Held*innen

Arbeiter*innen, ich beobachte euch. Mein Büro liegt über euch, mein Wille geschehe. Mein Auge sammelt eure Daten. Unbefugte Entnahme von Getränken führt zur Anzeige, zu fristloser Kündigung. Ich sehe euch, bin bei euch, wir sind eine Firma, ein Weg zum Erfolg, ihr und ich vereint, ihr seid doch meine Held*innen. Das sagt man dann so:

„Helden tragen kein Cape. Sondern Kisten.“

Es gibt sogar ein Plakat, auf dem das steht, ihr Held*innen. In den Sozialräumen und auf den Toiletten gibt es auch keine Kameras. Ihr seid frei, die Kisten auf das Band zu stellen. Unsere Kund*innen sind glücklich durch euch. Arbeiter*innen, kommt zu uns, wir stellen ein. Ihr müsst nur gut die Kisten auf das Band stellen, dann haben wir keine Probleme. Deswegen ist es auch nicht schlimm, wenn wir euch filmen, ihr guten, holden Held*innen. Schluckt! Schluckt unsere süßen Säfte. Sie sind immer da, genau wie ihr, ihr gute Verfügungsmasse. Ihr braucht keinen Betriebsrat. Für euch, nur für euch organisieren wir die Wahl einer Vertrauensperson. Für ein paar Held*innen zahlen wir auch die sozialen Abgaben. Wir sind doch ein guter Arbeitgeber. Aber wenn ihr studentisch angestellt seid, zahlt ihr selbst alles, aber trotzdem weniger. Wäre das nicht was? Also unterschreibt den befristeten Vertrag. Komm auf die Seite der Held*innen. Wir sind ein fortschrittliches, sympathisches Start-up aus der Fahrradstadt Münster. Wir lieben unsere Kund*innen. Bei dieser Bestellung sparen Sie 103,2 Kilogramm selbst tragen Doppelpunkt Klammer zu. Unsere Nicht-Elektroautos werden immer zu Ihnen kommen.

Das sieht sehr bequem aus, wie du da so sitzt. Also, ich sage das jetzt nur, weil ich will, dass du keinen Ärger bekommst. Hast du eigentlich schon mal nach oben geguckt? Da haben wir eine Kamera, die dich filmt. Und hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie das aussieht, wenn du hier so bequem herumsitzt? Dass wir gerade keine Aufträge haben, ist egal. Denn oben in der Leitung kommt sowas ganz schlecht. Hier hängen zum Beispiel ein paar Bänder an den Paletten herum. Die kannst du einsammeln und wegschmeißen. Da vorne sind Mülltonnen.

Wir sind Held*innen. Niemand außer uns schafft es, so viel Gas für Wasser in die Luft auszustoßen.

Es war einmal ein älterer Herr namens Peter. Seine Frau war an einer schlimmen Krankheit gestorben. Peter hatte sie bis zu ihrem Tod gepflegt. Danach kam er zu uns und hatte nichts mehr außer der Arbeit. Und wenn er diese auch noch verlieren würde, hätte er nur noch den Alkohol. Deswegen arbeitete Peter besonders fleißig. Er hatte Probleme am Handgelenk vom Kistenschmeißen und konnte in jedem Arbeitsbereich eingesetzt werden. Damit die klappernde Sortiermaschine der vielen Pfandflaschen immer weiterlief, machte Peter keine Pause. Er war viel zu naiv, um die Arbeit nicht zu lieben. Aber es gab ein großes Problem. Wenn die Zentrale in Münster sieht, dass der Arbeiter die Pausenzeiten nicht einhält, wirkt es, als würden die Schichtleiter*innen den Arbeiter dazu zwingen. Und das ist gegen das Gesetz. Peter arbeitete ohne Pause weiter und deswegen musste Flaschenpost ihn einfach kündigen. Er zeigt mir ein Bild vom Grab seiner Frau. Er versucht die Tränen zurückzuhalten, weil er heute wieder früher nach Hause geschickt wird. Aber plötzlich verwandeln sich die Tränen, als beim Wischen über sein Handy das Bild der Lohnabrechnung kommt. Er zeigt nur mir seine Wut. Ich weiß nicht mehr, wie viel es weniger war, weil er nicht das erste Mal früher ging. Wir stellen ein. Danach schenkt er mir sein Mittagessen, weil er es heute nicht mehr an diesem Ort braucht.

Aber es ist ja auch unsere Schuld. Wir leben in Deutschland. Das Recht ist auf unserer Seite. Nur wenn wenn wir zustimmen, dürfen sie uns früher nach Hause schicken, weil wir Held*innen sind.

Hörst du gerade Kopfhörer? Du weißt schon, dass das verboten ist? Ich sage das jetzt nur als gut gemeinten Rat. Mir selbst wäre das ja egal. Aber darauf wird nun mehr geachtet.

Mein Herz zieht sich zusammen und ich schiebe den Wagen mit den Getränkekisten weiter. Ich blicke nach unten. Es wäre peinlich, wenn die anderen das Wasser in meinen Augen statt in den Flaschen sehen. Das große Auge an allen Wänden der Halle ist schon lange egal. Mir geht es so, weil ich noch nicht wusste, dass ich austauschbar bin. An der Universität bin ich auch unwichtig, aber ich bezahle Semestergebühren und deswegen schreiben sie eine Note unter meine Arbeiten – eine gute, wenn ich mich anstrenge. Das gibt mir dann ein gutes Gefühl. Aber Flaschenpost gibt mir sogar Geld. Ich arbeite schneller. Die Firma schätzt mich und bezahlt mir 22 Cent mehr Bonus die Stunde. Der Unterschied zwischen gewöhnlichen Arbeiterbienen und Held*innen sind 150 statt 100 getragenen Kisten pro Stunde. Ich werde besser sein als die Bienen. Ununterbrochen zeigt mir der Bildschirm an, wie schnell ich bin und wenn ich die Schnellste bin, stehe ich in der ersten Zeile. Wenn ich abends nach Hause komme, stelle ich mich unter die Dusche und hole mir einen runter. Heute habe ich 921 Kisten auf ein Fließband gestellt. Ich habe nichts anderes, worauf ich stolz sein kann.

Stell dich mal neben mich. Noch näher, sonst hörst du mich nicht. Nein, du solltest mir nicht beim Scannen helfen. Du solltest mir jetzt nur zuhören. Noch näher. Wieso hat das so lange gedauert? Wenn dein Probearbeiter so langsam ist, ist das deine Schuld. Du liegst fast bei den fünf Minuten für jede Bestellung. Das ist noch in Ordnung, gerade so. Aber wenn du mit Probearbeiter so langsam wirst, geht das so nicht. Ist das zu viel für dich? Dann kann jemand anderes die Einarbeitung übernehmen.

Was glaubst du, wie ich dir helfen kann, noch besser zu arbeiten? Du machst das sehr ordentlich. Das ist mir aufgefallen, als ich dich beobachtet habe. Aber vielleicht kannst du noch ein bisschen schneller laufen. Du glaubst gar nicht, wie das deine Zeit verbessern kann.

Weil wir unsere Arbeiter*innen lieben, machen wir ein Plakat, auf dem wir das ausdrücken. Auch die Arbeiter*innen im Lager müssen erfahren, wie glücklich wir die Menschen machen. Auf dem Plakat steht Brigittes facebook-Post: Danke, dass ihr weitermacht. Ihr Jungs macht einen tollen Job. Ohne euch Helden würde es nicht weitergehen. Bleibt gesund Kleiner-als-Zeichen drei.

Jonas! Sieh dir diese Kiste an! So versenden wir das nicht. Sieh dir an, wie staubig das ist. Da ist was zum Wegwischen. Sonst senden es unsere edelmütigen Kunden wieder zurück. Das ist die Revolution des Getränkemarkts.

Ich möchte einen Betriebsrat gründen und werde gekündigt. Comics belügen uns. Held*innen sind austauschbar. Ein Artikel beschreibt Flaschenpost als Verbrecher*innen. Aber sie geben doch Held*innen ihre Jobs, ihren Verdienst. Ich kann keinen Betriebsrat gründen. Denn Held*innen müssen essen und haben befristete Arbeitsverträge. Das Arbeitslosenamt sperrt gestürzte Held*innen, wenn wir nicht aus wirtschaftlichen Gründen fallen. Held*innen ohne Kisten sind nutzlos. Wenn die Menschen Leitungswasser und nicht unseres trinken, bin ich nicht mehr systemrelevant.

Wir sind Held*innen. Lass den Kopf doch nicht so hängen. Immerhin hast du in der Krisenzeit Arbeit. Du kannst dich auch nicht beschweren. Hängʼ keine wütenden Antworten an die Zettel mit Vorschriften. Die Schichtleiter*innen wissen doch auch nicht, ob sie verlängert werden.

Wir sind frei. Wir können wählen: Werde ich Held*in oder breche ich wegen der Krankenkasse mein Studium ab. Mustafa, Fahrer bei Flaschenpost, sagt, dass Studierende schlechtere Menschen sind, weil sie kein Trinkgeld geben. Flaschenpost ist nicht schuld, nur die geizigen, faulen Studierenden. Für 100 Euro Bier bestellen und dann keinen Euro Trinkgeld übrig haben. Sie könnten die Kisten doch selbst tragen. Ein Euro Trinkgeld gehört halt zum guten Ton, wenn die eigentliche Leistung nicht über das Gehalt abgegolten ist.

Almosen können wir halt auch nicht verteilen. Einen Alkoholiker, der unsere Regeln nicht befolgt, ist eben kein Held. Ich weiß das. Ich sehe euch. Ihr seid meine Arbeiter*innen. Ich wache über euch, bin über euch. Flaschenpost schuf die Arbeitsplätze. Flaschenpost sagte: „Arbeitet“ und es wurde gearbeitet. Der Wille geschehe, von dem der euch bewacht. Ich bin Flaschenpost. Mein Logo brennt sich in eure Hände ein. Wenn ihr mir folgt, teile ich nicht das Brot, aber ich gebe euch Wasser. Eine Kiste Staatlich Fachingen kostet 10,99 Euro. Es ist gutes Wasser. Seid gute Held*innen.

Doch Peters Frau ist abgemagert. Sie wird bald sterben. Ich weiß nicht, wie viele Wochen vor ihrem Tod das Bild von ihr vor dem Grabbild auf dem Handy aufgenommen wurde. Aber Peter ist nicht mehr hier. Er kann es mir nicht mehr erzählen. Ich bin alleine. Aber es gibt noch das Auge über mir. Immer werde ich zu meiner eigenen Sicherheit bewacht. Mein Handy bewacht mich, die Deutsche Bahn bewacht mich, Vater Staat, Gott und Wirtschaft Flaschenpost sind immer bei mir.

Wir sind Flaschenpost. Wir sind Held*innen. In Krisenzeiten arbeiten wir gerne für euch. Flaschenpost schreibt mir eine Mail, in der steht: „Vielen Dank für euren beispiellosen Einsatz.“

Ich bin eine Heldin. Ich arbeite für 9,50 Euro die Stunde. Kauft mich!

 

Flaschenpost hat mittlerweile 21 Standorte in Deutschen Städten – vor allem in Nordrhein-Westfalen, doch auch andere Großstädte Deutschlands werden immer weiter erschlossen. Das Unternehmen kommt pro Tag durchschnittlich auf 5.000 Bestellungen mit 60.000 ausgelieferten Kisten. Laut Selbstaussage filmt Flaschenpost den kompletten Lagerbereich der einzelnen Standorte, um Mitarbeiter*innen und Ware zu schützen. Als im Januar 2020 die erste Betriebsversammlung in Düsseldorf stattfand, kündigte das Unternehmen acht Mitglieder des neuen Betriebsrats fristlos und versuchte eine einstweilige Verfügung gegen die Wahl zu erwirken.

 

Beitragsbild: privat

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