Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 1 (1927-1928)

Zum Geleit!

Konstruktiver Sozialismus. I. Allgemeine Betrachtungen

Ethik und Klassenkampf

Gewerkschaftsbewegung und Arbeitsrecht

Die russische Revolution aus der Vogelperspektive

Der Kampf um das Gummi

Fernand Pelloutiers Platzin der Entwicklung des Syndikalismus.

Eine Produktivgenossenschaft in Schweden.

Chronik über wichtige Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Kultur.

Der 10. Jahrestag der russischen Revolution ist ein feierlicher Moment in dem Leben der Unterdrückten der ganzen Welt; ein Augenblick der Samm­lung für alle, die noch den Glauben an die vollständige Befreiung der Arbeiterschaft aller Länder haben. Da ist es am Platze, sich einmal Rechenschaft zu geben darüber, was diese zehn Jahre dem Weltproletariat im allgemeinen und dem russischen Proletariat im besonderen gebracht haben, und was sie im Kampfe gegen die Unterdrückung und Ausbeutung hätten bringen können.

Blickt man auf die verflossenen zehn Jahre zurück, seit das russische Proletariat in dem revolutionären Kampfe zu seiner Befreiung über die bürger­liche Demokratie hinweggeschritten ist, dann wird einem sofort die Schwierigkeit klar, die positiven und negativen Seiten festzustellen, die die Revolution seit den Novembertagen in ihrer praktischen Phase aufzuweisen hatte.

Es dürfte überhaupt schwer sein, rein mechanisch von einer positiven oder negativen Rolle der Revolution zu sprechen. Revolutionen sind geschichtliche Umwälzungen, durch welche ein verrottetes Gesellschaftssystem zerstört wird; daher haben sie stets einen heilbringenden Charakter und sind folglich positiver Natur.

Andrerseits wissen wir, daß Revolution von allen gemacht, von einigen aber in bestimmte Kanäle geleitet werden. Wenn diese „Kanalisation“ sich gegen die Grundlagen der Revolution selbst richtet, dann haben die revolu­tionären Ereignisse ihr Ende gefunden und ihre Begrenzung setzt ein: dann beginnt ein negativer Charakter, ‚

Man sollte deshalb von der positiven Seite der Revolution und von der negativen Seite jener einzelnen oder Parteien sprechen, die die Revolution einkreisen, um sie in ihrer Schwungkraft zu hemmen.

Diese beiden Seiten zeigten sich mit bewundernswürdiger Klarheit in Rußland. Alle, die als Touristen oder halbe Touristen nach Rußland fahren — und es sind ihrer schon Legionen —, die das Land im Festtagsgewande oder es überhaupt nicht sehen und es mit scheuen Augen betrachten, begehen denselben Fehler: sie setzen die Führer und „Einkreiser“ der Revolution, d. h. dem eingekreisten Gegenstände selbst gleich. Und dabei schieben sie der Revolution selbst die Fehler unter, die sie mitunter doch anzuerkennen gezwungen sind.

Auf diese Weise kommen die Reaktionäre oder Indifferenten zu der leichtfertigen Schlußfolgerung, daß die Diktatur in Rußland für jede Revolution ein Todesurteil ist, während die Bewunderer dieses Systems alle Fehler nicht den verantwortlichen Leitern und Erbauern, sondern jenen zuschieben, die nach der Zerstörung des alten Gesellschaftsgebäudes kein rechtes Vertrauen in die Fähigkeiten dieser oder jener Partei setzten, die sich für den Aufbau der neuen Gesellschaft besonders geeignet hielt.

Doch beide Seiten täuschen sich gründlich. Jede Revolution bringt eine Besserung des Zustandes mit sich, der vor der Revolution bestanden hat, und ihre Schwungkraft findet in dem Mangel an Verständnis für die revolutionären Ziele ihre Grenzen, Wenn aber die revolutionäre Aufbaupartei sich auf der Grundlage entgegengesetzter Prinzipien auswirkt oder sich in Widerspruch zu jenen setzt, die den alten Gesellschaftszustand niedergerungen haben, dann fällt die schwere Verantwortung, vom Wege der Revolution abgewichen zu sein, auf sie selbst.

In der russischen Revolution walteten zwei große Kräfte vor: jene, die die Revolution gemacht haben, das ist das revolutionäre Volk, die Arbeiter, Soldaten und Bauern, die die Errichtung einer neuen Gesellschaftsordnung ermöglichten, und jene, die sie vernichteten, das ist die bolschewistische Partei, die sie nach ihrem eigenen Plan aufbaute, ohne die Massen der Arbeiterschaft und der Bauern selbst hinzugezogen zu haben.

Um die Dinge in der rechten Weise darzustellen, müssen wir die beiden Seiten der Frage einer Prüfung unterziehen: 1. welches ist die positive Rolle der russischen Revolution, 2, welches ist die negative Rolle des Bolschewismus.

I. Die positive Rolle der russischen Revolution.

Die Revolution vom 7. November 1917 war die erste Revolution, die die Geschichte kennt, deren Grundlagen und Forderungen rein sozialer Natur gewesen sind. Während die Revolutionen der vergangenen Jahrhunderte die Klassengegensätze und die wirtschaftliche Ausbeutung nicht antasteten, er­klärte sich die russische Revolution im November 1917 eindeutig für die Abschaffung jeder Ausbeutung und für die Organisierung des gesamten gesell­schaftlichen Lebens in allen seinen Aeußerungen durch die Arbeiterschaft selbst. Auf politischem Gebiete proklamierte die Revolution: „alle Macht den Sowjets“, das sollte also die Dezentralisation des Staates bedeuten, die öffentliche Macht sollte auf ihren einfachsten Ausdruck, den örtlichen Sowjet, eingedämmt werden.

Die Leitmotive der russischen Revolution waren: Das Land den Bauern, die Fabrik den Arbeitern, die Wohnungen den Mietern, die Stadt ihren Einwohnern und so fort. Tatsächlich schritten nach einem kurzen Kampfe „auf den Barrikaden“ die werktätigen Massen Rußlands ans Werk. Der Bauer bearbeitete seinen Boden, der Arbeiter setzte seinen Betrieb in Gang, im Sowjet wurden die Angelegenheiten der Gemeinde organisiert.

Wir möchten gleich vorausschicken, daß die hier angeführten Grundsätze nicht jene waren, die wir auf das Banner der sozialen Revolution gern ge­pflanzt gesehen hätten. Man hat seit der Novemberrevolution den Anarchosyndikalisten und Syndikalisten im allgemeinen vorgeworfen, daß der Syndi­kalismus sich mit der Formel „den Betrieb für die Arbeiter und die Eisenbahn für die Eisenbahner“ usw. begnüge. Ein gründlicher Irrtum, eine vollständige Verkennung, wenn nicht gar reine Demagogie. Gerade auf Grund dieses auf den ersten Blick kaum wahrnehmbaren, aber gewaltigen Irrtums haben die Bolschewisten, indem sie mit dem Rest der Bevölkerung diese Grundsätze proklamierten, die sie später uns vorgeworfen haben, die Macht ergreifen und sie so lange halten können, daß sie heute nicht nur den 10. Jahrestag der Revolution, sondern auch den 10. Jahrestag ihrer Machteroberung feiern können.

„Den Betrieb dem Arbeiter“? Allerdings, sagen uns die Bolschewisten, doch wir werden ihn für die Arbeiter in Gang bringen. Die Stadt den Einwohnern? Selbstverständlich, rufen sie aus, doch wir werden sie für diese verwalten. Und da im ganzen Lande das „wir“ immer dasselbe bleibt, ganz gleich, in welchem Teile Rußlands sich ein Betrieb oder ein Sowjet oder ein Haus oder eine Stadt befindet, so sind alle diese Gebiete Ausbeutungsobjekte des Bolschewismus geworden. Die Parole „alle Macht den Räten“, die ihrer Natur nach eine dezentralistische Parole ist, schlug bei ihrer praktischen Anwendung in ihr Gegenteil um: „Alle Macht dem . . . Zentralrat!“

Wir haben ein schlagendes Beispiel für diese Verdrehung. Während der Revolution, im November 1917, gab es noch eine Körperschaft, die den Namen trug: „Allrussisches Exekutivkomitee der Eisenbahn“. Dieses Komitee kon­trollierte und verfügte über das ganze Eisenbahnnetz Rußlands. Es bestand aus Vertretern sämtlicher Eisenbahnlinien und hatte seine Organe an allen Stellen, wo es einen Bahnhof gab, alle Eisenbahnlinien Rußlands wurden von dieser Körperschaft zugunsten des Landes ausgenutzt. In seiner Tätigkeit war das Komitee unabhängig, es unterstellte sich keiner Zentralleitung. Das waren Verbrechen, die jene nicht ungestraft geschehen lassen konnten, die in der Machtanhäufung in den Händen eines Organes die unerläßliche Bedingung für das Leben der Revolution und nebenbei auch ihrer eigenen Existenz erblickten. Noch keine sechs Monate nach dem November 1917 hatte das Volkskommissariat des öffentlichen Verkehrswesens sich der Herrschaft über das Eisenbahnnetz bemächtigt, und das Exekutivkomitee der Eisenbahnen war jeder Lebensäußerung beraubt, nach ein paar weiteren Monaten war dieser proletarischen Körperschaft das Lebenslicht ausgeblasen.

Auf allen andern Gebieten des sozialen Lebens bis hinunter zu den Betriebsräten, jenen Urzellen des werktätigen Proletariats, die zur Zeit der Revolution unabhängig waren, bald aber in der gewerkschaftlichen Mühle untergetaucht wurden, die ihrerseits selbst zum biegsamen Werkzeug des „Zentrums“ herabsank, war es ähnlich.

Die positiven Prinzipien der russischen Revolution erforderten also eine durchgreifende Verbesserung, die von den Syndikalisten eingeführt wurde, die die Notwendigkeit eines diktatorischen Zentrums leugneten und die Forderung stellten, daß der Betrieb von den Arbeitern verwaltet, der Boden von den Bauern bearbeitet und nutzbar gemacht, das Haus von den Mietern verwaltet und das Leben in der Gemeinde von ihren Einwohnern geregelt werden sollte.

Stellt sich eine siegreiche Revolution ein solches Leitmotiv auf, dann schaltet notwendigerweise jede Zentralgewalt oder Zentralregierung aus. Die Proklamierung dieses Grundsatzes wird der kommenden großen Revolu­tion zugute kommen, die sich nicht mit den Grenzen zufriedengeben kann, die die russische Revolution gezogen hat, wie diese nicht bei den Prinzipien haltmachte, die von der Französischen Revolution 1789 aufgestellt wurden.

Doch die russische Revolution bleibt eine Revolution mit sozialem Charakter. Sie hat als solche das Werk der Befreiung der Unterdrückten um wenigstens ein Jahrhundert vorwärtsgebracht. Das ist ein unschätzbar positiver Wert, der aus dieser Revolution trotz all ihrer Nutznießer einen Leuchtturm gemacht hat, der uns auf unserm Wege in die Zukunft voranleuchten wird. Doch Dunkelmänner haben den Ausblick zu diesem Leuchtturm versperrt, und seitdem verdunkelt sich das Licht immer mehr. Das Tätigkeitsfeld der Revolution wird immer mehr eingeengt. Der Bolschewis­mus hat sich zum Herrn über den Leuchtturm gemacht und die Revolution ist auf einen andern Weg geraten. Es würde zu weit führen, die einzelnen verräterischen und revolutionsfeindlichen Handlungen anzuführen, die von den Bolschewisten gegen die Prinzipien, nach denen die Revolution sich ent« wickelte, begangen wurden. Wir müssen uns an einige Punkte halten, die zu Schandpfählen geworden sind.

II. Die negative Rolie des Bolschewismus.

Auf wirtschaftlichem und industriellem Gebiete erstickt ein unerhörter Bürokratismus und Papierzettelunfug jede gesunde Entfaltung und verdammt die gesamte Industrie zur Hilflosigkeit; der zentralistische Bürokratismus endete schließlich damit, daß selbst seine Befürworter einen Schreck bekamen. So war einer von ihnen gezwungen, zu erklären, daß doch die Besohlung der Stiefel eines Arbeiters in Omsk nicht der schriftlichen Genehmigung des Zentralorganes des Leder- und Häuteverbandes aus Moskau bedürfe! Dieser wirtschaftliche Zentralismus führte zu einer Preispolitik, die alle Industrieerzeugnisse für die proletarische Bevölkerung einfach unerschwinglich machte; kaufen kann nur die neue Bourgeoisie, die „Nepleute“. Trotz Ueberproduktion in einigen Industrien sind die Preise für Industriewaren so hoch, daß die Arbeiterklasse — die Klasse, der die Betriebe gehören, wo die Ueberproduktion festgestellt ist — nicht imstande ist, die Waren zu erstehen. Auf der einen Seite besteht also ein Mangel an Industrieerzeugnissen für die Be­völkerung in Stadt und Land; dazu kommt noch ein Mangel an landwirtschaftlichen Erzeugnissen, denn der Bauer kann seine Pflüge und sonstigen landwirtschaftlichen Geräte sowie seine Kleidung im Austausch gegen seine Agrarprodukte nur dann erlangen, wenn er einen sehr hohen Preis für das Getreide fordert.

Die Innenpolitik gipfelt in einer wilden Diktatur, die alle Aeußerungen des täglichen Lebens eines großen Volkes von 120 Millionen unter ihrer Fuchtel hält. Die Regierung ist allmächtig, allwissend, sie untersteht keiner Kontrolle und wird auch nicht kontrolliert, außer vom Zentralkomitee der bolschewistischen Partei, das selbst die Regierung darstellt. Es leitet die Betriebe und verwaltet die Städte; es hat seine Hand im Innern jedes Hauses und in jeder Familie. Es gebietet über die Gewerkschaften und die Betriebsräte. Es ist die einzige Quelle des sozialen Lebens im Lande. Das Ergebnis ließ nicht auf sich warten: Gleichgültigkeit und vollständige Interesselosigkeit in allen öffentlichen Angelegenheiten; furchtbare Angst vor den Nachbarn, Mißtrauen selbst im Schoße der Familie. Das „Auge von Moskau“, das in Moskau die Tscheka ist, befindet sich überall, wo Licht und Luft hindurchdringen können. Eine offizielle Literatur, offizielle Presse, offizielle Erziehung . . . und eine immer größer anwachsende Masse verlassener Kinder. Das ist in groben Umrissen das Bild des gegenwärtigen Regimes, das von der bolschewistischen Partei geheiligt wird.

Dazu kommt die Aufteilung der werktätigen Bevölkerung des Landes in zwei deutlich unterschiedene Klassen: die der Arbeiter und der Bauern. Diese Trennung der werktätigen Schichten des Landes in zwei Teile, von denen der eine den andern beherrscht, ist das Trauerspiel gewesen, in welchem die Revolution endigte, wobei sie all ihr Blut vergossen hat. Die Arbeiterklasse in einem Lande zur Herrin der Lage zu machen, wo sie nicht mehr als einen ver­schwindenden Teil des ausgebeuteten Proletariats ausmacht, das Landproletariat dem Stadtproletariat unterzuordnen, das besiegelte das Schicksal einer Revolution, deren Fundamentalprinzipien eine solche willkürliche Trennung nicht anerkennen konnten. .

Um aber diese verbrecherische Linie allen Tatsachen zum Trotz weiterführen zu können, mußte die bolschewistische Partei eine Reihe von Repressalien gegen jede Anwandlung unternehmen, die mit der offiziellen Linie auf wirtschaftlichem, politischem und sozialem Gebiete nicht einverstanden war. Das Ergebnis war die Zensur, die Unterdrückung der nicht-offiziellen Presse, eine Zeit brutaler Verfolgungen; jeder revolutionäre Gedanke, der jenseits des russischen Reiches herkam, wurde auf den Index gesetzt. Man kann sagen, daß die bolschewistische Partei es fertigbrachte, das Recht zum Denken wirksam auszumerzen.

Haben wir zu schwarz gemalt? Entschieden nicht. Im Lande fehlt es vollständig an jeder individuellen Initiative, dem einzigen Sympton der Lebensfähigkeit: alles wird von der Regierungsbürokratie geregelt. Und wenn es zufällig mal vorkommt, daß bei einzelnen Aeußerungen des öffentlichen Lebens im Verhältnis zu den Zuständen des Zarenreiches eine Besserung eingetreten ist, dann ergreifen die Freunde der Sowjetmacht, die das Land nur durch einen kurzen Besuch im Kreml kennen, die Gelegenheit, um eine Lobeshymne auf das gesamte System anzustimmen.

Wir haben eine merkwürdige Tatsache zu verzeichnen: Trotzdem anerkannt wird, daß die bolschewistische Partei in Rußland, d. h. die Regierung, jede Initiative von einzelnen oder Gruppen beseitigt hat und daß die Unterdrückung von einem Teile des Landes zum andern reicht, kommen unsere revolutionären Freunde, die doch sonst jedem Regierungssystem kritisch gegenüberstehen, zur Schlußfolgerung, daß ohne eine Regierung nichts geschehen könne. Alle sind sich einig, daß die demokratischen Regierungen überall, wo sie an die Macht kamen, das Land ruiniert haben. Man kann nicht umhin, auf der andern Seite anzuerkennen, daß die diktatorischen Regierungen, ganz gleich unter welcher Flagge sie segeln, auf dem besten Wege sind, die Völker, die sie beherrschen, zu ruinieren. Trotzdem ziehen diese wohlmeinenden Freunde, die nach Rußland pilgern, um dort die Lösung des sozialen Problems zu suchen, immer noch die Seite des geringsten Widerstandes vor, anstatt wenigstens die Frage aufzuwerfen, ob es nicht möglich ist, ohne jede Regierung fertig zu werden. Man stößt hier auf eine Abweichung, die selbst in den Reihen der Anarchisten, d. h. der unumstößlichen Feinde jeder Regierung zu finden ist. Man setzt den Geltungsstrich zwischen „Regierung“ und „Organisation“, zwischen „Gewalt“ und „Macht“. Die organisatorische Macht eines Volkes oder einer Klasse bedeutet keineswegs die Regierungsgewalt dieses Volkes oder dieser Klasse. Und ganz wie im November 1917 die revolutionären Arbeiter sich weigerten, durch die bürgerliche Demokratie hindurchzugehen, so ist es auch logisch, sich zu weigern, die diktatorische Uebergangsperiode anzuerkennen.

In dieser Richtung suchte der Anarchosyndikalismus die regierungsfeindlichen Gedankengänge mit der organisatorischen Taktik zu vereinen, eine Synthese, die der Bolschewismus, der autoritär bis auf die Knochen ist, notwendigerweise anzuerkennen sich weigerte. Die Lehre, die man aus der russischen Revolution ziehen kann, besonders, wenn man in Betracht zieht, wie diese Revolution verschandelt worden ist, besteht in erster Linie darin, daß die Aufbauarbeit einer Revolution, deren Prinzipien von freiheitlichem Geiste durchdrungen sind, auf diesen freiheitlichen Ideen selbst basieren müsse, anstatt in die autoritären Verirrungen abzuweichen.

Jeder freiheitliche Sozialist, der die Wichtigkeit einer solchen Synthese nicht anerkennen will, spricht über sich selbst sein eigenes Urteil als Revolutionär aus, denn die Revolution besteht nicht so sehr in der Zerstörung eines Systems, das man bekämpft, sondern vielmehr in der Errichtung und dem Neuaufbau eines herbeigesehnten Zustandes. Die Taktik, bis ins Unendliche Opposition zu machen, ist eine andere Linie des geringsten Widerstandes und ebenso unheilvoll wie die von den bolschewistenfreundlichen Rußlandreisenden anerkannte, die der Meinung sind, daß nichts ohne eine Regierung getan werden könne, besonders wenn diese stark ist.

Aus dem Gesagten geht somit hervor, daß jede Lösung des bolschewistischen Wirrsals, jeder Ausgang aus der wirtschaftlichen und politischen Sackgasse, in welcher das proletarische Rußland sich zurzeit befindet, in der Richtung des organisatorischen Neuaufbaus auf freiheitlicher Grundlage gesucht und gefunden werden muß.

Die Herrschaft des Bolschewismus hat auf dem todwunden Körper der Revolution noch ein schändliches Zeichen hinterlassen: die Ausweisung, Gefangensetzung, Erschießung, Deportierung und Verjagung von Revolutionären, die nicht vor der brutalen Gewalt ihr Knie beugen wollten, und zwar vor einer sich revolutionär nennenden Regierung ebensowenig wie vor der Knute der zaristischen Kosaken. Dieses Schandmal wird für alle Zeiten die unauslöschliche Schande der bolschewistischen Herrschaft bleiben.

— Zehn Jahre sind bereits verflossen seit dem Tage, als man auf dem Horizont das Annahen einer neuen Aera wahrzunehmen glaubte, wo Unterdrückung und Ausbeutung für immer verbannt sein sollten. Zehn Jahre voll von Lehren und wichtigen Folgen. Zehn Jahre voll von Bitterkeit, Enttäuschungen. Entmutigungen und oft auch Ekel. Doch nichts kann die große Freude vom November 1917 verwischen, die zukünftigen Revolutionen in Rußland und anderswo die Bahn frei machte und sie verpflichtet, nicht dabei stehen zu bleiben, was vor 10 Jahren vollbracht, seitdem aber wieder erstickt worden ist.

Wir begehen feierlich den 10. Jahrestag der russischen Revolution, gleichzeitig aber trauern wir anläßlich der zehnjährigen Wiederkehr der bolschewistischen Machteroberung.