Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus (1923)
Vorwort
Eine sittliche Idee darf nicht nur gefühlt und verstanden, sie muß auch in die Tat umgesetzt werden. Folgende Richtlinien sollen einen Anfang zur Tat bedeuten. Sie erheben nicht den Anspruch der Vollständigkeit. Kameraden aller Länder, wir gebrauchen eure Mitarbeit. Zuerst wenden wir uns an unsere engeren Kameraden mit der Bitte, uns gerecht zu kritisieren und mit Ratschlägen und Anregungen zur Seite zu stehen.
A. Enteignung
- Der Generalstreik darf erst abgebrochen werden, nachdem die Entwaffnung der Bourgeoisie, des Militärs und der Polizei sowie die Enteignung alles Besitzes in Industrie, Handel und Groß- und Mittelgrundbesitz restlos durchgeführt ist.
- In den Städten haben die Arbeiter bezirksweise Besitz zu ergreifen von allen Lebensmittelmagazinen und -depots, den Markt- und Kühlhallen sowie allen öffentlichen kommunalen und staatlichen Anstalten. In den Betrieben (Fabriken, Werkstätten, Verkehrsanstalten, Kaufs- und Handelshäusern) haben die Arbeiter und Angestellten derselben die Verwaltung zu übernehmen. Die Häuser sind in die Verwaltung der Mieterräte zu nehmen. Alle Bezirke zusammen bilden mit den Vertrauensleuten der Betriebe die Kommune.
- Alle Arbeitslosen aus den Städten haben sich sofort auf das umliegende Land, die Dörfer und Güter zu verteilen, um den Landarbeitern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
- Auf dem Lande haben die Landarbeiter, Häusler und Kleinbauern die Groß- und Mittelgrundbesitzer zu entwaffnen und zu enteignen, den Grund und Boden unter sich und unter die zuwandernde Stadtbevölkerung zur Verwaltung zu verteilen. Alle vorhandenen landwirtschaftlichen Vorräte sind unter gemeinsame Verwaltung der Dorf- und Gemeinderäte zu nehmen.
- Die Gewerkschaften der Industrie- und Landarbeiter haben durch ihre Föderationen und durch die vereinigten Arbeiterbörsen die Einheitlichkeit der Aktionen und den organisatorischen Zusammenhalt aufrechtzuerhalten.
- Alle Waffen sind unterschiedslos, nachdem die Entwaffnung und die Enteignung durchgeführt und das Ziel der sozialistischen Wirtschaftsform erreicht ist, restlos zu vernichten.
B. Vorläufige Regelung der Konsumtion
- Solange eine richtige neue Statistik nicht vorliegt, nach welcher eine Verteilung der Lebensmittel und Bekleidungsstücke usw. erfolgen kann, wird das vorhandene Markensystem für alle Artikel beibehalten. Falls kein Markensystem vorhanden ist, ist ein solches einzuführen. Die Ausgabe und Kontrolle der Marken von den Bezirken der Arbeiterbörse erfolgt durch die Mieterräte. Alle Waren können aus den öffentlichen Abgabestellen gegen Abgabe der betreffenden Marken, ohne weitere Bezahlung durch Geld oder Geldeswert, entnommen werden. Alle Kleingeschäfte, Warenhäuser, Konsumvereinsfilialen werden unter Kontrolle der Arbeiterbörse zu öffentlichen Abgabestellen umgewandelt.
- Wenn dies nicht schon vorher der Fall war, organisiert die Arbeiterbörse ihre Mitglieder in kleine Straßenbezirke, die sich möglichst eng an die Mieterorganisationen anlehnen. Von diesen Bezirken aus werden sofort die Bestandsaufnahmen aller Lebensmittel, Gebrauchswaren und Rohstoffe, kurz aller im Bezirk vorhandenen Waren, Geräte usw. unter Mitwirkung der in Frage kommenden Gewerkschaften vorgenommen, ebenso eine genaue Wohnungs- und Bevölkerungsstatistik. Nachdem treten die Vertrauensleute der einzelnen Bezirke des ganzen Ortes zusammen und stellen aus den Bestandsaufnahmen eine genaue Statistik für den ganzen Ort auf. Dann wird schnellstens auf dieselbe Weise die Statistik bezirks-, landes- und reichsweise zusammengestellt. Von dazu befähigten Fachleuten werden daraus die Durchschnittsraten der auf den Kopf der Bevölkerung entfallenden Mengen an Lebensmitteln, Waren usw. ermittelt.
Zunächst wird man am besten allen Berufstätigen dieselben Mengen Lebensmittel zuteilen (natürlich unter besonderer Berücksichtigung der Kinder, Greise und Kranken), später müssen dann die Aerzte und Gesundheitskommissionen der einzelnen Bezirke bei der Feststellung individuell verfahren. Personen, die eine Mitwirkung an der Verwaltung und den Arbeiten für die Gesellschaft verweigern, trotzdem sie gesund und arbeitsfähig sind, erhalten nur die halben Rationen, werden in die öffentliche Acht getan und aus der Gemeinschaft des Bezirks verwiesen.
Die Ausgabe, Verteilung und Kontrolle der Rationsmarken erfolgt nach den festgestellten Möglichkeiten wieder durch die Reichs-, Landes-, Bezirks-, Orts- und Gruppenvertrauensleute und schließlich durch die Mieterräte an die Bevölkerung. - Auf dem Lande haben die Gewerkschaft der Landarbeiter und Gemeinderäte genau in derselben Weise zu verfahren. Für die Fütterung des Viehes wird ebenfalls ein Markensystem von landwirtschaftlichen Sachverständigen aufgestellt und die entsprechenden Mengen von den Landarbeitern und Gemeinderäten kontrolliert. Saatgut wird möglichst in jeder Gemeinde von diesen Räten zurückgehalten. Wenn festgestellt wird, daß ein Landbewohner Lebensmittel verborgen oder verheimlicht hat, so wird derselbe aus der Gemeinde verwiesen.
- Die nächste Aufgabe der Organe der Arbeiterbörsen auf dem Lande und in den Städten ist dann, eine weitere Statistik anzufertigen, welche landwirtschaftlichen Geräte und Maschinen, Hausgeräte, Wirtschaftsgegenstände und Bekleidungsstücke für die nächste Zeit durchaus notwendig sind, und welche deshalb zunächst von den Berufsföderationen hergestellt werden müssen.
C. Maßnahmen zur schleunigsten Hebung der Lebensmittelproduktion
- Die Industrie-Föderationen haben sofort die Herstellung aller nicht durchaus notwendigen Artikel einzustellen und nur noch Maschinen und Geräte für die Landwirtschaft und für die Bekleidung und Wohnung der Gesamtbevölkerung zu fabrizieren. Die chemische Industrie muß möglichst auf die Produktion von künstlichen Düngemitteln umgestellt werden. Zuerst müssen dann alle verfügbaren Maschinen, Geräte und Düngemittel der Landbevölkerung zur Verfügung stehen. Alle geistigen Arbeiter auf dem Gebiet der Ernährungswissenschaften, insbesondere die bisherigen Angestellten der staatlichen Versuchsanstalten usw. sind in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, indem sie sich zunächst in die landwirtschaftlichen Bezirke einreihen und dort als theoretische Taktiker wirken.
- Um eine möglichst rationelle Ernährung der Bevölkerung bei dem großen Mangel an Lebensmitteln zu erreichen, muß auf eine den Verhältnissen entsprechende Ernährung durch Pflanzenkost hingewirkt, die Zucht von Mast- und Schlachtvieh eingestellt werden. Selbstverständlich muß dabei die Zucht von Milchvieh, Wollschafen, Federvieh und Eierlegern mit allen Kräften forciert werden. Besonderer Wert ist auch auf die Anpflanzung von Oelfrüchten zu legen.
- Die Feldwirtschaft, d. h. der Bau von Körnerfrüchten, Kartoffeln, Rüben, Oelpflanzen, muß auf genossenschaftlicher Basis geführt werden. Dagegen wird Gemüse- und Obstbau, Gartenkultur von Anfang an durch Kleinwirtschaft bzw. Kleinsiedelungen betrieben. Als Ziel der Entwicklung hat dabei stets die Umstellung der gesamten Gesellschaft in Siedlungen zu gelten. Ein Zwang auf die Bauernschaft ist aber zu vermeiden, wenn dieselben auf die bisherige Weise weiterarbeiten wollen, so soll ihnen dies nicht verwehrt werden, die Hauptsache ist, daß sie ihre verfügbaren Lebensmittel nach Abzug der ihnen zustehenden Lebensmittel, Futtermengen und Saatgut ausliefern.
- Von den Städtern ist alles brachliegende Land der Umgegend und die Rieselfelder sofort in Bearbeitung zu nehmen.
D. Regelung der Produktion
- In jedem Betriebe ist ein Betriebsrat von den Hand- und Kopfarbeitern zu wählen, und zwar sind die fähigsten Personen herauszusuchen ohne Rücksicht auf ihre Beredsamkeit oder bisherige Bekanntheit. Wenn sich ein Gewählter nicht bewährt, scheidet er sofort aus und findet eine Neuwahl statt. Ueber die Form der Wahl entscheidet jeder Betrieb selbst. Der Betriebsrat hat zunächst eine genaue Inventur zu machen und sich klar darüber zu werden, was in dem Betriebe praktisch fabriziert werden kann.
- Jede Gewerkschaft am Orte beruft darauf alle zu ihrer Industriegruppe gehörenden Betriebsräte des ganzen Ortes zusammen, um aus den einzelnen Inventurergebnissen eine Statistik für den Ort zusammenzustellen. Ferner werden sich die Betriebsräte darüber klar, welche Betriebe als nicht notwendig eingestellt werden können, welche Betriebe in der bisherigen Form weiter betrieben werden müssen und welche Betriebe sich für schleunige Hebung der Lebensbedürfnisse umstellen lassen.
- Aus diesen Konferenzen kommen dann die Delegierten der Arbeiterbörsen und der einzelnen Föderationen wieder nach Bedürfnis kreis-, bezirks-, landes- und reichsweise zusammen und machen in derselben Weise Zusammenstellungen der vorhandenen Bestände und vereinbaren die Weiterführung der Produktion. Ueberschüsse oder fehlende Produkte sind nach Möglichkeit direkt kreis-, bezirks- bzw. landesweise auszugleichen.
- Periodisch treten die Arbeiterbörsen und die Industrieföderationen des ganzen Landes in Kongressen zusammen, um alle gemeinsamen Angelegenheiten zu regeln. Für dauernde Beziehungen werden Kommissionen gebildet.
- Die Frage, welche Industrien sich zu Föderationen zu gruppieren haben, ebenso welche Betriebe einzustellen sind, wird von dieser Reichskonferenz endgültig geregelt. Ebenso ist die Frage der Dezentralisation der Industrie an die Quelle der Rohstoffgewinnung von der Reichskonferenz zu prüfen.
- Alle Vertrauensleute oder Delegierten bleiben von ihrem Ortsverein abhängig, ganz gleich, in welche Körperschaft sie delegiert sind, d. h. wenn sie nicht mehr das Vertrauen ihrer Kollegen besitzen oder sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, werden an ihre Stelle neue Personen gewählt.
E. Austausch
Wir betreten Neuland: den sozialistischen Austausch.
Daß die Art der Produktion geändert werden muß, daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung sich in der Zersetzung befindet, darüber sind sich alle Schulen des Sozialismus einig. In dem Aufbau einer neuen sozialistischen Produktionsweise oder Bedarfswirtschaft gehen die Ansichten der verschiedenen Sozialisten stark auseinander. Wir Syndikalisten sind der Anschauung, daß Sozialismus nur möglich ist, wenn die Gewerkschaften die Träger und Zellen der sozialistischen Produktion und die Vermittler des sozialistischen Konsums werden. Sozialistische Produktion muß sich also vom ersten Tage der sozialen Revolution an auf den Bedarf der Arbeitenden einstellen. Der Bedarf ist in der ersten Zeit der sozialistischen Produktionsweise im wesentlichen beschränkt auf Kohle, Lebensmittel, Kleidung und Wohnung. Der Sozialismus kann nur Wirklichkeit werden, wenn die großen Massen der Arbeitenden, Kopf- und Handarbeiterschaft, sich der Neuordnung nicht widersetzen, den Sozialismus nicht sabotieren. Die heute noch widerstrebenden Hand- und Kopfarbeiter müssen für den Sozialismus durch eine gerechte Verteilung oder Austausch der Arbeitsprodukte gewonnen werden.
Die Lösung der Frage des Austauschs ist also ebenso wichtig als die Neugestaltung der Produktion. Die Syndikalisten wollen das Geld als Tauschmittel völlig ausgeschaltet wissen, um eine Rückkehr zur privatkapitalistischen Wirtschaft unmöglich zu machen. Arbeitsprodukte sollen gegen Arbeitsprodukte ausgetauscht werden. Das Ziel der freien sozialistischen Gesellschaft ist: Jeder arbeitet nach seinen Fähigkeiten und wird entschädigt nach seinen Bedürfnissen. Der Sozialismus setzt also ein hochentwickeltes Gemeinschaftsgefühl der übergroßen Masse aller Arbeitenden voraus. Die besitzlosen Industriearbeiter und landlosen Landarbeiter sind für eine solche Geistesverfassung zugänglich, weil die sozialistische Gesellschaftsordnung offensichtlich eine Besserung ihrer Lebensverhältnisse bedeuten würde.
Anders aber liegen die Voraussetzungen für die oberen Schichten der geistigen Arbeiter und für die Bauernschaft. Die Bauernschaft ist aber zunächst, in der allerersten Zeit nach der sozialen Revolution, ausschlaggebend für die Ernährung der Gesamtbevölkerung, während die geistigen Arbeiter unentbehrlich sind für den Aufbau der freien Gesellschaft. In diesen Kreisen muss also eine umfassende Aufklärungsarbeit geleistet werden. Soweit die Kopfarbeiter schon heute im Verkehr, in den wissenschaftlichen Berufen tätig sind, können dieselben ohne weiteres nach der Neuordnung in ähnlicher Weise weiter beschäftigt werden. Die dagegen heute unproduktiv Tätigen, in Zweigen wie Versicherungsfach, Reklame, Offertenwesen, Lohnwesen, Bankfach, Vermittlungsgeschäfte jeder Art, müssen nach Möglichkeit für die Verwaltungstätigkeit in den statistischen Büros, Verteilungsstellen usw. nützlich gemacht werden. Soweit dies schließlich nicht möglich ist, sind diese Kräfte, ebenso wie die Hand- und Kopfarbeiter der zunächst überflüssigen Luxusindustrien, Exportindustrien usw. in lebenswichtige Betriebe zu überführen. Die Organisationen der Kopfarbeiter haben schon heute diese Ideen bei der Agitation zu verbreiten.
Ebenso wie in der ersten Zeit die volle Befriedigung aller Bedürfnisse nicht möglich ist, da dem allgemeinen Mangel durch eine gleichmäßige Rationierung Rechnung getragen werden muss, wird auch in einer gewissen Übergangszeit die Beschäftigung aller Arbeitsfähigen geregelt werden müssen. Die Föderationen der einzelnen Berufe, auch die der geistigen Arbeiter, werden ihre tägliche Arbeitszeit, die sich nach ihren Bedürfnissen und dem Ertrag der Arbeit richtet, bestimmen müssen. Die einzelnen Föderationen werden auch ihre Produkte oder Arbeiten während der Übergangszeit gegen entsprechende Entschädigung in Bedürfnisprodukten austauschen müssen. Über die Art des Austausches sind von Fall zu Fall freie Vereinbarungen zwischen den Föderationen zu treffen.
Auf diese Art wird man die rückständige geistige Beschaffenheit der Kopfarbeiter und der Bauernschaft überwinden, indem ihnen für ihre Leistungen bestimmte Gegenleistungen geboten werden.Auf der anderen Seite liegt dadurch die Unmöglichkeit vor, sich Lebensmöglichkeiten zu schaffen ohne Leistungen. Die Reichskonferenz der Föderationen regelt die Frage der Produktion der über den Inlandsbedarf für Austausch mit Nachbarländern gegen notwendige Lebensmittel oder Rohstoffe zu beschaffenden Produkte. Zunächst wird für das Inland produziert, dass für das Ausland und zwar nur als Austausch gegen notwendige Lebensmittel oder Rohstoffe. Wie schon erwähnt, müssen wir uns möglichst unabhängig vom Auslande machen, bis der Sozialismus in der der ganzen Welt durchgeführt ist. Die technischen Bedingungen des Warenaustausches, der Verkehr und die Verteilung werden durch die Föderation der Verkehrsarbeiter zu Wasser und zu Lande festgestellt. Unumgänglich notwendig wird es sein, den Gildensozialismus der englischen Arbeitergewerkschaften zu studieren.
F. Genossenschafts- und Siedlungsfrage
Die Tatsache, daß alle Genossenschaften innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft von vornherein kapitalistisch aufgebaut sind und sich des Kapitals bedienen müssen, bringt es unweigerlich mit sich, daß alle Genossenschaften, mögen sie Konsum-, Produktiv- oder Siedlungsgenossenschaften heißen, wenn sie nicht die Unterstützung des Kapitalismus finden, zugrunde gehen müssen. Dadurch, daß die Mitglieder solcher Genossenschaften praktisch die Methoden der kapitalistischen Wirtschaftsweise anzuwenden gezwungen sind, entfremden sie sich der sozialistischen Gefühlswelt und versinken in kleinbürgerlicher Denkweise, werden nach und nach in die Eigentumsidee hineingezogen. Die Mitbeteiligung und Mitarbeit bei solchen Genossenschaften können den einzelnen Mitgliedern wohl Augenblickserfolge bringen, die sozialistische Gesellschaft kann aber in der kapitalistischen Welt niemals aufgebaut werden. Alle diese Versuch sind nur Teilaktionen im proletarischen Klassenkampfe und stellen Formen des Experimentalsozialismus dar, die, wie die Geschichte bewiesen hat, stets misslingen müssen. Vorbedingung für die Verwirklichung einer sozialistischen Genossenschaft oder sozialistischen Siedlung ist eine sozialistische-gesellschaftliche Wirtschaft. Heinrich Vogeler, Worpswede, faßt seine Erfahrungen auf diesem Gebiete wie folgt zusammen:
„Ohne Sozialisierung der Kohle, der Kraftzentralen, der Kali-werke, der Maschinen, der ganzen technischen Hilfsmittel ist jede derartige Siedlung dem Untergange oder neuer kapitalistischer Versklavung ausgeliefert!“
Die Arbeiterschaft sollte diese Worte beherzigen und sich überlegen, ob es nicht besser für die allgemeine Bewegung ist, ihre Kräfte für den allgemeinen sozialistischen Aufbau zu konzentrieren, anstatt sie für solche zweifelhaften Teilaktionen zu verwenden. Der Siedlungsgedanke ist aber unlösbar von dem sozialistischen Problem, und es kann darum nur allen tatkräftigen, vom edelsten Menschentum durchdrungenen Männern und Frauen empfohlen werden, sich heute schon zu Gemeinschaften zusammenzuschließen, um die Frage der Gestaltung des Kleinsiedlungswesens und der landwirtschaftlichen Genossenschaften zu studieren, nach passenden Ländereien für Siedlungen Umschau zu halten und die nötigen Kräfte für ihre Bewirtschaftung heranzubilden, um im gegebenen Moment nach Niederringung der kapitalistischen Wirtschaft sofort mit den sozialistischen Siedlungen erfolgreich beginnen zu können. Solche Personen werden gebeten, in den Kommissionen zum Studium des Ernährungs- wie Wohnungswesens und der Landwirtschaft mitzuarbeiten.
Alle Arbeitergenossenschaften haben ihren Betrieb während des General-Streiks aufrechtzuerhalten, um die Ernährung der streikenden Arbeiter sicherzustellen.
G. Geistes- und Familienleben
Die Syndikalisten sind der Anschauung, daß in erster Linie die wirtschaftlichen Verhältnisse geändert werden müssen, um eine sozialistische Gemeinwirtschaft durchführen zu können. Sie glauben dies mit wirtschaftlichen Kampfmitteln möglich machen zu können. Dabei betonen die Syndikalisten ausdrücklich, daß ihre Aufgaben nur durchführbar sind, wenn gleichzeitig inzwischen die geistigen Vorbedingungen innerhalb der Träger der Wirtschaft, der Arbeiter, geschaffen worden sind. Die ganze geistige Verfassung der Menschen muß also bis zum Aufbau der sozialistischen Wirtschaft sich entsprechend geändert und vervollkommnet haben. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die Tatsache, daß in Bezug auf die Gestaltung des Geisteslebens bestimmte Vorschläge oder Forderungen nicht aufgestellt werden können, daß vielmehr angenommen werden muß, daß sich das gesamte geistige Leben aller Richtungen, ebenso das Familienleben von selbst frei entwickeln werden, wenn die Zwangsfesseln des Staates durch Ueberwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung beseitigt sind.
Erwünscht wäre es aber trotzdem, daß eine Kommission von besonders für diese große Aufgabe geeigneten Personen die Frage der Gestaltung des geistigen Lebens und besonders der Schule, daneben die Erziehungs- und Bildungsfrage, studieren würden. Weiter wäre es notwendig, daß sich feine Kommission von Frauen mit dem Studium der Gestaltung des Familienlebens, der Wirtschaft im Haushalt und mit der Erziehung in der Familie befassen würde. Es wird daher vorgeschlagen, daß solche Kommissionen gebildet werden.
H. Die nächsten Aufgaben der Organisationen
Zur Erledigung der verwaltungstechnischen Aufgaben in der Kommune werden voraussichtlich folgende Kommissionen gebildet werden müssen:
- Ernährungswesen,
- Bekleidung,
- Wohn- und Bauwesen,
- Bildung, Unterhaltung und Kunst.
- Gesundheitswesen,
- Oeffentlicher Verkehr.
Die Arbeiterbörsen haben also schon heute solche Kommissionen einzusetzen, um die detaillierten Aufgaben dieser Kommissionen nach den Gesichts« punkten der vorliegenden Richtlinien der Studienkommission weiter zu studieren und eine Anzahl von Personen mit den Aufgaben der Zukunft vertraut zu machen. Die Ergebnisse der Beratungen dieser einzelnen Kommissionen sind ebenfalls später öffentlich zur Diskussion zu stellen.

Nach dem Stande der heutigen Wirtschaft empfiehlt die Studienkommission einen Aufbau der Föderationen in folgender Weise:
1. Land- und Forstwirtschaft,
2. Lebens- und Genußmittel,
3. Bekleidungs- und Textilindustrie,
4. Schuh- und Lederindustrie,
5. Baugewerbe und Steinindustrie,
6. Holzindustrie,
7. Bergbau, Hütten und Salinen,
8. Chemische Industrie,
9. Metall- und elektrotechnische Industrie,
10. Graphisches Gewerbe und Papierindustrie,
11. Verkehr,
12. Freie Berufe.
Die Föderationen müssen ebenfalls schon heute für alle diese Untergruppen Studienkommissionen einsetzen, um die Einzelfragen für diese Industriegruppen weiter zu studieren und die Richtlinien für die Sozialisierung der Gesellschaft aufzustellen. Für diejenigen Gruppen, für welche heute besondere Föderationen noch nicht bestehen, müssen die Kommissionen von den verwandten Föderationen gebildet werden. Bei allen Beratungen haben die vorliegenden Leitsätze als Richtschnur zu dienen. Zur praktischen Bewältigung der Arbeiten müssen diese Föderationskommissionen später wieder eine Untergruppierung in einzelne Berufe je nach Bedürfnis vornehmen.
Weiter empfiehlt die Studienkommission für solche Einzelbetriebe, wo die Möglichkeit dazu schon heute vorliegt, d. h. wo eine genügend große Zahl unserer Genossen bereits vorhanden ist, oder wir die Mehrheit haben, eine Studienkommission für den Betrieb zu bilden. Solche Kommissionen haben Vorschläge für die Weiterführung des Unternehmens nach der sozialen Revolution auszuarbeiten und zu veröffentlichen.
J. Schlußfolgerungen
Die Studienkommission hat bei ihren Beratungen die beiden grundlegenden Werke von Kropotkin, „Eroberung des Brotes“ und „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“ als Unterlage benutzt. Es wird den Unterkommissionen empfohlen, bei den Weiterberatungen ebenfalls die Gedanken dieser beiden Bücher im Auge zu behalten. Die vorliegenden Leitsätze können natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Unabänderlichkeit beanspruchen, sie sind vielmehr nur als die Anfangsarbeiten zur Gewinnung von brauchbaren Vorschlägen zur Durchführung der sozialen Revolution zu betrachten. Die Diskussion und Weiterberatung wird hoffentlich nach und nach völlige Klarheit bringen.
Bei zusammenfassender Würdigung der vorstehenden großen Aufgaben muß es jedem klar werden, daß die Verwirklichung unserer Ziele nicht morgen oder übermorgen, solange die gegenwärtigen verworrenen und planlosen Verhältnisse innerhalb der Arbeiterschaft bestehen, möglich ist. Zunächst müssen die hindernden politischen Parteien und der jetzige Charakter der Zentralverbände überwunden werden. Ferner müssen überall die Zellen für die Möglichkeit der Beeinflussung der Bewegung in unserem Sinne geschaffen werden. Also jeder Mann, jeder Nerv und jeder Pfennig muß eingesetzt werden für die Verbreitung unserer Ideen, für die Reinheit unserer Bewegung. Gewaltig wächst die Erkenntnis in den Reihen der Hand- und Kopfarbeiter, daß nur durch Beseitigung der politischen Herrschaft und durch die Aufrichtung einer berufsständischen Wirtschaft ein Weg zum Sozialismus möglich ist. Mögen diese Vorschläge für die einzig mögliche Sozialisierung der Gesellschaft, geboren aus den Erkenntnissen des praktischen Lebens und gewonnen durch sorgfältige und langwierige Beratungen von produktiv tätigen Sozialisten, dazu beitragen, uns dem Ziele der Aufrichtung der freien, herrschaftslosen kommunistischen Gesellschaft näher zu bringen. An unseren Fähigkeiten, diese Aufgaben zu erfüllen, liegt es, dies Ziel bald zu erreichen.
Bei kommenden Generalstreiks sind Flugblätter dieses Inhalts nach Möglichkeit überall in Massen zu verbreiten und anzukleben.

