Neun Wochen aus der Ewigkeit des Arbeitslebens

„Das ist schon ein Film für Ingenieure“, räumt Regisseur Fredo Wulf nach der Hamburg-Premiere seines Films „Katze Gut“ im Altonaer Lichtmess-Kino ein. Er spielt auf das technische Kauderwelsch an, das die arbeitsbezogene Kommunikation seiner Hauptakteure wesentlich bestimmt. Ihnen, den Arbeitern und Arbeiterinnen, die sich täglich mit der monströsen Apparatur des Werftbetriebes auseinandersetzen müssen, wollte Wulf so nahe wie möglich kommen, unmittelbar und ungefiltert. „Ich bin gar kein Freund des Kommentars aus dem Off“, sagt er – und so bleibt ein Großteil der meist mit ernster Miene und sorgenvoller Stimme gesprochenen Gespräche aus der Welt der Werftarbeiter für so manchen Betrachter unverständlich. Doch der Film spricht auch noch eine andere, eigene Sprache.

„Katze Gut“, das bedeutet, dass der Arbeitsvorgang an dem riesigen Werftkran gut läuft. Diesen Kran kennen alle Menschen in Kiel, da er so hoch ist, dass er fast überall in der Stadt zu sehen ist. Er ist das Herzstück der HDW, das wichtigste Arbeitsgerät, und die Bestie, mit der die Protagonisten des Films täglich ringen müssen. Denn die „Krupp“ – so der Name des Krans, als ob er das Primat der Ökonomie und Technik über den Menschen noch verdeutlichen soll – muss innerhalb von neun Wochen runderneuert werden. Das hat die Werftleitung beschlossen, und in den Vorbereitungskonferenzen nickt die Arbeitsleitung eifrig den engen Zeitplan ab – auch wenn danach gegenüber der Kamera zugegeben wird, dass dies für die Kollegen und Kolleginnen eine erhebliche Zumutung ist. Und auch der Betriebsrat stimmt zwar in die allgemeine Ablehnung des Vorhabens ein, sieht sich aber gegenüber den Entscheidungen der Spitze machtlos. Lediglich in dem kleinen Pausenraum machen die Beschäftigten ihrem Ärger Luft, die hier jeden Tag von unzähligen Zigaretten in einen grauen Nebel verwandelt wird.

Verlorene Arbeitskämpfe haben ihre Spuren hinterlassen. Ein Betriebsratsmitglied berichtet schon fast traumatisiert von der letzten Massenentlassung: die lange Zeit des Wartens, des Verhandelns – und irgendwann die Listen derjenigen, deren jahrelange Existenz mit einem Mal zu Nichte gemacht wurde. Auch wenn er natürlich das Beste rausholen wollte für die Kollegen und Kolleginnen – als Teilnehmer an den Verhandlungen scheint er sich irgendwie schuldig zu fühlen. Über 30.000 Menschen haben einmal an der HDW gearbeitet; heute sind es etwas mehr als 1.000 Beschäftigte, und von denen hat niemand die Sicherheit, nicht auf der nächsten Liste zu stehen. Solch ein Zustand könne verrückt machen, sagt einer, den es das letzte Mal erwischt hat. Er arbeitet nun für eine Zeitarbeitsfirma und kehrt für die Wartungsarbeiten an der „Krupp“ für ein paar Wochen an seinen ehemaligen Arbeitsplatz zurück. Die Entlassung sei eine Erleichterung für ihn gewesen: „Nun weiß ich, woran ich bin“. Angesichts der oft viele kilometerlangen Anfahrtswege, kaum vorhandener Arbeitsrechte und mangelhafter Versicherung, also den üblichen Begleitumständen der Zeitarbeit, spricht diese Aussage Bände über das Gefühl, der Willkür der Unternehmensrationalität ausgeliefert zu sein.

Es ist fraglich, ob alle noch Festangestellten der HDW sich so mit einer Entlassung arrangieren könnten. Hoch oben an den Hebeln der „Krupp“ formuliert einer von ihnen die Ambivalenz seiner Gefühle gegenüber seinem jahrzehntelangen Arbeitsplatz. Das ständige frühe Aufstehen, die kurzen Ferien, die immer weniger zum Leben ausreichende Bezahlung lassen es ihm schwer fallen, ein positives Bild von seinem Arbeitsplatz zu zeichnen. Und doch könnte er sich ein anderes Leben, ein Leben ohne die Werft, kaum noch vorstellen. Warum das so ist, kann er nur schwer begründen. „Vielleicht wegen der Kollegen… Die würde ich schon vermissen.“

Wie ein Kollege habe er sich nach einer gewissen Zeit auch gefühlt, sagt Fredo Wulf an diesem Abend im Lichtmess. Bevor er mit der Kamera anrückte, hatte er die Angestellten bereits drei Monate lang begleitet, in der Kantine, bei der Arbeit, im verrauchten Pausenraum. Dem Film ist das anzumerken. Auch den Zuschauern werden zumindest einige der Arbeitenden immer vertrauter, genauso wie ihre eigentlich so unwirkliche Arbeitswelt. Die riesigen Stahlseile und übergroßen Schrauben, die behäbigen Maschinen, die blinkenden Lichter und natürlich der riesige Kran verschwimmen zu einer Menge der Alltäglichkeit, wandeln sich zu Objekten der Arbeitsroutine. „Normal“ kann diese so eigene Welt für Außenstehende jedoch immer noch nicht wirken, diese Welt, die für einige aus dem Film nun schon seit über 30 Jahren ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität geworden ist. Letztendlich trägt auch diese für viele unverständliche Fachsprache der Arbeiter und Arbeiterinnen auf der HDW dazu bei, eine besondere Eigenschaft von (Lohn-)Arbeit in der bestehenden Gesellschaft zu veranschaulichen: Den Widerspruch zwischen Entfremdung und Seinsbildung.

 

Erhältlich ist der Film „Katze Gut“ unter www.fredo-wulf.de

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