In dem Film „Jeder Acker, Jede Fabrik“ stehen die Arbeiter*innen im Mittelpunkt

„Wir schreiben das Jahr 2026. Die Herrschenden zerstören den Planeten. Verzweiflung und Ohnmacht machen sich breit“. Mit dieser treffenden Zustandsbeschreibung beginnt der Film „Jeder Acker, jeder Fabrik“. Schon im Untertitel wird deutlich, dass es sich bei dem Film nicht um eine weitere Dokumentation handelt, die nur in Weltuntergangsstimmung endet. Nein, das Filmteam um die Filmemacherin und Aktivistin Johanna Schnellhagen sind ein Jahr durch verschiedene Länder gefahren und haben Arbeiter*innen und linke Aktivist*innen befragt, wie sie mit der Krise des fossilen Kapitalismus umgehen und sich grundlegende Änderungen am Arbeitsplatz vorstellen. Gleich am Beginn werden sie vorgestellt, es sind Arbeiter*innen und Aktivist*innen mit unterschiedlichem Alter, aus unterschiedlichen Ländern. Aus Deutschland kommen unter Anderem der VW-Vertrauensmann Lars Hirsekorn, Mitglied der IG-Metall, der Gartenarbeiter Jacob von der Gruppe Furios Farmworkers, aus Spanien der verrentete Hafenarbeiter Francisco Moreno.

Mehrere der im Film zu sehenden Beschäftigten arbeiten im Gesundheits- und Pflegebereich. Lutz aus Magdeburg, seit vielen Jahren Mitglied der FAU, ist auch vertreten.

In dem Film wird an Zeiten erinnert, als die proletarische Linke in der Offensive war und das Kapital Angst haben musste, bei Arbeitskämpfen in ihren Büros eingesperrt zu werden. Die proletarischen Aktivist*innen berichten über lange Streiks sowohl beim Autokonzern Fiat wie in den Hafenanlagen von Genua. Graziella spricht über lange Arbeitskämpfe an ihrem Arbeitsplatz in einer Universitätsklinik. „Die Bewegungen entwickelten eine Radikalität von der wir heute weit entfernt sind“, sagt die Stimme im Off. Die Arbeiter*innen aus den unterschiedlichen Ländern lieferten dafür sehr anschauliche Beispiele.

Im Film wird gezeigt, wie sich kollektive Aktivitäten aus den Fabriken in den Alltag ausbreiten. So berichten Arbeiter*innen wie sie dafür sorgten, dass Menschen, denen Strom und Gas abgestellt wurde, weil sie ihn nicht zahlen konnten, wieder an die Energieversorgung angeschlossen wurden. Solche solidarischen Aktionen gab es auch in den Jahren zwischen 2011-2015, als die Massenproteste gegen die EU-Austeritätspolitik in Griechenland große Teile der Gesellschaft erfassten.

Der Krankenhausangestellte Marco, der in der linkskommunistischen Gruppe Angry Workers engagiert ist , erläutert, wie die Bewegung in der Aufbruchszeit von 1968 durch staatlichen Terror und durch Integration stillgelegt wurde. Etwas schnell kommt dann im Film der Sprung in die Gegenwart, wo wir es mit einer demobilisierten und desorientierten Klasse zu tun haben, die wenig Bewusstsein von ihrer Stärke hat, die sie nur in gemeinsamen Kämpfen spürt. Da wäre ein Verweis auf die Zerschlagung des britischen Bergarbeiterstreiks sicher hilfreich gewesen, der der Arbeiter*innenklasse massiv schadete.

Kein utopisches Wünschdirwas

Doch es soll im Film nicht beim Anprangern des desolaten Ist- Zustands bleiben. Unter dem Oberbegriff Weltkommune berichten verschiedene Beschäftigte aus unterschiedlichen Branchen. Beatrix Sassermann verweist auf den Wegfall von Doppelarbeiten, wenn das Patentrecht des Kapitals und die Werbung wegfallen würde. Lars Hirsekorn betont, dass die Nachtschicht wegen gesundheitlicher und sozialer Folgen weitgehend abgeschafft würde. Ein großes Plus ist, dass es sich bei den Statements der Arbeiter*innen nicht um ein utopisches Wünschdirwas handelt. Die Gesprächspartner*innen kennen sich in ihren Arbeitsbereich sehr gut aus und beschreiben sehr konkret, was sich in einer Gesellschaft ändern könnte, die nicht mehr nach kapitalistischen Grundsätzen funktioniert. Dafür aber ist, dass wird im Film auch deutlich, die Selbstverwaltung der Arbeiter*innen in den Betrieben nötig. Es geht also nicht um eine Verstaatlichung der Betriebe und eine von oben geplante Wirtschaft. Aber in dem Film wird auch deutlich, dass die selbstverwalteten Betriebe untereinander verbunden sein müssten, damit die gesellschaftlichen Bedürfnisse befriedigt werden können. Im Film wird das Konzept einer Planwirtschaft von unten vorgestellt, dass Rätekommunist*innen als Antwort auf die Verstaatlichung der russischen Revolution bereits in den 1920er Jahren entwickelt hatten. Kernstück ist die Demokratische Arbeitszeitrechnung. Heute gibt es eine Initiative, die das Konzept auf die Gegenwart überträgt.

Es geht um eine von den Arbeiter*innen selbst organisierte Buchhaltung. Für jede Stunde geleistete Arbeit gibt es ein Zertifikat. Damit sollen Produktion und Konsumtion in ein durchsichtiges Verhältnis miteinander gebracht werden, wie Andre, Suse und Sebastian von der Initiative Demokratische Arbeitszeitrechnung erläutern. Natürlich ergeben sich viele Fragen, weil auch die Carearbeit wie Kinderbetreuung als Arbeitszeit eingerechnet werden soll.

Der Film rückt die Lohnabhängigen in aller Welt in den Mittelpunkt und zeigt, dass sie klare Vorstellungen haben, wie die Arbeitsprozesse und die Wirtschaft umgebaut werden könnten. Aber der Film macht auch ein Problem deutlich. Es wird fast nur theoretisch darüber gesprochen.

Die Protagonist*innen sitzen in der Regel auf dem Sofa oder dem Hocker und sind nicht auf ihren Arbeitsplatz. Vielleicht kann der Film dazu beitragen, dass diese Vorstellungen auf den Äckern und in den Fabriken praktisch ausprobiert und umgesetzt werden. Wenn Johanna Schellhagen darüber einen Film drehen könnte, würde ich mich freuen.

Aktuelle Termine

(Stand 14.10., Aktualisierungen auf https://www.jederacker.de/de)

ASCHAFFENBURG

veranstaltet von der FAU Aschaffenburg, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

BASEL

Vario, Lindenberg 21, Basel, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

BERLIN

Kinopremiere im Kino in der Brotfabrik, Caligariplatz 1, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

Stadtteilladen Rote Lilly, Emserstr. 114, Neukölln, in Anwesenheit der Filmemacher*innen, organisiert von der Initiative kämpfende Arbeiter*innen

BERN

in der Reitschule Bern, veranstaltet vom Klimastreik Bern, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

BIEL/BIENNE

Salon Gurzelen, Champagneallee 2, in Anwesenheit der Filmemacher*innen, organisiert von der FAU

DACHAU

Freiraum, Brunnengartenstr. 7, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

FRANKFURT A. M.

in Anwesenheit der Filmemacher*innen, Wohnprojekt Kolle, Schöffenstr. 9b, veranstaltet von Communaut.org

FREIBURG

Susi-Café, Vauban-Allee 2, organisiert von La Banda Vaga

GÖTTINGEN

Kino Lumiére, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

HEILBRONN

Soziales Zentrum Käthe, Wollhausstr. 49, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

JENA

im Rahmen der Einführungswochen an der Uni Jena, Hörsaal 4, Carl-Zeiß-Straße 3 in Anwesenheit der Filmemacher*innen

KARLSRUHE

Kinemathek Karlsruhe, Kaiserpassage 6, veranstaltet von der Roten Hilfe und dem Barrio, in Anwesenheit einer Protagonistin und der Filmemacher*innen

MÜNCHEN

Kulturladen Westend, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

NÜRNBERG

Stadtteilladen Schwarze Katze, Untere Seitenstraße 1, in Anwesenheit der Filmemacher*innen, organisiert von Organisierte Autonomie Nürnberg

ROSENHEIM

Z Linkes Zentrum, in Anwesenheit eines Protagonisten aus dem Film

SOLOTHURN

Cigno Nero, Schwanengasse 1, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

STUTTGART

in Kino Delphi, Tübinger Straße, in Anwesenheit der Filmemacher*innen

TÜBINGEN

Schellingstraße 6, in Anwesenheit der Filmemacher*innen, veranstaltet von der FAU Sektion Tübingen-Reutlingen und dem Infoladen Tübingen

ZÜRICH

Post Squat, in Anwesenheit der Filmemacher*innen, organisiert von Zürisolidarisch, Organisierte Autnomie und Eiszeit