Die Bakuninhütte auf der Hohen Maas bei Meiningen feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen (die Direkte Aktion berichtete). Unter dem Motto „Ein Jahrhundert gelebter Solidarität, Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe“, hatte der Wanderverein Bakuninhütte e.V. alte und junge Freund*innen, Anarchosyndikalist*innen, Umweltaktivist*innen und Interessierte aus Meiningen und Umgebung am 12./13. September, dem Tag des offenen Denkmals, zur Feier geladen.
„Die Genossen der FAUD Meiningen erbauten sich auf einsamer Bergeshöhe eine Schutzhütte, die dem Andenken Michael Bakunins gewidmet werden soll und in Zukunft die Bakunin-Hütte heißen wird. Alle Genossen des Erfurter Bezirks, insbesondere der BAB Suhl, werden für Sonntag den 22. August bei schönem Wetter zu der Einweihung herzlich eingeladen.“ (Aus: Der Syndikalist, Nr. 34, 21.8.1926)
Soweit die Genossen der FAUD 1926. Die nicht erwähnten Genossinnen feierten die Einweihung übrigens mit. Etwas mehr als 100 Jahre sind seitdem vergangen und noch immer ist die Bakuninhütte für die am 12./13.09.2026 aus allen Ecken Deutschlands anreisenden Genossinnen und Genossen ein Sehnsuchtsort.
Ab 9 Uhr morgens war Betrieb; die Küfa-Combo versorgte alle mit Kaffee, Kuchen, leckerem Essen und Getränken und sogar wer einen neuen Haarschnitt wollte, musste nicht nach Meiningen zum Friseur, sondern konnte sich gleich im Frischluftfriseursalon im Wald stylen lassen. Das Angebot: „Solihaarschnitte gegen Spende“.
An Bücher- und Infotischen gab es neben anarchistischen und anarchosyndikalistischen Klassikern auch Infos zu Wanderwegen und Hütten in Thüringen, natürlich Material zur Geschichte der Bakuninhütte, Informationen von und über die FAU sowie biologische Seifen und Putzmittel der seit 13 Jahren in Selbstverwaltung produzierenden Seifenfabrik Bio.Me in Thessaloniki. Die Arbeiter*innen von Bio.Me hatten 2011, nachdem sie monatelang keinen Lohn erhalten und sich die Fabrikbesitzer letztendlich vom Acker gemacht hatten, die Fabrik besetzt. 2013 beschlossen sie, die Produktion in eigener Regie wieder aufzunehmen und umweltfreundliche Reinigungsmittel herzustellen. Wohl kaum ein Ort wäre besser geeignet, Produkte von Bio.Me anzubieten, als die von anarchosyndikalistischen Arbeiter*innen errichtete Bakuninhütte!
Schön gestaltete Stellwände und Zeittafeln informierten über die wechselhafte Geschichte der Hütte. Wer sich noch genauer informieren wollte konnte an einer der spannenden Führungen vom hauseigenen Historiker Kai Richarz teilnehmen.
Abriss über die wechselvolle Geschichte der Bakuninhütte
Errichtet, oder besser gesagt gegraben, wurde der erste in den felsigen Boden gehauene Unterstand 1926. Doch begonnen hatte alles schon einige Jahre zuvor. Nach dem Ersten Weltkrieg schlossen sich Arbeiter der Eisenbahnhauptwerkstatt Meiningen und anderer Betriebe der anarchosyndikalistischen FAUD an. In Zeiten von Hunger und Not pachteten sie ein Grundstück, um gemeinsam Gemüse anzubauen. Im folgenden Jahr konnten sie Land auf der Hohen Maas kaufen, auf dem vor allem Kartoffeln und Getreide angebaut und einige Obstbäume gepflanzt wurden. 1925 war klar, dass die harte Arbeit auf dem kargen Boden in keinem Verhältnis zum geringen Ertrag stand. Ab nun lagen die Felder brach, doch die ca. 30 Genoss*innen trafen sich weiter auf ihrem wunderschönen Stück Land. Nachdem sie eines Tages von einem Regenguss überrascht wurden, entstand die Idee ein Schutzhütte zu bauen. Eine Erdgrube mit Sitz- und Kochgelegenheit wurde 1926 in den felsigen Boden gehauen, mit einem Dach versehen und auf den Namen „Bakunin Schutzhütte“ getauft. Mit der Zeit kamen immer mehr Arbeiter*innen an den Wochenenden auf die Hohe Maas. Das Gelände wurde bepflanzt und gestaltet, 1927 der „Siedlungsverein Gegenseitige Hilfe“ gegründet, ein erster Erweiterungsbau errichtet, Gartentische und Bänke angeschafft und sogar ein Karussel für Kinder geschweißt.
Aus einer einfachen Schutzhütte wurde so nach und nach eine anarchosyndikalistiche Erholungs- und Bildungsstätte, zu deren Gästen auch bekanntere Anarchist*innen wie Augustin Souchy, Erich Mühsam und wahrscheinlich Emma Goldman zählten. Goldman beschrieb zumindest eine der Baufonds-Karten der Hütte, was ihren Besuch zumindest nahelegt, da sie Anfang der 1930 Jahre auf einer Vortragsreise auch in Südthüringen sprach. Der Berliner Wanderarbeiter und Buchbinder Fritz Scherer war so beeindruckt, dass er längere Zeit blieb, zum Hüttenwart ernannt wurde und das Gästebuch der Bakuninhütte einführte.
Aufgrund des großen Zuspruchs auch im Winter begannen die FAUD-Genoss*innen 1931 mit einem zweiten Erweiterungsbau, den sie jedoch nicht mehr vollenden konnten. 1933 wurden sie von den Nationalsozialisten enteignet, die Hütte beschlagnahmt, ihr Verein aufgelöst. Bis 1937 nutzten SS und Hitlerjugend die Hütte. Danach ging sie in Privatbesitz eines Einwohners von Ellingshausen über, der den begonnenen Anbau nach den Plänen der Syndikalisten fertigstellte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignete die Sowjetische Militäradministration den Privateigentümer. Die Hütte wurde der SED übertragen und nun als Touristenstation August Bebel genutzt. Ab 1953 kamen jährlich bis zu 800 Kinder zu Ferien- und Pionierlagern. 1962 übernahm der Kulturbund das Gebäude, das nun als Karl-Kneschke-Hütte von jungen Naturforscher*innen genutzt wurde. Zwischen 1969 und 1989 war die Bereitschaftspolizei auf dem Gelände, das sie für Übungen nutzte.
1990 nach der Wende verwaltete das Bundesvermögensamt das Objekt. Frühe Versuche von FAU-Genoss*innen, das Haus rücküberschrieben zu bekommen, scheiterten. Es verfiel zunehmend, wurde kurzzeitig von jugendlichen Punks besetzt. 2005 gelang es schließlich mit einer Flüster-Spendenkampagne einem kleinen Kreis aktiver Menschen, als „Kreis der Wander- und Naturfreunde Meiningen“ die Hütte mit einigen Hektar Wald und Wiesen zu erwerben. 2006 gründete sich der „Wanderverein Bakuninhütte“, der heute knapp 150 Mitglieder in ganz Deutschland zählt. Bei der aufwendigen und mit vielen bürokratischen Hindernissen verbundenen Sanierung der Hütte arbeiten die Aktivist*innen beider Vereine Hand in Hand. Seit 2015 ist die Bakuninhütte das erste anarchosyndikalistische Kulturdenkmal Deutschlands.
Aktuelle Informationen gibt es unter hier
Ohne Musik und Tanz keine Revolution
Wie schon vor hundert Jahren gehört Kunst und Musik auch heute untrennbar zur Bakuninhütte. Mit schon fast verlorenen, wiederentdeckten Liedern der anarchistischen Bewegung brachte der Musiker, Komponist und Anarchismusforscher Ulrich Klan die Zuhörer*innen am Samstagnachmittag zum Schwelgen. Der Mitautor des Buches „Es lebt noch eine Flamme“ über die FAUD rekonstruierte mit überlebenden Zeitzeug*innen auch Lieder der Bewegung, deren Noten 1933 von der Gestapo beschlagnahmt und vernichtet worden waren. Diese alten und einige neuere Lieder der revolutionären Arbeiterschaft wurden abends gemeinsam mit ihm und anderen Aktivist*innen der Initiative Lebenslaute geübt und gesungen. Das gemeinsame Singen der Lieder unserer „Vorfahren“ hat unglaublich Spaß gemacht und sollte viel öfter geschehen. Auch so bleibt die Flamme der Revolution am Lodern.
Danach machte das Musik- und Poesie-Trio Latte Macchiato Revoluzzer mal groovig, swingend und bluesig, mal poetisch entspannt und verspielt, immer mit einer Brise Revoluzzertum, seinem Namen alle Ehre. Über die kämpferische und oft leidvolle Geschichte anarchosyndikalistischer Genoss*innen aus dem Rhein-Main Gebiet informierte die Darmstädter Geschichtswerkstatt mit Stelltafeln und einem unter die Haut gehenden Vortrag. Am romantischen Lagerfeuer unter glitzerndem Sternenhimmel klang der Tag langsam aus.
„Das seid ihr Hunde wert“
Um halb sechs in der Früh begann es am Sonntag zu regnen und bis auf kurze Unterbrechungen hörte es bis zum späten Abend nicht mehr auf. Glücklicherweise waren Bühne, Zuschauerplätze und Infozelte gut vorbereitet und recht wasserdicht überdacht. Dank des wunderbaren Auftritts von Markus Liske, Manja Präkels und des Singenden Tresens mit Texten von Erich Mühsam – der 1930 selbst die Hütte besucht hatte und 1934 im KZ Oranienburg grauenhaft von den Nazis ermordet wurde – tat der Dauerregen der guten Stimmung keinen Abbruch. „Das seid ihr Hunde wert!“ verband Texte, Musik und Geschichte zu einer ebenso unterhaltsamen wie politischen Hommage an Mühsams Leben und Werk. Es brachte seine widerständige, poetische und bis heute aktuelle Stimme zurück an diesen Ort, mit dem ihn ein Stück Geschichte verbindet.
Aus Meiningen und Umgebung kamen trotz des schlechten Wetters erstaunlich viele Besucher*innen zur Hütte. Extra aus Schweinfurt angereist war die Enkelin des mit der Bakuninhütte stark verbundenen Schweinfurter Anarchosyndikalisten Wilhelm Wehner. Spannend und ergreifend waren ihre Geschichten aus der Nachkriegszeit, ihre Erinnerungen an den Opa und daran, dass noch ihr Vater als Arbeiterkind einst unerwünscht am Gymnasium war.
Nach dem Abbau im Regen wärmten wir uns am Holzofen in der Hütte und ließen die letzten Tage Revue passieren. Es war schön, mit Genoss*innen zusammen zu feiern und gemeinsam aktiv zu sein. Und es gibt Kraft. Kraft, die wir so dringend brauchen, um kapitalistischem Kahlschlag und neuem Faschismus weiterhin entschlossen entgegen zu treten.

