Buchbesprechung: Franz Heuholz, „Lieber leben wir als Außerirdische“
„Ich verspreche euch, dass es bei der ganzen Nestbeschmutzung etwas für uns zu gewinnen gibt.“
Die klassenpolitische Basisorganisierung in Deutschland hat Ende 2025 einen gut 300-seitigen Text neuer Selbstreflektion erhalten. Allein das ist selten, dringend notwendig und damit bemerkenswert.
Doch auch sonst ist das Buch von Franz äußerst lesenswert und außergewöhnlich. Im Kern nimmt Franz seine eigenen Erfahrungen als Organizer und aktives Kernmitglied eines vergleichsweise schnell gewachsenen FAU-Syndikats zur Grundlage für tiefgehende Fragen nach dem Charakter von nachhaltigem Organizing und einer nachhaltigen Entwicklung klassenkämpferischer Basisorganisation – dabei bezieht er weitläufige, zeitgenössische Literatur ein.
Ein Bewegungsdialog
Interessant sind allein schon die Form und der Entstehungsprozess des Buches: In sehr langen Passagen lässt er andere zu Wort kommen. Wir finden reichhaltige Zitate aus der IWW USA und Kanada unterschiedlicher Jahrzehnte, der alten CGT Frankreich, der CNT Spanien, Konflikt Bulgarien, der Sol-Fed Großbritannien, der SAC in Schweden, Theoriebeiträge aus der FAU und der FAUD der 20er Jahre aber auch rätekommunistischer und anarchistischer Gruppen, zeitgenössischer Stadtteilgewerkschaften und viele Stimmen mehr. Schon das ist in dieser Breite eine Seltenheit. Zumal den Einlassungen eben auch der Platz gelassen wird, für sich selbst zu sprechen und auch Dissens zwischen Autor und Zitierten ausgehalten und verhandelt wird. So lohnt das Buch auch für jene, die gerade erst anfangen sich mit Basisorganisierung und entsprechenden Organisationserfahrungen auseinander zu setzen – mindestens als Liste reichhaltiger Literaturempfehlungen.
Der Text entstand in einer fortlaufenden Artikelserie bei der Franz immer wieder versuchte, innerhalb der FAU den Dialog zu öffnen, mehr Perspektiven einzuholen – entsprechende Zitate und auch Gegenstimmen wanderten ins Buch. Das macht den Text zu einem ehrlichen Versuch eines Bewegungsdialogs, auch wenn er dadurch oft ein wenig mäandert, sich hier und da wiederholt, widerspricht oder in die Länge zieht. Unterm Strich aber überwiegen die positiven Effekte dieses Versuchs. Der Transparenz halber sei gesagt, dass der Autor dieser Rezension nicht nur im Buch mit eigenen Texten zitiert wurde, sondern mit Franz auch immer mal wieder im Austausch über die aktuellen Textentwürfe stand.
In Sachen Form ist zum Buch auch zu bemerken, dass der Autor den Kapiteln Kurzzusammenfassungen voran stellt, die es insbesondere Leser:innen mit wenig Zeit erleichtern sollen, den Überblick zu behalten. Auch für Diskussionsveranstaltungen zum Buch in denen eigenen Lokalorganisationen stellt der Autor Kurzfassungen zur Verfügung. Diese Formate sind auch eher neu und erfrischende Versuche, den Dialog zwischen Autor:innen und zeitknappen Mitgliedern sozialer Bewegungen zu öffnen.
Organizing auf einem anderen Level diskutiert
Seit ein paar Jahren wird Deutschland geflutet von Organizing-Literatur, Organizing-Workshops, outgesourcten Organizer:innen-Startups und geförderten Organizing-Pöstchen. Diese Wochenend-Kurs-Anleitungen bleiben – das wissen wohl alle, die halbwegs erfolgreich für verbindliche, revolutionäre Zusammenhänge organisieren – all zu oft technokratisch, blutleer, auf Mobilisierung und nicht auf langfristige Beziehungen fokussiert. Vor allem fehlt den meisten Organizing-Ansätzen die aktuell kursieren eines, was für ein Organizing im emanzipatorischen Sinne fundamental wäre: Aufrichtigkeit – gegenüber denen, mit denen mensch sich organisieren will aber auch gegenüber sich selbst und der eigenen charakterlichen und beruflichen Entwicklung. Diese Aufrichtigkeit wäre aber Grundlage von Augenhöhe und langfristigen, belastbaren Beziehungen in denen wir inhaltlich, charakterlich aber auch in Sachen Militanz und Gegenmacht wachsen.
Das Buch leistet dabei, die Debatte um ein anarchosyndikalistisches Organizing im deutschsprachigen Raum (aus historischem Blickwinkel wieder) auf ein ganz anderes Niveau zu heben, als es bspw. das auch in der FAU populäre Buch „Geheimnisse einer erfolgreichen Organizerin“ schafft. Eben, weil es den Finger solidarisch und ausgehend von den Fallstricken, in denen sich der Autor selber verfing, in diverse Wunden legt. Gerade dass der Autor die eigenen Fehler zum Ausgangspunkt nimmt, zeugt dabei von einer guten Kultur, die Fehler als normalen Entwicklungsschritt markiert und gleichzeitig versucht von der Selbstgerechtigkeit weg zu kommen.
„Geh mal weg, ich mach das professionell!“ – Die „PMF“
Mit einer Sache hat sich Franz dabei reichlich exponiert und auch innerhalb der FAU für teils heftige Reaktionen gesorgt: Ausführlich und vielschichtig beleuchtet er die Rolle der sogenannten „professional-managerial fraction“ (PMF). Mit dieser Kategorie wird eine bestimmte Fraktion der Lohnabhängigen beschrieben, die sich durch ihre Rolle in Verwaltung, Reproduktion von gesellschaftlichen Hierarchien und Ideologie permanent in bestimmten Formen gesellschaftlicher Widersprüche bewegt und die in ihrer objektiven Interessenslage oft zwischen der anderer proletarischer Klassenfraktionen und der Bourgeoisie verortet wird.
Dass diese Klassenfraktion keine bloße Fiktion, sondern ein bestimmender politischer Faktor ist, lässt sich auch anhand politischer Untersuchungen gut feststellen, in denen diese Klassenfraktion – bei durchaus wechselnden Untersuchungsschemata – meistens eine Sonderrolle in den politischen Haltungen einnimmt.¹
Nach Analyse von Franz sind (potentielle) Angehörige der PMF, also bspw. Anwält:innen, professionelle Gewerkschaftsfunktionär:innen, NGO-Arbeiter:innen, politische Bildner:innen, Studierende aus Bereichen wie Politikwissenschaften und ähnliche gesellschaftliche Funktionen stark prägend im eigenen Syndikat. Sie bringen verdrängte Wünsche und Karrierevorstellungen mit, bestimmte politische Perspektiven, zuweilen Staatsnähe, einen bestimmten Blick auf Tätigkeiten deren Verkapitalisierung und „Professionalisierung“ ihre berufliche Grundlage darstellt. Nach der Analyse von Franz zeichnet diese Klassenfraktion im Syndikat aber v.a. eines aus, das ihre Rolle wesentlich bestimmt: Sie bauen Strukturen für andere aus, vertreten sie im Arbeitskampf oder im Syndikatsaufbau, aber sie unterlassen es, ihre eigene Lebens- und Arbeitssituation in eine militante Reflexion und Alltagspraxis zu überführen. Laut der Analyse bleiben sie allzuoft auf dem Feldherrenhügel der strategischen Entwicklung des Syndikats stehen. Sie wiederholen Muster von „charity statt solidarity“ – also von der Trennung in Helfende und Hilfsbedürftige, Führenden und Geführten, Planenden und Handelnden – statt sich als gleichberechtigte Militante (im Sinne von couragiert, entschlossen) in eine kämpferische Selbstorganisation und Suchbewegung einzureihen.
Das Buch verpasst es dabei leider, eben auch aktuelle soziologische Forschungen einzubeziehen, die bspw. die besonderen politischen Dispositionen dieser Fraktion darstellt und das Für und Wider unterschiedlicher Klassifikationen und Abgrenzungen auswertet. Auch ein Bezug zu anderen Modellen, bspw. Pierre Bourdieus Einteilung in soziales, kulturelles und wirtschaftliches Kapital und seine Gedanken zu aufsteigenden und absteigenden Klassenfraktionen hätten die Überlegungen des Autors und die zitierten Bewegungstexte gut kontextualisieren und unterfüttern können. So bleibt nicht ohne Grund eine Kritik am Buch, dass die PMF-Definition schwammig und diffus bleibt und kein wirkliches Schema für eine weitere Differenzierung der Analyse geliefert wird.
Heftig diskutiert wird indes, ob das porträtierte Syndikat eigentlich so gut getroffen wird. Einige Stimmen aus dem Syndikat jedenfalls bestreiten dies stark und fühlen sich offensichtlich falsch verortet oder zumindest in ihrem Wesen als Basismilitante – wie der Autor jene nennt, die sowohl syndikalistisches Bewusstsein und syndikalistische Alltagspraxis verbinden – nicht gesehen.
Ob der Überhang aktivistischer aber eben nicht militanter Mitglieder mit PMF-Verortung im entsprechenden Syndikat wirklich so deutlich und tragend ausfällt wie im Buch beschrieben, ist für die Betrachtungen des Autors am Ende, meiner Meinung nach, aber nur von untergeordneter Bedeutung. Was das Buch zum Thema liefert, sind weitreichende Erklärungsansätze, wie die Position, Ausbildung und (verdrängte) Karriereerwartung von PMFs gewisse Pfadabhängigkeiten, Befremdungen, Richtungsentscheidungen, Rivalitäten, toxische Konfliktdynamiken und schließlich Austritte aus militanten Basisorganisationen wie der FAU verursacht. Die Fülle an Material, die aus unterschiedlichsten Bewegungen zitiert wird, legt dabei sehr nahe, dass das beschriebene Problem grundsätzlich keinesfalls fiktiv ist und in unterschiedlichsten Organisationen ähnlichen Mustern folgt.
Auf der Suche nach der Basismilitanz
Den aktivistisch agierenden PMFs fehlt es dem Buch nach also v.a. an einem ehrlichen Umgang mit der eigenen Klassenposition innerhalb der Organisation und daraus folgend auch an einer authentischen, gewerkschaftlichen Alltagspraxis oder gar dem Willen dazu.
Dieser problematischen Form von Gewerkschaftsmitgliedschaft wird die Basismilitanz als Gegenentwurf gegenüber gestellt. Diese zeichnet sich eben dadurch aus, dass sie die eigenen Probleme im Arbeitsleben zum Ausgang der gewerkschaftlichen Organisierung und der Organisationsenwicklung nimmt. Leider bleibt dieser Ansatz im Buch eher skizzenhaft. Der Autor, der sich selbst als PMF-Aktivist verortet, bleibt bei seinen Leisten und fokussiert auf die Probleme, die aus seiner Sicht aus dieser speziellen Rolle entstehen.
Einerseits ist das redlich und verständlich. Andererseits hat diese Herangehensweise auch ihre Tücken. So haben wir nun ein Buch vor uns, in dem die PMF als relativ privilegierte und mit ihrer klassenfaktions-eigenen Sicht stark bestimmend in der Bewegungslinken identifiziert wird – und das sich dann doch wieder v.a. an genau dieser überrepräsentierten Klassenfraktion und ihren Sinnkrisen abarbeitet. Dabei bleibt dann eine Differenzierung aus. Bspw. welche Klassenfraktionen neben den PMF vielleicht ähnliche Dynamiken und Probleme in der Organisation hervorbringen könnten.
Vor allem fehlt aber eine plastische Positivbestimmung dieser Basismilitanten. Das liegt einerseits sicher daran, dass der Autor diese Personengruppe in seinem Syndikat als verschwindend gering schätzt und das Syndikat relativ jung ist, also weder die Struktur noch die Genoss:innen soviel Zeit hatten, ein umfassendes, militantes Alltagskonzept miteinander zu entwickeln. Trotzdem hat der Autor hier eine wertvolle Chance verpasst, seine positive Vision von klassenkämpferischer Basisorganisierung greifbar zu machen und tiefer in deren Probleme und Fallstricke einzusteigen.
Das hängt sicher auch mit einer Leerstelle der zitierten Literatur zusammen, denn die historische FAUD verfügte zweifelsohne über viele Gewerkschaftsmitglieder, die über Jahrzehnte in verschiedenen Lebensbereichen und auch unter Lebensgefahr militant blieben. Angefangen bei der Räterevolution 1918/19, der revolutionären Periode bis 1921, den Inflations- und Putschjahren, der langsamen Faschisierung ab 1930 bis hin zur antifaschistischen Widerstandstätigkeit im Untergrund, die nicht wenige FAUD-Mitglieder bis 1945 durchführten. Die Standardwerke über die FAUD von Dieter Nelles, Andreas Graf, Hartmut Rübner und Helge Döhring² werden gar nicht in die Betrachtung einbezogen. Gerade diese hätten konkrete historische Konzepte von Arbeiter:innenmilitanz, die sich über mehrere Generationen in solidarischen Alltagsstrukturen und -kulturen manifestiert, plastisch gemacht.
Die Betrachtung alter FAUD-Praxis hätte insbesondere auch deshalb gelohnt, weil sie den Blick für das Repertoire von Alltagsmilitanz noch einmal deutlich erweitert hätte. Denn auch daran krankt das Buch ein wenig. Zwar wird der Fokus auf, lediglich einige wenige, betriebliche Konzepte wie bspw. die Betriebsgruppe als starr und in den heutigen industriellen Beziehungen oft nicht anwendbar kritisiert. Die volle Bedeutung von breiter gedachten syndikalistischen Strukturen findet allerdings nur schlagwortartig statt.
Als eine Person, die nach der Definition des Autors wohl halbwegs als Basismilitanter gelten würde, ist es aber für mich gerade diese Breite an Alltagsstrukturen und Techniken, die es mir ermöglichen die Alltagskämpfe wirklich militant und kollektiv(er) zu führen. Damit wird es möglich die Mitglieder auch abseits und zwischen den Arbeitskämpfen als aktive Teile der Organisationsstruktur zu behalten. So fehlen im Buch weitgehend die Verweise auf eine anderweitige Verteilung von Reproduktionsarbeit (wie sie in der FAUD bspw. durch den Syndikalistischen Frauenbund hochgehalten wurde), auf die Organisierung sozialer Gruppen wie Auszubildender (in der FAUD durch die SAJD abgedeckt), auf die Rolle feministischer Organisierung im Syndikat, auf Umverteilung von Geldern durch Privatdarlehen oder gemeinsame Ökonomien, auf gemeinsame Job- und Wohnbörsen, auf die strategische Einbindung von Kollektivbetrieben und Mieter:innenorganisierung. Dem Autor ist nicht vorzuwerfen, dass er hierfür nicht auch um mehr Input aus den aktuellen FAU-Strukturen gebeten hätte. Davon zeigten sich die meisten Angefragten aber wohl überfordert und es wäre nötig gewesen „aufsuchend“ Interviews zu führen.
Die breite der syndikalistischen Strukturen und andererseits die Fokussierung im Aufbau waren in der historischen FAUD aber auch in der heutigen FAU beständiger Kern innerorganisatorischer Auseinandersetzungen und sie haben und hatten gleichzeitig immer einen enormen Stellenwert, wenn es um die langfristige Bindung von Mitgliedern als Militante ging. Diese Dimension und ebenso die sich daraus ergebenden konkreten Lebensrealitäten von Militanten in der Organisation vernachlässigt das Buch leider zu sehr, um hier wirklich in den aktuellen Debatten um mehr Militanz weiter zu kommen.
Dezentralität ist Leben – Zentralismus der Tod
Ein weiteres Feld, das im Buch überraschenderweise eher unterbeleuchtet bleibt, sind die Auswirkungen von Zentralismus und Dezentralisierung. Zwar wird im Buch auf Strukturen und Dynamiken eingegangen, in denen „außerirdische“ Aktivist:innen über zentralistische Versammlungsinstitutionen die „Steuerungsgewalt“ im Syndikat ausüben, jedoch wird das Problem meiner Meinung nach nicht in der gebührenden Tiefe behandelt.
Rudolf Rocker maß der Frage nach Zentralismus und Föderalismus Zeit seiner Aktivität in der FAUD einen maßgeblichen Stellenwert in der Organisationsentwicklung bei und widmete dieser Frage auch sein theoretisches Hauptwerk, „Nationalismus und Kultur“, aber auch kleinere Schriften wie das Essay „Absolutistische Gedankengänge im Sozialismus“. Dabei argumentiert Rocker ausführlich, dass nur Dezentralität, Autonomie in Verbindung mit gemeinsamem Föderalismus eine lebendige, schlagkräftige und resiliente, im Alltag und der Masse der Mitglieder verankerte Organisations- und Widerstandskultur schaffen könne. In diesem Sinne formuliert er sogar, dass der Syndikalismus letztlich eine Kulturfrage sei. Leidet der zeitgenössische Syndikalismus in Deutschland allgemein daran, dass er manche schon gewonnene Erkenntnis wieder vergessen hat, dann gibt es wohl kein Paradigma, das historisch so zentraler Teil unserer Bewegung war und heute so massiv unbeachtet bleibt. Denn gleichwohl die FAU auf Bundesebene aus fast völlig autonomen, lokalen Syndikaten besteht, sind diese auf lokaler Ebene oft sehr zentralistisch. Dieser Zentralismus kommt meist darin zum Ausdruck, dass die Syndikate wenige Unterstrukturen bspw. nach Branchen oder Sozialgruppen aufweisen und Aktivitäten meist auf der zentralen Vollversammlung oder von Sekretariaten genehmigt werden müssen. Damit wären Fragen nach Zentralität und Dezentralität eigentlich am Kern der Betrachtungen des Buches, weil sie strukturell vorgeben, ob es für aktivistische Außerirdische überhaupt möglich ist, die Aktivitäten der Basismilitanten zu bestimmen und zu lenken. Das nicht nur Rocker als einzelner intellektueller Schreiber diesem Punkt eine gewichtige Bedeutung beimaß, beweist dieses Zitat aus dem zentralen historischen Dokument „Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus“³:
„Manche Genossen halten es fälschlicherweise für ein Prinzip des Föderalismus, wenn die Arbeiten solcher Körperschaften (Agitation, Bildung, Wirtschaftsplanung, Frauenbund, Jugendsektion, Anm. des Verfassers) in jeder Beziehung der Besprechung und Genehmigung des Plenums bedürfen. Dies ist bei größeren Organisationen gar nicht möglich. Gerade die Erledigung aller Angelegenheiten durch eine einzige Stelle ist ein Prinzip des Zentralismus. Die Selbstständigkeit und Verantwortlichkeit der Einzelnen und Gruppen, die wir erstreben, bedingt es, daß alle Körperschaften das freie, selbstständige Handeln innerhalb ihrer Befugnisse haben müssen. Wenn Unstimmigkeiten vorkommen, können dieselben durch gemeinsame, öffentliche Aussprache beigelegt werden…“
Im selben Abschnitt wird dann sogar nahe gelegt, dass sich Körperschaften selber Klasse am besten parallel am selben Tag treffen und Mitglieder nur maximal einen Kommissionsposten begleiten sollten. Damit werden sehr konkrete Vorschläge gemacht, die eine Kontrolle der Organisation durch einen potentiellen Kreis an Aktivist:innen sehr schwierig gestalten und gleichzeitig auch das Problem anderer Mitgliedergruppen begrenzen würde, die durch deutlich mehr Zeitressourcen ansonsten vielleicht einen ungebührlichen Einfluss auf die Organisation einnehmen würden. V.a. steckt in diesen Ansätzen aber noch ein anderes, wichtiges Prinzip: Eine solche soziale Organisation baut darauf auf, dass Bewusstsein und Kultur sich dahingehend entwickeln, dass eine wechselnde Auswahl von Genoss:innen in Teilbereichen gute Entscheidungen im Sinne der restlichen Genoss:innen trifft. Stellvertretung wird dahingehend also nicht abgeschafft, sie wird quasi universalisiert, so das jede:r potentielle Stellvertreter:in seiner:ihrer Genoss:innen ist. Damit wird ein struktureller Anreiz für die Organisation geschaffen, besonderen Wert auf Vermittlung, Beziehung, Empathie und Bewusstseinsbildung zu legen. Das wiederum erklärt sicher auch, warum die FAUD auch zu Zeiten, in denen sie deutlich mehr Mitglieder als die heutige FAU hatte, wesentlich mehr Schwerpunkt auf die politische und philosophische Weiterbildung und die oben erwähnten, außerbetrieblichen Alltagsstrukturen wie auch die politische Analyse der Branchen legte.
Stellt Franz in seinem Buch fest, dass PMFs in der Rolle von Aktivist:innen dazu neigen, ihre Rolle als Führer:innen, Stellvertreter:innen und Kontrolleur:innen in der Organisation auszubauen, haben wir hier einen recht pragmatischen und radikalen historischen Gegenentwurf vor uns, von dem sich auch manche aktuellen FAU-Strukturen haben inspirieren lassen. Es ist sehr schade, dass dieser Ansatz im Buch nicht vertieft wurde.
Konkrete Handlungsvorschläge des Buchs
Das Buch macht dagegen seine eigenen Handlungsvorschläge, wie das beschriebene Syndikat angesichts von Franz‘ Diagnose die Organisierung vom Kopf auf die Füße stellen könnte. Diese enthalten zweifellos spannende Gedanken, überzeugen aber insgesamt am Wenigsten.
Franz schwebt eine Klassifizierung von Genoss:innen in verschiedene Haltungen im eigenen Erwerbsleben und zur eigenen Organisierung vor. Der Gedanke, sich viel offener über die eigene Stellung in FAU und im proletarischem Leben zu unterhalten ist auf jeden Fall sympathisch. Viele werden es in der FAU schon erlebt haben, dass sie sich seitenweise kluge Ratschläge für den Aufbau von Betriebsgruppen von Menschen anhören durften, die selbst noch nie Teil einer Betriebsgruppe waren (und das verschwiegen oder nicht erwähnenswert fanden). Oder dass sie von Menschen über die gemeinsamen, zuweilen auch die richtigen und wahren Klasseninteressen der „Massen“ belehrt werden. Von Menschen die aufgrund ihres Gehalts, ihres finanziellen Kontextes oder ihrer Aufstiegschancen einfach ganz andere Lebensrealitäten haben als mensch selbst. Mit Maulheldentum wird oft die mangelnde Erfahrung mit den Widrigkeiten der Praxis und mit zu platten Klassendefinitionen oft das riesige Gefälle innerhalb der Arbeiter:innenklasse verschleiert. Mithin nicht eben zufällig.
Die angedachten Kategorie-Etikettierungen von Franz stelle ich mir in der Praxis dann aber doch als zu seltsam, verkopft und unzureichend vor. Anstatt Aktivist:innen durch diese Strukturmaßnahmen in die Quarantäne zu schicken, scheint es wesentlich plausibler, Strukturen allgemein zu dezentralisieren, den eigenen Erfahrungsschatz bei konzeptionellen Diskussionen transparent zu machen, eine Kultur der Courage zu entwickeln, wenn all zu sehr vom theoretischen Elfenbein her taktiert wird. Militante Arbeiter:innen müssen eben lernen, militant zu sein, auch innerhalb der eigenen Organisation. Das ist ein Emanzipationsprozess, bei dem strukturelle Abkürzungen wenig bringen. Statt sendungsbewusste Aktivist:innen also in Passivrollen zu verbannen, scheint es plausibler, ihnen einerseits öfter mal über’s Maul zu fahren und sie andererseits mehr an die Hand zu nehmen, eigene Alltagsstrukturen zu entwerfen und aufzubauen.
Entsprechend tappt Franz meiner Meinung nach auch in die eigene Falle von Solidaritäts-Gefälle und Bevormundung, wenn er vorschlägt, die FAU solle Betriebsgruppen unverbindlicher und außerhalb der Organisation mehr und mit den eigenen Geldern unterstützen. Dieser Vorschlag hat sicherlich in besonderen Konstellationen einiges für sich. Bspw. wenn extrem prekäre Arbeiter:innen darauf angewiesen sind, das Gesetz offensiv zu übertreten, um Arbeitskämpfe zu gewinnen. Solche Fälle kennen wir bspw. von migrantischen Landarbeiter:innen, Gastro-Beschäftigten oder Rider:innen. Hier kann es in der Tat zu Interessensgegensätzen kommen, zwischen Arbeiter:innen die sehr schnell auf ihr Geld angewiesen sind und weder Zeit noch Nerven für jahrelange Auseinandersetzungen haben und legalistisch operierenden Gewerkschaftsorganisationen, die sich gegen Schadensersatzzahlungen und Strafverfolgung schützen wollen. In allen anderen Fällen erscheint das Konzept jedoch wieder paternalistisch. Wenn wir die FAU zu einer Organisation von Basismilitanten umgestalten wollen, warum sollten genau diese Arbeitskämpfe für Kolleg:innen auskämpfen, die sich nicht verbindlich organisieren wollen? Warum sollten sie ihre abgesparten Mitgliedsbeiträge darauf investieren? Solidarität ist eben keine Einbahnstraße. Solidarität entsteht aus einem gewissen Vertrauen, aus Augenhöhe und Gegenseitigkeit. Meine These wäre hier, dass es meist ausreicht wenn nicht allgemeine Syndikate sondern militante Branchenorganisationen (ohne branchenfremde Manager:innen) auf die Kolleg:innen zugehen, um von einer Mitgliedschaft – durch Augenhöhe – zu überzeugen. Im vorliegenden Vorschlag werden die Basismilitanten damit selbst in eine Aktivist:innenrolle gedrängt, die sie neben ihrer eigenen Basisorganisierung kaum füllen können. Das Konzept befriedigt mich auch nicht wenn es darum geht, wie in dieser einseitigen Solidaritäts-Vorleistung eigentlich die Bewusstseinsprozesse angestoßen werden, die die alte FAUD für ein militantes Leben offensichtlich für unabdingbar hielt.
Seltsam mutet auch die Idee des Autors an, dass Aktivist:innen – also eben die nicht im Alltag organisierten Mitglieder – gerade die Bildungs- und Medienarbeit in die Hand nehmen sollen. Da wird ja offensichtlich der Bock zum Gärtner. Sehr plausibel dagegen ist der pragmatische Vorschlag, dass wenn schon Leute regelmäßig von der Organisation bezahlt werden, sei es in abhängiger Beschäftigung (wogegen sich der Autor an sich ausspricht) oder bspw. als Anwalt, ihnen in dieser Zeit das Stimmrecht zu entziehen sei und diese Beschäftigung befristet sein müsse, um den Aufbau einer beruflichen Gewerkschaftsbürokratie zu unterbinden.
Unterbeleuchtet blieben in den letzten Kapiteln des Buchs Entwicklungen und Konzepte, die gerade in der FAU diskutiert werden und im Sinne der beschriebenen Probleme eigentlich Hoffnung machen: Branchen- und Sozialorganisationen sind bereits im Aufbau oder werden diskutiert. Diese haben, je nach Branchenzuschnitt, ganz natürlicher Weise keine oder wenig PMF-Anteil. Es ist auch viel weniger nahe liegend, an diesen Strukturen teilzunehmen, ohne sie auch selbst im Alltag zu nutzen. Der Weg zur alltäglichen Militanz wird also kürzer, es entstehen Gliederungen in der FAU, die im Wesentlichen von den Leuten gestaltet werden, die Franz als Basismilitante benennt. Es ist sicher kein Zufall, dass gerade im Bereich der PMF-Berufe hier bis jetzt, v.a. gemessen an den Mitgliederzahlen in diesem Bereich, kaum Strukturen im Aufbau sind. Sobald sich dies aber bspw. in Bereichen wie den sozialen Branchen, der Bildung oder der Wissenschaft ändert, wird schnell deutlich werden, ob diese Branchenorganisierungen auch kritisch auf die Rolle ihrer Branchen in der heutigen Gesellschaft blicken oder dies aus Partikular-Interessen heraus unterlassen.
Mithin wäre die Ausweitung dieser Branchen- und Sozialorganisationen auch der Startschuss für eine Dezentralisierung und echte Föderalisierung der FAU und würde gleichzeitig den Weg für außerbetriebliche Selbstorganisation frei machen, ohne damit das noch zarte, betriebliche Profil der FAU am Ort zu gefährden.
Fazit: Ein großer Wurf mit Schwächen, ein guter Anfang
Trotz aller Kritik meinerseits und noch mal mehr Kritik von Mitgliedern des beschriebenen Syndikats, dieses Buch ist ein großer Wurf. Hierzulande fühlen wir uns von Kritik meist erst einmal prinzipiell angegriffen. Um so mehr als wir – vielleicht auch qua unserer beruflichen Orientierung – mehr in Machtspielchen, Fraktionen und Richtungsstreits denken, als im verzweifelten, gemeinsamen Kampf der Ausgebeuteten um unser Leben und unsere Welt. In der kurdischen Bewegung wird die Idee hoch gehalten, dass konstruktive Kritik immer ein Liebesdienst an den Genoss:innen darstellt, bei dem deine Genoss:innen Zeit und Mühe investiert haben, über dich nach zu denken und dir ein Geschenk zu machen, welches dir bei der persönlichen Weiterentwicklung hilft. Ich denke das ist der Blick auf Kritik, den jede soziale Bewegung einnehmen sollte, die voran kommen will.
Und in dieser Hinsicht hat Franz eine Menge Liebe aufgebracht und viel Mühe auf sich genommen, viele unterschiedliche Blickwinkel zu versammeln, auch Wut und Unzufriedenheit auf sich zu lenken, damit wir gemeinsam voran kommen. Das Produkt ist ein starkes Werk, das es vielen Menschen auch mit wenig Zeit ermöglicht, weiter zu lesen, sich weiter zu bilden, die im Buch eröffneten Thesen anhand der täglichen Organisationspraxis abzugleichen.
Das sollten auch jene respektieren, die Vielem im Buch widersprechen, denn böswillig und machtpolitisch war das sicherlich nicht motiviert und so haben wir die beste Grundlage, unser Bild weiter auszudifferenzieren, zu korrigieren und nach den Gründen für potentielle Fehlwahrnehmungen zu suchen. Damit ist das Buch selbst ein würdiges Stück anarchosyndikalistischer Kultur, die schon immer beinhaltete, Diskussionen und Dissens mit der proletarischen Öffentlichkeit zu teilen, mit der wir uns auch organisieren wollen.
Darin steckt wohl auch ein Stück weit die Antwort, wie wir die Militanten in und außerhalb der FAU erkennen können: Daran, dass der Erkenntnisgewinn für die gemeinsame Bewegung wichtiger ist als das eigene Ego, die eigene Stellung in der Organisation und die Dominanz des eigenen Flügels, daran, dass es den Diskutant:innen um das verbindende, um die gemeinsame, kollektive Stärke geht. Und daran, dass es darum geht, den Genoss:innen vertrauen zu können, nicht darum, die Kontrolle zu behalten, sondern stattdessen die Kontrolle an die gemeinsame Intelligenz und Handlungsmacht der Vielen zu verlieren.
Quellen
¹ Als prominentes Beispiel siehe Mau/Lux/Westheuser – Triggerpunkte
² Hartmut Rübner – Freiheit und Brot: Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus, Libertad Verlag, Berlin/Köln, 1994, Ulrich Klan/ Dieter Nelles – Es lebt noch eine Flamme, Rheinische Anarchosyndikalisten /-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Trotzdem Verlag 1990, Rudolf Berner/ Andreas Graf/ Dieter Nelles – Die unsichtbare Front, Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937), Libertad Verlag, Berlin/Köln, 1997, Helge Döhring – Kein Befehlen, kein Gehorchen!, Die Geschichte der syndikalistisch-anarchistischen Jugend in Deutschland seit 1918, a propos verlag, Schweiz, 2011
³ Studienkommision der Berliner Arbeiterbörsen – Das ist Syndikalismus: Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus, Verlag Edition AV, Frankfurt am Main, 2005

