Vor gut 120 Jahren ist Georges Sorels bekanntes Werk Über die Gewalt zunächst als Aufsatzreihe in einer sozialistischen Zeitung erschienen.[1] Dies nehme ich zum Anlass, um auf einige Aspekte seines Buchs und seiner Rezeption einzugehen. Fälschlicherweise wurde Sorel als Vordenker des (französischen) anarchistischen Syndikalismus dargestellt. Dies ist schon deswegen nicht richtig, weil er die Strategien, Taktiken und Narrative der bereits ab 1890 entstehende anarch@-syndikalistische Gewerkschaftsbewegung reflektiert, also über sie nachdenkt. Diese Darstellung hat sich verbreitet, weil der Anarch@-Syndikalismus damals wie heute eine sehr praxisorientierte Strömung innerhalb der Gewerkschaftsbewegung ist und sich deswegen allgemein nur wenige „eigene“, theoretisch fundierte Textquellen für ihn finden.
Tatsächlich sympathisierte Sorel phasenweise auch mit dem Syndikalismus. Seine Position ist aber vor allem als anti-liberal, anti-parlamentarisch, fortschrittskritisch, vulgär-marxistisch und auf seltsame Art gleichermaßen patriarchal-konservativ und sozial-revolutionär zu beschreiben. Eventuell träfe auch die Bezeichnung „wutbürgerlich-sozialrepublikanisch“ zu. Eine Betrachtung seiner Gedanken kann uns dennoch – in Bezugnahme und in Abgrenzung – auch etwas über den zeitgenössischen Anarch@-Syndikalismus sagen.
Im folgenden gehe ich auf die Rezeptionsgeschichte von Sorels Werk, seine Beiträge für die politische Theorie und auf sein ultra-realistisches Politikverständnis, bevor ich eine Kritik an seinem Denken formuliere. In den Fußnoten folgen einige Zitate aus dem Buch, um einen Leseeindruck zu gewinnen.
Eine schwierige Rezeptionsgeschichte
Weiterhin wird über das Denken Sorels eine Verbindung zwischen Anarchismus und Faschismus konstruiert. Es ist bekannt, das der ebenfalls ehemalige Syndikalist und spätere faschistische Diktator Benito Mussolini stark von Sorels Hauptwerk beeinflusst war. Mindestens ebenso schwer wiegt, das Sorel sich nach 1908 der extremen Rechten, namentlich der Gruppierung „Action française“, zuwandte, die sich klar auf erzkonservative, verschwörungstheoretische und antisemitische Denkweisen bezog und entsprechende Ziele verfolgte. (Er verließ diese Kreise aber 1914 aufgrund ihrer Kriegspropaganda.) Dementsprechend wird Sorel zum Vordenker des Faschismus stilisiert – etwa von Armin Mohler, dem Konstrukteur der sogenannten „Konservativen Revolution“[2], die – ebenso wie die „Neue Rechte“ mit ihrem Vordenker Alain de Benoist –, ein Euphemismus für neofaschistische Theorie ist. Doch das ist ein alter Hut. Ebenso, wie die alten und neuen Faschisten Karl Marx und Antonio Gramsci „von rechts“ lesen[3], wollen reaktionäre „Anarcho-Kapitalisten“ Max Stirner, Benjamin Tucker oder gar Peter Kropotkin für sich instrumentalisieren[4]. Dies ist ideengeschichtlich und politisch-theoretisch schlichtweg falsch und billig, sorgt aber leider immer wieder für Verwirrung.
Bedauerlicherweise sprangen auch viele Marxist*innen auf diesen Zug auf und stellen Sorel als wesentliches Verbindungsglied zum faschistischen Denken dar. Abgesehen davon, dass die intellektuelle Ebene nur vermittelt mit den Vorstellungen und Taktiken von Aktiven in sozialen Bewegungen zu tun hat (sondern diese meistens eher nachträglich abbildet, als sie vor zu denken), wird auch hier stark übertrieben. Zumal Sorel selbst in einer Neuauflage von Über die Gewalt ein Nachwort über Lenins Bolschewismus schrieb – wohlgemerkt, ohne die Situation in Russland zu kennen. Meiner Wahrnehmung nach handelt es sich bei dieser Rahmung aus dem marxistischen Lager eher um ein Manöver, um von den eigenen autoritären Tendenzen abzulenken.[5] Ironischerweise zeigt sich ja gerade in Sorels Schrift, was geschieht, wenn man sich lediglich an Fragmenten des Marxismus bedient und diese reißerisch ausschlachtet[6] – wie es seinerseits freilich auch Sozialdemokraten getan haben, ob in „reformerischer“, „orthodoxer“ oder „radikal-realpolitischer“ Ausprägung (Sorel 1969: 60, 163, S. 199, S. 259).[7]
Darüber hinaus bestehen allerdings auch politisch-theoretische Unterschiede zwischen anarchistischem und marxistischem Sozialismus, die im Vorwurf, anschlussfähig für den Faschismus zu sein, zum Ausdruck kommen: Im Anarchismus werden sozial-revolutionäre Bestrebungen nicht an vermeintlich objektive Bedingungen gekoppelt, sondern eher als grundlegende Haltung verstanden. Es werden Emotionen und Subjektivität betont, weswegen der Vorwurf des „Irrationalismus“ angebracht wird. Zudem ist Anarchismus und Faschismus gemein, dass sie eine Ermächtigung der Einzelnen anstreben, die sich über gesetztes Recht hinwegsetzen sollen. Und schließlich besteht in beiden weltanschaulichen Strömungen eine grundsätzliche Kritik an der modernen (kapitalistischen, „materialistischen“, individualisierten, vermassten etc.) Gesellschaftsform. Diese sind allerdings nicht als „anti-modern“ zu verstehen, sondern zielen jeweils auf alternative Modernen ab (auch wenn jene sich grundlegend unterscheiden). Im Faschismus sollen die Wiedergeburt einer mystifizierten, glorreichen Nation, die Eingliederung der Individuen ins Kollektiv und eine neofeudale Ständegesellschaft mit fortbestehender Unternehmer-Herrschaft verwirklicht werden.[8] Dagegen zielt der Anarchismus auf das diametrale Gegenteil ab: auf die Überwindung des kapitalistischen Nationalstaates durch Föderationen dezentraler autonomer Kommunen. Eigentum wird vergesellschaftet, die Produktion demokratisiert und Einzelne können sich frei assoziieren.
Beiträge aus Sorels politischer Theorie: Mythos, Gewalt und Konfrontation
Wie dargestellt, kann man sich also nicht unverfänglich auf George Sorel beziehen. Umso erstaunlicher ist es, das der FAUD-Aktive Gerhard Wartenberg Über die Gewalt ziemlich nüchtern, aber sympathisierend kommentiert. Wahrscheinlich erschien das Buch erst 1928 (in Innsbruck) und war zuvor gar nicht in Deutschland bekannt. Wartenberg schreibt in einer Ausgabe von „Der Syndikalist“ von 1931:
„Seine Schlussfolgerungen sind für uns nichts Neues, es sind die Grundsätze unseres Programms. Also zum Beispiel der Kampf gegen den Reformismus und die Politiker, gegen die heuchlerische Demokratie, für den proletarischen Generalstreik, für eine proletarische Moral, eine Produzentenmoral. […] Wenn auch alle diese Dinge für uns nicht viel neues bringen, dann muß man doch auf die Art und Weise der Begründung achten, die stets zwingend und geistreich ist und ein ungeheures Material verwendet. Gerade diese Ableitungen und gelegentlichen Blicke in verwandte Gebiete können für uns noch eine Fundgrube für die Entwicklung unserer Ideen sein. Es mag zutreffen, dass Sorel etwas zu sehr von der Bedeutung der Gewalt eingenommen war und andere Faktoren zu sehr außer acht ließ. Aber man solle sich der Tatsache bewusst bleiben, daß Sorel nicht das blinde Dreinschlagen unter ‚Gewalt’ versteht, sondern fast immer den Streik oder den Generalstreik, d.h. einfach irgendwelche Handlungen, die dem Proletarier seinen Gegensatz zum kapitalistischen Staat fühlbar werden lassen, ohne deshalb gleich Menschenleben zu kosten.“[9]
Wenn wir Wartenbergs Einschätzung folgen, denn interpretiert Sorel durchaus anarch@-syndikalistische Konzepte und Positionen, überspitzt diese allerdings, indem er, erstens, den Generalstreik als mythologische Endschlacht skizziert. Das Konzept des Mythos versteht Sorel bewusst als taktischen Appell an die Vorstellungskraft, den Kampfeswillen und die Opferbereitschaft. Dafür wurde sein politisches Denken bekannt – und inspirierte wie erwähnt Mussolini, der sozialistische Rhetorik, mit nationalistischen Gedanken, Ressentiments und Anti-Liberalismus zum genuinen Faschismus verband. Man mag den irrationalen Charakter des mythologischen Denkens – ebenso wie die elitäre „Massenpsychologie“[10] – kritisieren. Dennoch ist es Sorels theoretische Leistung, herauszustellen, das politische Mobilisierung häufig mindestens mit einem mythologischen Unterton funktioniert – auch auf Seiten von Sozialist*innen. Dies zu thematisieren ermöglicht also ein Nachdenken darüber, wie beispielsweise auch im Anarch@-Syndikalismus ohnehin Mythen verwendet und teilweise gezielt propagiert werden. Sorel argumentiert, dass sich letztendlich alle erfolgreichen politisch-kulturellen Vorhaben (z.B. auch das Christentum oder Bewegungen für Nationalstaaten) auf Mythen gründen (Ebd.: 101-105, S. 141-144, S. 251f.).[11] Die revolutionären Vorstellungen und Sehnsüchte, habe er dabei auch gar nicht erfunden, sondern seien in der Arbeiter*innen-Bewegung seiner Zeit ohnehin verbreitet (Ebd: 295). Weiterhin lässt sich dies auch mit einer generellen Ideologiekritik verbinden, mit der beispielsweise auch die Mythen der parlamentarischen Demokratie dekonstruiert werden können.
Ähnliches trifft auch auf die Gewalt zu. Der französische Originaltitel des Buches lautet Réflexions sur la violence – und beinhaltet somit, zweitens, das Nachdenken über das Tabu-Thema „Gewalt“. Wie Wartenberg richtig feststellt, geht es Sorel nicht um ein reines Abfeiern oder Propagieren von Gewaltanwendung. Vielmehr beschreibt er den Zustand der bürgerlich-liberalen Klassengesellschaft als grundsätzlich gewaltsam. Darauf deuten in seiner wie in unserer Zeit ja auch viele Aspekte hin: Die Ausweitung staatlicher Überwachung, die Aufrüstung von Polizei, die Kriminalisierung von sozialen Bewegungen, als auch die Militarisierung der Gesellschaft. Wenn man faschistischen, islamistischen oder auch anarchistischen Terrorismus ablehnt, sollte man sich bewusst machen, dass diese Erscheinungen – trotz ihrer grundsätzlich verschiedenen Motivationen, Taktiken und Zielsetzungen! – als Reaktion auf einen als repressiv gedeckelt empfundenen Zustand zu verstehen sind. Dies politisch-theoretisch zu thematisieren, ist durchaus berechtigt und sinnvoll. Sorels Ansicht nach wäre die Anwendung proletarischer Gewalt in jedem Fall weit weniger brutal, als die institutionalisierte Gewalt der herrschenden Klassen.[12] So beruht auch das Kolonialsystem auf brutalster Gewalt, wie Sorel weiß (Ebd.: 205f.). Zudem – und das ist spannend – sei proletarische Gewalt weit weniger problematisch, als das Rachebedürfnis von politischen Revolutionär*innen, da diese selbst nach Herrschaft streben und sich ihrer Methoden bedienen (Ebd.: 121, 131, 201ff.).[13]
Drittens lässt sich aus Sorels politischer Theorie der Aspekt der Konfrontation herauskristallisieren. Dahinter steht zum Einen eine ethische Position, die nicht zulassen will, das die eigenen Ideale und Prinzipien verwässert und verkauft werden. Dies kann als eine toxisch-männliche Behauptung „aufrecht“ und „gradlinig“ zu sein, verstanden werden. Diese Position kann aber auch so ausgelegt werden, dass es für glaubwürdige Akteure ziemlich wichtig ist, im Protest für die eigenen Werte einzustehen. Zum anderen steht hinter der Konfrontation meiner Interpretation nach eine Taktik. Statt laue Kompromisse einzugehen, droht man dem Gegner damit, Stress zu verursachen, indem man aufs Ganze geht und die „Systemfrage“ stellt. Ähnlich wie in Hinblick auf die imaginäre, mythologische Dimension und die Gewalt, stellt auch Konfrontation ein Thema dar, was meiner Erfahrung nach in linken Kreisen häufig vermieden wird.
Durch die Konfrontation wir eine klare Trennlinie zwischen den Lager gezogen[14] – eine Taktik, der sich in unseren Tagen vor allem die pseudo-kommunistische Oppositionsbewegung gegen andere Linke bedient, um sie auf ihre Seite zu zwingen. Auch in bewegungslinken Gruppierungen wird Konfrontation eher rhetorisch und aktionistisch simuliert, als sich die Frage zu stellen, wie man sie tatsächlich eingeht. Sich als besonders „radikal“ verstehende Kreise mögen sich dagegen stark einer konfrontativen Rhetorik bedienen und eine solche Einstellung propagieren. Wenn es sich dabei nicht um ein taktisches Element, sondern einen Identitäts-Marker handelt, taugt dies aber ebenfalls nicht für eine sozial-revolutionäre Bewegung, die Konfrontationen eingeht.
Der Mehrwert von Sorels ultra-realistischem Politikverständnis
Schließlich lassen sich die Zuspitzungen in Sorels politischem Denken auch auf sein Verständnis von Politik übertragen. Wie ich an anderer Stelle ausführlich dargestellt habe, kennzeichnet alle anarchistisch geprägten Strömungen eine grundlegende Kritik an der Politik – und dies gerade auch im Anarch@-Syndikalismus. In diesem wird die Sphäre der Ökonomie der Politik entgegengestellt, um sich anders organisieren und handeln zu können. Dieses „Andere“ kann als Streben nach Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstorganisation bezeichnet werden. Dazu gelangt man allerdings erst durch eine Desillusionierung vom politischen Betrieb, politischen Prozessen und politischen Gruppen (selbst, wenn sie nicht Partei-förmig sind).
In diesem Sinne formuliert Sorel eine ausgesprochene Anti-Politik. Damit ordnet er Politik eindeutig a) dem Regierungshandeln zu. So hätten alle revolutionären Umwälzungen im 19. Jh. zur Ausweitung der Staatsmacht geführt (Ebd.: 100-110, 121). Daher gälte es den Staat mit einer proletarischen und antinationalen (!) Bewegung zu zerbrechen, statt ihn reformieren zu wollen (Ebd.: 131-138, 203).
Wie bereits dargestellt ist sein Politikbegriff somit auch (b) konfliktorientiert: Politik besteht in der Auseinandersetzung zwischen ungleichen Akteuren mit ungleichen Machtressourcen und Interessen. Sie ist keine mehr oder weniger faire Verhandlung von Interessen zwischen idealerweise Gleichberechtigten in einem transparenten öffentlichen Raum – wie im liberalen politischen Verständnis. Das Wesen des Staates selbst ist militaristisch, zentralistisch und gewaltsam (Ebd.: 126, 131, 205ff.). Statt langweiliger Verhandlung (Ebd.: 68) brauche es heroischen Klassenkampf (Ebd.: 61).
Schließlich bezweifelt Sorel, (c) das Politik dazu diene, eine „gute Ordnung“ zu schaffen – eine normative Begründung für ihre Notwendigkeit und Legitimität. Konservative sehen diese gute Ordnung in klaren gesellschaftlichen Hierarchien verwirklicht, Liberale in der Absicherung individueller Freiheit und des Privateigentums, Sozialist*innen mögen sie in einem sozialen Frieden durch kluge Sozialpolitik und öffentliche Güter gewährleistet sehen (Ebd.: 199ff.). Sorel lehnt das alles ab. Er kritisiert insbesondere die sozialistischen Parteien dafür, als befriedende Führungsschicht eine Funktion im Staat einnehmen zu wollen (Ebd.: 188-195).[15] Seiner Ansicht nach glauben wir an Märchen, wenn wir davon ausgehen, Politik diene dazu, eine gute Ordnung zu schaffen. Wenn wir empört darüber sind, dass die Politik „korrupt“, „ungerecht“ oder „ignorant“ ist, zeigt sich darin – mit Sorel – unser bürgerliches Bewusstsein. Damit verschleiern wir den eigentlichen Charakter von Politik – weil dies bequemer ist, als in Konfrontation zu gehen, über Gewalt zu sprechen und lieber gewohnte Mythen glauben, als das wir diese bewusst für unsere Zwecke formen.
Hinsichtlich politisch-theoretischer Metabegriffe wie „Politik“ (oder „Klasse“, „Antagonismus“, „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“ oder „Staat“) ist es unsinnig, festzuhalten, worin diese an sich bestehen. Es gibt verschiedene Definitionen und einen weiten Bedeutungsgehalt, der seinerseits politisch umkämpft ist. Umso mehr lohnt es sich meiner Ansicht nach – mit Sorel – einen solch regierungs-zentrierten, konfliktorientierten, negativ-normativen zu verwenden und ihn ultra-realistisch zu überspitzen. Auch wenn dies eine spezifische – und in der deutschsprachigen Linken eher ungewohnte – Sichtweise ist, wird sie etwa auch von Geoffroy de Lagasnerie geteilt.[16] Tendenziell ist sie nach wie vor in Frankreich, Spanien oder Italien weiter verbreitet – was maßgeblich damit zusammenhängt, das die staatlich vermittelte Sozialpartnerschaft dort weit geringer ausgeprägt ist, als in der „korporatistischen“ BRD.
Diese Denkweise ermöglicht die Formulierung einer eigenständigen Position und Perspektive: In dieser sind Gewerkschaften nicht Anhängsel politischer Parteien, können Gesellschaftstransformation jenseits von den bestehenden Herrschaftsinstitutionen überhaupt gedacht und eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform zumindest experimentell bereits verwirklicht werden (= Präfiguration). Dadurch entwickelt sich ein Selbst-Bewusstsein im doppelten Sinne: Menschen in autonome Basisgewerkschaften verstehen sich als bestimmte Akteure (= sich emanzipierend) in einer bestimmten gesellschaftlichen Position (= Ausbeutung, Unterdrückung, Entfremdung). Und sie handeln motiviert nach ihren eigenen Organisationsformen (= Syndikate), Interessen (= proletarische Selbstbefreiung) und Aktionsformen (= direkte Aktion). Vor diesem Hintergrund erscheinen anarch@-syndikalistische Bestrebungen paradoxerweise als ultra-politisch, ohne ihren anti-politischen Ausgangspunkt zu verlieren. Sie reflektieren die vorgefundenen Bedingungen des gesetzten Politischen, wollen diese aber zugleich übersteigen. Daher bezeichne ich dieses spezifische Politikverständnis als (anti-)politisch.
Kritik an Sorel: wutbürgerlicher Anti-Liberalismus, maskulinistischer Heroismus, apokalyptisches Denken
Die Kritik an Sorels politisch-theoretischem Denken lässt sich in den drei Kategorien wutbürgerlicher Anti-Liberalismus, maskulinistischer Heroismus und apokalyptisches Denken zusammenfassen. Es überrascht nicht, dass es gerade diese Aspekte sind, die seine Theorie anschlussfähig und attraktiv für Faschist*innen machen.
Georges Sorel wurde unter anderem vom seinerzeit weit verbreiteten Denken Pierre-Joseph Proudhons geprägt und bewunderte die anarch@-syndikalistische Bewegung vermutlich wegen ihres ausgeprägten Anti-Parlamentarismus. Damit ließen sich die Leidenschaften der Massen ansprechen und diese sich gegen das seiner Ansicht nach „dekadente“ liberale Establishment mobilisieren, das Sorel abgrundtief hasste. Von Beruf her ein kleinbürgerlicher Beamter, der sich hochgearbeitet hatte, verstand er sich als Republikaner und hasste es, wenn intellektuelle Eliten den einfachen Leuten Vorschriften machten. Mit dieser Ausgangsbasis vertrat er mal monarchistische, mal sozialistische, dann anarch@-syndikalistische, rechtsextreme und vor seinem Tod 1922 vermeintlich bolschewistische Ansichten. Diese Wandlung machen sein Denken besonders und auch interessant. Allerdings wird deutlich, das seine Einstellungen vor allem von wutbürgerlichen Ressentiments geprägt waren, die ihn auch zu antisemitischen Positionen führten.[17] Seine grundsätzliche Ablehnung der herrschenden Politik zeigt sich damit auf problematische Weise zum Selbstzweck. Beziehungsweise strebt er mit seiner moralistischen Beschreibung der parlamentarischen Demokratie als korrupten und verlogenen Filz (Ebd.: 194, 231-235, 268f.) das metaphysische Ziel an, die „Zivilisation“ zu erneuern (Ebd.: 106f., 154) – ein Anliegen, das weit entfernt von sozialistischen Bestrebungen ist.
Darüber hinaus vertritt Sorel einen maskulinistischen Heroismus. Kategorien wie „Reinheit“, „Moral“, „Ehre“ und „Ruhm“ sind ihm wichtig. Darüber hinaus fetischisiert er Gewalt als Selbstzweck – unter dem Deckmantel, diese nüchtern zu betrachten. Im Klassenkampf (Ebd.: 68) – auch „Klassenkrieg“ oder „sozialen Krieg“ (Ebd.: 63, 83) – geht es ihm also weder um die Verbesserung der Lebenssituation von Arbeiter*innen, noch um die graduelle Erkämpfung einer libertär-sozialistischen Gesellschaftsform. Er sehnt sich nach einer heroischen Konfrontation (Ebd.: 130, 196), in der politische Verhandlungen und Taktiererei aufhören und sich „echte Männer“ miteinander messen können, um zu siegen (Ebd.: 197f., 288). Dementsprechend übergeht er auch die Bedürfnisse und Anliegen konkreter Menschen. Möglicherweise sind diese (in der Masse) gar nicht so kampfbegeistert, hasserfüllt und am Austragen von Konflikten interessiert, wie er es unterstellt – bzw. auf sie projiziert. Darüber hinaus ist es problematisch, unkritisch bzw. anti-humanistisch diese Leidenschaften zu appellieren – denn die Kriegsbegeisterung in den folgenden Jahren (auch in Frankreich) zeigte anschaulich, das letztendlich Nationalstaaten die Massen am besten für ihre Zwecke instrumentalisieren können.
Die aufkommende Kriegsstimmung beim Niedergang der Imperien in Europa zeigte ihre Vorläufer offensichtlich auch im politischen Denken von Sorels der Zeitgenoss*innen und bei ihm selbst. Insofern kann sein Buch als Zeitdokument gelesen werden. Darüber hinaus bedient sich Sorel apokalyptischer Denkfiguren, um Menschen zu mobilisieren und ihre Entschlossenheit im Kampf anzustacheln. Wie bereits erwähnt zielt der verselbständigte Antagonismus auf eine klare Lagertrennung ab. Mit ihm wird eine klare Konfrontationslinie gezeichnet, obwohl die empirischen Klassenstrukturen und das Bewusstsein in sozialen Milieus deutlich komplexer sind. In der Realität zeigt sich, das die Parteisozialist*innen die französische Republik durchaus verändert und die Lebenssituationen von Menschen verbessert haben – freilich zum Preis des Verzichts auf ihre sozial-revolutionären Bestrebungen. Ironischerweise konnte sie dies aber unter anderem nur, weil es sozial-revolutionär orientierte Basisgewerkschaften gab, die keine Posten besetzt haben und nicht in die Geschichte eingegangen sind. Den Generalstreik stilisiert Sorel zum Sinnbild für eine Endschlacht, in der die Proletarier*innen siegen und das herrschende Establishment hinwegfegen könnten (Ebd.: 218, 295-306).[18] Was aber, wenn die damit verbundenen – bewusst mythologischen – Versprechungen sich nicht erfüllen lassen? Was, wenn man in den heroischen Auseinandersetzungen unterliegt? Die Erfahrung lehrt, das sich die meisten Leute, die diesen Erzählungen auf den Leim gehen, sich nach ihrer Enttäuschung eher denjenigen anschließen, die wirklich auf Mythen setzen, die den Hass auf den Liberalismus am besten nutzen und ein komplett instrumentelles Politikverständnis haben: Erzkonservative, Rechtspopulisten und Faschisten.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich festhalten, das Sorels Buch Über die Gewalt ein spannendes Zeitdokument ist. Mit den Konzepten des Mythos, der Reflexion über die Gewalt und seinem Nachdenken über Konfrontation entwickelt eigenständige Beiträge zum politischen Denken. Sein ultra-realistischer Politikbegriff taugt in seiner Zuspitzung, um anti-politische Aspekte des Anarch@-Syndikalismus zu verdeutlichen und damit zu eigenständigen Positionen zu gelangen, die auf Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstorganisation von Akteuren abzielen. Darüber hinaus habe ich drei wesentliche Kritikpunkte an seinem Denken formuliert, um die man wissen sollte, wenn man sich auf ihn bezieht. Er vertritt einen wutbürgerlichen Anti-Liberalismus, maskulinistischen Heroismus und apokalyptisches Denken, die aus verschiedenen Gründen für sich genommen problematisch sind, zu anti-emanzipatorischen Schlussfolgerungen oder gleich ganz zum Wechsel des weltanschaulichen Lagers führen können.
Gleichwohl sind Ressentiments oder Fragmente solcher Positionen ebenso in den politischen Szenen vorhanden, wie man nicht leugnen kann, dass Mythologie, Gewalt und Konfrontation in der politischen Sphäre eine wichtige (wenn auch nicht die alleinige und entscheidende) Rolle spielen. Um sich daran nicht die Hände schmutzig zu machen, könnte man in eine intellektuelle oder subkulturelle Distanz dazu gehen. Sorel artikuliert dagegen eine harte anti-politische Einstellung, mit der die Finger in die Wunden einer hierarchischen Klassengesellschaft, seiner politisch-kulturellen Elite und deren Ideologie gelegt werden. Dies kann motivieren, eine klarere Sprache für Konflikte zu finden und diese aktiver zu führen.
Tatsächlich war Georges Sorel weder ein Vordenker noch ein Kern-Theoretiker des Anarch@-Syndikalismus. Da dies immer wieder behauptet wird und er einige interessante Überlegungen angestellt hat, lohnt es sich aber, ihn zu kennen. Wie eingangs dargestellt macht ihn seine – ohnehin kritikwürdige – politische Theorie ebenfalls nicht zum Vordenker des Faschismus, auch wenn er so konstruiert wird. Deswegen kann von seinen Gedanken ausgehend auch keine direkte Verwandtschaft von faschistischen und anarchistischen Positionen, Taktiken oder Zielen hergestellt werden. Dennoch kann darüber nachgedacht werden, welche Potenziale und Grenzen es hat, wenn Organisationen Einzelne ermächtigen, wenn man politisch Emotionen anspricht, mythologische Erzählungen verwendet und für eine alternative Moderne eintritt.
Fußnoten
[1] Sorel, Georges, Über die Gewalt, Frankfurt a.M. 1969.
https://de.wikipedia.org/wiki/Georges_Sorel
[2] vgl. Sorels Schriften und das Buch von Mohler wurden vom faschistischen Antaios-Verlag herausgegeben:
Sorel, Georges (2022): Sozialer Mythos und Revolution, Schnellroda.
Mohler, Armin (2000): Georges Sorel. Erzvater der Konservativen Revolution. Eine Einführung. Bad Vilbel.
Der rechtsextreme Präsident Brasiliens Jair Bolsonaro wurde von seinen Anhängern aus diesem Grund vermutlich auch als „Mito“ (= Mythos) bezeichnet; s. https://taz.de/Faschist-Jair-Bolsonaro-gewinnt-Stichwahl/!5546223/,
[3] https://antifainfoblatt.de/aib118/marx-von-rechts-gelesen
https://www.endstation-rechts.de/news/gramsci-neuer-neuentdeckung-bei-der-neuen-rechten
[4] Blankertz, Stefan (2001): Das libertäre Manifest. Über den Widerspruch zwischen Staat und Wohlstand. Grevenbroich.
[5] So wird bekanntlich zurecht auch Bakunins latenter und Proudhons immanenter Antisemitismus kritisiert. Sie als Vorläufer des Faschismus darzustellen ist dennoch falsch, wie es etwa Frédéric Krier und andere tun.
vgl. Krier, Frédéric (2009): Sozialismus für Kleinbürger. Pierre Joseph Proudhon – Wegbereiter des Dritten Reiches, Wien.
Auch der kommunitäre Anarchist Gustav Landauer verwendet seltsame romantische Konzepte wie „Volk“, „Blut“, „Boden“ und „rechtschaffene Arbeit“ (so z.B. in seinem Aufruf zum Sozialismus von 1911). Darin kommt eine problematische und verkürzte Kapitalismuskritik zum Ausdruck. Doch wer darin eine „völkische“ Denkweise sieht, setzt sich nicht mit dem historischen Kontext dieser Gedanken auseinander.
[6] Philippe Kellermann arbeitet anschaulich heraus, das Sorel behauptet die Theorie des Syndikalismus‘ mit jener von Marx zu verschmelzen, wobei „die zentralen Positionen, die Sorel vertreten und als marxistisch ausgegeben hat, als anarchistisch zu klassifizieren und keineswegs mit den Positionen von Marx und Engels kongruent, vielmehr diesen (z.T völlig) entgegengesetzt“ sind. aus: Kellermann, Philippe (2011): Georges Sorel: (Anarcho-)Syndikalismus als wahrer Marxismus, in: Ders. (Hrsg.), Begegnungen feindlicher Brüder. Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus in der Geschichte der sozialistischen Bewegung, Bd. 1, Münster, S. 68-85, hier: S. 83.
[7] Sorels Positionierung und Bezugnahme ist in diesem Sinne auch als Beitrag zur Indienstnahme der erst ab der Wende zum 20. Jahrhunderts zunehmend populären Theorie von Marx (und Friedrich Engels) zu verstehen: Die erwartete sozialen Revolution vor der Jahrhundertwende blieb aus. Gleichzeitig konnten sozialdemokratische Parteien und Verbände immer mehr Mitglieder und Einfluss gewinnen. Zudem weiteten die Nationalstaaten aber Imperialismus und Militarismus aus (was eine wesentliche Grundlage für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs war). Aufgrund dieser Entwicklungen mussten auch die theoretischen Grundlagen der sozialistischen Bewegung überdacht werden. In der sogenannten Revisionismus-Debatte stand Eduard Bernstein für den Weg der „Reform“ (= Symbiose mit der bürgerlich-liberalen Demokratie, deren soziale Rechte man ausweiten will), Karl Kautsky für die „Orthodoxie“ (= rhetorischer Fundamentalopposition bei tatsächlicher Kooperation) und Rosa Luxemburg für eine „radikale Realpolitik“ (= Interaktion zwischen sozialistischen Parteien und sozialen Bewegungen). Der Anarch@-Syndikalismus zeigt hierbei eine vierte Möglichkeit auf. Er wirkt „pragmatisch sozial-revolutionär“ (= autonome Basisgewerkschaften erkämpfen konkrete Gewinne jenseits von politischer Vermittlung). Sorel ist dies aber zu lau und nicht genug: Er spitzt dies auf einen „pathetisch sozial-revolutionären“ Ansatz zu.
[8] vgl. Griffin, Roger (2020): Faschismus. Eine Einführung in die vergleichende
Faschismusforschung.
Paxton, Robert O. (2004): The Anatomy of Fascim.
Fabbri, Luigi (2022/1921): Die präventive Konterrevolution. Reflexionen über den Faschismus.
Pelinka, Anton (2022): Faschismus. Zur Beliebigkeit eines politischen Begriffs.
[9] H.W. Gerhard (1931): Georges Sorel, der Theoretiker des Syndikalismus, in: Aus „Der Syndikalist“, Nr. 25/1931; gefunden auf: http://raumgegenzement.blogsport.de/2010/12/18/georges-sorel-der-theoretiker-des-syndikalismus-1931/; nicht mehr aufrufbar.
[10] Ein bekanntes Werk des elitären Universalgelehrten Gustav Le Bon heißt Psychologie der Massen (1895) und hatte einen ähnlichen Einfluss auf das faschistische Denken: https://de.wikipedia.org/wiki/Psychologie_der_Massen
[11] „Es kommt also äußerst wenig darauf an, zu wissen, was die Mythen an Einzelheiten enthalten, die bestimmt sind, wirklich auf der Ebene der Zukunftsgeschichte zu erscheinen; sie sind keine astrologischen Jahrbücher; es kann sogar vorkommen, daß gar nichts von dem, was sie enthalten, eintritt – wie dies hinsichtlich der von den ersten Christen erwarteten Katastrophe der Fall war. Sind wir nicht auch im täglichen Leben gewohnt, anzuerkennen, daß die Wirklichkeit erheblich von den Ideen abweicht, die wir uns vor dem Handeln über sie gebildet hatten? […]
Man muß die Mythen als Mittel einer Wirkung auf die Gegenwart beurteilen; jede Auseinandersetzung über die Art und Weise, wie man sie inhaltlich auf den Verlauf der Geschichte anzuwenden vermöchte, ist ohne Sinn. Die Ganzheit des Mythos ist allein von Bedeutung; seine Teile bieten nur insofern Interesse, als sie die in dem Gefüge enthaltene Idee hervortreten lassen. Es hat also keinen Wert, über die Zwischenfälle, die im Verlauf des sozialen Krieges vorkommen können, und über die entscheidenden Zusammenstöße, die dem Proletariat den Sieg verleihen können, Erwägungen anzustellen. Selbst wenn sich nämlich die Revolutionäre ganz und gar täuschen würden, indem sie sich vom Generalstreik ein phantastisches Bild entwürfen, so könnte dennoch dieses Bild während der Vorbereitung zur Revolution ein Element der Kraft ersten Ranges dargestellt haben: wofern es der Gesamtheit der revolutionären Gedanken eine Bestimmtheit und Unbeugsamkeit verliehen hat, die andere Denkweisen nicht hätten zuwege bringen können“ (Ebd.: 143f.)
[12] „Wir haben das Recht, hieraus den Schluß zu ziehen, daß man die syndikalistischen Gewaltsamkeiten (wie sie die Proletarier, welche den Umsturz des Staates wollen, im Verlaufe ihrer Streiks ausüben) nicht mit jenen Handlungen der Wildheit verwechseln darf, die der Staatsaberglaube den Revolutionären von 1793 eingegeben hat, als sie die Macht besaßen und den Besiegten gegenüber – getreu den Grundsätzen, die sie von der Kirche und dem Königtum empfangen hatten – Bedrückung ausüben konnten. Wir haben derart das Recht, zu hoffen, daß eine durch reine Syndikalisten durchgeführt Revolution nicht durch die Greuel [sic!] besudelt werden würde, die die bürgerlichen Revolutionen besudelt haben“ (Ebd.: 133).
[13] „Die Erfahrung hat uns bis heute noch immer bewiesen, daß unsere Revolutionäre, sobald sie nur zur Macht gelangt sind, sich auf die Staatsraison berufen, daß sie dann Polizeimethoden gebrauchen und die Gerichtsbarkeit als eine Waffe ansehen, die sie gegen ihre Feinde mißbrauchen können. Die parlamentarischen Sozialisten entziehen sich dieser allgemeinen Regel durchaus nicht; sie halten an dem alten Staatskultus fest; sie sind daher wohlvorbereitet, alle Missetaten des Ancien Régime und der Revolution zu begehen“ (Ebd.: 126).
[14] „Die proletarische Gewalt verändert das Bild aller Konflikte, in deren Verlaufe man sie bemerkt; denn sie verneint die durch die Bourgeoisie organisierte Macht und erhebt den Anspruch, den Staat zu unterdrücken, der deren zentralen Kern bildet. Unter solchen Bedingungen gibt es keinerlei Möglichkeit mehr, über die Urrechte der Menschen Betrachtungen anzustellen; und aus diesem Grunde finden sich unsere parlamentarischen Sozialisten, die Kinder der Bourgeoisie sind und außerhalb der Staatsideologie nicht kennen, gar nicht mehr zurecht, wenn sie sich der proletarischen Gewalt gegenübersehen. Sie können auf diese nicht die Gemeinplätze anwenden, deren sie sich gewöhnlich bedienen, wenn sie von der Macht sprechen, und sehen mit Schrecken Bewegungen, die zu dem Ziele führen könnte, die Institutionen zu vernichten, von denen sie leben: wo der revolutionäre Syndikalismus auftritt, kann man keine Reden mehr über die immanente Gerechtigkeit anbringen, und gibt es nicht mehr ein parlamentarisches System zum Gebrauch der Intellektuellen […]“ (Ebd.: 28, [vorangestellter Brief von Sorel an Daniel Halévy zur Erklärung des Buches]).
[15] „Die parlamentarischen Sozialisten glauben besondere Einsichten zu besitzen, die es ihnen gestatten, nicht allein die materiellen, unmittelbar der Arbeiterklasse zufallenden Vorteile, sondern auch die sittlichen Gründe in Anschlag zu bringen, die den Sozialismus verpflichten, einen Teil der großen republikanischen Familie zu bilden. Ihre Kongresse erschöpfen sich darin, Formeln zusammenzustellen, die die sozialistische Diplomatie regeln und angeben sollen, welche Bündnisse erlaubt und welche verboten sind; die ferner das abstrakte Klassenkampfprinzip (auf dessen wörtliche Beibehaltung man großes Gewicht legt) mit der Wirklichkeit der Eintracht der Politiker versöhnen sollen. Ein derartiges Unternehmen ist eine Tollheit; daher läuft es auch auf Zweideutigkeiten hinaus, sofern es nicht gar die Abgeordneten zu Haltungen einer erbärmlichen Heuchelei zwingt“ (Ebd.: 86f.).
[16] de Lagasnerie, Geoffroy (2021): Das politische Bewusstsein, Wien.
[17] Das zeigte sich unter anderem in der „Dreyfus-Affäre“: Die liberale Fraktion der herrschenden Klasse verfolgte die „Assimilation“ ihrer verdienten jüdischen Mitbürger. Während die Parteisozialist*innen dies unterstützten, kämpften Katholisch-Konservative im Bündnis Rechtsextremen gegen diese Integration und bedienten sich dazu des verbreiteten Antisemitismus. Schließlich setzten sich die Liberalen durch und amnestierten den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus. Allerdings wurde dieser nicht juristisch freigesprochen. Deswegen entstand bei Sorel der Eindruck, das liberale Establishment mache einfach, was es will, ohne sich um echte Gerechtigkeit nach ihren eigenen Maßstäben zu scheren.
[18] „„Ich glaube zu den Auseinandersetzungen über de Sozialismus einen erheblichen Beitrag geliefert zu haben; diese Auseinandersetzungen müssen sich fortan auf die Bedingungen richten, die die Entfaltung der eigentümlich proletarischen Kräfte erlauben: und das heißt auf die durch die Idee des Generalstreiks erleuchtete Gewalt. Alle die alten abstrakten Abhandlungen über die künftige sozialistische Ordnung werden unnütz; wir schreiten zum Bereiche der wirklichen Geschichte vor, zur Auslegung der Tatsachen, zur ethischen Bewertung der revolutionären Bewegung“ (Ebd.: 306).

