Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 1 (1927-1928)
Der Kampf um das Gummi kommt an Schärfe fast dem Kampf um das Oel gleich. Die riesenhafte Entwicklung der Automobilindustrie hat einen großen Bedarf an Gummi wie auch einen starken Verbrauch an Rohöl und seinen Nebenprodukten geschaffen. Die natürliche Seltenheit und künstliche Verteilung des Gummis sind dazu geeignet, schwere Konflikte herbeizuführen. Während die Weltproduktion des Oeles — mit Ausnahme des russischen Naphthas, um dessen Besitz man sich in der letzten Zeit stritt — von zwei mächtigen Trusts, der englischen Royal Dutch und der amerikanischen Standard Oil Co., kontrolliert wird, um die sich einige weniger bedeutende Trusts gruppieren, die mehr oder weniger Vasallen der beiden großen Gruppen sind, befindet sich die Weltproduktion des Gummis zu 65 Prozent in den Händen Englands, dessen Eigenverbrauch kaum 5,5 Prozent beträgt, während die Vereinigten Staaten 70 Prozent der Weltproduktion verbrauchen und über ganz unbedeutende Produktionsquellen dieses Rohstoffes verfügen.
Bis zum Jahre 1900 wurde Gummi ausschließlich in den natürlichen Pflanzungen des Amazonentales gewonnen. Die Jahresproduktion betrug 53800 Tonnen Gummi, die für den damaligen Verbrauch vollständig hinreichten. Die Automobilindustrie, die zu der Zeit noch in ihren Anfängen steckte, ließ eine rasche Entwicklung voraussehen. England hatte den richtigen Vorausblick von der Bedeutung des Gummis für die intensive Automobilproduktion und führte unverzüglich in seinen südasiatischen Besitzungen, wie den Malaischen Archipel, Indien, Ceylon, die Gummibaumkultur, die dort ein günstiges Klima fand, ein. Die englischen Kolonisten hatten die Geduld, acht Jahre auf das Ergebnis dieser künstlichen Pflanzungen zu warten, die großartig gediehen. Die holländischen Kolonisten ahmten es den Engländern nach und pflanzten den Heveabaum auf den Inseln niederländischer Besitzungen: Java, Borneo, Sumatra. Heute haben die Engländer und Holländer das Monopol der Gummiplantagen tatsächlich in ihren Händen.

Die Aufnahmefähigkeit des Marktes stieg in den Jahren, die dem Kriege vorausgingen, sehr rasch, während des Krieges wuchs sie in außerordentlicher Weise, um in der Zeit des Waffenstillstandes zurückzugehen. Die Plantagenbesitzer, die der aufsteigenden Kurve des Verbrauches während des Krieges folgten, hatten 1919 mehr erzeugt, als sie verkaufen konnten. Die Gummiproduktion erreichte in diesem Jahre 381 880 Tonnen, während der Absatz 331 000 Tonnen nicht überstieg.
Eine eigenartige Erscheinung trat hierbei ein: In dem Maße, wie die Automobilindustrie gedieh, d. h. der Bedarf des Gummis größer wurde, fiel derselbe im Preise. 1910 kostete ein englisches Pfund Gummi in London 5 bis 6 Schilling; im Jahre 1913 war es auf 2,2 Schilling gefallen und blieb bis 1919 auf dieser Stufe stehen. 1920 und 1921 kostete es weniger als 1 Schilling. Die Plantagenbesitzer hatten erst geringere Gewinne, dann große Verluste in solchem Maße, daß die britische Regierung eingreifen mußte. Ein „ratgebendes Gummikomitee“, an dessen Spitze M. Stevenson stand, wurde gebildet. Die Ergebnisse der Arbeiten dieses Komitees, das örtliche Erhebungen vornahm, wurden in dem sogenannten „Stevensonplan“ niedergelegt.
Die Abhilfe, die in diesem Plan vorgesehen wird, besteht in der Produktionseinschränkung. Diese wurde auch vorgenommen und der englische Export um 40 Prozent herabgesetzt; dadurch wurde das Produkt auf dem Markte seltener und die Preise stiegen. Im Jahre 1924 war das Pfund Gummi auf 3 Schilling und im Juli 1926 auf 4,6 Schilling gestiegen.
Wenn der Stevensonplan den englischen Plantagenbesitzern Erleichterungen brachte, so beeinträchtigte er die Gummikonsumenten, besonders die Hauptabnehmer in den Vereinigten Staaten. In diesem Lande, wo sich 18 Millionen von den 21 Millionen Automobilen, die im Weltumlauf sind, befinden, werden, wie bereits erwähnt, 70 Prozent der Gummiproduktion der ganzen Welt konsumiert. Die Durchführung des Stevensonplanes wurde in den Vereinigten Staaten als eine wirtschaftliche Kriegserklärung aufgefaßt, und man ging sofort dazu über, zunächst Gegenmaßnahmen und außerdem Mittel ins Auge zu fassen, sich von der Abhängigkeit des englischen Gummis freizumachen. Handelsminister Hoover von den Vereinigten Staaten gab am 31. Oktober 1925 vor der Handelskammer zu Erie die Erklärung ab, daß die Vereinigten Staaten den Manövern des Auslandes in folgender Weise begegnen können: Bildung von rivalisierenden Konsortiumgruppen im Auslande, die den Preis diktieren; Revision des Antitrustgesetzes, um es den amerikanischen Unternehmern zu ermöglichen, sich mit den Verbrauchern zu vereinen zwecks gemeinsamer Stellungnahme gegenüber den ausländischen Produzenten; Errichtung einer Preiskontrolle über wesentlich amerikanische Waren, wie Kupfer, Oel, Baumwolle. — Dies als Gegenmaßnahme.
Gleichzeitig unternahmen die Vereinigten Staaten Versuche zur Herstellung eines synthetischen Gummis; in Erwartung praktischer Ergebnisse wird das alte Gummi wieder aufgearbeitet. Zurzeit ist man so weit gekommen, zwei Tonnen regeneriertes Gummi für vier Tonnen Rohgummi herzustellen, wodurch die Einfuhr des letzteren erheblich herabgesetzt wird.
Die Lösung des Problems ist nichtsdestoweniger für die Vereinigten Staaten von großer Bedeutung, so daß günstiger Anbauboden für künstliche Gummipflanzen gesucht wird. Auf den Philippinen, deren gegenwärtige Gummierzeugung unbedeutend ist, können nach Angaben der Sachverständigen 200 000 Tonnen Gummi jährlich gewonnen werden; doch die Schwierigkeiten bei Beschaffung der Arbeitskraft, die Gesetzgebung des Landes und besonders die politische Lage haben große Plantagenpflanzungen dortselbst noch nicht ermöglicht.
Die Vereinigten Staaten werden sich bei einem so wuchtigen Rohmaterial wie dem Gummi nicht Großbritannien unterwerfen, sie werden uns noch einmal zeigen, daß die Welt unter der Herrschaft der Monopole und des Kapitalismus niemals das für ihre Entwicklung erforderliche Gleichgewicht finden kann.


