Gerade leben wir wohl eher in dunklen Zeit voller Krisen und es gibt vermutlich mehr zu berichten über Missstände, Abwehrkämpfe und Ohnmachtsgefühle. Da tut es ganz gut mal über ein lebendiges Beispiel für gelingende Solidarität, Handlungsmacht und erfolgreiche Initiative entgegen aller Widrigkeiten und Widerstände schreiben zu können.

Die Bakuninhütte wird 100 Jahre alt! Dieses Jubiläum macht einen Ort sichtbar, dessen Geschichte von Brüchen, Umnutzungen und Wiederaneignung geprägt ist und deshalb nicht umsonst das bislang einzige Kulturdenkmal der anarchosyndikalistischen Bewegung im deutschsprachigen Raum ist. Zugleich ist die Hütte heute ein beliebtes Wander- und Ausflugsziel inmitten geschützter Natur.

Ein Blick zurück

Errichtet wurde die erst Hütte – damals wohl mehr ein überdachter, in den felsigen Untergrund gehauener Verschlag – 1926 von einer Gruppe in der FAUD organisierter Arbeiter:innen. Doch begonnen hat die Geschichte bereits einige Jahre früher, nach dem ersten Weltkrieg. In Zeiten von Hunger und Not schlossen sich einige Arbeitende der Eisenbahnhauptwerkstatt Meiningen und weiterer Betriebe der FAUD an und pachteten ein Grundstück, um dort kollektiven Ackerbau zu betreiben. Ein Jahr später konnten sie ein Grundstück auf dem Höhenzug der Hohen Maas für die damals hohe Summe von 21.000 Reichsmark kaufen. Das Geld wurde auf verschiedenen Wegen zusammengesammelt und ganz im Sinne Kropotkins ‚Gegenseitiger Hilfe‘ war die Schuldenlast bereits nach zwei Jahren (!) gänzlich getilgt.

Bis 1925 wurden auf dem kargen Boden Kartoffeln und Getreide angebaut, dann rentierten sich die Kosten für Dünger und die Arbeit – z.B. musste das Wasser aus einem zwei Kilometer entfernten Brunnen herangeschafft werden – nicht mehr. Die Felder lagen brach, doch die ca. 30-köpfige Gemeinschaft traf sich weiterhin auf ihrem Stück Land. Das Grundstück liegt auf einem ca. 500 Meter hohen Plateau, umringt von Wald und einer wegen ihrer Artenvielfalt geschützten Kalkmagerwiese mit kilometerweiter Aussicht nach Süden. Nachdem die Gemeinschaft eines Tages von einem Gewitterguss überrascht worden war, kam die Idee auf, eine Schutzhütte zu errichten. Eine Erdgamme mit Koch- und Sitzgelegenheiten entstand. Bereits diese bekam den Namen ‚Bakunin-Schutzhütte‘.

Schon 1927 war die Hütte zu klein für die rege Nutzung und ein erster Erweiterungsbau wurde geplant und in Eigenarbeit realisiert. Auch das Grundstück wurde gestaltet. Es entstanden Sitzgelegenheiten; Baumgruppen, Büsche und Blumen wurden gepflanzt; Wege und Beete angelegt. Selbst an die Kinder wurde gedacht und eine Schaukel sowie ein handbetriebenes Kettenkarussell – das Einzige weit und breit zu seiner Zeit – gebaut. Der schöne und viele Platz und die kostenfreie Nutzung der Spielgeräte zog viele Familien an.

Schon damals wurden Besitzverhältnisse kritisch hinterfragt, so sollte auch niemand exklusive Zugriffsrechte für die Hütte haben. Um der Gemeinschaft einen juristischen Rahmen zu geben wurde daher Anfang 1927 der Siedlungsverein „Gegenseitige Hilfe“ gegründet. Dieser vereinte bis zu seiner Zwangsauflösung 1933 nicht nur FAUD-Mitglieder, sondern auch anders- und unpolitisierte Menschen.

Das Interesse der lokalen Bevölkerung wuchs, wie auch die Bedeutung als Treffpunkt für die anarchosydikalistische Arbeiter*innenbewegung aus Thüringen und ganz Deutschland. Sachspenden bereicherten das Inventar, der Zufahrtsweg wurde befestigt und eine Brauerei brachte mit den Getränken auch Gartenstühle und Tische. Finanziert wurde alles über eine Sammelbüchse.

Aus ihrer politischen Einstellung und ihren Grundüberzeugungen machte die Gemeinschaft keinen Hehl. Davon zeugen sowohl der Hüttenspruch „Freies Land und freie Hütte / Freier Geist und freies Wort / Freie Menschen, freie Sitte / zieht mich stets an diesen Ort“, wie auch Gedenksteine für Bakunin, Francisco Ferrer sowie Sacco & Vanzetti. Ebenso war ein zerbrochenes Gewehr als Zeichen des Antimilitarismus auf dem Gelände aufgestellt. Leider ist von all dem heute nicht mehr viel übrig außer alten Fotos und einigen Gesteinssplittern.

Eine Hochzeit erlebte die Hütte Anfang der 1930er Jahre, als unter anderem Erich Mühsam die Hütte besuchte und die anarchosyndikalistische Jugend ihr erstes Reichsferienlager dort abhielt. Die Hütte bekam mit Fritz Scherer einen Hüttenwart und zahlreiche Gäste verewigten sich im Hüttenbuch.

Der Aufschwung zeigte schnell, dass auch die erweiterte Hütte zu wenig Platz bot und ein zweiter Erweiterungsbau wurde geplant. Über Baufondskarten und Stocknägel sollte der Anbau finanziert werden. Trotz des Rückganges der FAUD-Mitgliederzahlen konnte im Herbst 1932 mit den Arbeiten begonnen werden. Wieder kam Unterstützung aus nah und fern für die Bauarbeiten.

Im August 1933 endet vorerst die Geschichte gelebter Solidarität und Selbstorganisation: Die Hütte wird von den Nationalsozialisten enteignet und gelangt über die SS und die NSDAP in private Hände. Der letzte Privatbesitzer vollendet immerhin den zweiten Erweiterungsbau nach den Plänen der Anarchosyndikalist*innen.

In der DDR folgten jahrzehntelange Umnutzungen, ebenfalls in Abkehr zur ursprünglichen politischen Bedeutung. Aus der Bakuninhütte wurde zuerst die Touristenstation „August Bebel“, dann die ‚Station junger Naturforscher‘ in der „Karl-Kneschke-Hütte“, bevor das Innenministerium die Hütte und das umliegende Gelände bis 1989 als Übungsgelände für die Bereitschaftspolizei Meiningen nutzte. Nach 1990 setzte Verfall ein, bis der Ort ab etwa 2006 schrittweise reaktiviert wurde.

Gescheiterte Rehabilitation

Der Meininger Franz Dressel hatte das Hüttenbuch, Fotos und weitere Erinnerungsstücke über die Nazizeit versteckt, Fritz Scherer rettete dies später nach Westberlin und berichtete 1984 in einem Artikel in der Szenezeitung ‚Schwarzer Faden‘ darüber.

Nach 1989 erinnerten sich einige Genoss*innen in Berlin an diese Geschichte und suchten und fanden die Bakuninhütte. Parallel dazu wurden auch junge Meininger Anarchist*innen wieder auf die Hütte aufmerksam.. Leider lebten weder Fritz Scherer noch genug andere vom Siedlungsverein „Gegenseite Hilfe“ und so wurde eine Rehabilitation und Rückbereinigung durch das Amt für offene Vermögensfragen abgelehnt.
Das Grundstück verwilderte und die Hütte verfiel.

Geglückte „Wiederaneignung“ und erste Sanierung

Ab der Jahrtausendwende gab es neue Bemühungen, die Hütte wieder in die Hand der Bewegung zu bekommen. Einzige rechtlich sichere Möglichkeit war damals der Kauf vom Bundesvermögensamt, der wieder durch breite Solidarität gestemmt werden konnte.

So konnten bis Oktober 2009 erste Reparatur- und Sanierungsarbeiten umgesetzt werden. Dann verbot das Bauamt des Kreises Schmalkalden-Meiningen auf betreiben des Bürgermeisters der Gemeinde in dessen Gemarkung das Hüttengrundstück liegt, den Zutritt und die Nutzung der Hütte.

Denkmal und lebendiger Ort

Nach einem Vergleich vor Gericht kann die Hütte inzwischen wieder betreten werden.

Seit 2015 steht sie sogar unter Denkmalschutz! Ausschlaggebend ist ihre besondere historische Bedeutung: als seltenes materielles Zeugnis anarchosyndikalistischer Bewegungsgeschichte und als Ort mit hohem erinnerungskulturellem Wert.

Heute verbindet die Hütte diese Geschichte mit ihrer Lage in einer naturnahen Landschaft: Eingebettet in geschützte Biotope ist sie Ziel von Wanderungen und Ausflügen – und zugleich ein Ort historischer Vermittlung.

2026: Bauen und Feiern

Das Jubiläumsjahr bietet verschiedene Gelegenheiten, die Bakuninhütte vor Ort zu beleben und zu erleben.

Nachdem bis Ende 2023 mehrere Bauanträge abgelehnt wurden, gab es im Januar 2024 eine Baugenehmigung zur Nutzungserweiterung. Obwohl es dagegen auch wieder einen Widerspruch der Gemeinde Ellingshausen gibt, wurde 2025 mit ersten Bauarbeiten begonnen. Ziele sind die Sicherung und Verbesserung des baulichen Zustandes, die Schaffung von Rettungswegen und sanitären Anlagen, um Übernachtungen, sowie archäologische Untersuchungen, zu ermöglichen – damit historische Zustände erfasst, belegt und möglichst wieder hergestellt werden können. All das bringt natürlich viel Arbeit mit sich und kostet Geld. Um das zu bewältigen setzen die Aktiven auf Gegenseitige Hilfe und Solidarität wie vor hundert Jahren.

Einen niedrigschwelligen Zugang zur wechselvollen Geschichte bieten beispielsweise geführte Wanderungen durch eine Meininger Stadtführerin, verbunden mit Ein- und Ausblicken in die Natur.

Die großen Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum finden am 12. und 13. September mit einem bunten Kulturprogramm sowie Führungen durch die Hütte und zur Geschichte statt. An diesem Wochenende kann nach Anmeldung beim Wanderverein auch in 20 – 30-minütiger Wanderentfernung von der Hütte gezeltet werden.

Ein Ort mit vielen Schichten

Die Bakuninhütte steht heute für ein Jahrhundert wechselvoller Geschichte: für politische Aufbrüche in eine freie Gesellschaft, gewaltsame autoritäre Umbrüche, lange Phasen der Überformung – und eine aktive Wiederaneignung in der Gegenwart.

Das Jubiläum ist daher weniger ein Rückblick als eine Einladung: diesen besonderen Ort selbst zu entdecken und wiederzubeleben.

Friedrich Buchbinder