Die Klimabewegung scheint an ihrer Staatsgläubigkeit vorerst gescheitert, relevante Teile der gesellschaftlichen Linken verabschieden sich in den staatstragenden Reformismus der Linkspartei oder direkt in’s dystopische Preppen. Aber nicht alle haben die Hoffnung in kollektive systemtransformierende Kämpfe aufgegeben. Wie diese gestaltet werden können skizziert die Dokumentarfilmerin und labournet-Aktvisitin Johanna Schellhagen in ihrem aktuellen ‚Handbuch für Unerschrockene‘. Es trägt den Titel: „Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen können“. Der Autorin gelingt auf knappen 150 Seiten sowohl eine fundierte Kritik bisheriger linker Versuche gesellschaftlicher Veränderung, als auch ein Aufschlag zu einer alternativen Strategie, gepaart mit einem konkreten Übergangsszenario und einer Skizze zukünftiger Vergesellschaftung.

Der Text ist eingänglich, praxisnah und sehr niedrigschwellig geschrieben sowie mit zahlreichen weiterführenden Informationen und Hinweisen in Form von QR-Codes versehen und somit gut als Diskussionsgrundlage und Argumentationshilfe in der politischen Auseinandersetzung geeignet.

Nachdem die Autorin aufgezeigt hat, warum radikale Gesellschaftsveränderung nur gegen den Staat und seine politischen Spielregeln erreicht werden könne, erinnert sie daran, dass es insbesondere die Lohnarbeitenden sind, die durch ihre Masse und ihre Stellung im Produktionsprozess dazu in der Lage seien, gesellschaftlichen Wandel durchzusetzen. Diese Kämpfe könnten allerdings nicht in Form einer Partei, die wieder in der politischen Sphäre und damit außerhalb der Produktionssphäre wirken würde, stattfinden. Stattdessen bräuchte es organisierte Belegschaften und Stadtteile, die unterstützt von kämpferischen Gewerkschaften und mit Hilfe des Streiks ihre Ziele durchsetzen. Dies gelänge nur gegen die ökonomisch und politisch Herrschenden, die Produktionsmittelbesitzenden und die bürgerliche Öffentlichkeit. Deshalb schlägt sie (orientierungslosen) jungen Linken vor, strategisch Arbeiten zu gehen. Sie sollen sich in den Betrieben politisch selbst- und gleichzeitig die Belegschaft organisieren. Damit sollen sie für sich selbst kämpfen, anstatt immer nur von außen die Kämpfe der anderen zu organisieren. Gleichzeitig sei es wichtig die eigene reproduktive Sphäre, die Stadtteile und damit solidarische Nachbar*innenschaften zu organisieren und mit einem ‚revolutionärem Mapping‘ zu beginnen, also der konkreten Vorbereitung auf eine potentielle revolutionäre Situation.

Diese Revolution muss dabei das Ziel haben, die kapitalistische Produktionsweise zu ersetzen, die sich im Kern dadurch auszeichnet, dass wir in Form des Geldes dazu gezwungen werden, uns getrennt voneinander (Privateigentum) und in Konkurrenz zu einander (Markt) unbewusst und damit unvernünftig zu vergesellschaften. Deshalb muss eine tatsächliche Alternative die Trennung und Konkurrenz überwinden, sowie die tatsächliche Selbstbestimmung der Produzent*innen durch Räte und bewusste gesellschaftliche Planung garantieren.

Unterbelichtet bleibt bei Schellhagen leider die kritische Diskussion des Streiks, dient er im Kapitalismus doch vor allem dazu, systeminterne Interessen der Lohnabhängigen gegen das Kapital durchzusetzen, also bessere Arbeitsbedingung und höhere Löhne. Sein systemsprengendes Potential sollte kritisch hinterfragt werden, hat er doch seiner Form nach vor allem appellativen Charakter. Im Übergang zur Selbstverwaltung der Produktion und Verteilung geht es ja insbesondere darum, sich in den eigenen Tätigkeiten (ehemals: ‚Lohnarbeiten‘) neu und anders aufeinander zu beziehen und die Arbeit nicht einfach nur einzustellen. Ziel eines jeden revolutionären systemsprengenden Streiks kann also nur die Aneignung der Produktionsmittel und vernünftige Umgestaltung der Produktion in Selbstverwaltung sein. Dieses strategische Ziel sollte auch kämpferischen Gewerkschaften klar sein und bei allem Klein-Klein tagtäglicher Auseinandersetzungen im Betrieb nicht aus den Augen verloren, sondern im Gegenteil zur Richtschnur jeglicher revolutionärer Tätigkeit werden.

Diese Leerstelle ist schade, da Schellhagen dadurch einen diskussionswürdigen Punkt in der konkreten Übergangsgestaltung hin zu einer nichtkapitalistischen Gesellschaft übergeht. Für letztere wiederum macht sie einen konkreten Vorschlag, der sowohl die betriebliche Ebene der Produktion, als auch die des Konsums und der Reproduktion berücksichtigt.

Hierbei bezieht sie sich auf die ‚Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung‘, wie sie durch Rätekommunisten in den 1930er Jahren, aus der Analyse des Scheiterns der Russischen Revolution, als rätedemokratische Alternative zur leninistischen Parteidiktatur formuliert worden sind. In diesem Ansatz, der aktuell von der Initiative Demokratische Arbeitszeitrechnung (IDA) aktualisiert und bekannt gemacht wird, werden Lohnarbeit und Geld überwunden und durch eine konkrete dezentrale Planung in Selbstverwaltung mit Hilfe von Arbeitszeitrechnung ersetzt.

Insgesamt ist das Buch eine gelungene und gut argumentierte Streitschrift für einen antiautoritären revolutionären Ansatz, der dadurch hoffentlich mehr Aufmerksamkeit erhält.


Johanna Schellhagen, Karl Heinz Roth (Nachwort)
Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen
Ein Handbuch für Unerschrockene
172 Seiten, Büchner-Verlag, Marburg