Vom 14. bis zum 17. Mai fanden in Potsdam die „Anarchistischen Tage“ unter dem Eindruck von prognostizierten Katastrophen und Kollapsen statt. Angesichts dieser dystopischen Aussichten fragten die Organisator:innen unter dem Schlagwort des Anarchofuturismus, wie sich die Utopie in diesen bewähren kann. Dabei betonten sie: „Wir sind davon überzeugt, dass herrschaftslose Gesellschaftsordnungen unter allen möglichen materiellen Bedingungen entstehen und überdauern können. Anarchist:innen haben also keine Veranlassung, auf den Kollaps zu warten, noch ihn zu fürchten.“

Internationalismus, Souveränität, Zukunft des Anarchismus

Ob es da nichts zu fürchten gäbe, da waren sich Teilnehmende, wie Referent:innen nun wahrlich nicht so sicher, darin, dass der Anarchismus die bitter notwendige Alternative zu den herrschenden und sich verschärfenden Zuständen darstellt, darin bestand jedoch Einigkeit.

Das Programm versammelte unterschiedliche Perspektiven: Zwei Vorträge beleuchteten intensiv die politischen Perspektiven von Anarchist:innen in Hongkong und auf den sogenannten Philippinen. Einen besonderen Platz nahm das Thema Ernährung und Landwirtschaft ein, was für den Autoren dieses Beitrags besonders stimmig war, da er gerade die Woche zuvor mehrere alternative und kollektive Agrarbetriebe in Brandenburg besucht hatte. In einem ersten Vortrag wurde der Begriff der Ernährungssouveränität erklärt und verschiedene Aspekte wie der Umgang mit Düngern, Wasser, Boden für Fachfremde aufbereitet. Diese Inhalte wurden am Samstag noch praktisch vertieft als die FAU-Sektion für Landwirtschaft, Gartenbau, Forst und Umweltberufe – die Initiative Grüne Gewerke – über Klimaveränderungen, die wichtige Rolle solidarischer Landwirtschaften und gewerkschaftliche Bewertungen der entsprechenden Betriebe sprach. Ebenfalls um Ernährung, aber auch Gesundheitsversorgung, Technologie-Entwicklung allgemein und revolutionäre Potentiale in der Gesellschaft ging es im Vortrag des Artikelautors „Revolution im Kollaps“.

Bei den eben genannten Vorträgen zielten die anschießenden Diskussionen vor allem auf sehr konkrete, alltagspraktische Fragen, wie die Arbeitsbedingungen in solidarischen Landwirtschaften, Notwendigkeiten gewerkschaftliche Organisierung auch auf Konsument:innen-Ebene und in der Reproduktionssphäre zu etablieren oder politische Argumentation im Alltag auch gegenüber Menschen die von rechten Quellen und Umfeldern stark beeinflusst sind. Grundsätzlicher wurde es dagegen bei den Veranstaltungen des kontroversen Referenten Jörg Bergstedt der in zwei Formaten einerseits über die Bedeutung provokanter Aktionen im Protestgeschehen und andererseits über seine Kritik an Demokratie-Konzepten, insbesondere auch an Basisdemokratie von Belegschaften und Organisationen sprach. Hier kamen tatsächlich sehr widerstreitende Standpunkte und politische Konzepte zum Ausdruck.

Abschlussdiskussion: Brauchen wir Anarchofuturismus?

Am Samstag Abend luden die Organisator:innen alle Referent:innen und Teilnehmende zu einer Diskussion über das bisher gehörte und den Begriff des Anarchofuturismus ein. Dabei wurde ein weiteres Spannungsfeld der diesjährigen A-Tage deutlich: Auch wenn keine:r der Diskutant:innen die Notwendigkeit von Hochtechnologie bezüglich Forschung und Gesundheitsversorgung in Frage stellte, gab es ansonsten sehr unterschiedliche Blickwinkel darauf, welche Technologien im Idealfall die weitere Entwicklung der Menschheit prägen sollten. Während gerade Diskutant:innen der Schule für Erwachsenenbildung Berlin eher ein Bild einer hochtechnisierten Utopie im Sinne des Solarpunks zeichneten, verwiesen v.a. die Referent:innen des Ernährungsstrangs eher auf Aspekte von radikaler Regionalisierung, Low- und Smalltech, Keislaufwirtschaft in den meisten gesellschaftlichen Bereichen wie Ernährung, Bau und Transport. Ein Diskutant machte darüber hinaus noch mal auf die Frage der Eigentumsformen aufmerksam, denen sich die Bewegung im Hier und Jetzt bedient und kritisierte den mangelnden Fokus auf Commons und Allmende, bspw. bei solidarischen Landwirtschaften und anarchistischen Verlagen. Die Frage der Organisator:innen, ob mit Anarchofuturismus vielleicht ein notwendiger Begriff für die Weiterentwicklung des Anarchismus angesichts dystopischer Prognosen voran zu bringen, wurde eher abgelehnt. Es wurde darauf verwiesen, dass Anarchismus immer auch auf einen Erhalt der Lebensgrundlagen für die nächsten Generationen abzielt und der Futurismus eine in vielerlei Hinsicht hochproblematische Bewegung war und ist (auch wenn die Organisator:innen im Nachgang auch auf die Begriffswurzel des Afrofuturismus verwiesen).

Persönlicher und berührend waren teilweise die Antworten auf die Frage, warum die Diskutant:innen gerade angesichts düsterer Zukunftsaussichten am Anarchismus festhalten. Hier kamen die tiefen Überzeugungen zum Ausdruck, dass es gerade in schlimmeren Verhältnissen anarchistische Konzepte braucht, um als Gesellschaft Humanismus, Ökologie und Zukunft verteidigen – und um die eigene Würde in diesen Verhältnissen zu verteidigen.

Unverhofft: Ein neues Haus für Potsdam

Am Freitag Abend besetzten in Potsdam viele Menschen ein seit Jahren leerstehendes, kommunales Gelände. Sie wollen damit nicht nur auf die angespannte Situation auf dem Potsdamer Wohnungsmarkt hinweisen sondern gleich vermittels direkter Aktion etwas dagegen unternehmen. Ein Haus ist dabei natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein weswegen ein Transparent am besetzten Haus direkt auf die Adressen weiterer, leerstehender Gebäude verweist.

Die Besetzung erreichte sofort viel Medienwirksamkeit und wird auch von vielen Potsdamer:innen auf Anhieb verstanden: Während sich Potsdam in einer Wohnungskrise befindet, stößt die Stadtverwaltung weiter reihenweise kommunale Immobilien ab und gibt so Möglichkeiten zur Linderung der Wohnungsnot aus deŕ Hand.

Noch am Freitag sprach die amtierende Oberbürgermeisterin wohl unter Druck der hohen Sympathien für die Besetzung zunächst eine nicht näher zugesicherte, temporäre Duldung aus. Die Besetzer:innen begannen direkt mit Sicherungsarbeiten an Bäumen und einer Prüfung der Baustatik. Die Besetzung fügte den A-Tagen somit eine motivierende, praktische Dimension hinzu.

Trotz Lücken – Ein praktischer Impuls für Organisation

Aus Sicht des Autors (Landarbeiter) war der große Fokus auf Ernährung bei diesen A-Tagen sehr erfreulich, zumal die anarchistische Bewegung mit dieser Branche oft gefremdelt hat. Sicher wäre es schön gewesen, hier noch weitere wichtige Akteur:innen wie die junge Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (jAbL) und das Emanzipatorische Landwirtschaftsnetzwerk (ELAN) dabei zu haben, die es leider nicht einrichten konnten. Beim nächsten mal wäre es wünschenswert, ähnliche Impulse aus anderen Branchen zu hören, bspw. die Brancheninitiative IT der FAU oder die Bewegung um digitale Souveränität, Pflegebündnisse, Krankenhausbewegung, Care-Revolution, die Bau-FAU Hamburg oder die Wandergesell:innen in der FAU, Energiekooperativen und viele andere.

Die wichtigsten Fortschritte passieren auch bei solchen Tagungen erfahrungsgemäß immer zwischen den Veranstaltungen, so sicher auch auf diesen A-Tagen. Trotz der parallel stattfindenden Anarchistischen Buchmesse Mannheim waren auf der Tagung v.a. auch FAU-Gewerkschafter:innen aus vielen Städten wie Flensburg, Lübeck, Rostock, Berlin, Dresden und Leipzig präsent. Auch die FAU Schweiz und die Plattform Anarchismus.de waren mit einem Infostand vertreten. Das Programm ließ dabei ausreichend Raum für Diskussions- und Erfahrungsaustausch was durch die wunderschön an der Havel gelegenen Räumlichkeiten der “Datscha” und den enormen Einsatz der engagierten Kochcrew gut unterstützt wurde. Das Orga-Team unterstützte seinerseits mit guter Unterbringung und einem rührigen Infostand, lediglich die Temperaturen spielten nicht ganz mit, was manche Teilnehmenden durchaus forderte.

In einem Bereich wäre aus Sicht des Autors noch mehr gegangen: Auch wenn die Organisation der A-Tage an sich organisationsübergreifend bzw. unabhängig ist, war die FAU und ihre Mitglieder doch sehr prägend und vielen lokalen Teilnehmenden wurde auch ordentlich Lust gemacht, sich zu organisieren. Hier hätte direkt ein lokaler Folgetermin, eine Vorstellung der Potsdamer FAU-Strukturen, Mitgliedsanträge etc. gut getan um auch schüchternen Menschen einen schnellen Einstieg zu ermöglichen und sich vielleicht schon während der A-Tage verbindlich zu organisieren.

Trotzdem waren es wundervolle und bereichernde Tage in Potsdam die hoffentlich auch aus Sicht der lokalen Veranstalter:innen die Mühe wert waren. Die A-Tage Potsdam haben damit gute Chancen ein festes Event zu werden, was über die Stadt hinaus weist und beständig hilft, die organisatorischen Strutkuren aber auch Debatten der sozialen Bewegungen in der Region voran zu bringen.