Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 2 (1927-1928)

Aufstieg oder Niedergang des Syndikalismus (1927)

Es ist nicht zu leugnen, daß die revolutionäre Arbeiterbewegung in fast allen Ländern entweder einen Stillstand oder gar einen Rückgang aufzu­weisen hat. In den Ländern Südeuropas, wo der revolutionäre Syndikalismus unter der Arbeiterschaft einen Heimatboden gefunden hatte, herrscht heute die Reaktion, die alle Arbeiterorganisationen zerstört hat. In Italien feierte in diesem Jahre der Faschismus sein fünfjähriges Jubiläum, in Spanien sitzt der Militärdiktator Primo de Rivera fast ebensolange im Sattel, und auch in Portugal hat die Militärpartei das Staatsruder in ihre Hände bekommen und die demokratischen Freiheiten des bürgerlichen Staates derart beschnitten, daß nicht mehr viel davon übrig ist. Nur der energische Widerstand der organisierten Arbeiterschaft hat es bis jetzt vermocht, alle Versuche, die Arbeiterbewegung auszurotten, abzuwehren. Doch auch hier muß man sich fragen, wie lange die verhältnismäßig junge und zahlenmäßig nicht allzu starke syndikalistische Landesbewegung den gewaltsamen Angriffen der ungleich stärkeren und mächtigeren Militaristen wird standhalten können. Ein Auflösungsdekret gegen die syndikalistische Landesorganisation jagt das andere, die Koalitionsfreiheit ist aufgehoben worden, aber immer noch verstanden unsere portugiesischen Genossen es, ihre Organisation intakt zu halten und ihr gewerkschaftliches Leben fortzuführen.

In den Ländern ausgesprochener Reaktion, wie die genannten es sind, ist der gegenwärtige Stillstand oder die Zerstörung der syndikalistischen Bewegung ohne weiteres erklärlich. Es würde entschieden den Rahmen eines kurzen Artikels überschreiten, wenn man die Ursachen der Reaktion im allgemeinen und in den genannten Ländern im besonderen darzulegen versuchen wollte. Unsere Gegner haben bereits versucht, aus der Tatsache, daß gerade dort, wo der Syndikalismus zu einer machtvollen Bewegung sich entfaltet hatte, die Reaktion vollständig den Sieg davongetragen hat, den Schluß zu ziehen, daß der Syndikalismus selbst eine falsche Lehre sei und es nicht vermocht habe, die Reaktion im Zaume zu halten. Nichts ist jedoch unrichtiger als diese Beweisführung. Abgesehen davon, daß der Sieg der Reaktion nicht nur auf einen Umstand und eine Ursache zurückzuführen ist, muß darauf hingewiesen werden, daß auch in Spanien und Italien die syndikalistische Bewegung zwar verhältnismäßig stärker war als in andern Ländern, immerhin aber doch nicht allein dastand, sondern die reformistische Gewerkschaftsbewegung vorhanden war und in Spanien auch heute noch vorhanden ist. In Italien war die reformistische und zentralistisch eingestellte Arbeiterkonföderation sogar bedeutend stärker und machtvoller als die syndikalistische Organisation, und es ist nicht zum wenigsten auf die schnöde Haltung der zentralistischen Organisation zurückzuführen, daß die Bewegung der Besetzung der Betriebe zu einer Niederlage führte. In Spanien waren zwar die Verhältnisse etwas anders gelagert, aber auch dort hat die Zentralistische Gewerkschaftsunion dazu beigetragen, daß der Kampf gegen die Staatsmacht keinen endgültigen Sieg brachte, und die Folge davon war, daß die Reaktion ihr Haupt erhob. Der Vorwurf, den die sozialdemokratischen, kommunistischen und zentralgewerkschaftlichen Drahtzieher dem Syndikalismus unter Hinweis auf Italien und Spanien machen, ist also nicht nur unberechtigt, sondern soll vielmehr dazu dienen, die schändliche Rolle dieser Richtungen bei entscheidenden Kämpfen des Proletariats dieser Länder zu verschleiern.

Scheinen uns also die Ursachen für den gegenwärtigen Niedergang der syndikalistischen Bewegung in Italien und Spanien ziemlich klar zu liegen, so daß man immerhin in unserm eigenen Lager darüber nur eine Meinung hat, so dürfte der derzeitige Stillstand in andern Ländern, wo keine so ausgesprochene und barbarische Reaktion herrscht, verwickeltere Gründe haben, die in unsern Reihen schon ernsthafte Diskussionen hervorgerufen haben. Tatsächlich kann man trotz gemeinsamer Grundanschauung über diese Fragen verschiedene Ansichten haben. Während die einen be­haupten, daß die reaktionäre Zeitepoche mit Notwendigkeit auch einen Rückgang der revolutionären Bewegung zur Folge haben muß, sind andere der Meinung, dies sei nur ein Vorwand, im besten Falle eine Selbsttäuschung, durch die man der Verantwortung für gemachte Fehler und versäumte Gelegenheiten entzogen werden soll. Es gibt auch Genossen, die der Meinung sind, unsere Ideen seien nicht tief und umfassend genug in die Massen gedrungen, deshalb sei nichts an den Massen hängen geblieben, und heute sei nun wieder alles verflogen, während die Richtungen wieder absolute Oberhand bekommen, die sich einzig und allein mit Gegenwartsaufgaben beschäftigen, dem Pfennig in der Gegenwart gegenüber dem Taler in der Zukunft den Vorzug geben und jedes Ziel für die soziale Umgestaltung bei­seitesetzen.

Alle diese Meinungen werden mit mehr oder weniger Geschick vertreten und begründet, und man kommt wohl der Wahrheit am nächsten, wenn man jeder derselben ein Körnchen Berechtigung zugesteht. Es handelt sich nicht um eine einzige Ursache, die zum Rückgang der syndikalistischen Bewegung in Deutschland und anderen Ländern beigetragen hat, sondern um eine ganze Ursachenkette. Aus diesem Grunde ist es eine absolute Einseitigkeit, sich wie auf ein Steckenpferd, nur auf eine dieser Ursachen zu setzen, und nun bis zur Gedankenöde darauf herumzureiten.

Ehe wir weitergehen, ist es vielleicht am Platze, auf eine Seite der Gesamtfrage hinzuweisen, die zwar schon verschiedentlich erwähnt wurde, aber in diesen Zusammenhang gehört. In revolutionären Zeiten ist die Masse in Aktion. Der akute Kampf fordert Anspannung jedes einzelnen, um den Klassenfeind schlagen zu können. Das soziale Innenleben des Einzelnen ist mit unmittelbaren Gegenwartsaufgaben, die aus dem Bereich des Idealismus in greifbare Nähe gerückt sind, ausgefüllt. Kommen die Massen zusammen, dann sind sie derart von Gemeinschaftsgeist erfüllt, daß die kleinen Persönlichkeiten, aus denen sie sich zusammensetzen, vollständig in den Hintergrund treten. Persönliche Auseinandersetzungen, Anfeindungen, Herabsetzungen und Anpöbelungen, all die Kleinlichkeiten des Alltags, die das Leben des Spießbürgers so jämmerlich erscheinen lassen, können ent­weder gar nicht oder nur in geringem Maße hochkommen.

In ruhigen Zeiten ist das alles anders. Es gibt nichts, womit die Massen sich beschäftigen, sie haben keine großen Aufgaben zu erfüllen und ihre übrigen Energien werden in andere Kanäle geleitet. Viele wenden sich von jeder sozialen Bewegung vollständig ab, wahrscheinlich weil ihr soziales Leben einen beschränkten Horizont hat und die Intensität ihrer sozialen Energien nur durch starke Erschütterungen der gesellschaftlichen Organisationen ge­weckt werden können. Sobald die Erschütterungen abgeklungen, die Ruhe im Staate wiederhergestellt ist, kehren auch sie wieder in das Alltagsjoch der Gegenwart zurück und sind glücklich, wenn sie ihr gutes Unterkommen finden. Andere haben wohl eine stärkere soziale Mitgift, doch sie werden von den Kehrseiten, die jeder Bewegung anhaften, abgestoßen. Ein Teil bleibt zwar der Bewegung treu, hält sich jedoch im Hintergründe, und der Rest findet schließlich eine ganz veränderte Lage vor, sieht sich in seinen hochgehenden Hoffnungen enttäuscht, ist gezwungen, sich auf die Gegenwart umzustellen, dabei wird natürlich kritisiert, Fehler werden festgestellt, Mängel treten auf, und häufig verdrängt ein häßlicher und würdeloser persönlicher Streit den Kampf um die Sache und das Ideal. Jetzt ist die Zeit für die traurigen Gestalten gekommen, die entweder aus Charakterveran­lagung oder aus andern Motiven gerade in diesem kleinlichen Personenstreite ihr Lebenselement erblicken und nun an der Oberfläche schwimmen. Persönliche Anfeindungen nehmen oft schärfste Formen an. Verfehlungen von Ein­zelnen werden mit Vorliebe aufgedeckt, Führer abgesägt, innere Kämpfe brechen aus, kurz die Bewegung kommt in eine Krise. Noch jede Bewegung hat derartige Krisen durchmachen müssen und mit größerem oder kleinerem Verlust überwunden. Kleine Bewegungen können unter Umständen diesen Krisen vollständig zum Opfer fallen, während größere Massenorganisationen verhältnismäßig leichter davonkommen. Die SPD hatte schwer unter ihrer Krise zu leiden, doch sie hat sie überwunden, und da sie als parlamentarische Partei ein breites Operationsfeld in der Oeffentlichkeit hat und die andern Parteien sich in einer ähnlichen Lage befanden, so kann sie heute schon wieder einen Aufstieg verzeichnen. Bei der KPD scheint im großen und ganzen dasselbe vorzuliegen, doch hier treten zwei neue Momente hinzu, die ihren Mauserungsprozeß verzögern: erstens die enge Verbundenheit mit Moskau, die es mit sich bringt, daß jede Krise in Moskau auch auf sie rückwirken muß, und zweitens ihr innerer Widerspruch, der in der Beteiligung am Parlamentarismus, d. h. also an dem heutigen bürgerlichen Staat, und in der Forderung der Diktatur des Proletariats, bzw. der Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft auf dem Wege der Revolution liegt. Für die KPD trifft im übrigen auch zum Teil das zu, was für alle Bewegungen in Betracht gezogen werden muß, die ihr Ziel durch eine Revolution verwirklichen wollen; sie werden in ruhigen oder gar reaktionären Zeiten Rückgang aufzuweisen haben, dagegen in revolutionären Zeiten mit dem Zustrom der Massen rechnen können, wenn sie es verstehen, die Sympathien der Massen zu erwerben.

Im Einklang mit ihren Ansichten über den Stillstand der Organisation suchen die einen nach neuen Ideen, die andern nach neuen organisatorischen Formen, die dritten nach einem neuen Wege, der beschritten werden muß, um die Bewegung wieder auf die Höhe zu bringen, die sie in der Revolutionszeit gehabt hat. Doch alles Suchen in einer einzigen Richtung ist verlorene Mühe. Ein Blick auf die revolutionäre Bewegung in andern Ländern, und zwar in den Ländern, wo keine Reaktion im Stile des Faschismus herrscht, dürfte genügen, um den geistigen Horizont zu erweitern und uns vor Einseitigkeiten und vor­eiligen Schlüssen zu bewahren.

In England gab es nach Beendigung des Krieges eine Organisation der Betriebsräte oder Shop-Steward Councils, die 200 000 Arbeiter umfaßte. Heute ist von dieser Bewegung nicht die Bohne zu finden. In Dänemark gab es eine beachtenswerte Gewerkschaftsopposition, die in eine große Anzahl Gewerkschaften eingedrungen war, über eine Tageszeitung verfügte und auf syndikalistischer Grundlage stand. In Holland hatte das von Nieuwenhuis gegründete NAS, das auch auf syndikalistischer Grundlage stand, eine Mitgliederanzahl von 50 000, während heute im NAS und NSV (der syndikalistischen Gewerkschaftsorganisation) insgesamt etwa 20 000 Mitglieder vorhanden sind. Die IWW. in Amerika hatte eine Mitgliedschaft von 200 000 im Jahre 1919 und von 150 000 im Jahre 1921, und heute zählt sie nach den Abspaltungen vielleicht noch 20 000 Mitglieder. In andern Ländern liegen die Dinge ähnlich. Es lassen sich in jedem Lande und bei jeder Organisation mehr oder weniger genau die Gründe für den Rückgang der Bewegung anführen, und wenn man auch die besonderen Umstände und Ursachen berücksichtigt, so findet man in allen Ländern und bei allen Organisationen fast immer, daß nach Beendigung des Krieges sich die Reihen der revolutionären Organisationen unverhältnismäßig schnell und stark füllten, da die arbeiten­den Massen an den nahen Sieg der sozialen Revolution glaubten und nicht abseits stehen wollten, sondern sich denen zuwandten, die den Sozialismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Als dann der Sozialismus nicht kam und der Kapitalismus sich wieder festsetzte, verloren sich die zugeströmten Massen ebenso schnell wieder wie sie gekommen waren, und nun diskutieren wir, die übriggebliebenen treuen Soldaten der Revolution, auf welche Weise man die vielen Tausende hätte halten oder wie sie wieder zurückgewonnen werden können.

Es ist verständlich, daß man im Verlaufe dieser Diskussion darauf hinweist, daß die Zentralgewerkschaften oder die reformistischen Organisationen zwar auch in der Revolutionszeit mächtig anschwellten, dann ebenso schnell wieder abnahmen, heute aber doch schon wieder langsam im Aufstieg be­griffen sind und immerhin die Zahlen der Vorkriegszeit überschritten haben. Schließlich kann man dasselbe bei den revolutionären Organisationen im allge­meinen und bei uns Syndikalisten im besonderen ebenfalls konstatieren. Auch unsere Bewegung ist heute schwächer als in den Revolutionszeiten, immerhin aber noch bedeutend stärker als in der Vorkriegszeit, mit Ausnahme der Organisationen in den Ländern, wo der Faschismus oder die Militärdiktatur jede revolutionäre Organisation gewaltsam unterdrückt. Es wäre deshalb verkehrt, von einem Niedergang des Syndikalismus zu sprechen. Die reaktionäre Welle, die gegenwärtig über die ganze Welt hingeht und sich in Südeuropa besonders festgesetzt hat, wird auch einmal ihr Ende nehmen, und dann wird auch der Syndikalismus wieder zu neuem Leben erwachen. Neue Impulse werden ausgehen, und der Aufstieg der syndikalistischen Bewe­gung wird unverkennbar sein.

Zieht man die Lage in Deutschland allein in Betracht, dann wäre es ebenso verkehrt, nach einer neuen Organisationsform wie nach einem neuen Inhalt für die syndikalistische Bewegung zu suchen. Dagegen wird es notwendig sein, sich damit zu befassen, auf welche Art die Massen heute gewonnen werden können. Und dabei erscheint es selbstverständlich, daß heute die Erhabenheit des Ideales und die Vorzüglichkeit der Organisation der Gesellschaft in der sozialen Revolution allein nicht zugkräftig genug für die breiten Massen sind. Die breiten Schichten der werktätigen Bevölkerung wenden sich heute den Organisationen zu, die ihnen einige Pfennige mehr Lohn erwirken. Wenn wir die Massen für uns gewinnen wollen, dann müssen wir uns auf die Gegenwart einstellen, ohne jedoch ein Jota von unserm Ideale aufzugeben, denn täten wir dies, dann hätten wir überhaupt keine Existenzberechtigung mehr. Unsere Werbekraft muß heute darin liegen, daß wir ebenfalls höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit erstreben und daß wir bei Ver­wirklichung dieser Forderungen bessere Kampfesmittel in Anwendung bringen, die weit wirksamer zum erwünschten Ziele führen.

Das ist die Grundlage, auf der wir heute unsere Agitation und Propaganda führen müssen. Haben wir erst die Massen zu uns herangezogen, dann soll ihnen auch der Weg zur wirklichen Emanzipation der Arbeiterschaft gezeigt werden, die nur das Werk der Arbeiter selbst sein und nicht von Gewerkschaftsbeamten, Stadtverordneten, Landtags- oder Reichstagsabgeordneten übernommen werden kann.

Doch hierbei gibt es eine Schwierigkeit zu überwinden, und zwar die allergrößte: das ist der Sprung über die ersten Hunderttausend! Wir können den Massen noch so viel von der Vorzüglichkeit unserer Kampfesmittel im Klassenkampf erzählen, die Einzelnen werden zögern, sich uns anzuschließen, weil sie mit der großen Masse laufen. Gelingt es uns aber, einmal selbständig einen Kampf zu führen und damit die Probe aufs Exempel zu machen, dann werden wir weit mehr gewonnen haben als durch bloßes Reden. Selbständigen Kampf können unsere Genossen nur in den wenigsten Fällen führen, weil unsere Anzahl, über das ganze Reich zerstreut, überall nur sehr gering ist. Hier liegt die Schwierigkeit. Wir können nicht warten, bis eine große soziale Bewegung unsern Mitgliederbestand wieder in die Höhe bringt. Wenn wir die Auseinandersetzungen zwischen Kapitalismus und Arbeiterschaft, die uns in Zukunft bevorstehen, in unserm Sinne beeinflussen wollen, wenn die Arbeiterschaft heute schon einen größeren Anteil am Arbeitsprodukt haben soll, dann müssen wir Mittel und Wege finden, unter den heutigen Verhältnissen unsern Mitgliederbestand um das Doppelte und Vierfache zu erhöhen. Damit sollten wir uns immer wieder beschäftigen, dafür sollten wir unsere besten Kräfte verwenden. Gelingt uns dies, dann ist der Aufstieg des Syndi­kalismus und der Sieg des freiheitlichen Sozialismus unzweifelhaft.