Selbstorganisierte Sommerakademie

Syndicalist Summer School

„Ziel der Sommerschule ist es, Mitgliedern aus allen Syndikaten der FAU die Weiterbildung in betrieblicher Organisierung, verschiedenen Feldern des Arbeitsrecht und im Handwerkszeug der Gewerkschaftsarbeit zu vermitteln.“, so lautetet der Beginn eines dreieinhalbseitigen Antrages der FAU Jena und Leipzig an den diesjährigen Online-Kongress.

Mit 85 % der abgebenden Stimmen wurde der Antrag angenommen. Ab 2021 soll nun jährlich ein solches gewerkschaftliches Schulungsprogramm stattfinden mit entsprechendem Budget. Für die Bildungsarbeit in der FAU stellt dieser Antrag einen Meilenstein dar. Begründet wurde die Initiative wie folgt:

„Innerhalb der FAU besteht ein großes Bedürfnis nach gewerkschaftlicher Bildung. [..] Dieses Bedürfnis erklärt sich aus den Notwendigkeiten des mittlerweile praktisch geführten Klassenkampfes. Mit der Entwicklung der FAU von einer Ideen- hin zu einer Interessenorganisation[1]vgl. den Artikel „Zehn Jahre Neustart der FAU Berlin“ vom 20.3.18 auf berlin.fau.org rücken die Erfordernisse des praktischen Klassenkampfes in den Vordergrund.“

Vorträge sowie Seminare zur Arbeitswelt wurden durch die lokalen FAU Gruppen immer wieder organisiert. Grundlagen wurde zum individuellen und kollektiven Arbeitsrecht vermittelt. Dazu gab es auch eine Multiplikatorenschulung, damit das Wissen in der Mitgliederschaft weitervermittelt werden kann. Kampagnen etwa zur Leiharbeit wurden mit Vorträgen zum Thema flankiert. Doch erst als die FAU Berlin intensiven Kontakt zu einer Arbeitsrechtskanzlei aufbaute, wurde ein themenspezifisches Schulungsprogramm aufgebaut.

In Jena fanden sich Referenten, welche im letzten Jahr ein Schulungsprogramm durchführten. Referent Konstantin betont, worum es generell geht:

„Zum einem soll den Teilnehmenden das Arbeitsrecht vermittelt werden, des Weiteren sollen durch Orgainzing-Schulungen die Beschäftigten zur Betriebsarbeit ermächtigt werden und auch dazu Arbeitskämpfe selbst zu führen bzw. sich vor dem Arbeitsgericht selbst zu vertreten. Im Gegensatz zu den den DGB-Gewerkschaften sollen unsere Mitglieder auch zur intensiven Mitarbeit in der Organisation, wie etwa bei Sprechstunden oder Arbeitskampf-AGs befähigt und ermutigt werden.“

In der FAU wird der Aufbau von selbstbestimmten Betriebsgruppen bevorzugt, anstatt die Mitglieder in das gesetzlich stark eingeschränkte Gremium des Betriebsrats zu schicken.

Corona als Bildungsschub

Die Coronakrise hat sogar den positiven Effekt, dass nun über Online-Tools die Seminare im Gegensatz zur Präsenzveranstaltung der ganzen FAU-Mitgliedschaft zur Verfügung stehen. Jedes interessierte Mitglied kann nun ohne lange Anfahrt von zu Hause an einer Schulungseinheit teilnehmen. Schon der Kongress konnte ohne größere Probleme im Web durchgeführt werden. Allerdings kommt dadurch der informelle Teil zu kurz. Es fehlt der Austausch am Lagerfeuer.

Auch deswegen wäre eine Präsenzveranstaltung an einem Ort wichtig. Bereits in den vergangen Jahren gab es ein Wanderseminar in der sächsischen Schweiz, welches die FAU im Ballungsraum Dresden organisierte. Hier spielten zwar mehr historische Inhalte, wie der Widerstand im Dritten Reich, eine wesentlichere Rolle als betriebliche Kämpfe, dennoch war ein Ort gefunden an dem langfristig Bildungsarbeit mit einer erprobten Infrastruktur stattfinden kann. Was die FAU ebenfalls auszeichnet sind die intensiven internationalen Beziehungen. Seit der Gründung findet mit den Schwestergewerkschaften ein reger Austausch statt, wie etwa durch Vortragsreisen von GenossInnen der CNT.

Chancen und Herausforderungen

Für die Organisation war es aber bisher immer nur sporadisch möglich ein Angebot vorzuhalten. Die Ausgestaltung hing meistens von den Aktiven vor Ort ab. Gelernt wurde nicht selten im Rahmen der Arbeitskonflikte selbst. Kapazitäten und Ressourcen wie in einer Großorganisation mit hauptamtlichen Funktionären waren einfach nicht vorhanden. Zumal die DGB-Gewerkschaften Schulungen etwa für Betriebsräte durch die Unternehmen finanzieren lassen, was auch nach Betriebsverfassungsgesetz so vorgesehen ist. Zumindest den Anspruch, dass gewerkschaftliche Bildungsarbeit politisch ist, wird im Gegensatz zu privaten Anbietern wie ifb, W.A.F. und BBC verwirklicht. Es sollte bei den Schulungen nicht nur um juristische Bewertungen gehen, sondern auch darum betriebliche sowie gesellschaftliche Machtverhältnisse aufzuzeigen.[2]Gewerkschaftliche Bildungsarbeit – ein Artikel von Lothar Wenzel für die Bundeszentrale für politische Bildung

Ein anarchosyndikalistisches Bildungsideal passt eigentlich grundsätzlich zu Oskar Negts Soziologischen Phantasie, in der die Beschäftigten Subjekte der Lernarbeit sein sollten.[3]Oskar Negt, Soziologische Phantasie und Exemplarisches Lernen – zur Theorie und Praxis der Arbeiterbildung, Frankfurt/M. 1971. Hier liegt auch die Stärke der selbstorganisierten Bildungseinrichtung wie der Sommerschule.

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