Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus (1923)

Die Weiterarbeit der Studienkommissionen

Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus

Vorwort von Augustin Souchy

Richtlinien für den Aufbau der kommunistischen Gesellschaft nach einem siegreich beendeten Generalstreik

I. Allgemeines

Unter Arbeiterbörsen verstehen wir Syndikalisten die föderative Zusammen­fassung der syndikalistischen Organisationen an einem Orte oder in einem Bezirke. Die Idee der Arbeiterbörsen entspringt dem Wesen des Syndikalismus. Darum bilden sich in allen Ländern solche Körperschaften, wenn gleich sie je nach den eigenartigen Verhältnissen verschiedene Formen annehmen. So gibt es in Frankreich, Italien und Spanien, den Ländern, wo schon länger große syndi­kalistische Organisationen vorhanden sind, auch schon seit Jahrzehnten Arbeiterbörsen.

Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten) mußte diesem Beispiel folgen, sobald sie nach der politischen Umwälzung November 1918 sich zu einer größeren selbständigen Bewegung entwickelte. Sie mußte dies, weil in Uebereinstimmung mit dem Föderalismus örtliche Körperschaften für die beiden Hauptaufgaben des Syndikalismus vorhanden sein müssen. Diese Hauptauf­gaben sind:

  1. Die Gegenwartskämpfe, ganz gleich, ob diese rein wirtschaftliche oder auch politische sind, ganz gleich, um welche Art der direkten Aktion es sich dabei handelt;
  2. Ziel und Plan für die zukünftige freie Gesellschaft auf kommunistisch-anar­chistischer Grundlage.

Für beide Aufgaben gibt es im Syndikalismus keine Zentralstellen, sie können nur gelöst werden von den Gruppen und Föderationen selbst.

Wie nun den Föderationen schon heute und in der Zukunft ganz bestimmte Aufgaben obliegen, nämlich die Berufs- und Industrie-Interessen, — heute die Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen; in der Zukunft die Regelung der Produktion — so fallen auch den Arbeiterbörsen ganz bestimmte, schon heute erkennbare Aufgaben zu.

In der Prinzipienerklärung sind diese Aufgaben wie folgt angedeutet: „Die Gewerkschaften der verschiedenen Berufe vereinigen sich an jedem Orte in der Arbeiterbörse, dem Mittelpunkt der lokalen gewerkschaftlichen Tätigkeit und der revolutionären Propaganda. Sämtliche Arbeiterbörsen des Landes vereinigen sich in der Allgemeinen Föderation der Arbeiterbörsen, um ihre Kräfte in allgemeinen Unternehmungen zusammenfassen zu können.

Würden nun bei einer siegreichen Revolution die Arbeiter vor das Problem des sozialistischen Aufbaues gestellt, so würde sich jede Arbeiterbörse in eine Art lokales statistisches Büro verwandeln, und sämtliche Häuser, Lebensmittel, Kleider usw. unter ihre Verwaltung nehmen. Die Arbeiterbörse hätte die Aufgabe, den Konsum zu organisieren, und durch die Allgemeine Föderation der Arbeiterbörsen wäre man dann leicht imstande, den Gesamtverbrauch des Landes berechnen und auf die einfachste Art organisieren zu können.“

In der programmatischen Grundlage ist unter „Gliederung“ ferner gesagt: „Bestehen in einem Orte oder engeren Bezirk mehrere Ortsvereine, die der F.A.U.D. angehören, so haben sich diese zu einer Arbeiterbörse (Gewerkschaftskartell) zusammenzuschließen, deren Aufgabe es ist, die örtlichen Interessen aller ihr angeschlossenen Organisationen und Mitglieder jederzeit zu beraten und für dieselben gemeinsam einzutreten.“

Und Genosse Rocker führte in seiner Begründungsrede zur Prinzipien-Erklärung folgendes aus: „Die Gewerkschaften sämtlicher Berufe an jedem Orte schließen sich in einem lokalen Mittelpunkte zusammen — der Arbeiterbörse. Die Arbeiterbörse ist das Zentrum der lokalen Propaganda, der Streikbewegung, der sozialistischen Erziehung, der praktischen Solidarität. Jede Arbeiterbörse ist ein Glied der großen Landesföderation der Arbeiterbörsen, so daß die Grundlage für gemeinschaftliche Aktionen gegeben ist. Wenn nun heute in einem Lande, wo der Syndikalismus die wirtschaftliche Einheitsorganisation der Arbeiter bildet, infolge irgendwelcher Ereignisse eine Umwälzung eintreten würde, wie bei uns am 9. November 1918, so würden die Syndikalisten versuchen, die Sozialisierung auf folgende Art in Angriff zu nehmen: Jede Arbeiterbörse würde als lokales Organ der Arbeiterschaft an jedem Orte Häuser, Lebensmittel, Kleidung und andere Gebrauchsgegenstände unter ihre Verwaltung nehmen.

Die ganze Verwaltung der Gemeinde wäre so in den Händen der Arbeiterschaft, und Schleichhandel, Schmugglertum und alle die anderen Krebsschäden, die heute das deutsche Volk bei lebendigem Leibe verzehren, wären in diesem Falle unmöglich. Die Arbeiterbörse würde sich in ein statistisches Büro verwandeln, um die Konsumbedürfnisse der lokalen Bevölkerung festzustellen, so daß die Landesföderation der Arbeiterbörsen leicht imstande wäre, den notwendigen Bedarf der Gesamtbevölkerung feststellen zu können. Damit wäre gleichzeitig die Grundlage für eine planmäßige Produktion geschaffen. Hätten die Arbeiterbörsen die Aufgabe, den Konsum zu organisieren, so hätten die Industrieverbände die Aufgabe, die Organisation der Produktion in die Hand zu nehmen. Sie würden sämtliche Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe usw. unter ihre Ver­waltung nehmen und die einzelnen Betriebe und Industrien mit den notwendigen Werkzeugen und Materialien versorgen. Auf diese Art würde die Sozialisierung von unten nach oben durch die Arbeiter selbst vor sich gehen, und dies allein wäre imstande, uns den Sozialismus zu bringen. Jeder andere Weg, wie er z. B. von unseren Mehrheitssozialisten befürwortet wird, durch Verstaatlichung bestimmter Industrien den Sozialismus anzubahnen, führt unwiderruflich zum Staatskapitalismus, zur schlimmsten Form der Ausbeutung, die wir uns überhaupt vorstellen können. Darum treten wir Syndikalisten für die Sozialisie­rung von unten nach oben, durch die Syndikate und ihre Organe — die Födera­tion der Arbeiterbörsen und Industrieverbände ein.“

Aus alledem ergibt sich, daß in erster Linie örtliche Aktionen durchzuführen und allgemeine geistige und kulturelle Interessen in den Börsen wahrzunehmen sind. Sinngemäß lassen sich alle diese Aufgaben wie folgt gliedern:

  1. Agitation und Propaganda der syndikalistischen Ideen unter der gesamten Arbeiterschaft des Börsenbezirks.
  2. Bildung und Schulung der gewonnenen Mitglieder in der syndikalistischen Weltanschauung.
  3. Organisation und Durchführung der Aktionen und Tageskämpfe aller in der Börse zusammengefaßten Gewerkschaften. Auch Unterstützung aller Bestrebungen und Kämpfe des Volkes, die mit den Zielen des Syndikalismus — der Abschaffung der Wirtschaftsmonopole und der Gewaltherrschaft des Staates — nicht im Widerspruch stehen.
  4. Vorbereitung der notwendigen Maßnahmen, um die zukünftige sozialistische Wirtschaftsorganisation durchführen zu können.
  5. Gewinnung der Frauen für die syndikalistische Weltanschauung.
  6. Gewinnung der Jugend, um für einen gesunden Nachwuchs zu sorgen.

Bei dieser Gliederung sind Agitation und Propaganda sowie Bildung und Schulung an den Anfang gesetzt, weil wir zunächst immer noch in erster Linie nur eine Agitations- und Schulungs-Gemeinschaft sein können, weil wir zu klein sind zu selbständigen Aktionen und Tageskämpfen. Diese werden bis auf weiteres immer noch bestimmt durch die millionenstarken Zentralverbände und Parteien. Wir können zunächst nur versuchen, alle Ereignisse in unserem Sinne zu beeinflussen.

II. Agitation und Propaganda

Hierbei handelt es sich um Regelung der örtlichen organisatorischen Verhältnisse und um die Einwirkung auf die außerhalb der syndikalistischen Bewegung stehende Arbeiterbevölkerung am Orte. Das zweite hängt aber wieder vom ersten ab, denn nur mit einer arbeitsfähigen und schlagfertigen Organisation kann man in der heutigen Zeit einen Einfluß auf das öffentliche Leben ausüben.

Vorbedingungen für das tadellose Funktionieren einer Organisation sind in erster Linie das regelmäßige Einkassieren der Beiträge und die pünktliche Zustellung der Zeitung und der Vereinsmitteilungen an alle Mitglieder. Für die Erledigung dieser wichtigen Aufgaben sind an kleinen Orten besondere Agitationskommisionen zu bilden, größere Orte sind zunächst nach der gegebenen Möglichkeit in Bezirke zu teilen und in diesen Bezirken solche Agitationskommissionen einzurichten. Jede Agitationskommission wählt sich einen Leiter. Wenn mehrere Bezirke in einem Ort vorhanden sind, bilden die Agitationsleiter aller Bezirke die Agitationskommission für den ganzen Ort. Bei der Einrichtung dieser Bezirke muß von Anfang an das Ziel im Auge behalten werden, daß wir bei dem Neuaufbau der Gesellschaft eine örtliche Organisation brauchen, die sich schon von dem Hause zur Straße, von der Straße zum Bezirk, vom Bezirk zum Stadtteil, vom Stadtteil zur Börse aufbaut. Eine Notwendigkeit ist eine solche Organisation auch schon für heute, denn wir müssen unbedingt damit rechnen, daß die augenblicklichen, verhältnismäßig ruhigen Zeiten durch starke politische und wirtschaftliche Erschütterungen unterbrochen werden, durch welche die gewöhnliche Verbindung der Mitglieder vermittels der Zei­tungen und der regelmäßigen Versammlungen aufgehoben würde. Dann muß eine aktionsfähige Organisation in der Lage sein, in wenigen Stunden alle Mitglieder persönlich erfassen zu können. Das ist nur mit Hilfe eines solchen zellenförmigen Aufbaues der Organisation möglich.

Neben der Organisierung dieser rein verwaltungstechnisch notwendigen Dinge haben diese Körperschaften aber auch die gesamte Agitation für den Börsenbezirk planmäßig durchzuführen, weil sie am besten die örtlichen und zeitlichen Bedingungen für eine erfolgreiche Propaganda kennenlernen. Dazu ist ein gewisser organisatorischer Zusammenhalt notwendig, d. h. diese Körperschaften müssen regelmäßige Sitzungen abhalten, je nach Bedürfnis alle vierzehn Tage bis vier Wochen. In diesen Sitzungen muß die Erledigung der laufenden Arbeiten geregelt und programmäßig eine Agitation nach außen festgelegt werden. Neben den regelmäßigen Bezirksversammlungen für alle Mitglieder, in welchen nach kurzen einleitenden Referaten vor allem Wert auf eine unbeschränkte Diskussion zu legen ist, sind der Reihe nach in allen Bezirken oder Ortsteilen allgemeine öffentliche Versammlungen abzuhalten. In diesen ist der Hauptwert auf gegenwärtige Fragen syndikalistischer Tendenz, auf abgeschlossene Referate und auf eine planmäßige Bearbeitung der Besucher mit syndikalistischer Literatur, mit Aufnahmescheinen für die verschiedenen Gruppen usw. zu legen. Der Erfolg dieser Versammlungen hängt ganz davon ab, daß die Vorarbeiten für dieselben von den Agitationskommissionen sachgemäß erfolgen, d. h. Plakatierung, Handzettel-Verbreitung, in kleinen Orten Inserate in den Lokalblättern usw. Selbstverständlich müssen bei der Festlegung der Lokale für die Versammlungen sowohl die örtlichen Verhältnisse, d. h. die Arbeiterviertel und die Nähe von Betrieben berücksichtigt werden.

Wenn man diese Arbeiten übersieht, findet man, daß hier ein weites Tätigkeitsfeld vorhanden ist, daß zur Bewältigung aller dieser Aufgaben viele Kräfte notwendig sind. Hier findet ein jeder seinen Platz, auch derjenige, der nicht zum Reden oder Schreiben oder zur Mitarbeit in Studien-, Jugend- und Bildungskommissionen geeignet oder befähigt ist. Und die hier notwendigen Kleinarbeiten, wie Zettel- und Plakatekleben, Handzettel und Flugblätter austeilen, Zeitungen austragen und kassieren, Hausagitation betreiben, erfordern ebenfalls Geschick und Erfahrung, sie sind ebenso wichtig, wie alle übrigen Arbeiten in der Bewegung.

III. Bildung und Schulung der Mitglieder

Da wir der Auffassung sind, daß der Sozialismus nicht bloß eine Magenfrage ist, sondern sogar in erster Linie eine wirtschaftliche und psychologische Frage, so folgt daraus, daß die Vorbedingung für denselben eine gewisse organisatorische Schulung und eine sozialistische Charakterbildung, wenigstens bei einem größeren Teile des Proletariats, ist. Die Arbeiter müssen den Sozialismus mit dem Verstande begriffen haben und ihr Gefühl muß ihn wollen, sie müssen an die Schönheit und an die Reinheit der zukünftigen Gesellschaft und an ihre eigene Kraft, dieselbe herbeizuführen, mit religiöser Inbrunst glauben. Erst dann ist die Möglichkeit gegeben, das Ziel zu erreichen. Darum müssen die Arbeiterbörsen mit allen Kräften bestrebt sein, ihre Mitglieder mit dem gegenwärtigen Stande des Wissens vertraut zu machen, die menschlichen Gefühle für Schönheit und Wahrheit in ihnen zu entwickeln und sie in den organisatorischen Fähigkeiten zu schulen. Diese Arbeiten erfordern naturgemäß besondere Organe, und das sind die Bildungsausschüsse oder Bildungskommissionen.

Schon der Aufgabenkreis dieser Kommissionen zeigt, daß nur besonders geeignete Genossen erfolgreiche Arbeit leisten können, die auch Lust und Liebe zu der Bildungsarbeit haben. Noch wichtiger wie auf allen anderen Gebieten ist gerade auf diesem ein planmäßiges Arbeiten. Es ist deshalb zu empfehlen, sowohl im Winter, wie im Sommer nach festen viertel- oder halbjährlichen Programmen zu arbeiten. Nur so können rechtzeitig geeignete Lokalitäten gesucht werden, können sich die Genossen auf jeden Fall auf den Besuch der Veranstaltungen einrichten und wird ein Zusammenfallen mit anderen Veranstaltungen vermieden.

Die Hauptbildungstätigkeit wird natürlich in den Herbst- und Wintermonaten durchgeführt werden müssen, weil erfahrungsgemäß in dieser Zeit das regste Interesse für geistige Beschäftigungen vorhanden ist. In Frage kommen für diese Zeit Unterrichts- und Lehrkurse über alle Gebiete des Wissens, Vortragszyklen über naturwissenschaftliche, geschichtliche, wirtschaftliche, literarische Themen, Einzelvorträge informatorischen Charakters über unsere Weltanschauung, Museumsbesuche, Theater- und Konzert-Veranstaltungen. Auf Veranstaltungen der letzteren Arten müssen wir besonderen Wert legen, weil der Syndikalismus stark an das Gefühlsleben des Einzelnen appelliert, im Gegensatz zu dem politischen Staatssozialismus, der die Massen rein verstandesmäßig zu behandeln ver­sucht. In der Bildung des Gemüts liegt also für uns Syndikalisten ein großes Stück praktische Propaganda. Es ist ganz klar, daß diese ganze Bildungsarbeit planmäßig, von Einfachem und Leichtem allmählich zu Schwererem übergehend, aufgebaut sein muß. Es müssen nicht bloß die Veranstaltungen eines Jahres Harmonie bei geeigneter Verteilung der verschiedenen Wissensgebiete und einem gewissen Aufbau von unten nach oben besitzen, sondern auch die Veranstaltun­gen in den verschiedenen Jahren am Orte diesen Charakter tragen.

Im Frühling und Sommer will Jung und Alt hinaus in die Natur. Darum können in dieser Zeit solche Veranstaltungen nicht getroffen werden. Aber trotzdem kann die Bildungsarbeit in dieser schönen Zeit fortgesetzt, ja sogar ergänzt werden, wenn dieser gesunde und erfreuliche Trieb in den Dienst der Sache gestellt wird. Dann können, anschließend an naturwissenschaftliche Lehrkurse, geologische Wanderungen in interessante Gegenden veranstaltet, bota­nische und zoologische Studienfahrten unternommen, es kann Naturgenießen geübt werden, verbunden mit Zeichen- und Malunterricht an Landschaft und Objekten. Es sollten die uns von Kropotkin enthüllten Naturgesetze der gegenseitigen Hilfe in der Welt der Lebewesen draußen in der Mutter Natur selbst beobachtet werden. Wir kämen so aus der einseitigen Bücherweisheit heraus und würden unsere Sinne schärfen, was wiederum eine Kräftigung des Geisteslebens mit sich bringt. Weil der Syndikalismus in der Anerkennung des Naturtriebes der Solidarität eine naturwissenschaftliche Grundlage hat, darum ist es notwen­dig, in der Praxis die gegenseitige Hilfe in der Tierwelt zu beobachten.

Auch volkskünstlerische Veranstaltungen lassen sich im Freien gut abhalten. Auch hier ist es unsere Aufgabe, von der zünftlerischen, berufsmäßigen Kunst hinüberzuleiten in die natürliche Volkskunst. Gesang, Musik, Spiel und Tanz bieten genug Möglichkeit, Einzelne und Gruppen zu höheren Leistungen zu entwickeln. Diese Veranstaltungen führen dann schon hinüber in das Gebiet der Körperkultur bis zum gesunden Sport. Unter Vermeidung alles reglemen­tierten Militärischen oder Turnvereinsüblichen können alle Gebiete der Leibesübungen, wie Geräteturnen, Freiübungen, Ballspielen, Licht-, Luft-, Sonnen- und Schwimmbäder gepflegt werden. Und wir dürfen auch nicht davor zurückschrecken, Nacktkultur zu treiben, oder wenigstens diejenigen treiben zu lassen, die sich schon zu diesem Grade des freiheitlichen Empfindens entwickelt haben. Gerade diese verpönte Nacktkultur erzieht zum vorurteilslosen und reinen Sehen und Denken, sie wird in der Zukunft ein Ansporn zur Formung eines neuen, schönen, menschlichen Körpers sein.

Alle diese Wanderungen und Fahrten ins Freie mit einem gewissen Bildungscharakter sollten durch einen kurzen belehrenden Vortrag über das betreffende Gebiet ausgeschmückt sein und im übrigen einen geselligen Inhalt haben, d. h. in der Rastzeit wird gemeinsam abgekocht, gespielt usw. Familienausflüge, Jugendwanderungen und Spielfahrten für Kinder müssen sich aneinanderreihen.

Zur organisatorischen Schulung der Mitglieder müssen in erster Linie die Organisationen selbst benutzt werden. Die erste und beste Ausbildung liegt in der Beteiligung aller Genossen an den unter Agitation und Propaganda ge­schilderten Kleinarbeiten in den Bezirken. Dann müssen die Vorstände der einzelnen Organisationen dauernd Umschau halten, welche jüngeren oder neueren Genossen sich für bestimmte organisatorische Arbeiten eignen, dieselben müssen so schnell wie möglich und so zahlreich wie möglich für diese Aufgaben angeleitet werden. Es sollte aber darauf gesehen werden, daß jeder von der Pike auf anfängt; zu den wichtigsten Posten dürfen nur solche Genossen berufen werden, die sich bereits das Vertrauen der Genossen in der eigenen Bewegung erworben haben.

Zu alledem sollte aber noch etwas mehr getan werden, und zwar dergestalt, daß von Zeit zu Zeit, vielleicht alljährlich, in allen größeren Börsen oder Börsen­bezirken Rednerkurse von den Bildungsausschüssen eingerichtet werden. Diese Kurse müssen natürlich auf dem Prinzip der freien Schule basieren, allgemein belehrend wirken, Fingerzeige geben und Uebung bieten für das Halten kleiner Vorträge und die Mitglieder im Vorsitzführen und Schriftführen schulen.

Schließlich gehört auch die Pflege des Bibliothekwesens zu den Aufgaben der Bildungsausschüsse. Zusammenstellung, Kontrolle und Benutzung der Bücher ist durch geeignete Bibliothekare zu organisieren, die dem Bildungsausschuß angehören und demselben verantwortlich sind.

IV. Jugendbildung

An sich stellen die Jugendlichen und Jüngeren einen großen Teil der Zuhörer bei allen Bildungsveranstaltungen, sie sind auch noch am aufnahme­fähigsten. Daher läßt sich aus ihren Reihen der beste Nachwuchs erzielen, wenn die Sache richtig gehandhabt wird. So ist eine große Zahl tüchtiger Agita­toren für alle sozialistischen Richtungen aus der fruchtbaren Tätigkeit der Berliner Arbeiterbildungsschule hervorgegangen.

Aus dieser Tatsache heraus ergibt sich, daß die Jugendbildung untrennbar mit der allgemeinen Bildungsbewegung verbunden und nur ein Teil von ihr ist. In der Praxis wird deswegen auch meistens eine „Jugend- und Bildungskommission“ zur Erledigung beider Aufgaben ins Leben gerufen. Da aber neben diesen einheitlichen Zielen noch besondere Angelegenheiten für die Jugendlichen zu ordnen sind, so empfiehlt es sich, aus dieser gemeinsamen Kommission eine Unterkommission als Jugendausschuß zu bilden. Wenn dagegen von Anfang an zwei getrennte Kommissionen eingesetzt sind, empfiehlt es sich umgekehrt, diese in Wechselbeziehung zueinander zu bringen, gegenseitige Delegierte zu entsenden, alle Angelegenheiten vorzubesprechen und die Programme gemeinsam herauszugeben.

Die besondere Jugendkommission hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß geeignete Aufenthaltsräume (Jugendheime) für die Jugendsektionen eingerichtet werden, daß dort gute Unterhaltungsmittel und geeignete Bildungsmittel, vor allem Jugendliteratur, vorhanden ist, und daß überhaupt von allen Gewerkschaften Jugendsektionen gegründet werden. Die Verwaltung aller dieser Einrichtungen, ebenso alle Veranstaltungen im eigenen Kreise, haben die Jugendlichen selbst zu übernehmen. Alle Jugendsektionen im Börsenbezirk schließen sich zu diesem Zwecke zu einer Föderation zusammen; auch diese organisato­rischen Verhältnisse haben die Jugendlichen selbst zu regeln, ohne daß die Jugendkommission dabei mitzureden hat. Dagegen hat die letztere die Pflicht, den Jugendgruppen geeignete Referenten für ihre Veranstaltungen zur Ver­fügung zu stellen und große Veranstaltungen aller Art zu treffen, die sich an alle Jugendlichen wenden, auch solche, die noch keiner syndikalistischen Jugendsektion angehören, um sowohl die eigenen Junggenossen, wie auch anderes Jungvolk mit den Ideen, mit den Forderungen und Zielen, kurz mit der Weltanschauung des Syndikalismus vertraut zu machen. In Betracht kommen dabei öffentliche Jugend-Versammlungen, künstlerische Veranstaltungen großen Stils, Schulentlassungsfeiern u. dgl. Ebenso sind den Jugendlichen Flugblätter und andere Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen.

Zu allen Veranstaltungen des Bildungsausschusses sollten alle Jugendlichen, der Organisationen freien Zutritt haben. Es ist also streng auseinanderzuhalten zwischen den Angelegenheiten der Jugend selbst und den Aufgaben der Jugendausschüsse. Bei Vermischung beider entstehen erfahrungsgemäß Unstimmigkeiten. Wenn dagegen jede Körperschaft ihre eigenen Angelegenheiten regelt, ist ein ersprießliches Arbeiten möglich.

V. Erfassung der Frauen

Die syndikalistische Bewegung ist einzig und allein eine gewerkschaftliche. Sie spricht jedoch den Gewerkschaften neben den wirtschaftlichen auch politische (natürlich im edlen Sinne des Wortes) und kulturelle Aufgaben zu; sie will sowohl den gesamten Tageskampf des Proletariats, als auch den Neuaufbau der freisozialistischen Gesellschaft vermittels der Gewerkschaften durchführen. Es können sich also gemeinhin nur solche Personen Syndikat listisch organisieren, die irgendeiner Berufsgruppe als produktiv Tätige ange­hören. Das trifft zunächst auch auf die Frauen zu. Alle gewerblich, technisch oder kaufmännisch tätigen Frauen gehören in die betreffenden Berufsvereinigungen. Ein großer Teil der Frauen kann infolge der ökonomischen Verhältnisse nicht beruflich tätig sein. Diese wirken als Hausfrauen in den Familien. Trotzdem oder gerade deshalb sind aber auch diese Frauen für die syndikalistische Bewegung sehr wichtig, weil sie einerseits die Erzieher der Kinder sind, und andererseits die sozialistische Gemeinschaft ohne die tatkräftige Mitwirkung der Frauenwelt, die über die Hälfte der Menschheit ausmacht, nicht möglich ist.

Bei ihrer heutigen Beschaffenheit wirken die Frauen an unserem Werke nicht mit, sondern sind Gegner desselben. Darum müssen sie mit allen Mitteln für unsere Weltanschauung gewonnen werden. Es ist nun die Aufgabe jedes einzelnen Genossen, in erster Linie seine Frau, seine Schwester usw. zu ge­winnen. Aber die Frauen haben neben den gemeinsamen Aufgaben mit uns Männern noch besondere Interessen, ebenso wie jeder Beruf, jede Industrie, jede Gegend usw. Vor allem leidet die Frau noch neben der kapitalistischen Ausbeutung und der Unfreiheit durch den Staat unter der Geschlechtsnot und der herrschenden Männermoral. In dieser Männermoral sind auch wir Syn­dikalisten infolge der ganzen Verhältnisse befangen. Durch uns Männer können daher unsere eigenen Frauen nie frei werden, nie die Vorbedingungen für ihre Freiheit in der neuen Gesellschaft erhalten, sondern nur durch sich selbst. Hieraus folgt, daß sich die Frauen und zwar alle Frauen, für diese Zwecke organisieren und föderieren müssen.

Schon in der Gegenwart können die Frauenverbände wertvolle Dienste leisten, wenn sie dafür sorgen, daß die Frauen anstatt, wie das heute oft ge­schieht, die Kämpfe der Männer zu hemmen, diese unterstützen. Dann müssen die Frauen als Konsumenten in der planmäßigen Anwendung des Boykotts geschult werden.

Die Aufgaben der syndikalistischen Frauenbünde bestehen deshalb darin, die Mitglieder mit den Prinzipien des Syndikalismus vertraut zu machen, sie im sozialistischen Fühlen und Denken zu schulen, eine rege Agitation für die Ideen des Syndikalismus in der Frauenwelt und unter der Jugend zu betreiben und für die Interessen der besonderen Angelegenheiten des weiblichen Geschlechts bei dem Neuaufbau der Gesellschaft einzutreten.

Im besonderen sollen in den syndikalistischen Frauenbünden studiert werden die Fragen der Mutterschaft, der Erziehung, Bildung und Familie, Körperpflege, Hygiene, Ernährung, Bekleidung und Wohnung.

Durch Einberufung von öffentlichen Versammlungen soll versucht werden, auf unorganisierte oder anderen Organisationen zugehörige Frauen einzuwirken und diese für die Bestrebungen des Syndikalismus zu gewinnen.

Durch den Beschluß des 13. Kongresses sind die Arbeiterbörsen verpflichtet, den Frauen in ihrer Agitation und Vereinstätigkeit jede mögliche moralische, geistige und materielle Hilfe angedeihen zu lassen, vor allem bei Referaten, Einrichtung von Bibliotheken, Veranstaltung von Kunstabenden usw.

In allen Orten, beziehungsweise Bezirken, wo noch kein Frauenbund be­steht, muß ein solcher gegründet werden. Dies geschieht am einfachsten, indem die Vorstände der Arbeiterbörse oder, wo keine Börse besteht, der Freien Vereinigung aller Berufe eine Mitgliederversammlung einberufen, zu welcher besonders die Frauen, Töchter und weiblichen Angehörigen der männlichen Mitglieder eingeladen werden. Am besten erhält jede in Frage kommende Frau eine schriftliche Einladung. In dieser Versammlung wird ein Referat über ein Frauen-Thema, z. B.: „Die Frauen und der Syndikalismus“ gehalten und im Anschluß daran werden alle Adressen derjenigen Frauen eingesammelt, die Lust haben, einem Frauenbünde beizutreten. Im Anschlusse an diese Versammlung wird dann eine Zusammenkunft dieser Frauen arrangiert, in welcher ein Vorstand gewählt wird, Mitgliedskarten ausgegeben werden und über die nächste Weiterarbeit beraten wird. Neben dem Vorstande ist auch eine Frau zu wählen, die den Vertrieb von geeigneter Frauen-Literatur übernimmt.

Damit in der ersten Zeit die organisatorischen Angelegenheiten besser erledigt werden können, empfiehlt es sich, einen Genossen, der Verständnis und Liebe zur Sache der Frauen hat, als Ratgeber dem Vorstand des neuen Frauenbundes beizugliedern. Später können dann auch öffentliche Frauen-Versammlungen mit Themen wie: Geburten-Beschränkung; Gegenseitige Hilfe in Haus und Familie und dergl. zur Gewinnung neuer Mitglieder veranstaltet werden.

Es wird besonders darauf aufmerksam gemacht, daß alle weiblichen Mitglied der der syndikalistischen Organisationen ohne weiteres dem Frauenbünde ange­hören und in den Mitgliederlisten geführt werden müssen.

Selbstverständlich müssen die Frauen sofort nach der Konstituierung ihren Bund selbst verwalten, die Männer dürfen nur geduldete Gäste und gewünschte Ratgeber sein. Der Geist der Gesamtbewegung, unsere Literatur und Zeitun­gen werden dann schon dafür sorgen, daß sich ein Stamm von bewußten Syndi­kalistinnen entwickelt, die die Frauenbünde zu den von uns gewünschten For­men ausbauen können.

Wenn so Mann und Frau in ihren Gemeinschaften sich bilden, dann wird auch aus diesem Leben der Geist geboren werden, der dem Familienleben neuen Inhalt geben wird.

VI. Durchführung der gewerkschaftlichen Tageskämpfe und anderer Aktionen

Wir Syndikalisten sind bewußte Klassenkämpfer, d. h. wir sind davon überzeugt, daß sich die Arbeiterschaft nicht daran genügen lassen darf, Refor­men herbeizuführen, vielleicht ein paar Pfennige mehr Lohn oder ein paar Minus ten kürzere Arbeitszeit zu erringen, sondern daß alle gesellschaftlichen Verhält­nisse von Grund auf geändert werden müssen, wenn das Proletariat seine elende Lage beseitigen will. Unter Klassenkampf verstehen wir in dem Sinne die ge­samten Anstrengungen der Hand- und Kopfarbeiter, die Unterdrückung und Ausbeutung durch die Klasse der Besitzenden aufzuheben und die klassenlose Gesellschaft aufzurichten.

Wir sind aus dieser Erkenntnis heraus bestrebt, bei allen Kämpfen dieses Ziel im Auge zu behalten, erkennen aber dabei ausdrücklich die Notwendigkeit der Tageskämpfe an. Einerseits wissen wir, daß die Arbeiter um so bessere Klassenkämpfer sind, je mehr Kulturbedürfnisse sie sich angeeignet haben. Es liegt also auf dem Wege zum Ziele, für bessere Lebensbedingungen zu kämpfen, andererseits sind gerade die praktischen Tageskämpfe die beste Schule für das Proletariat. Der Syndikalismus kennt bei diesen Kämpfen keine anderen Mittel, als die verschiedenen Formen der direkten Aktion, weil nur bei diesen alle Be­teiligten gleich verantwortlich sind, also Persönlichkeiten mit Verantwortlichkeitsgefühl entwickelt werden, weil ferner nur auf diese Weise die Arbeiters schäft sich die notwendigen organisatorischen Fähigkeiten erwerben kann und weil schließlich mit diesen Mitteln nach unserer Erfahrung am schnellsten und am meisten etwas erreicht wird.

Da unsere Gegner, die Zentralverbändler, sowohl Reformisten als auch Anhänger der indirekten Kampfmittel, wie Parlamentarismus, Verhandlungs- und Tarifsystem, bis zu den Arbeitsgemeinschaften, sind, werden wir die Tageskämpfe in ganz anderen Formen führen, wenn wir dazu in der Lage sind. Heute sind wir leider noch nicht so weit, wir sind zahlenmäßig sogar in einer so unbedeutenden Minderheit, daß selbständige Aktionen nur sehr selten möglich sind. In der Praxis müssen wir also meistens die von den Zentralverbänden geführten Aktionen mitmachen. Der grundsätzliche Unterschied kann daher nicht deutlich erkennbar in die Erscheinung treten. Immer und überall wird es aber das Bestreben unserer Genossen sein müssen, eine jede Bewegung möglichst mit unserem Geiste zu erfüllen, die Art des Kampfes und die Forderungen unseren Grundsätzen möglichst nahe zu bringen. Da fast alle gewerkschaftlichen Aktionen heute über den einzelnen Betrieb hinaus örtlichen oder sogar distriktweisen Charakter annehmen, können dieselben nicht allein von den Berufs- oder Industrie-Föderationen geführt werden, sondern müssen auch in den Arbeiterbörsen zusammengefaßt, dort finanziert, organisiert und unterstützt werden. In den Arbeiterbörsen müssen die Genossen auch den Geist empfangen, den sie in die Bewegungen hineintragen sollen.

Es ist ohne weiteres klar, daß zur Führung dieser Kämpfe, zur Erledigung aller dieser Aufgaben, am besten die Vertreter der Organisationen am Orte, und zwar, da es sich um die Mitwirkung der einzelnen Organisationen und eventuell auch um finanzielle Angelegenheiten handelt, die Vorsitzenden, Kassierer, Schriftführer und Delegierten der Organisationen befähigt sind. Es muß also für diese Zwecke eine Vorständekonferenz bestehen. Bei Streiks, Aus­sperrungen und Maßregelungen werden neben den engeren Föderationsangehöri­gen immer die örtlichen bzw. bezirklichen Organisationen am schnellsten und am leistungsfähigsten Mittel aufbringen können. Daneben ist stets zu erwägen, ob nicht eine Unterstützung auf andere Weise möglich ist, z. B. durch Hineinziehen von anderen Gruppen in die Bewegung, durch Boykotts, Veranstaltung von Versammlungen, Demonstrationen oder dergleichen. Zur Inszenierung solcher Aktionen muß die Vorstände-Körperschaft in dauernder Fühlung mit den Vertrauensleuten der Betriebe stehen. Ebenso wegen Veranstaltung von anderen Aktionen, wie Stellungnahme zu gewerkschaftsfeindlichen Gesetzesvorlagen, wie Anti-Streik-Gesetzen, Schlichtungsordnungen, zum Arbeitslosen-Problem u. dgl. Die Vertrauensleute der Betriebe müssen periodisch zusammenberufen werden, um alle diese Fragen zu besprechen, um zu allen Vorkommnissen rechtzeitig Stellung nehmen zu können. Bei einem so eng umgrenzten Wirkungskreis ist dies auch möglich.

Wo es angängig ist, muß auch die Arbeitsvermittelung durchgeführt werden, denn gerade hierdurch kann man einen bestimmenden Einfluß auf die Lohn- und Arbeitsbedingungen ausüben.

Abgesehen von diesen rein gewerkschaftlichen Aufgaben gibt es aber eine ganze Reihe von notwendigen Aktionen, die nur von den Arbeiterbörsen geregelt werden können. Es handelt sich hierbei um die Wahrnehmung der Interessen der Arbeiterschaft als Konsument, also um Stellungnahme zu Lebensmittel-Preisfragen, zur Wohnungsfrage, zu Verkehrsfragen usw. Ferner kommen hier die politischen Aktionen in Frage, die von unseren Gewerkschaften mit erledigt werden müssen, da wir die Berechtigung von besonderen politischen Parteien und-den Parlamentarismus für diese Zwecke nicht anerkennen.

Schließlich haben wir auch noch entsprechend dem Geiste unserer Prinzipienerklärung: „alle Bestrebungen und Kämpfe des Volkes zu unterstützen, die mit den Zielen des Syndikalismus nicht im Widerspruch stehen.“

Wir haben also eine jede antimilitaristische Propaganda zu unterstützen, an gemeinsamen Kämpfen gegen monarchistische Bestrebungen und Putschabsichten von dieser Seite teilzunehmen, uns an allen Kämpfen gegen den Einfluß der Kirchen und für freie Schulen zu beteiligen. Alle diese Gelegenheiten müssen wir gleichzeitig benutzen, die Massen nach links zu drängen und unsere Ideen zu verbreiten, natürlich unter voller Wahrung der Selbständigkeit unserer Bewegung und ohne ein Jota von unseren Prinzipien preiszugeben.

Das alles zusammen sind die Hauptaufgaben der Arbeiterbörse. Die Vorstände unter Hinzuziehung von Delegierten aller Organisationen müssen für diese Zwecke eine besondere Körperschaft bilden, ebenfalls durch regelmäßige Sitzungen in enger Fühlung bleiben und das ganze öffentliche Leben im Auge haben.

Wo es angängig ist, muß auch die Arbeitsvermittlung durchgeführt werden, denn gerade hierdurch kann man einen bestimmenden Einfluß auf die Lohn- und Arbeitsbedingungen ausüben.

Es wäre zu wünschen, daß durch einen besseren Ausbau der Arbeiterbörsen mehr praktischer Klassenkampf durch unsere Bewegung geführt würde. Es kann dies aber nicht durch irgendwelche Organe, wie Föderationsleitungen, Geschäftskommissionen, Börsenvorstände, den „Syndikalist“ usw. geschehen, sondern muß aus den Reihen der Mitglieder selbst, aus den Betrieben kommen. Bisher ist gerade von diesen Seiten trotz vielfacher Anregung zu wenig Mitarbeit erfolgt. Allzu große Forderungen können wir aber auch an unsere einzelnen Genossen nicht stellen, da deren Wollen und Können von dem engen Rahmen unserer Bewegung hart begrenzt wird.

VII. Vorbereitungen für die sozialistische Wirtschaftsorganisation.

In bezug auf die Aufgabe unserer Gewerkschaften, den Neuaufbau der Gesellschaft auf kommunistischer Grundlage durchzuführen, hatte schon der 12. Kongreß beschlossen: „Jede Arbeiterbörse hat eine Kommission einzurichten, die Studien darüber anzustellen hat, in welcher Weise die Sozialisierung aller Zweige des öffentlichen Lebens durchgeführt werden kann. Die Ergebnisse der Untersuchungen sind im „Syndikalist“ zu veröffentlichen und eventuell in Flugblättern zur Agitation zu verwenden.“

Mit der Annahme dieses Antrags hatte unsere Bewegung einen ganz neuen Weg beschritten. Wenn nun auch diesem Beschluß entsprechend in einer ganzen Reihe von Orten solche Studienkommissionen ins Leben gerufen worden sind, so ist es verständlich, daß bei der Schwierigkeit der Aufgaben bis heute noch keine abschließenden Ergebnisse vorliegen. Jedenfalls bilden diese Studienkommissionen eine sehr wichtige Rolle bei der Arbeit der Börsen, weil die Mög­lichkeit, unsere Ziele ganz oder teilweise zu erreichen, davon abhängt, in welchem Maße es uns gelingt, ein Bild von der syndikalistischen Wirtschaft zu entwerfen, das glaubwürdig ist und allen Arbeitern einfach und gerecht erscheint. Obgleich die Tätigkeit der Studienkommissionen vornehmlich darauf gerichtet sein muß, Mittel und Wege zum Aufbau einer syndikalistischen Wirtschaftsform zu suchen, so darf doch ihre Hauptaufgabe nicht darin erblickt werden, ein fix und fertiges Programm bis in die kleinsten Details aufzustellen. Es kann sich vielmehr nur darum handeln, durch die Beratungen

  1. einen möglichst großen Kreis von hierfür besonders befähigten Genossen organisatorisch durchzubilden, sie mit den Aufgaben jeder einzelnen Berufsgruppe, der Föderationen und Börsen bei dem Aufbau der syndikalistischen Wirtschaftsorganisation vertraut zu machen;
  2. Durch die Bekanntgabe der Ergebnisse der Beratungen und durch eine eingehende Diskussion in allen Mitgliederkreisen diese mit den Zielen des Syndikalismus und mit den Aufgaben der Gewerkschaften beim Neuauf­bau der Gesellschaft bekannt zu machen.
  3. Durch Verbreitung der ausgearbeiteten Vorschläge in den Kreisen der Parteien und Zentralverbände die Arbeiter in die Ideen des freien Sozialismus einzuführen und so den Programmphrasen der Parteien unsere lebendigen Forderungen gegenüberzustellen.

Die Zentralverbände und sozialdemokratischen Parteien gehen bei der Einsetzung von Körperschaften, die ähnlichen Zwecken dienen sollen, wie Räteschulen, Sozialisierungskommissionen und dgl. getreu ihren Grundsätzen von der Anschauung aus, daß nach Eroberung des Staates und der kapitalistischen Wirtschaft diese nach und nach zum Sozialismus entwickelt werden könnten. Sie sind deshalb bestrebt, ihre Mitglieder mit allen Methoden des Staates und der kapitalistischen Organisation vertraut zu machen. Wir Syndikalisten wollen aber den Staat und die kapitalistische Geldwirtschaft beseitigen und ganz andere Verhältnisse schaffen. Deshalb haben wir alle reformistischen Methoden, wie Schulung in kapitalistischen Statistiken, Buchführung, Kalkulation usw. bei den Studienkommissionen zu vermeiden, alle Beratungen müssen im Geiste unserer Prinzipienerklärung erfolgen. In erster Linie sind die Aufgaben jedes Betriebes, jeder Gewerkschaft und jeder Börse in der klassen-, geld- und lohnlosen, föderativen Gesellschaft zu prüfen und vorzuzeichnen.

Selbstverständlich müssen auch alle Föderationen Studienkommissionen einrichten, die ihre besonderen Aufgaben zu erfüllen haben, die oft in die Tätigkeitsgebiete der Börsen übergehen.

Ein Ueberblick über die Aufgaben der Studienkommissionen für die Börsen und für die einzelnen Föderationen wird im Anhang unter besonderer Berück­sichtigung des Ergebnisses der Beratungen der Studienkommission der Berliner Arbeiterbörse gegeben.

Wenn man diese Aufgaben aus dem Theoretischen ins Praktische zurückführt, dann wird ersichtlich, daß neben der Erzielung von theoretischen Richtlinien eine praktische Arbeit einhergehen muß, nämlich ein systematischer Ausbau der Börsen in Bezirke, Straßen und Häuserblocks. Es wird dann auch klar, daß wir heute noch zu keinem abschließenden Programm und heute und morgen auch noch zu keinem Anfang kommen können. Es kann sich nur darum handeln, die ersten Vorstudien, die ersten „Generalpläne“, und uns nach und nach mit den Ideen und ihren Ausführungsmöglichkeiten ver­traut zu machen. Erst wenn wir in allen Orten und in allen Betrieben genügend Kräfte haben, die heute noch fehlen, können wir die Arbeitseinteilung und die Aufgabenverteilung ins Auge fassen. Trotzdem sind unsere Arbeiten heute nicht zwecklos, weil wir uns, wie unter Punkt 1 bis 3 angeführt, selbst klaren und propagandistisch wirken.

VIII. Ausbau der Arbeiterbörsen zur praktischen Durchführung
aller Aufgaben

a) Organisation

Die zweckentsprechende Lösung aller Aufgaben der Arbeiterbörsen wird natürlich je nach den örtlichen Verhältnissen verschieden sein. Kleinere Börsen werden alle Aufgaben in den regelmäßigen Börsensitzungen lösen müssen. Bei größeren Börsen wird es aber unmöglich sein, in den Sitzungen einer einzigen Körperschaft die verschiedenen Aufgaben zu bewältigen.

Es müssen dann besondere Ausschüsse geschaffen werden, in welche die für die besonderen Zwecke geeignetsten Personen hineinzudelegieren sind.

Zunächst müssen an allen Orten Arbeiterbörsen gebildet werden. Wo dies nicht angängig, ist zu empfehlen, daß sich mehrere benachbarte Orte zu einer Bezirksbörse zusammenschließen. Jede Arbeiterbörse muß bestrebt sein,

  1. Agitationsbezirke zu bilden,
  2. einen Bildungsausschuß zu schaffen,
  3. eine Studienkommission ins Leben zu rufen,
  4. einen Frauenbund zu gründen,
  5. für Bildung von Jugendsektionen in den Gewerkschaften zu sorgen, während
  6. die Vorstände- und Delegiertenkonferenz (also der eigentliche Kern der Börse), den Aktionsausschuß zur Erledigung aller übrigbleibenden Aufgaben, besonders zur Führung der gewerkschaftlichen Kämpfe, zur Durchführung von politischen und kulturellen Aktionen bildet.

Um zur besseren Arbeitsfähigkeit zu gelangen, ist es nützlich, wenn die Körperschaften von 1 bis 5 völlig selbständig und unabhängig ihre Tätigkeiten ausüben, zumal es sich um ganz besondere Aufgaben handelt. Manche Genossen halten es fälschlicherweise für ein Prinzip des Föderalismus, wenn die Arbeiten solcher Körperschaften in jeder Beziehung der Besprechung und Genehmigung des Plenums bedürfen. Dies ist bei größeren Organisationen gar nicht möglich. Gerade die Erledigung aller Angelegenheiten durch eine einzige Stelle ist ein Prinzip des Zentralismus. Die Selbständigkeit und Verantwortlichkeit der Einzelnen und Gruppen, die wir erstreben, bedingt es, daß alle Körperschaften das freie, selbständige Handeln innerhalb ihrer Befugnisse haben müssen. Wenn Unstimmigkeiten vorkommen, können dieselben durch gemeinsame öffentliche Aussprache beigelegt werden, wenn einzelne Vertrauenspersonen unsyndikalistisch handeln, müssen sie unverzüglich durch andere ersetzt werden.

Zur Entfaltung einer ersprießlichen Tätigkeit aller Körperschaften erscheint es notwendig, daß regelmäßig selbständige Sitzungen abgehalten werden. Es ist zweckmäßig, alle Sitzungen der verschiedenen Körperschaften an einem bestimmten Tage der Woche oder des Monats festzulegen. Eine reibungslose Abwicklung kann nur dann erfolgen, wenn jeder Genosse nur einen Posten in einer Kommission bekleidet. Dies ist auch deswegen zu empfehlen, weil die Arbeit in den Kommissionen darunter leidet, wenn die Mitglieder durch mehrere Posten überlastet sind. Um allen Genossen den Besuch von möglichst vielen Veranstaltungen zu ermöglichen, ist es angebracht, eine Einteilung unter allen Organisationen am Orte darüber vorzunehmen, an welchen bestimmten Tagen die verschiedenen Veranstaltungen stattfinden. So könnte z. B. ein für allemal festgelegt werden: Montag und Dienstag Körperschaftssitzungen, Mittwoch und Donnerstag Bezirksversammlungen, gemeinsame Mitglieder- und Betriebsobleuteversammlungen sowie öffentliche Agitationsversammlungen, Freitags die Monats­versammlungen der Organisationen, Sonnabends und Sonntags die Veranstal­tungen des Bildungsausschusses, des Jugendausschusses und alle künstlerischen und unterhaltenden Veranstaltungen.

Neben den selbständigen Sitzungen der einzelnen Körperschaften der Ar­beiterbörse müssen natürlich zur Aufrechterhaltung der Gemeinsamkeit und Regelung der gemeinsamen Arbeit vielleicht alle Monate einmal „gemeinsame Börsensitzungen“ stattfinden, in welchen eine kurze wechselseitige Berichtserstattung über Tätigkeit und Pläne der einzelnen Körperschaften erfolgt. Diese Börsensitzungen setzen sich aus je 1 oder 2 Delegierten aller Körperschaften, auch der Frauen, der Föderationen, der Jugendsektionen, der Agitationskommission für den Bezirk und der Vorstände- und Delegiertenkonferenz zusammen. Umgekehrt sollte in allen Körperschaften stets je 1 Delegierter der Vorstände- und Delegiertenkonferenz zugegen sein, um das gegenseitige Einvernehmen lebendig zu halten.

In diesen Sitzungen sollten nach Möglichkeit nur Berichte entgegengenommen und Ratschläge erteilt oder Wünsche unterbreitet werden. Dagegen sollte man so tolerant wie möglich allen Kommissionen gegenüber sein. Man sollte immer bedenken, daß es weniger wichtig ist, wie die einzelnen Veranstaltungen erfolgen, die Hauptsache ist, daß überhaupt gearbeitet wird. Und schließlich kann jede Körperschaft ihre eigenen Angelegenheiten am besten selbst beurteilen. Wenn dem einen oder anderen Genossen manche Regelung persönlich nicht gefällt, so ist das nebensächlich. Allen recht zu tun ist niemals möglich.

Um schließlich die ganzen Arbeiten gemeinsam zu krönen, ist es angebracht, daß von Zeit zu Zeit, vielleicht alle 3 Monate, Vollsitzungen der Gesamtbörsenmitglieder stattfinden, an welchen alle Mitglieder aller Körperschaften teilnehmen. In diesen Vollversammlungen können grundlegende Fragen diskutiert, allgemeine Richtlinien aufgestellt werden und Aussprachen über die geleisteten Arbeiten er­folgen. Besondere Angelegenheiten sind am besten durch sachgemäße Referate einzuleiten. In diesen Vollversammlungen hat auch die notwendige Kritik zu er­folgen und ist ein eventueller Wechsel von Personen, die Umbildung von ganzen Körperschaften vorzunehmen. Von diesen Vollversammlungen erfolgt keine Berichterstattung in den einzelnen Körperschaften, da dieselben ja alle teil­nehmen, dagegen aber in den einzelnen Organisationen.

b) Zusammensetzung

Noch völlig ungeklärt ist in unserer Bewegung die Frage, in welcher Weise die Delegation in Körperschaften oder zu Kongressen nach den Prizipien des Föderalismus zu erfolgen hat. Gewöhnlich wird hierbei der Mitgliederstand zum Maßstab genommen, d. h. auf so und soviel Mitglieder entfällt 1 Delegierter. Dieses entspricht zwar den Grundsätzen der Demokratie, es ist aber zu be­merken, daß der Föderalismus im Grunde genommen auch ein Gegner des eins fachen Mehrheitsprinzips der Demokratie ist.

Ueber diese Frage führt Genosse Dr. Max Tobler in seiner, Broschüre: ‚Der revolutionäre Syndikalismus‘ über die Verhältnisse innerhalb des französischen Syndikalismus folgendes aus: „Die Vertretung der einzelnen Gewerkschaften in den Börsen und Verbänden und die der einzelnen Verbände an den Kongressen erfolgt nun aber nicht nach demokratischem Prinzip, d. h. nicht so, daß die starken Organisationen eine größere Vertretung erhalten als die kleinen. Jede Organisation hat vielmehr die gleichen Rechte wie die anderen. Ein kleiner Verband schickt ebenso zwei Vertreter zum Kongreß wie ein großer, und anders ausgedrückt, eine Organisation, die wenig Beiträge abliefert, hat deswegen nicht weniger Rechte als eine kapitalkräftige.

Die Frage dieser Vertretung hat an den Kongressen zu sehr heftigen Auseinandersetzungen geführt, da besonders einige der großen Verbände, die, wie z. B. die Typographen, nach englischem Muster organisiert sind, entsprechend ihrer Zahl vertreten zu sein wünschten. Sie wiesen darauf hin, daß sonst die kleinen Verbände einen ungebührlich großen Einfluß erhalten könnten, der be­sonders dann zu Ungerechtigkeiten führe, wenn Beschlüsse von finanzieller Tragweite gefaßt werden. Die Kosten hätten dann doch die großen, finanzkräftigen Verbände zu tragen. Und sie machten auch darauf aufmerksam, wie erfolgreich die englischen und deutschen Gewerkschaften mit ihrem System gewesen seien. Die Vertreter des syndikalistischen Systems erwiderten ihnen, daß in jedem Verband immer nur eine Minorität von aktiven vorwärtsdrängenden Menschen zu finden sei. Gerade diese wertvolle Minorität komme aber bei den Kongressen viel eher zur Geltung, wenn auch die kleinen Verbände ihre besten Leute schicken können und wenn diese nicht durch das Schwergewicht der großen und reichen Verbände unterdrückt werden.“

Diese Frage muß also noch geklärt werden, soviel scheint aber festzustehen, daß bei den Delegationen zu den Börsen alle Organisationen, ganz gleich wie groß dieselben sind, das gleiche Delegationsrecht und das gleiche Vetorecht haben sollten, weil hier allgemeine örtliche Verhältnisse geregelt werden sollen. Ebenso sollten alle Delegierten immer die Befugnis des freien Handelns haben. Die Anschauung, daß die Mitglieder selbst in Mitgliederversammlungen in allen Dingen entscheiden sollen, ist eine durchaus irrige, weil in größeren Organisationen die Mitglieder nie alle zusammenkommen können, dazu gibt es keine Räume. Eine Bewegung, die sich über das ganze Reich erstreckt, hat aber geradezu mit tech­nischen Unmöglichkeiten zu rechnen. Außerdem sind aber in einem großen Mitgliederkreise auch immer so vielerlei ungeklärte Meinungen vorhanden, daß schönrednerische Charlatane stets leichtes Spiel haben und das Fassen von er­sprießlichen Beschlüssen sehr schwer ist. Darum können in Mitgliederversamm­lungen nur prinzipielle Fragen und solche auch nur nach in Presse und Ver­sammlungen vorangegangenen reichlichen Diskussionen behandelt werden. Fragen organisatorischer Art dagegen werden besser von einem kleinerem aus­erwählten Kreise, also den Delegierten oder Vertrauensleuten geregelt. Nur so können sich auch in Wirklichkeit alle Mitgliedergruppen an den Beratungen und Beschlüssen, wenn auch nur indirekt, durch Delegierte beteiligen.

Zu den Vorstandes und Delegierten-Konferenzen sollten also alle Organisationen dieselbe Anzahl Delegierten entsenden dürfen, und diese müssen, wie in allen Körperschaften, das freie Recht des Handelns und Beschließens haben.

Die verschiedenen Kommissionen können nicht aus den Reihen dieser Börsendelegierten gewählt werden, weil sie dazu gar nicht ausreichen würden und weil sie dadurch auch sofort zweierlei Aemter bekämen, welche sie nachher nicht ausfüllen könnten. Zu den verschiedenen Kommissionen müssen deswegen Mitglieder aus den Organisationen berufen werden. Wenn ein Börsen-Delegierter in eine Kommission geht, muß sofort ein Ersatzmann an dessen Stelle delegiert werden. Die Börsendelegierten müssen natürlich in Mitgliederversamlungen gewählt, die Mitglieder für Kommissionen, die sich freiwillig melden oder von anderen Körperschaften berufen werden, in den Mitgliederversammlungen bestätigt werden.

c) Organ

Es liegt auf der Hand, daß für größere Börsen auch ein Verbindungsglied vorhanden sein muß, wenn alle Fragen in den Körperschaften und Kommissionen lebendig behandelt werden sollen. Dieses Bindeglied ist das Mitteilungsblatt, das Börsenorgan. In demselben sollen alle vorstehend angeregten Fragen dauernd diskutiert und besonders alle örtlichen Angelegenheiten behandelt werden. Es dient gleichzeitig als Sammelstelle für die Bekanntmachungen aller Organisationen und ihrer Veranstaltungen, der Beschlüsse, Programme und Arbeitspläne für alle Körperschaften.

IX. Zusammenfassung der Arbeiterbörsen zur Föderation

„Sämtliche Arbeiterbörsen des Landes vereinigen sich in der Allgemeinen Föderation der Arbeiterbörsen, um ihre Kräfte in allgemeinen Unternehmungen zusammenfassen zu können“, so heißt es in unserer Prizipienerklärung. Das ist ebenfalls eine logische Selbstverständlichkeit, weil im Syndikalismus sich alles Verwandte stets föderieren muß.

Durch diese Föderation können die einzelnen Börsen ihre Erfahrungen austauschen, indem von Zeit zu Zeit Börsen-Konferenzen abgehalten werden. Zur dauernden gegenseitigen Information hat die Geschäftsleitung periodische Rundschreiben an alle angeschlossenen Börsen zu versenden, in welchen alle wichtigen Begebenheiten mitgeteilt werden.

Wenn es möglich ist, d. h. wenn eine größere Anzahl Börsen in einem engeren Bezirk vorhanden sind, empfiehlt es sich natürlich, diese zu Bezirksbörsen oder Provinzialbörsen zusammenzufassen. Ein festes Programm für diesen Aufbau läßt sich aber nicht aufstellen, weil die Verhältnisse im ganzen Reich sehr verschieden sind und weil man die Entwicklung abwarten muß. Wahrscheinlich werden die föderierten Arbeiterbörsen später auch die Tätigkeit der Agitationskommissionen übernehmen und diese dadurch überflüssig machen. Der ganze Aufbau muß sich aber organisch von unten entwickeln, und dann erst können programmatische Grundlagen geschaffen werden.

Die Föderation der Arbeiterbörsen ist jedenfalls berufen, die wichtigen Fragen der Konsumtion, des Wohnungswesens, der Ersetzung der behördlichen Bürokratie durch die Selbstverwaltung der produktiv tätigen Börsenmitglieder aus dem engen Rahmen der einzelnen Orte heraus vor die Allgemeinheit zur Erörterung zu bringen. Diese Seite des Sozialismus ist bisher wenig entwickelt worden, ein weites und fruchtbares Tätigkeitsfeld steht somit der Föderation der Arbeiterbörsen offen.

Mögen sich aus ihr so schnell wie möglich die Voraussetzungen für die Verwirklichung des Syndikalismus entwickeln.