Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 1 (1927-1928)

Zum Geleit!

Konstruktiver Sozialismus. I. Allgemeine Betrachtungen

Ethik und Klassenkampf

Gewerkschaftsbewegung und Arbeitsrecht

Die russische Revolution aus der Vogelperspektive

Der Kampf um das Gummi

Fernand Pelloutiers Platz in der Entwicklung des Syndikalismus.

Eine Produktivgenossenschaft in Schweden.

Chronik über wichtige Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Kultur.

Nikaragua Intermezzo

Der Imperialismus der Vereinigten Staaten, der sich anfangs in Vorträgen im humanitär-doktrinärem Jargon, wie er zu jener Zeit üblich war, auswirkte und nunmehr sich durch bewaffnete Intervention in offener Weise bekundet, wodurch er die Feindschaft ganz Lateinamerikas und das Mißtrauen Europas heraufbeschwört, ist im Grunde neueren Datums und eine Folge der Ausstrahlungen seiner materiellen Interessen am amerikanischen Kontinent. Den amerikanischen Weltbeherrschungsplänen ging der englische Imperialismus voraus, der die Epoche der künftigen Interventionen im Jahre 1820 mit einer Komödie einleitete, die von der Welt mit Beifall aufgenommen worden wäre, wäre sie von Erfolg begleitet gewesen. Ein Mr. McGregor, Fehlgeburt von Abenteurer und Piraten, bemächtigte sich der Insel Roatan, deren Kazike (Häuptling) er berauschte, um ihm ein Dokument herauszulocken, in dem er ihm seine Kron- und Thronrechte überantwortete. Hierauf präsentierte er sich in England, wo eine wahre Kolonisationswut herrschte, und verhandelte für eine bedeutende Summe, die allerdings mehr in Anteilscheinen als in Bargeld bestand, seine verbrieften Rechte. Die Oeffentlichkeit erblickte in ihm einen Raleigh, einen Clive, einen Hastings, und nahm seine Anleihe begeistert auf. McGregor schiffte sich späterhin mit einigen tausend Kolonisten nach Roatan ein und richtete dort mit ihnen nach englischem Muster ein Ober- und Unterhaus ein, wobei er in der neuen Verfassung auch nicht die Unverletzlichkeit des Königs vergaß. Der König von Roatan wurde bedauerlicherweise bei seiner Landung mit Schüssen empfangen, seine Leute in alle Winde zerstreut. Die Unterzeichner der Anleihe forderten ihr Geld und der aufgesessene König sah sich demnach veranlaßt, sein Reich den Franzosen, wenn auch vergebens, anzubieten.

Im Jahre 1839 verhandelte ein Häuptling der Moskito-Inseln an das amerikanische Brüderpaar Peter und Samuel Stepherd ein Territorium von acht Millionen Hektar. Die Konzessionäre begründeten hierauf eine Gesellschaft behufs Kolonisierung von Zentralamerika, dessen Direktor Mooney seinen Sitz in New York aufschlug. Seit jener Zeit datiert die Interventionsschaft behufs Kolonisierung von Zentralamerika. Dank der Erschließung Kaliforniens im Jahre 1838 nahm diese Politik bald den Charakter bewaffneter Intervention mit staatlicher Genehmigung an. Um diese Zeit tauchte auch
ernstlich der Plan eines interozeanischen Kanals durch Nikaragua auf und die New Yorker „Times“ brachte im nächsten Jahre einige Artikel über die Nützlichkeit und Ertragfähigkeit eines strategischen Weges nach den Sandwich-Inseln und Kalifornien. Die Gründung der Company behufs Errichtung des Kanals rief Reibungen mit dem englischen Ministerium hervor, das den „König“ der Moskuiter zu schützen wünschte. Vanderbilt und White, die
Seelen des Unternehmens, schlugen denn daher den Engländern vor, die Schwierigkeiten beizulegen und die Arbeit mit dem gleichen Anteil von Dividenden anzufangen. Die eifersüchtigen Engländer ließen sich darauf nicht ein, da sie befürchteten, der ganze politische und finanzielle Vorteil werde dereinst in den Händen der Amerikaner verbleiben, eine Annahme, die für die Weitsichtigkeit der englischen Politik zeugt. Allenfalls ging aus diesen Verhandlungen der Vertrag Clayton-Bulwer hervor, der beiden
Mächten jede Ausdehnung ihrer Interessensphäre verbietet, jedoch England gestattet, die Inseln Roatan, Utila, Barbarita, Elena und Morita unter der Kolonie der Bai-Inseln zu vereinen. Dieser Vertrag diente dem amerikanischen Protektionismus als Vorwand für öftere Interventionen, die dem Machtgebote der Spekulanten von New York und New Orleans entsprachen. Intervention und Kapitalsanlagen begannen sich mehr und mehr in der Politik Zentralamerikas bemerkbar zu machen, und im Jahre 1884 legte das Staatsdepartement von Washington dem Vertreter von Nikaragua, Senor Jaurequi, einen
Vorschlag vor, in dem die Hauptidee der amerikanischen Politik offen zu Tage trat. Jaurequi wies den Vorschlag zurück und reichte sofort seinen Abschied ein. Er äußerte sich später darüber in folgender Weise: Mr. Frelinghuisen, der damalige Staatssekretär, überreichte mir einen Vorschlag über den Kanal, der so sehr sein Interesse gefangennahm. Unter den verschiedenen Klauseln ragen insbesondere zwei hervor, die ich unmöglich annehmen konnte, ohne die Interessen der Länder Zentralamerikas, die ich damals gemeinsam vertrat, zu verraten. Der erste Punkt räumte Nordamerika das ausschließliche Eigentums, und Vorrecht über einen Streifen Landes zu beiden Seiten des Kanals ein. Der zweite stipulierte eine offene, definitive und aggressive Allianz zwischen den beiden Ländern und eine Entschädigung von vier Millionen für Nikaraguas Ausgaben, oder eher für alle Zwecke, die Nikaraguas Regierung für gut befinden sollte. Dieser Allianzvertrag begründete eine Bedrohung der Interessen der anderen Staaten Zentralamerikas, die sich durch frühere Verträge gebunden hatten, ihre gegenseitigen Rechte und Ansprüche auf den Kanal zu respektieren. Man sieht also, daß Washington von Anfang an ein Interesse daran hatte, die Vereinigung von Zentralamreika zu vereiteln. Trotzdem kam jedoch die Union am 28. Februar 1885 zustande, um einige Dekaden später von den Amerikanern rücksichtslos zerstört zu werden. Washington, von wo der Panamerikanismus, allerdings unter seiner Aegide, gepredigt wird, verfehlt also auch nicht, den bewährten Grundsatz „Divide et impera“ (teile und herrsche) anzuwenden.

1909 wiederholt sich die Geschichte, nur spielt Washington nunmehr mit offenen Karten, und der nordische Bär, in den sich der wohlwollende Onkel Sam inzwischen verwandelt hat, beginnt seine Krallen zu zeigen. Adolfo Diaz, bis dahin Buchhalter in einer Bergwerks Kompagnie von Pittsburg mit einem Jahresgehalt von 900 Dollar, leiht den Gegnern Zelayas, des damaligen Präsidenten von Nikaragua, die nicht unbedeutende Summe von
600 000 Dollar, deren Herkunft er niemals erklären konnte. Washington brach hierauf offen mit der Regierung Zelayas, indem es die Hinrichtung der Spione Roy Cannon und Leonard Groce, die ordnungsgemäß prozessiert wurden und ihr Verbrechen ingestanden, als Vorwand nahm. Der Abbruch der Beziehungen und die Landung von Blauröcken hatten den Fall Zelayas zur Folge. Bald darauf ward gemäß dem Uebereinkommen Dawson, abgeschlossen an Bord des Kreuzers „Yanqui“, Adolfo Diaz zur Macht erhoben,
Staatsanleihen, gewährt von den Finanzmännern New Yorks, folgten bald nach. Das Volk widersetzte sich diesen Interventionen, für die der Name Balkanpolitik geprägt ward, und erhob sich 1912 in Waffen. „Diese Einmischungen“, sagt Turner in der New-Yorker „Nation“, „fanden ohne den geringsten Schein von Gesetzmäßigkeit statt. Hätte Wodroow Wilson, als er die Präsidentschaft antrat, wirklich guten Willen für die humanitären Prinzipien, für die er während des Weltkrieges als Champignon eintrat, gehegt, so hätte er die Truppen auf der Stelle zurückgerufen und die perfide Intervention, mit welcher das wehrlose Nikaragua heimgesucht ward, verurteilt. Allein Wilson behielt die Blauröcke dort bis zum Uebereinkommen vom 18. Februar 1916, worin den Vereinigten Staaten folgende Konzessionen, die Nikaragua allein gar nicht einräumen konnte, gemacht wurden: 1. Das ausschließliche Recht, einen interozeanischen Kanal durch Nikaragua zu errichten, zu leiten und zu erhalten; 2. Abtretung der Maiz-Inseln für 99 Jahre, mit dem Erneuerungsrecht zum Zwecke der Errichtung von Ausgangspunkten für die Marine; 3. Abtretung der Territorien im Golf von Fonseca an der pazifischen Küste, mit denselben Rechten wie im vorhersehenden Punkte. Nikaragua sollte für all das 3 Millionen erhalten, doch befindet sich noch heute das Geld im Gewölbe einer New-Yorker Bank. Die unzweifelhaften Rechte der Grenzstaaten Honduras, San Salvador und Costa Rica wurden
zurückgewiesen, und bis heute ist von keiner Entschädigung die Rede. So sieht in Wahrheit der wohlwollende Onkel Sam aus, und diese Primitiven, rückständig, wie sie nun einmal sind, wollen gar nicht die Wohltaten anerkennen, mit denen sie überhäuft werden, wie eben dieser Mangel der Schadloshaltung, ja der Vergewaltigung verbriefter und alt erworbener Rechte beweist.

Inzwischen erschien Emiliano Chamorro, der Freund und Platzhalter von Adolfo Diaz, auf dem Plan. Der Diktator Chamorro erlaubte sich solche Bedrückungen, seine Herrschaft war so offen ungesetzmäßig, daß Washington dem Protest, der sich in ganz Lateinamerika erhob, nicht Widerstand zu leisten vermochte und sich in der eigentümlichen Lage sah,
seinem Günstling Chamorro die Anerkennung zu versagen. Die liberale Bewegung in Nikaragua wuchs, das Volk steht seit sechs Monaten in Waffen. Endlich sah sich Chamorro, dessen Namen zum Schimpfwort in allen Ländern südlich des Rio Bravo wurde, vor zwei Monaten gezwungen, sich in Bluefields nach Paris einzuschiffen, um der liberalen Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen, während sein Helfershelfer Diaz sich stracks von der Volksvertretung mit Hilfe von Bajonetten zum Präsidenten ausrufen ließ. Diese Wahl ward selbstverständlich von den Liberalen nicht anerkannt und so riefen sie Sacassa, den vor Jahren rechtmäßig erwählten Vizepräsidenten, zurück. Diesem kommt die Präsidentschaft nach dem Tode des gewaltsam vertriebenen und in Mexiko verstorbenen konstitutionellen Präsidenten Carlos Solorzano mit demselben Recht zu, wie Coolidge nach dem Tode Hardings und Roosevelt nach dem Attentat, dem Mc Kinley seinerzeit zum Opfer fiel. Das Waffenglück war Sacassa von Anfang an günstig, selbst die offiziellen amerikanischen Berichte geben dies offen zu. Die Lage ward für Diaz sehr bedrohlich, es ist klar, es hätte bloß einiger Wochen, vielleicht Tage mehr bedurft, um ihn vollständig zu Falle zu bringen und Nikaragua seine Freiheit wiederzugeben. Das mußte verhindert werden. So beeilte sich denn Washington rasch, den konstitutionellen Präsidenten Diaz anzuerkennen. Auch das half nichts, Sacassa drang ungehindert vor und nahm Puerto Cabezas, die wichtige Hafenstadt am Atlantischen Ozean. Da landete Lartimer Blauröcke und entwaffnete Sacassa. Diese Entwaffnung geht so weit, daß ihm seine aus hundert Mann bestehende Leibwache genommen wird. Gleichzeitig wird bekannt, daß alle Verbindungen mit ihm unterbrochen sind, weder seine Vertreter in Mexiko noch die in Washington vermögen sich mit ihm mehr zu verständigen, da die Kabelgesellschaften auf einmal bloß englische Telegramme annehmen, ja, nach einigen Tagen offen die von Washington angeordnete Zensur zugaben. So.sieht die Neutralität, deren Zone entlang der ganzen atlantischen Küste Nikaraguas ausgedehnt werden soll, in Wahrheit aus.

Bald darauf dankte Chamorro ab und Diaz wurde von den Vereinigten Staaten anerkannt. Mexiko dagegen hat Sacassa anerkannt. Vielleicht hat Mexiko auch Truppen und Waffen geschickt. Es wird behauptet, daß ein Häuflein Mexikaner es gewagt hat, sich für die Sache Nikaraguas zu opfern, wie einst Lord Byron, als er den Griechen gegen die Türken half. Mexiko kann es sich erlauben, dem Koloß des Nordens den Fehdehandschuh hinzuwerfen, denn es hat die Sympathie der ganzen Welt, ja, der freiheitlichen Elemente Nordamerikas selbst auf seiner Seite. Inzwischen haben diese Vorgänge einen Sturm der Entrüstung in ganz Südamerika hervorgerufen, schon werden Stimmen laut, die zum Boykott aufrufen. Wenn er einmal einsetzt, dann werden gerade die Unbeteiligten und Schwachen hüben und drüben am ärgsten davon betroffen, die Starken, Großen können aushalten.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel, der vor einigen Monaten aus Mittelamerika hier eintraf, stammt von einem Kenner der mexikanischen und amerikanischen Verhältnisse. Wir geben denselben hier wieder, trotzdem in der letzten Zeit die Lage sich wieder etwas beruhigte. Doch der Imperialismus der Vereinigten Staaten schläft nicht, es kann immer noch zu einem offenen Konflikt kommen. Daher ist der Artikel immer noch aktuell.