Riddu Riđđu

– kleiner Sturm an der Küste-

(von Joris Kern)

Dies ist ein Reisebericht und der Versuch einer Zusammenfassung meiner Eindrücke von einem Festival in Nordnorwegen. Ausgerichtet von Sami, gestaltet von Menschen mit Wurzeln in verschiedenen indigenen Communities weltweit, mit einem starken Fokus auf Arktis. Riddu Riđđu ist eines von vielen weltweiten indigenen Festivals und Vernetzungstreffen, eines von vielen Sami-Festivals und davon das internationalste. Es besteht seit 1991.

Gehört habe ich von Riddu Riđđu letztes Jahr. Als ich dieses Jahr hinfahre, bin ich mir immer noch unsicher, ob ich als nicht-indigene Person überhaupt willkommen bin und bereit, wieder abzureisen. Was allerdings gar nicht so einfach wäre, denn es fährt nur einmal täglich ein Bus, der knapp drei Stunden von Tromsö braucht und weder Bargeld noch meine Geldkarte akzeptiert. Schon im Bus stellt sich allerdings heraus, dass es noch mehr Weißnasen wie mich gibt und wir willkommen sind. Obwohl schon allein die Schätzung, wer indigen oder nicht-indigen ist, gar nicht so einfach ist. Einfacher ist es, bei den gelegentlichen „Schamanen“ aus Tschechien, Deutschland oder Frankreich den Bullshit-Alarm läuten zu hören und sich fremdzuschämen.

Obwohl ich viel Spannendes verpasse, weil mir erst viel zu spät klar wird, dass die online Programmseite des Festivals selbst die zahlreichen lang geplanten Workshops, Diskussionen und Performances erst kurz vorher veröffentlicht, nehme ich sehr viele neue Gedanken, Lernaufträge und Inspirationen mit.

Zunächst einmal breitet sich in mir eine seltsame Ruhe aus. Hier macht sich niemand irgendwelche Illusionen darüber, dass die Welt sich rapide im Klimawandel befindet, uralte Landschaften sich verändern und Spezies und Ökosysteme kollabieren. Die Arktis erwärmt sich derzeit ca. 7 Mal schneller als der Rest der Welt – Tendenz steigend. Das für diese Entwicklung Kapitalismus und Kolonialismus verantwortlich sind, ist allen klar. Es tut seltsamerweise gut, an einem Ort zu sein, an dem das Lebensrealität ist. Nicht theorielastiges Doomern, nicht Panik, keine Hoffnung auf Rettung, kein Streit darum, ob und was wahr oder was zu tun ist.

Die indigenen Leute die ich treffe sind oft zum Studieren in Städte gegangen, in Städten aufgewachsen oder arbeiten in Städten oder größeren Ortschaften. Viele hier machen selbst Kunst und Kulturarbeit. Manche haben das Leben in Jurten, Zelten, Guahtis etc. noch kennengelernt, zumindest als Kind, in den Ferien oder beim Besuch der Großeltern. Jedes Riddu Riđđu steht unter einem Motto. Dieses Jahr heißt es „River People“ und ich lerne, dass viele Traditionen sich sehr ähneln und Menschen auf dem Festival sich gegenseitig fragen, zu welcher Landschaft sie gehören: Fluss, Meer, Berge, Eis, Steppe… und dass dieses zu-einer-Landschaft-gehören etwas aussagt über Mindset und Narrative, aber auch über Verantwortung. Denn obwohl alle hier wissen, dass der Kampf aussichtslos ist, ist aufgeben keine Option. Man würde auch eine Verwandte nicht im Stich lassen, bloß weil man weiß, dass ihr Krebs sowieso unheilbar ist.

Ein großes gemeinsames Thema ist dieses Jahr Lachs. Um Lachs herum haben sich ganze Kulturen aufgebaut. Lachs wird im Meer überfischt, er verhungert durch Mangel an Futter oder muss weiter nordwärts ziehen, weil seine Futtertiere kaltes Wasser brauchen. Er wird durch Dämme, Verschmutzung, Bebauung und neue Fischarten am Laichen in den Oberwassern der Flüsse gehindert. Lachs gibt es im gesamten Nordatlantik, Menschen überall oberhalb des Polarkreises sind auf irgendeine Weise mit Lachs verbunden. Ich sehe einen traditionellen Lachstanz aus Kamtchatka in Sibirien und unterhalte mich mit den fabelhaften Aktivistinnen von „Ellos Deatnu“, die um den Grenzfluss Deatnu zwischen Finnland und Norwegen kämpfen. Durch Überfischung im Meer, touristische Fischerei am Fluss und den aus russischen Fischfarmen entkommenen Buckellachs gibt es im Deatnu kaum noch laichende Lachse. Wikipedia hingegen nennt den Deatnu immer noch den „Lachsreichsten Fluss der Welt“. Die angrenzenden Regierungen haben nun seit 2017 ein absolutes Fischereiverbot für alle Fische im Fluss verhängt und bauen alle zwei Jahre einen Damm auf, um den Buckellachs vom Laichen abzuhalten.

Dadurch werden aber nicht nur den angrenzenden Communities die Lebensgrundlagen entzogen. Es wird ihnen auch verboten, ihre traditionellen Methoden zur Flussreinigung anzuwenden, wodurch sich Lebensgrundlagen für Lachse und andere Spezies verschlechtern, die darauf angewiesen sind. Der Buckellachs schafft es zudem immer besser, den Damm zu überwinden, während der atlantische Lachs vor dem Damm aufgibt und dadurch seine Laichgründe vergisst.

Eine fast identische Geschichte höre ich von einer jungen Frau aus Alaska, und an allen Stellen, die mit Meer oder Flüssen zu tun haben, ist der gemeinsame Nenner Überfischung und Kolonialismus.

„Ellos Deatnu“ ist – wie ich lerne- außerdem eine Referenz auf „Ellos Alta“/ „Ellos Eatnu“. Der Kampf der Sami um den Grenzfluss Alta in den 70er Jahren hat zu einen neuen Selbstbewusstsein der Sami, einem Sami-Parlament und der Anerkennung von Sami-Rechten in Norwegen geführt. Aus diesem Kampf entstanden ist unter anderem eine größere internationale Vernetzung und er hat zur Gründung des World Council of Indigenous Peoples beigetragen. Der ältere Mann am Kunsthandwerksstand neben mir hat ihn mitgegründet. Leute gucken erstaunt, dass ich diese Berühmtheit nicht kenne.

In einer Performance zu „Stilla“ – also dem Ort des Widerstands rund um „Ellos Alta“ in den 70ern und 80ern – werden am Schluss Namen vorgelesen, ein lange Liste. Es sind Orte, an denen jetzt gerade in Norwegen um Orte, Landschaften und indigene Rechte gekämpft werden muss.

Kolonialismus ist ein Thema, das sich hier durch alles zieht. Es beginnt schon beim Ortsnamen. Auf Sami heißt der Ort des Festivals Olmmáivággi, das ist der Schoß der Göttin Olmma. Norwegen hat ihn umbenannt in „Manndalen“, Mann-Tal. Ich gehe zu der Performance „Blue Snow“ von Aviana Steinbacher, einer Grönländerin, die von ihren Rassismuserfahrungen in Dänemark berichtet und fürchterliche und ganz aktuelle Aussagen von dänischen Politikern zitiert. Und ich treffe die Sprecherin für die Rechte von Menschen mit Behinderung aus Grönland, die nebenbei erwähnt, dass vor kurzem eine junge Frau in Nuuk körperlich angegriffen worden ist, weil sie „zu dänisch“ aussah. Ich begegne den Leuten vom grönländischen Podcast „Homoholdet“, in dem zwei junge Queers auf kallaalisut über aktuelle Themen sprechen und tanze und singe beim Konzert von „Tarrak“ einem grönländischen Rapper mit marrokanischen Wurzeln.

Der Kampf gegen „invasive Arten“ von Regierungen und weißen Naturschutzorganisationen wird als Teil von kolonialem Denken wahrgenommen. Das Mindset von Feindschaft und Ausrottung wird in Kontinuität gesehen. Hier ist die Frage eher wie Veränderung begleitet und Anpassung gefördert werden kann. Indigene Menschen sind aufgewachsen mit Landraub, Diskriminierung, Ohnmacht, Stolz und Mut und der Notwendigkeit, sich an Veränderungen anzupassen, dem Wissen, dass es dafür starke Communities braucht und dem Vertrauen, dass es irgendwie immer weiter geht. Und auch zwischen den indigenen Menschen gibt es Unterschiede. Zwischen denen, die einen europäischen oder US-amerikanischen Pass haben und denen, die z.B. nur unter Lebensgefahr für sich und Verwandte von der Situation in Russland berichten können oder im Exil leben. Viele der Communities, die hier vertreten sind, sind traditionell eher matriarchal geprägt. In mehreren der vertretenen Sprachen gibt es keine männlichen und weiblichen Pronomen, dafür aber mehrere grammatikalische Fälle, die verschiedene Formen von „wir“ ausdrücken. Überall sind Regenbogenfahnen. Gleichzeitig tragen viele, auch junge Leute, traditionelle Kleidung, von der es immer klare männliche und weibliche Schnitte gibt. Immer wieder werden stolze Geschichten vom Widerstand gegen Kolonialmächte erzählt, insbesondere gegen Norwegen. Olmmáivággi als Ort des Widerstandes – auf dem während des Camps Security und Polizei herumläuft und sich Samstag Abend auf einmal Leute in Sami-Kleidung die Flagge Norwegens ins Gesicht malen und zusammen Norwegens Männerfußballmannschaft anfeuern. It’s complicated.

Natürlich bleibt es nicht aus, auch hier mit Nazivergangenheit konfrontiert zu werden. Die Politik der verbrannten Erde, die die Wehrmacht beim Rückzug hinterlassen hat hat auch in Sápmi (den samischen Gebieten) für große Zerstörung gesorgt. Die norwegische Regierung – damals sozialistisch/sozialdemokratisch wollte es gut machen und durch einen Wohlfahrtsstaat und Gleichheit für soziale Gerechtigkeit und ein Ende von Armut und Diskriminierung unter den Sami sorgen. Das hat dazu geführt, dass alle norwegischen Schulunterricht, Diätvorschriften und gleiche (süd-)norwegische Häuser bekommen haben, die für das Klima oberhalb des Polarkreises nicht geeignet waren. Und überhaupt: Was soll man mit einem eckigen Haus?!

Ich lerne wie man Kinder ohne Strafe erzieht – z.B. indem sich die Erwachsenen so sehr gegenseitig respektieren und höflich behandeln, dass Kinder durch die Nachahmung von Vorbildern lernt. Oder durch das Singen des Joiks eines Kindes auf verschiedene Weisen, wodurch ein Kind ermutigt oder getadelt werden kann.

Ich treffe viele spannende Menschen, die ruhig, besonnen und entschlossen tun, was sie für sich als richtig und wichtig erkannt haben und die sich basisdemokratisch organisieren. Ich nehme eine Liste von Lern- und Leseaufträgen mit: Arctic Council, die Geschichte der Samen, Grönland, Lachs. Die Frage danach, ob und wie Stadtmenschen wieder Fluss- oder Bergmenschen werden können, was das bedeuten würde und wie lange das dauert. Wie diese immer gleichen und doch vereinzelten Kämpfe so verknüpft werden können, dass sie den Wurzeln der Zerstörung endlich die Grundlage entziehen. Ich spüre den Wunsch mehr zu lernen und mich zu assoziieren, mich nützlich zu machen. Und dabei großartige Musik zu hören und mit guten Leuten zu feiern.