Menschen nicht existent ist. Einfacher ausgedrückt: nur sehr wenige Menschen wissen überhaupt, dass es uns gibt. Das muss allerdings nicht so bleiben, gerade junge Menschen könnten wir viel besser erreichen, wenn wir z.B. unsere Öffentlichkeitsarbeit mal etwas professioneller und moderner gestalten würden. Auch in Betrieb, Nachbarschaft etc. ist die Sichtbarkeit der FAU sicher ausbaufähig.
Wer doch das seltene Glück hat, uns kennenzulernen, der findet unsere Ideen zwar oft theoretisch ganz gut, praktisch jedoch fehlt es vielen Menschen schlichtweg an der Hoffnung, an der Gesamtscheiße irgendetwas ändern zu können. Angesichts der Nachrichtenlage und der Sozialisierung in einem System, in dem das höchste Maß an Mitbestimmung vielfach dadurch erreicht ist, aller paar Jahre das kleinste Übel anzukreuzen, ist das auch nicht verwunderlich. Es ist daher unsere Aufgabe, in unserer Kommunikation die nötigen positiven Narrative selbst mitzubringen und den Menschen Hoffnung zu machen, indem wir ein konkretes Bild davon malen, wie unsere Zukunft aussehen könnte, wenn wir unsere gemeinsame Kraft nutzen.

