Die Internationale: Jahrgang 1, Nummer 1 (1927-1928)

Zum Geleit!

Konstruktiver Sozialismus. I. Allgemeine Betrachtungen

Ethik und Klassenkampf

Gewerkschaftsbewegung und Arbeitsrecht

Die russische Revolution aus der Vogelperspektive

Der Kampf um das Gummi

Fernand Pelloutiers Platzin der Entwicklung des Syndikalismus.

Eine Produktivgenossenschaft in Schweden.

Chronik über wichtige Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Kultur.

I.

Am 13. März 1926 war schon ein Vierteljahrhundert verstrichen seit dem Tode, 1901, des dreiunddreißigjährigen Fernand Pelloutier; statt seiner weilt unter uns, was in mancher Hinsicht seine Schöpfung war, der französische Syndikalismus. Es wäre eine müßige Spekulation, zu ergründen, wie sich dieser befinden würde, wenn der in all den Jahren seiner rastlosen Tätigkeit schon totkranke Pelloutier länger gelebt hätte, heute noch leben würde; denn auch er hätte weder die allgemeine Entwicklung ändern, noch einer wachsenden Bewegung dauernd seinen Stempel aufprägen können und wollen. Derartiges ist anscheinend Samuel Gompers gelungen, der tatsächlich durch mehr als eine Generation an der Spitze seiner American Federation of Labor blieb, die formell und materiell reicher und fester begründet ist als die französischen Organisationen es je waren. Es gelingt auch Leon Jouhaux, der seit undenklichen Zeiten an der Spitze der CGT Frankreichs steht und Pelloutiers Werk in Stücke fallen sah, selbst aber blieb. Weder die Despotenart des einen, noch die Art der Wetterfahne des andern waren Pelloutier eigen, und solche Dauerherrschaft wäre ihm selbst am ersten unerträglich gewesen, weil sie eben ein Zeugnis der Verständnislosigkeit der sich ihr Unterworfenen ist. Pelloutier wäre wahrscheinlich auch ohne seine Krankheit bald im Kleinkampf auf­gerieben worden oder aber, er hätte mit seinem klaren Blick, seiner sicheren Hand und seinem festen Charakter sich einen Ausweg gebahnt, etwas Neues geschaffen, eine Lösung der großen Schwierigkeiten gefunden, was den anderen nach ihm eben nicht gelungen ist. Was sein Talent also an Neuem noch hätte leisten können, das ging verloren und war ein sehr großer Verlust.

Was er geleistet hat, war groß genug. Er führte für seine Zeit durch, was anderen vor ihm nie gelungen war und was seine Nachfolger nicht imstande waren, ganz in seinem Geist aufrechtzuerhalten und unzerstörbar auszubauen, einen Zusammenschluß der sozial fühlenden französischen Arbeiter in weitestem Umfang, auf Grund der allen gemeinsamen ökonomischen Interessen, des Kampfes gegen das Kapital, zur Durchführung dieses Kampfes durch ihre fest begründete Solidarität und alle sich hieraus ergebenden Kampfmittel auf dem weiten Gebiet der Arbeit, auf dem der Arbeiter — wenn er nur will — alles sein kann und der nominelle Eigentümer, der Kapitalist — wenn ihm der Arbeiter keinen Tribut mehr entrichtet — auf einen Schlag zu nichts, zu Staub werden kann, soll und muß. Im Namen dieses Ziels die Arbeiter eines Landes zu vereinigen, erscheint uns so einfach und naheliegend, begegnet aber, wie man weiß, überall den ungeheuersten Schwierigkeiten, deren gemeinsame Gründe in der tatsächlichen großen Differenzierung der Arbeiter liegen, sowohl durch die Rückständigkeit (zurückgebliebene Mentalität) der noch unter reaktionärem Einfluß bleibenden Teile, als auch durch die Verschiedenheit der politischen und sozialistischen Ansichten der stets wachsenden Teile mit vorgeschrittener Mentalität. Beide Faktoren sind bis jetzt Hindernisse einer wirklichen Vereinigung, sei es auf einem noch so sorgfältig sich auf die Gemeinsamkeit der ökonomischen Interessen der Arbeit dem parasitischen Kapital gegenüber beschränkenden Gebiet. Es gelang Pelloutier mehr als einem andern, sich diesem Ziel zu nähern. Hierin liegt seine große Bedeutung, zu deren Verständnis eine Analyse der von ihm vorgefundenen französischen Arbeiterverhältnisse zweckmäßig erscheint.

Wir wissen, daß aus der in einzelnen Teilen Europas auch im dunkelsten Mittelalter nicht ganz verwischten Zivilisation des klassischen Altertums Korporationsbestrebungen sich durch alle Jahrhunderte fortsetzten und sich, der mit dem Aufblühen der kapitalistischen Produktionsweise sich steigernden Verschärfung der sozialen Gegensätze entsprechend, immer mehr in zwei Formen festlegten, dem den Interessen der Besitzenden entsprechenden Zunftwesen, dem die Arbeitenden zwangsweise eingegliedert waren, und den nicht erlaubten, daher geheimen Koalitionen der Arbeitenden, die dauernde oder vorübergehende Formen annahmen und manchmal schwere soziale Konflikte durchkämpften. In Frankreich war dies für einige Gewerbe sehr ausgebildet, so für das Compagnonnage bildenden Vereine, deren Treiben sich einer gewissen Duldung erfreute, weil sie meist so unklug waren, untereinander zu rivalisieren und sich die Köpfe einzuschlagen, statt gegen die Meister vorzugehen; betreffs anderer Gewerbe sind wir nicht hinlänglich unterrichtet; dazu kamen im 18. Jahrhundert große Arbeitermengen der beginnenden Industrie mit Maschinenbetrieb, die zunächst nicht organisiert, intensiv ausgebeutet und im größten Elend waren.

Als die französische Revolution ausbrach, durch die verzweifelten Bauern und hungernden städtischen Arbeiter gewiß mächtig gefördert und zu einer ernsten Sache gemacht, von der es keinen Rückweg gab, kam aber doch tat­sächlich nicht eine Spur wirklicher Macht in die Hände dieser sozialen Opfer, sondern die Macht fiel der neuen Bourgeoisie zu und, etwas später, den doktrinären Vertretern der Staatsallmacht, den jakobinischen Terroristen. Sowohl erstere, schon seit 1791, als letztere in Ausübung ihrer Diktatur, vernichteten jede Koalitionsmöglichkeit der Arbeiter durch die absolutesten Verbote, die entweder mit dem Schutz der Freiheit (das gegen eine Verbindung mehrerer zu schützende Individuum) oder mit dem Schutz des Staates (der in seinem Monopol durch jede Sonderverbindung von Bürgern, einen „Staat im Staate“, beeinträchtigte Staat) maskiert wurden. So waren auf viele Jahre hinaus — denn bis 1864 bestand kein Koalitionsrecht — Bourgeoisie und Staat gegen Arbeitervereinigungen gesetzlich geschützt und alles, was auf diesem Gebiet geschah, war gezwungen, so farblos aufzutreten, daß es als harmlos toleriert wurde, oder es mußte geheim geschehen oder es gab Konflikte, Verfolgungen, die jeder wirklichen Ausdehnung des Arbeitsvereini­gungswesens einen Riegel vorschoben.

In England war ja ein ähnliches Koalitionsverbot, aber die ungeheure Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise ballte auch die Arbeitermassen zusammen und sie organisierten sich erfolgreich allen Einschränkungen zum Trotz und drangen schließlich an die Oeffentlichkeit als die unangreifbare, machtvolle Masse der Trades Unions. In Frankreich war dies keineswegs der Fall, teils weil sich der Kapitalismus nicht mit solcher Wucht als Großindustrie entwickelte wie in England in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, teils weil politische Ziele (die Republik) und soziale Ideen (die vielen sozialistischen Richtungen) alle kampffähigen Elemente der Arbeitermassen absorbierten und sie viel näher mit den gleiche Ziele, Republik und Sozialismus, verfolgenden Bourgeoisieelementen zusammenführten, als mit den auf diesen Gebieten indifferenten Massen ihrer Arbeits­genossen. Was trotzdem für Arbeiterorganisation geschah, wurde natürlich von Sozialisten oder dem Sozialismus Nahestehenden angeregt und wurde gerade dadurch wieder isoliert, d, h. es schien vom Sozialismus unzertrenn- lich und wurde daher von sozialistisch nicht interessierten Arbeitern nicht beachtet.

Da waren die Versuche Agricol Perdiguiers, die feindlichen Richtungen des Compagnonnage zu versöhnen und überhaupt Versuche, alle derartigen Organisationen zu föderieren, da war Flora Tristons großes Projekt einer allumfassenden Union ouvriere, da waren die vielfachen Assoziationsbestrebungen, die in den Arbeiterzeitschriften La Ruche populaire (Bienen­stock des Volkes), L’Union, L’Atelier, seit Ende der Dreißiger ihren Ausdruck fanden, und zahllose andere Anregungen und Versuche sozialer Gruppierung der Arbeiter, denen aber durch die Gesetze jede tatsächliche Massenorgani­sation und ebenso die einfachste zeitweilige Zusammenarbeit im Fall von Streik einfach unmöglich gemacht wurde. So blieb es bei allgemeiner literarischer Propaganda, vereinzelten Kooperationsversuchen und geheimen Gesellschaften, in welchen aber republikanische und sozialrevolutionäre Ziele an erster Stelle standen.

Trotzdem so von einer wirklichen Arbeiterpartei und gewerkschaftlichen Organisationen vor 1848 nicht die Rede war und sogar der theoretische Sozialismus in den Vierzigern einigermaßen stagnierte, stand doch nach der Februarrevolution 1848 die Arbeiterfrage kurze Zeit an erster Stelle, wurde aber sehr bald und auf tragische Weise in den Hintergrund gedrängt. Man warf den Arbeitern die uferlosen Beratungen der Luxembourg-Kommission zur Beschwichtigung hin, man versuchte sie in die sogenannten Nationalwerkstätten einzuregimentieren und als sie all dies als Spott und Hohn einzusehen begannen, wurden sie in den Junitagen 1848 in den Straßen von Paris in großen Massen blutig hingeschlachtet oder gefangen und deportiert. All dies half dem Bonapartismus schon im Dezember 1848 zur Macht, der dann Arbeiter und Republikaner jahrelang so drangsalierte, daß seine nächtliche definitive Erwürgung der Republik, 2. Dezember 1851, der natürliche Abschluß war. Die Arbeiter verwendeten ihre Kräfte an Hunderten von Produktivassoziationen, denen nach kurzem Aufschwung die bonapartische Reaktion ein Ende machte, und einige sozialistische Versuche allgemeiner Gruppierung der Arbeiter, wie die Union des Associations ouvrieres (1849), die eine Chambre de travail (bestehend aus drei Delegierten jedes Fachs) usw. bilden wollte — die bekannten sozialistischen Freunde, Pauline Rolland, Jeanne Deroin und andere nahmen hieran einen Hauptanteil —, endeten mit Unterdrückungen und Verfolgungen. Jener Gesellschaft folgte noch 1850 die Société de la presse du travail mit ähnlichen Zielen; der Staatsstreich vom Dezember 1851 brachte, wie man weiß, viele Jahre der absolutesten Unterbrechung all dieser Bestrebungen, während natürlich endlich das Verständnis des Wertes und der Notwendigkeit der Arbeiterorganisation in vielen erweckt war, zuerst noch ohnmächtig, sich zu äußern, aber nach einem Ausdruck suchend, der Anfang der Sechziger schließlich gefunden wurde.

Das Kaiserreich Napoleons III., das ja doch nur als eine zeitweilige Usurpation empfunden wurde — wie die heutigen Usurpationen Lenins und seiner Nachfolger, Mussolinis und anderer — versuchte sich bald durch Förderung der Bereicherung der Bourgeoisie, durch Klerikalismus, durch Kriege und Landgewinn eine längere Lebensdauer zu verschaffen, bald auch durch anscheinende Arbeiterfürsorge und zuletzt gar durch einen Pseudo-Liberalismus. Dies ermöglichte eine gewisse, recht schnell erfolgende, von Republikanern, Proudhonisten, Positivisten und älteren Sozialisten verschiedener Richtungen im stillen intensiv geförderte Vereinigung meist jüngerer Arbeiter, die endlich eine ähnliche Zusammenfassung großer Arbeitermassen ins Auge faßten, wie sie in den englischen Trades Unions damals schon in voller Oeffentlichkeit existierte. Es erfolgten die bekannten Reisen nach London, seit 1862, die am 28. September 1864 zur Öffentlichen Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation in London führten, deren unmittelbares Ziel die Zusammenfassung der Arbeiter aller Länder sein sollte, deren Interessen ihren Ausbeutern gegenüber die gleichen sind, die unter sich Genossen und Brüder sind, und deren Feinde die gleichen, die Kapitalisten aller Länder sind.

Sehr klar schrieb hierüber z. B. Bakunin (1871) in dem als Die Politik der Internationale mehrfach separat gedruckten Abschnitt eines längeren Manuskripts: . . . „Wir denken, daß die Gründer der internationalen Assoziation sehr weise handelten, als sie zunächst aus dem Programm dieser Gesellschaft alle politischen und religiösen Fragen eliminierten. Gewiß fehlten ihnen nicht sehr ausgesprochene politische und antireligiöse Ansichten, aber sie sahen davon ab, dieselben in diesem Programm auszusprechen, weil ihr Hauptziel vor allem dieses war, die Arbeitermassen der zivilisierten Welt zu einer gemeinsamen Aktion zu vereinigen.“ . . . Durch ein bestimmtes politisches oder antireligiöses Programm, meint Bakunin, hätten sie die europäischen Arbeiter, statt sie zu vereinen, noch mehr gespalten. Sie gaben der Internationale, sagt er später, zunächst als einzige Basis den ausschließlich ökonomischen Kampf der Arbeit gegen das Kapital; sie glaubten, daß ein auf diesem Terrain stehender, diesen Kampf aufnehmender Arbeiter durch die Macht der Dinge selbst und durch die Entwicklung dieses Kampfes dahin gebracht würde, bald alle politischen, sozialistischen und philosophischen Prinzipien der Internationale anzuerkennen.

Schon dieser letzte Satz, dem im Original eine nähere Darlegung von Bakunins eigenen Ideen folgt, zeigt, daß, wie breit auch die Basis der Internationale, also auch der internationalen Organisation jedes Landes — in unserem Fall also Frankreichs — war, diese Basis sich in der Praxis stets dadurch verengerte, daß jede sozialistische Richtung es für richtig hielt, ihre eigenen Ideen mit denen der Internationale zu identifizieren, d. h. in den unter ihrem Einfluß stehenden Sektionen nach Kräften zu verbreiten. Dies tat Marx, dies tat Bakunin, dies taten Proudhonisten, Positivisten, Kollektivisten und alle anderen. Es geschah mit verschiedenen Mitteln, von Marx und den Autoritäten von oben nach unten, durch den Gebrauch ihnen anvertrauter Autorität, von Bakunin und seinen Freunden durch die intime, intensive, geheim organisierte Tätigkeit einzelner, von anderen durch offene Diskussion und spezielle Propaganda usw.; das Resultat war unvermeidlich Parteienbildung und Feindschaft an Stelle brüderlicher Toleranz.

Das Koalitionsrecht, das den französischen Arbeitern endlich 1864 gegeben wurde — das Versammlungsrecht erhielten sie erst 1868 — führte zur schnellen Gründung zahlreicher Arbeitergesellschaften, die sich z. B. in Paris zur Chambre Fédérale des Sociétés ouvrières föderierten. Diese Gesellschaften waren also die ersten Syndikate und sie standen vielfach im engen Kontakt mit der französischen Internationale und unter dem persönlichen Einfluß ihrer tätigsten Mitglieder. Sie betätigten sich in sehr beachtenswerten Streiks jener letzten Jahre des Kaiserreichs, und viel mehr als in den Sektionen der Internationale lag in ihnen der Kern der damals rapid wachsenden Arbeiterkampfbereitschaft, die während des Krieges, 1870—71, so schnell die Pariser Arbeiter zu einem Machtfaktor machte. Die Arbeiterbataillone der Nationalgarde, das aus ihnen hervorgehende Zentralkomitee, die Gruppierungen an den Revolutionstagen wie Ende Oktober, zu den Wahlen vom Februar, all das hatte jene Arbeiterorganisationen zur Grundlage, und so ergab sich dann der 18. März, die Kommune von Paris, der diesen organisierten Arbeitern, die man fürchtete und haßte, von der Bourgeoisie und Reaktion aufgezwungene Vernichtungskampf, der, wie im Juni 1848, nur in noch viel größerem Umfang, zur blutigen Maiwoche, einer neuen Abschlachtung des Pariser Proletariats und einer neuen Periode der härtesten Unterdrückung des Pariser sozialistischen Lebens führte, während in der Provinz, speziell im Süden, die Reaktion nicht mehr vollständig siegen konnte, wie auch dann vom Ausland her, von den zahlreich in die Schweiz, nach England usw. ge­flüchteten Communards die Propaganda fortgesetzt wurde und die Fäden der Bewegung nie mehr ganz abrissen.

In Paris bildeten sich recht bald nach der Kommune von neuem Chambres syndicates, Fachorganisationen also, deren Leitung freilich in den Händen wenig vorgeschrittener Personen lag, solcher eben, die der Verfolgung aller Ueberlebenden der Kommune durch ihre Lauheit während dieser Revolu­tion entgangen sein mochten. Diese Bewegung wurde wohl von radikalen Republikanern, Positivisten u. a. gefördert, weil sie ein Gegengewicht gegen die der noch sehr prekär etablierten Republik von den Monarchisten drohenden Gefahr bilden sollte. Aber auch bonapartistische Agenten suchten sich der kaum beginnenden Bewegung zu bemächtigen und den Internationalisten und Flüchtlingen im Ausland gab ihr unendlich gemäßigter Charakter geringe Befriedigung, aber es durfte in Paris kein lautes Wort in ihrem Sinne ge­sprochen werden — sie waren auf die geheime Verbreitung im Ausland gedruckter Schriften und die manchmal recht problematische Gründung geheimer internationaler Sektionen usw. beschränkt.

Daher war diese Gewerkschaftsbewegung jahrelang eine unendlich ge­mäßigte, die kaum durch einige Weltausstellungsbesuche (Wien, 1873; Philadelphia, 1876) mit ausländischen Arbeitern Berührung suchte und deren erster Kongreß (Paris, 2.—10. Oktober 1876; der 1877 erschienene Bericht um­faßt 534 Seiten) unter den Sozialisten des Auslandes geradezu Entsetzen hervorrief.

Aber man wurde doch auf das Vorhandensein überraschend großer Organisationselemente aufmerksam, und es begann der lange Kampf um deren Beherrschung und Ausbeutung für politische Zwecke, den die sich um Guesde, Lafargue, Deville scharenden marxistischen Politiker seit 1876 auf­nahmen. Wie Guesde einige Jahre früher war, als er zur antiautoritären Richtung der Internationale hielt, wie er selbst 1877/78, schon als Politiker, gegenüber seiner Haltung 1896 relativ radikal war, hat E. Ponget in den Variations Guesdistes [Guesdistische Wandlungen], Paris, 36 S., 12° (1896) dokumentarisch zusammengestellt. Diesen Versuchen, die sich kaum von all ihren Zusammenhängen mit Bourgeoispolitikern frei machenden Syndikate in die Arbeiterwahlpolitik hineinzureißen, traten damals die in der Schweiz exilierten französischen Internationalisten, wie Louis Pindy, Paul Brousse, Jeallot u. a. entgegen, welche in Chaux-de-Fonds im Jura die für Frankreich bestimmte Avant-Garde (2. Juni 1877 bis 2. Dezember 1878) herausgaben, eine Gruppe und ein Blatt, an denen auch P. Kropotkin regen Anteil nahm, der übrigens selbst seit dem Herbst 1877 bis zum Sommer 1878 manche Monate in Paris zubrachte. So kam es, daß der Kongreß von Lyon, 1878, bereits eine kleine antistaatlich fühlende Minorität enthielt, für welche ein Lyoner Dele­gierter Batlivet eine Aufsehen machende Rede gegen die Wahlpolitik hielt. Nun, ich war einmal gerade bei Kropotkin, als er eine der üblichen sozial­demokratischen Behauptungen las, nach welcher etwa die Anarchisten immer versäumt oder verschmäht hätten, sich um Arbeiterorganisation zu kümmern, und er nahm da seine Kollektion der Avant-Garde zur Hand und einige andere gleichzeitige Druckschriften und wies auf Reden und Anträge auf jenem Kongreß hin, auch Ballivets Rede, die alle auf damals von Brousse und von ihm selbst und einigen andern der französischen Internationale redigierten Ent­würfen oder Vorlagen beruhten. Man war in dieser kleinen Gruppe sehr eifrig in diesem Sinn nach Frankreich hin tätig und man hatte die rein syndikalistische Erfahrung der Fachsektionen im Schweizer Jura, in Belgien (besonders der Region von Vevey) und in Spanien, das — wie auch Belgien — Kropotkin damals besuchte, hinter sich. Die Marxisten versuchten ihrerseits in jenen Jahren (1877, 1878) durch die internationalen Kongresse von Gent und von Paris (1878; dieser wurde polizeilich verhindert) mit dem staatssozialistisch gewordenen Teil der Belgier und einer englischen Gruppe übrigens von Marx persönlich getrennter Arbeiterpolitiker, der International Labour Union, die Oberhand zu gewinnen: das Ziel war, eine ihnen dienstbare französische politische Partei zu gründen. (Fortsetzung folgt.)