Simon Pfau beschrieb in der Direkten Aktion ein „doppeltes Wahrnehmungsproblem des Syndikalismus“: Zum einen ist unser Ansatz in der Öffentlichkeit weithin unsichtbar, zum anderen trifft er verbreitet auf Hoffnungslosigkeit, selbst bei denen, die ihn sympathisch finden: „Das klingt ja alles ganz schön, ist aber leider nicht umsetzbar“. Simons Schlussfolgerung: „Es ist daher unsere Aufgabe, in unserer Kommunikation die nötigen positiven Narrative selbst mitzubringen und den Menschen Hoffnung zu machen, indem wir ein konkretes Bild davon malen, wie unsere Zukunft aussehen könnte, wenn wir unsere gemeinsame Kraft nutzen“, kurz „ein möglichst realistisches und positives Zukunftsszenario vermitteln können.“ Das ist wahrlich leichter gesagt als getan. Dass Hoffnungslosigkeit stärker denn je um sich greift, ist in Anbetracht einer vielfach von Arbeitsdruck, gesundheitlichen Belastungen, Zukunftsangst, Einsamkeit, Armut, Diskriminierung oder Gewalt geprägten individuellen Lebenslage als auch des bedrohlichen Zustands der Welt kaum anders zu erwarten.
Doch zunächst sollte das Problem der Unsichtbarkeit genauer betrachtet werden. Dazu zerlege ich es erst einmal in zwei Teile: Ein schlichter Mangel an medialer Präsenz einerseits und ein Problem der Sichtbarkeit der syndikalistischen Idee und Zielsetzung in unserer Außenwahrnehmung andererseits. Die Problemdarstellung führt damit direkt zu einigen Grundgedanken des syndikalistischen Ansatzes, die wir offenbar nur schwer vermitteln können. Mit dem Problem der Hoffnungslosigkeit dürften wiederum nicht nur wir konfrontiert sein – aber wir hätten Argumente für ein „Trotzdem“, die gerade in unserem Ansatz liegen.
Die FAU in den Massenmedien
Für die „bürgerlichen“, zumindest lokalen Medien sind wir praktisch nur dann von Interesse, wenn wir einen halbwegs prominenten Betrieb öffentlich angreifen oder – noch seltener – bei anderen besonderen Anlässen wie einer Lokaleröffnung oder einer bemerkenswerten Präsenz auf einer Demo. Für den linkeren Teil der überregionalen Presse sind wir es auch dann, wenn wir in aktuellen politischen Themen von uns hören lassen (das ist selten genug) oder sonst irgendeinen größeren Wurf hinlegen. Häufiger mal fragen Dokumentarfilmer:innen an, wenn es um superprekäre Arbeitsbedingungen geht, oder um alternative Wirtschaftsansätze. Viel dieser massenmedialen Präsenz bleibt jedoch mehr oder minder oberflächlich. Journalistische Perlen gut aufbereiteter Arbeitskämpfe oder tiefschürfenderer Interviews gibt es nur vereinzelt und oft abhängig von gezieltem Kontakteknüpfen einzelner Mitglieder.
Um massenmediale Aufmerksamkeit zu erregen, ist unsere Ausgangslage allerdings auch denkbar schlecht: Wir sind im politischen Koordinatensystem schwer unterzubringen, unsere kleinen Erfolge sind oft nicht unbedingt ‚leicht erzählte Geschichten‘. Wir machen zumeist keine spektakulären Aktionen mit Riesenbannern oder Parteibürobesetzungen, wir sind nicht mal skandaltauglich wie irgendein Jugend- oder Ortsverband irgendeiner Partei, der dem Mutterschiff nur mal kräftig in die Staatsraison treten muss, um einigen Wirbel erregen zu können. Was wir machen ist für Medien langweiliger, aber arbeitsaufwändiger.
Unsere eigene Öffentlichkeitsarbeit
„Wir alle sind im Kapitalismus unseres Glückes Schmied und sind deshalb auch Schuld an unserer Erfolglosigkeit. War das die Botschaft?“ war ein süffisanter Facebookkommentar zu Simons Artikel. Für den folgenden Aspekt unserer Unsichtbarkeit wäre die Antwort „Im Prinzip ja“:
Während unsere Mitgliedschaft in den letzten 20 Jahren ungefähr um den Faktor 10 zugenommen hat, hat das syndikalistische Medienschaffen das sicher nicht. Unsere Webredaktion, die Redaktion der ‚Direkte Aktion‘ wie auch die Presse-AG waren zeitweilig vollkommen unter- bis unbesetzt, die überlokalen FAU-Kanäle auf diversen Medienplattformen wurden nur unregelmäßig bespielt und diejenigen der örtlichen Syndikate beschränkten sich weitgehend auf Ankündigungen, Berichte über Arbeitskonflikte, Arbeits- und Sozialrechtsbasics und dergleichen. Nur bei wenigen kommt das ansatzweise professionell daher, und nur selten – sicherlich mangels Kapazitäten – wurden unsere Arbeitskonflikte medial gut in Szene gesetzt – aber viele geben da eben auch wenig her. Die Zahl wenigstens im weiteren linken Spektrum bekannter Autor:innen, die mit mehr oder minder syndikalistischen Inhalten in die Öffentlichkeit treten, ist heute so übersichtlich wie eh und je.
In „linken“ Organisierungs- und Konzeptdebatten der vergangenen Jahrzehnte – etwa unter den Stichwörtern Neue Klassenpolitik, Keimformtheorie oder Demokratische Arbeitszeitrechnung war die FAU ebenso weitgehend unsichtbar, trotz aller relevanten Überschneidungen. Zu aktuellen politischen Fragen jenseits solcher im unmittelbaren Bereich gesellschaftlicher Verteilungsfragen gibt es von uns in der Regel gar nichts – dafür gibt es auch durchaus relevante Gründe. Und wenn wir ‚direkt‘ in der Öffentlichkeit auftauchen: Kommt die syndikalistische Botschaft wirklich rüber? Sicher vielfach nicht, oder eher im persönlichen Gespräch danach. Auch wenn sich unser eigenes Medienschaffen wieder auf dem Weg der Besserung befindet, wirkt es letztlich doch kaum über eine linke „Bubble“ hinaus, bleibt teilweise recht akademisch und zeichnet nur punktuell ein anschauliches Bild dessen, was Syndikalismus eigentlich konzeptionell und praktisch ausmacht und wie eine Vision auch für deine ganz konkrete Zukunft aussehen könnte: Ohne Zweifel sind hier in Sprache, Form und inhaltlicher Schwerpunktsetzung erhebliche Verbesserungen möglich. Damit ist das „Wahrnehmungsproblem“ alleine aber nicht längst beseitigt:
Wie vermittle ich anhand unserer Praxis eigentlich Syndikalismus?
Da stellen sich wiederum zwei Fragen:
- Was machen wir denn eigentlich wirklich?
- Taugt das, was wir wirklich machen, auch zur medialen Vermittlung von Syndikalismus?
Vor jeglicher Antwort auf diese Frage ein paar Basics, zu denen wir sicherlich alle stehen können, und die der Kern unserer Botschaft sein sollten: Die syndikalistische Gewerkschaft strebt die Verbesserung der Lebensbedingungen ihrer Mitglieder an. Darin sind zentral die materiellen Lebensbedingungen. Um darauf Einfluss zu nehmen, braucht man idealerweise Handlungsmacht dort, wo die Produktion und Verteilung stattfindet, also in den (kapitalistischen) Betrieben: Streikfähigkeit oder Blockademacht, um die Änderung der Verteilungsbedingungen mittels Androhung, die Produktion lahmzulegen, erzwingen zu können. Zum Kampf um unsere materiellen Lebensbedingungen gehört auch anderes: Gesundheit, Bildung, Wohnen und Ausbeutungsverhältnisse im reproduktiven Sektor, wo jedoch der machtvolle Zugriff auf die Produktion nicht so direkt möglich ist.
Auf lange Sicht strebt die (anarcho-)syndikalistische Gewerkschaftsbewegung (mit Nuancen) die grundlegende Änderung des Wirtschaftssystems und die Abschaffung aller anderen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse an, was in unserer Sichtweise nur ohne einen ’starken Staat‘ funktionieren kann. Das bedeutet: Wir müssten also durch unsere Praxis ‚im Hier und Jetzt‘ zugleich die Grundlage genau dafür schaffen, in dem wir die kooperative Kultur, die Organisationsstruktur und das Wissen herausbilden, also ‚die neue Welt in der Schale der alten aufbauen‘. Das ist selbstverständlich weit entfernt und mit einiger Wahrscheinlichkeit wird uns die Welt komplett um die Ohren fliegen, bevor wir bzw. unsere Nachkommen auch nur ansatzweise da hin kommen. Das Problem der Hoffnungslosigkeit ist aber erst später dran.
Aus dieser weitreichenden Perspektive auf gesellschaftliche Veränderung – nicht durch Integration in den oder Übernahme des Staates, sondern durch Schaffung einer gesellschaftlichen Basis ihm gegenüber und als Ersatz für ihn – erwächst eine Leitlinie für eine idealtypische syndikalistische Handlungsweise im Hier und Jetzt: Die Direkte Aktion, also die Durchsetzung der Ziele ohne vermittelnde Instanzen und staatliche Schiedsrichter:innenschaft (davon müssen wir uns emanzipieren). Direkte Aktion ist die schlichte Anwendung unseres Zaubertranks namens Arbeiter:innenmacht. Fast alle haben ihn, kaum wer wendet ihn richtig an.
Abstrakt formuliert aus all diesem: Das Ziel soll schon in den Mitteln erkennbar sein. Damit sollte die Frage Wie vermittle ich denn nun Syndikalismus?, und zwar – worauf Simon abzielt – „als möglichst realistisches und positives Zukunftsszenario“, beantwortet sein: Durch die Praxis! Falls es überhaupt mit diesem „Und“ möglich ist, wäre dann das Problem, dass sich unsere Praxis etwas quer zur Erzählung stellt:
- Einen Kernbestandteil müsste die gewerkschaftliche Aufbauarbeit in den Betrieben bilden. Diese findet aus guten Gründen oft nicht gerade öffentlich statt, und bleibt in der FAU relativ punktuell – auf den einzelnen Betrieb ausgerichtet, in dem wir personell stark genug sind. Sie taugt damit herzlich wenig zu einer notwendig mehr oder weniger plakativen medialen Selbstdarstellung. Einerseits ganz generell: Welchen Stellenwert spielt schon die Alltagsarbeit in Gewerkschaften, Betrieben, Betriebsräten in der Öffentlichkeit – die völlig dominiert ist vom politischen Alltagsgeschäft: dem Kampf um die Dominanz im Staat, dem wir uns enthalten? Andererseits: In manchen Fällen will eine FAU-Betriebsgruppe sich gar nicht in den Medien wiederfinden – selbst mit ihren kleinen Erfolgen –, sondern möchte taktisch unter dem Radar bleiben.
- Unsere spektakuläreren Arbeitskonflikte entstehen hingegen oft ganz anders: Arbeiter:innen kommen zu uns, nachdem eigentlich schon alles ins Wasser gefallen ist. Wir können dann erst einmal öffentlich vorgehen – das gibt schöne Bilder. Aber in aller Regel landen diese Konflikte irgendwann vor Gericht, und mit „Direkter Aktion“ hat das nur noch wenig zu tun. Vor Gericht bekommen wir oft sogar recht. Das ist dann ermutigend und lehrreich – und schön dass wir helfen konnten und mal als kämpferischer David gegen Goliath in den Medien zu sehen sind. Hier vermitteln wir ‚FAU ist ein nützliches Instrument‘, aber Syndikalismus“?
Aus dem was von unserem ‚Kerngeschäft‘ sichtbar ist, springt dem geneigten Publikum also nicht unbedingt der syndikalistische Grundgedanke ins Auge. Und wenn auch konzeptionell der Arbeits- und Betriebskampf im Zentrum steht – das Spektrum syndikalistischer Aktivität ist potenziell wesentlich breiter. Dazu kann gehören:
- sich beispielsweise nicht unmittelbar auf Betriebsebene begeben, sondern gezielt die verstreuten Arbeiter:innen der einzelnen Branchen organisieren, die der Idee der FAU und/oder daraus mehr oder minder abgeleiteten branchenpolitischen Positionen nahe stehen,
- parallel zur Organisierung von Lohnarbeitenden ebenso diejenige von sozialen Gruppen wie Erwerbslosen, Jugendlichen, Kollektivbetriebsbeschäftigten u.v.a. voranzutreiben – auch wenn hier eben die klassisch-gewerkschaftliche Machtressource nicht direkt zum Einsatz kommen kann,
- und schließlich Aktivitäten im ‚reproduktiven‘ Sektor: Kampf um bezahlbaren Wohnraum, Förderung von Bildung und Gesundheit der Mitglieder, Sorgearbeit usw. – was in historischen Gewerkschaften sicher oft eine größere, organisatorisch integriertere Rolle spielte als in der gegenwärtigen FAU, wo dies oft eher informell ‚am Rande‘ oder Mitglieder dies parallel mit Organisationen außerhalb der FAU verfolgen.
Diese im weiteren Sinne gewerkschaftlichen Aktivitäten in all ihren Facetten beinhalten für sich betrachtet aber ebenso das bekannte Vermittlungsproblem: Zwar stehen sie in einem konzeptionellen Gesamtzusammenhang – Keimzelle einer solidarischeren, gerechteren, freieren Gesellschaft in der Schale der bestehenden zu sein –, sind aber für sich zum Teil auch sehr unspektakulär und nicht unmittelbar typisch für Syndikalismus.
Nun könnten wir als weniger praxisorientierten Vermittlungsansatz noch denjenigen wählen, in aktuellen gesellschaftlichen Konflikten eine eigenständige syndikalistische Position zu propagieren. In manchen Feldern ergibt sich eine solche recht klar aus der antiautoritär-klassenkämpferischen Grundsubstanz: Einerseits klar auf einer Seite eines konkreten Konfliktfeldes und vertrackterweise andererseits auch ein bisschen verquer dazu: Wir positionieren uns klar gegen die aktuell angedrohten Reformen des Sozialstaats, aber keinesfalls ist die bloße Verteidigung des Status Quo unser Ziel. Der ist nicht nur schon elendig genug – das gegenwärtige Wirtschaftsmodell steuert die Welt auch zunehmend in die Katastrophe. Das wäre also alles in den Sozialprotesten zu vermitteln. Sicherlich sind wir uns auch in einigen anderen Politikfeldern prinzipiell einig. Wir haben aber zum einen gar nicht den Anspruch, zu allen möglichen allgemeinpolitischen Themen detaillierte gemeinsame Positionen zu haben. Und zum anderen fehlen bei kontroverseren Themen zuweilen einfach die Kapazitäten und Mittel, aus der Diskussion überhaupt eine solche herauszudestillieren. Entsprechend ist zu vielem von uns einfach gar nichts zu lesen. Is it a bug, or a feature?
Zusammengefasst: Wir haben kein Parteiprogramm, wir sind auch keine bloße Ideenorganisation für ein utopisches Gesellschaftsmodell nach dem Kapitalismus (das müssten wir en detail auch erst entwickeln), sind keine Aktionsgruppe, kein Dienstleister und keine Rechtsschutzversicherung (für den Notfall gibt’s aber Rechtshilfefonds), keine bloße Selbsthilfegemeinschaft (aber auch), und viel mehr als reine Organisation am Arbeitsplatz (was aber dennoch der Kern sein müsste). Wonach es aber dann öffentlich aussieht, steht auf einem anderen Blatt.
Mehr noch: Die FAU besteht momentan vor allem aus einem Zusammenschluss „Allgemeiner Syndikate“. Die machen demnach potenziell im Prinzip ‚alles‘, was Syndikalismus sein könnte. Die lokalen Schwerpunkte ergeben sich durch die Menschen, die dort sind, von ihren konkreten Problemen und/oder taktischen Erwägungen bestimmt, aber keineswegs einheitlich. Während an einem Ort eine explizite Fokussierung auf die Organisierung in Betrieben gelegt wird, bestehen andere Syndikate aus einer Vielzahl von kleineren Basisgruppen, die ganz unterschiedliche Facetten syndikalistischer Praxis abdecken, und noch andere machen einfach das, was mit der beschränkten Zahl und der konkreten Situation der Aktiven überhaupt gerade möglich ist.
„Hoffnungslosigkeit?“ – wir haben das beste Argument für „Trotzdem!“
Wir haben also zum einen dieses ziemlich besondere Ideengerüst und eine Praxis, die unter den gegebenen Rahmenbedingungen längst nicht alles das umfasst, was im Ideengerüst vorgesehen ist. Unser Ansatz, so Simon, träfe dennoch sogar auf einige Sympathie – er würde aber verbreitet für unrealistisch gehalten.Ersteres glaube auch: Das tut er weit mehr als die Mitgliederzahl vermuten lässt. Und wenn zweiteres auch so ist – einmal übertrieben nüchtern betrachtet: Ist es denn so viel realistischer, dass eine weitreichende positive gesellschaftliche Vision auf parlamentarischem Wege oder durch bloße Überzeugungsarbeit oder durch den spontanen Massenaufstand und die „Diktatur des Proletariats“ entstehen wird? Oder auch nur ein einigermaßen langfristig absehbares Niveau ‚Sozialer Sicherheit‘ durch das Wählen sozialdemokratischer und linksliberaler Parteien?
Dieses Argument widerspricht nicht der Annahme, dass ‚Hoffnungslosigkeit‘ ein wesentliches Moment ist, das Gewerkschaftsaufbau gerade so mühsam macht. Jedoch sollte kein Phänomen sein, was gerade uns besonders betreffen sollte – sogar im Gegenteil, denn das erste Ziel unserer Kämpfe ist ja eigentlich sehr greifbar und liegt schon auf dem Weg: Vom Mainstream politischer Organisationen unterscheidet uns prinzipiell, dass wir nicht bloß um deine Ressourcen zum Kampf für ein ‚gutes‘ Ziel buhlen, sondern die gemeinsame, selbstorganisierte Verbesserung unserer konkreten Lebensbedingungen suchen. Das betrachten wir als einen notwendigen Teil des Weges zum Fernziel einer besseren Welt – es ist aber zugleich kollektives Ziel für sich. Letzteres verbindet uns auch mit anderen Gewerkschaften – wobei diese jedoch zumeist kaum noch eine gemeinsame Vision der Überwindung des Bestehenden erkennen zu lassen. Willst du dich damit nicht zufrieden geben? Wir auch nicht. Willst du konkret für die Verbesserung deiner Lebensverhältnisse und zugleich die Vision einer besseren Welt, der grundlegenden Überwindung der bestehenden Scheiße nicht aufgeben? Letzteres erscheint dir hoffnungslos? Mit dem syndikalistischen Ansatz haben wir ein Argument für das „Trotzdem!“. Er macht auch dann Sinn, wenn du das, was du dir ganz fern und utopisch wünscht, gar nicht mehr für erreichbar hältst.
Wie bringen wir diese Botschaft nun unter die Leute? Plakativ, konkret, auf Dein Leben, deine Zukunft heruntergebrochen? Wie die Werbung für Haut-, Sonnen- oder Zahncreme in der Apotheken-Umschau: „Vorher – Nachher“ oder „ohne Pseudosyndicin-Ultra-Forte-Komplex+ – mit Pseudosyndicin-Ultra-Forte-Komplex+“ usw.? Also:
„Wie sieht dein Leben ohne FAU aus? –
Wie könnte dein zukünftiges Leben mit FAU aussehen?“
Im Unterschied zu den Werbebildchen in der Apotheken-Umschau sollten wir laut Simon allerdings „ein möglichst realistisches und positives Zukunftsszenario vermitteln“. Unser Zaubertrank heißt ‚Arbeiter:innenmacht‘ – ihn gibt es allerdings nicht zu kaufen wie Pseudosyndicin-Ultra-Forte-Komplex+, sondern er muss erst kollektiv hergestellt werden.
Die Zutaten sind wir und ihr selbst, liebe Leser:innen, aber wir haben schon die Produktionsmittel in Form einer Organisation. Und die optimieren wir gerade, was wir lange verschlafen haben: Aktuell entstehen bundesweite Vernetzungen in verschiedenen Branchen, eine Jugendorganisation, Erwerbslosengruppen, wir entwickeln neue Konzepte, um mit verbreiteten Organisationsproblemen und auch menschlichen Verletzungen umzugehen. Wir sehen, dass die Bedürfnisse der Menschen, die wir eventuell vom Mitmachen überzeugen können, komplexer sind als das Problem auf Arbeit, und dass Aktiv-Sein-Können und Sinn-Darin-Sehen von vielen Faktoren gehemmt wird, und wir finden langsam bessere Umgänge damit. Doch wir können nicht einfach und überall sagen „Hier wird dir geholfen“, sondern vor allem „Hier triffst du Menschen, mit denen du zur kollektiven Selbstverteidigung schreiten kannst“. Vielleicht ist was du dazu brauchst schon ganz gut vor Ort vorhanden, vielleicht müsstest du aber auch selbst erst einige Zeit, Energie und Geduld in die Aufbauarbeit stecken – mit ungewissem Ausgang. Da müssen wir ehrlich sein.
Was mit der FAU in der näheren oder ferneren Zukunft real sein könnte, zeigt sich also erst im Verlauf der Kämpfe, die wir (noch) führen (werden müssen). Es reicht weder bloße Utopien auszumalen, noch der Rückgriff auf längst vergangene Kämpfe. Wenn wir uns nicht auf die Darstellung dessen beschränken wollen, was wir bekämpfen – was wir auch noch wesentlich besser tun könnten –, sind wir auf die kleinen Erfolgsbeispiele hier und dort angewiesen, die es immerhin gibt. Gar nicht leicht also – das positive Zukunftsszenario.

