Sex Works?

Im Jahr 2011 war die Januar/Februar-Ausgabe der DA, damals noch im Druckformat, dem Thema „Sex Works“ gewidmet. Ich trug mit der Rezension eines schwedischen Dokumentarfilms über eines der größten Bordelle Europas, das Pascha in Köln, bei.

Auch in dem von Katharina Sass herausgegebenen Band Mythos „Sexarbeit“. Argumente gegen Prostitution und Sexkauf taucht das Pascha auf. In ihrer persönlich gehaltenen Einleitung berichtet Sass über einen Bekannten, dessen Verhalten sie veranlasste, sich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen:

„Der Tropfen, der für mich das Fass zum Überlaufen brachte, war der Moment, an dem er ankündigte, seinen Geburtstag im Kölner Bordell Pascha feiern zu wollen, mit meinem damaligen Freund und der ganzen Männerclique, aber ohne Frauen, außer den Prostituierten des Paschas.“ (S. 8)

Sass liefert in ihrer Einleitung einen guten Überblick zum Thema. Ohne in, für diese Debatte oft charakteristische, Polemiken zu verfallen, skizziert sie eine Bruchlinie innerhalb der Linken, die sich bereits an unterschiedlicher Begrifflichkeit festmachen lässt: hier diejenigen, die Prostitution als extremen Ausdruck patriarchaler und kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse betrachten, der keine realpolitischen Kompromisse (Legalisierung) zulässt; dort diejenigen, die in ihrer Verteidigung der Sexarbeit auf Selbstbestimmung, Arbeitsrechte und Entstigmatisierung pochen.

Eine wichtige Rolle in der Debatte spielt das sogenannte schwedische (manchmal auch: nordische) Modell, das, kurz gesagt, davon ausgeht, den Kauf und die Vermittlung von Sex zu bestrafen, nicht aber das Angebot. Noch kürzer: Freier und Zuhälter sind strafbar, Prostituierte/Sexarbeiter*innen sind es nicht. Während die einen auf Studien verweisen, denen zufolge das schwedische Modell zu weniger Sexkauf, höheren Aussteigerquoten und geringerer gesellschaftlicher Akzeptanz der Prostitution führt, insistieren andere, dass es Sexarbeiter*innen nicht ausreichend schütze, sie aus dem Sozialstaat ausschließe und – zumindest indirekt – weiter kriminalisiere.

Persönlich wage ich mir hier kein Urteil zu erlauben. Was ich aber, der ich seit zehn Jahren in Schweden lebe, bestätigen kann, ist, dass die hiesige Linke das schwedische Modell weitestgehend begrüßt und unterstützt. Widerstand kommt nur aus liberaler Ecke. Bezeichnend ist vielleicht, dass das 2011 erschienene Buch Varat och varan (Sein und Ware) der Marxistin Kajsa Ekis Ekman hier als Standardwerk gilt, während die deutsche Übersetzung im Orlanda Verlag (unter dem etwas unglücklichen Titel Ware Frau) ein Mauerblümchendasein fristet und in der Linken kaum wahrgenommen wird. (Nach Erscheinen der schwedischen Originalausgabe von Ekmans Buch führte ich mit ihr ein in der Jungle World veröffentlichtes Interview.)

Auf Sass‘ Einleitung folgt ein ebenfalls von ihr verfasster Artikel zu Freiern, der zu dem Schluss gelangt:

„Sexkäufer sind keine gewöhnlichen ‚Kunden‘, sondern Männer, die ein Problem mit ihrer Sexualität haben und diese aggressiv ausleben.“ (S. 59)

Der darauffolgende Beitrag der Traumatherapeutin Ingeborg Kraus berührt ein schwieriges Thema: es provoziert Anklagen der Stigmatisierung (Kraus begreift Trauma explizit als „Voraussetzung für und Folge von Prostituierung“), greift jedoch Realitäten auf, um die wir in dieser Debatte nicht herum kommen. Manuela Schon liefert daraufhin eine globale Kurzgeschichte „abolitionistischer“ (gegen Prostitution gerichteter) Basisbewegungen, und die ehemalige Prostituierte Marie Merklinger schreibt einen eindrucksvollen Erfahrungsbericht.

Schließlich illustriert ein ebenso interessierter wie aufschlussreicher Anhang mit Dokumenten, wie diese Debatte in der Partei DIE LINKE geführt wird. Wem in dem Buch bis dahin die Polemik zu kurz kam, wird in dem offenen Brief der ehemaligen Prostituierten Huschke Mau an die Linksjugend Solid, die bei ihrem Kongress 2016 eine weitere Liberalisierung der Gesetzgebung forderte, auf seine Kosten kommen. In diesem Fall bedeutet Polemik jedoch nicht fehlende Konstruktivität. Mau hat unter anderem zu der Frage, die für DA-Leser*innen vielleicht von besonderer Relevanz ist, nämlich ob es sich bei „Sexarbeit“ nun um „normale“ Arbeit handle oder nicht, Gewichtiges zu sagen:

„Ich kann mich nur darüber wundern, dass ihr den prostitutiven Akt als ‚Beruf‘ und als ‚Dienstleistung‘ bezeichnet. Sexualität ist der intimste Bereich eines Menschen, dürfen wir wenigstens den bitte behalten, oder müssen wir ALLES an uns verwerten und verkapitalisieren lassen, restlos? Seit wann tritt die Linke eigentlich als Verteidigerin des Verkaufs sämtlicher menschlicher Bereiche auf?“ (S. 151). Oder: „Ihr wollt also quasi, um das mal klarzustellen, dass der Missbrauch, dem prostituierte Frauen ausgesetzt sind, etabliert wird, ihr wollt, dass er ein Job wird, ihr wollt, dass der Missbrauch OKAY wird. Kurz und gut, ihr tretet hier für das Recht von Frauen ein, die Duldung von sexuellem Missbrauch als Job zu benennen. Oder besser: Ihr tretet für das Recht von Männern ein, Frauen zu missbrauchen und diesen Missbrauch zu verharmlosen, indem er ‚Arbeit‘ genannt wird.“ (S. 152)

Das Buch wird die Unstimmigkeiten, die die Debatte prägen, nicht auflösen. Um sich aber ein differenziertes und ausgewogenes Bild zu machen, ist es unverzichtbar.

Katharina Sass (Hg.), Mythos „Sexarbeit“. Argumente gegen Prostitution und Sexkauf (Köln: PapyRossa, 2017), 160 S., EUR 13:90, ISBN 978-3-89438-648-1

Titelbildillustration: Bianca Tschaikner

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3 Kommentare zu «Sex Works?»

  1. Ein paar Gedanken/Fragen dazu:
    In der kapitalistischen Lohnarbeit werden immer Körper be-/vernutzt (incl. Gehirn), ermüdet, geschunden.
    Darüber muss man sich aufregen und dieser Zustand muss überwunden werden.
    Auffällig ist jedoch, warum sich darüber immer wieder bezüglich Sexarbeit beschwert wird, selten jedoch bezüglich anderer Jobs (z.B. auf dem Bau).
    Ich will nicht sagen, dass die Käuflichkeit von Sex kein Problem ist, ich will erst recht nicht Zwangsprostitution schönreden. Aber das Argument, der Körper würde speziell hier zur Ware, und das wäre antipatriarchal zu bekämpfen, zieht mMn nicht.
    Es hängt zusammen mit der Vorstellung, dass (private, ‘echte’) Sexualität das Intimste des Intimen wäre, die ‘bewahrt’ werden muss, als wäre sie nicht vollkommen gesellschaftlich durchdrungen (Geschlechterverhältnisse, Youporn).
    Ein Großteil der sexualisierten Gewalt und sexuellen Ausbeutung findet unbezahlt, also nicht warenförmig, im Privaten statt. Ist das besser?

    1. Das möchte ich dir gerne beantworten. Über Prostitution wird “sich beschwert”, weil es keine Arbeit ist, aber als solche beschönigt wird. Es handelt sich um Sex, der gegen den Willen einer Person, nämlich der prostituierten, stattfindet (Merke: sie braucht das Geld, und stimmt nur deshalb sexuellen Akten zu). Die in diesem Milieu wirksamen Zwänge: Zuhälter und Menschenhändler, Armut und Perspektivlosigkeit, sowie vorherige Traumatisierungen, die in der Prostitution reinszeniert werden. Erzwungenen Sex nennt man im normalen Leben Vergewaltigung. Dies mit anderer Arbeit bzw. Arbeitszwang gleichzusetzen, nivelliert und relativiert sexuelle Gewalt und ist damit Ausdruck von Sexismus. Denn: hier sind mit Blick auf Statistiken und historische Herleitung klar geschlechtsspezifische Ungleich- und Unterdrückungsverhältnisse am Werk. Wer das leugnet, hat Tomaten auf den Augen.

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