Vorrede: Helge Döhring forscht seit Jahrzehnten zur Geschichte des Anarchismus und Anarchosyndikalismus in Deutschland. Während die FAU langsam aber stetig wieder an die Mitgliedszahlen ihrer Vorgängerorganisation in der 20ern heranwächst, steht Deutschland am Vorabend eines neuen Faschismus – oder vielleicht doch dem Wiedererwachen revolutionärer Bewegung? Steff Brenner führte ein langes Gespräch darüber, was wir vielleicht aus der eigenen Bewegungsgeschichte lernen können. Über Struktur, Branchenorganisierung, Kollektivbetriebe, Jugend, Stadtteilgewerkschaften, Faschismus – mit einer riesigen Menge Literaturempfehlungen.
DA: Lieber Helge, danke, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Viele aus unserer Gewerkschaftsbewegung kennen dich schon durch deine Bücher oder von Veranstaltungen. Kannst du dich trotzdem noch mal vorstellen? Wie kamst du zum Thema historscher Anarchosyndikalismus, was hält dich an diesem Thema und wie verbringst du deine restliche Zeit eigentlich?
Helge: Danke für die spannenden Fragen. Ich bin Jahrgang 1972, in einer niedersächsischen Kleinstadt aufgewachsen und politisiert über die Naziwelle Anfang der 1990er Jahre. Ich schloß mich einer kleinen Antifagruppe an, baute dann ein regionales Archiv sowie einen Infoladen auf, machte verschiedene kleine politische Zeitungen und engagierte mich schließlich im Vorstand des selbstverwalteten Jugendzentrums. Dabei lernte ich allerlei Basisarbeit. Erst als ich mit 25 Jahren nach Bremen umzog, las ich überhaupt Bücher. Wegen meiner schlechten Schulzeit fand ich spät Gefallen daran. Dann holte ich alles schnell nach und trat 1998 auf Werben eines Freundes als Gründungsmitglied der Bremer Gruppe in die FAU ein. War ich vorher reiner Praktiker, so interessierte ich mich jetzt auch verstärkt für Geschichte. Wir hatten furiose erste Jahre mit eigenem Ladenlokal, Lokalzeitung, Archiv und vielen Aktionen und Veranstaltungen.
Als die FAU am Ort dennoch nach einigen Jahren stagnierte, wandte ich mich noch mehr den Büchern und am liebsten den Archiv- und Zeitungsquellen zu, schrieb erste Artikel in der „Direkten Aktion“, übernahm dort die Redaktion „Zeitlupe“, verfasste kleine Broschüren und 2006 schließlich mein erstes Buch. 2007 gründete ich das Institut für Syndikalismusforschung mit und betätige mich dort am Puls anarcho-syndikalistischer Zeit nach dem Motto „Freie Forschung für eine freie Gesellschaft“. Wir Institutsmitglieder haben alle anarcho-syndikalistische Organisationserfahrung, sind Lohnarbeitende bzw. Selbständige und arbeiten im Institut non profit, aus der Bewegung für die Bewegung. Wir publizieren vor allem wissenschaftliche Buchstudien zum Thema Syndikalismus/Anarchismus in Deutschland und Rumänien, geben mit der „Edition Syfo“ eine kleine Schriftenreihe heraus und mit den „Kampfgeistern“ ein jährliches Magazin. Auch machen wir gerne Büchertische auf Messen und bei anderen Anlässen, halten Vorträge und arbeiten mit zahlreichen Initiativen, Einrichtungen und Einzelpersonen zusammen. Es ergänzt sich gut zur FAU, da wir den Menschen Anarcho-Syndikalismus auf andere Weisen näher bringen können und sie sonst davon nicht erführen. Es gibt auch Kontakte und Kooperationen mit vielen FAU-Syndikaten. Wir sind kein elitärer Haufen, sondern freuen uns auf Kontakte. In diesem Beitrag erzähle ich Näheres über unsere Arbeit. Wir betreiben auch einen Blog.
Die andere Zeit verbringe ich etwa gleich anteilig mit Lohnarbeit und genußvollem Leben, nicht mehr in der FAU, aber gerne nahe dran.
DA: Das ist eine ganze Menge und ein bewegtes Leben. Von unserer Seite vielen Dank, dass du so lange am Ball bleibst. Bevor wir in die Geschichte abtauchen, noch eine Frage zu deiner Arbeitsweise. Du sagst, ihr arbeitet non profit, nach der Arbeit und für die Bewegung. Damit steht ihr ein wenig gegen den Zeitgeist, in dem sehr viele, auch in der FAU, versuchen, Geld von Staat und NGOs zu organisieren; ihre Politik zum Beruf zu machen. Warum hast du diesen Weg nicht eingeschlagen und was hältst du von dieser allgemeinen Tendenz, die einem auch häufiger als „Professionalisierung“ verkauft wird?
Helge: Solch eine Tendenz schlägt allen anderen von uns ins Gesicht, die sich ebenso, aber unbezahlt und aus innerer Überzeugung heraus engagieren. Warum werden dann die anderen nicht auch bezahlt? Einige meinen anscheinend, ihre Arbeit sei wertvoller als diejenige von anderen. Sie treten zu ihresgleichen in eine Geschäftsbeziehung und werden ihr Handeln zuvorderst darüber definieren (müssen). Geld macht träge: Wer lohnarbeitet, tut das in der Regel mit weniger Elan und ist stattdessen darauf bedacht, seine Tätigkeit profitabel hinauszuzögern und zu verkomplizieren, um sich möglichst unentbehrlich zu machen. Das ist im Kapitalismus auch voll in Ordnung, aber wollen wir so etwas im Anarcho-Syndikalismus? Zusätzlich werden sie organisationsintern stets auf einen legalistischen Kurs drängen, um ihre Einkommensquelle nicht zu gefährden. Was unter solchen Gesetzmäßigkeiten passiert, wenn sich ein bezahlter Funktionärsapparat etabliert, sehen wir an der Geschichte der Sozialdemokratie. Und es geht auch peinlich; als vor einigen Jahren eine Funktionärin der Schwedischen SAC gegen die „eigene“ Gewerkschaft per Arbeitsrecht klagte, unter dem Hohngelächter diverser antisyndikalistischer linker Zeitungen. Auf der anderen Seite fördert eine Struktur, die sich auf bezahlte Stellen stützt, bürgerliche Konsummentalität, die jede Zwischenmenschlichkeit unter Genossinnen und Genossen unterminiert.
Es spricht natürlich nichts dagegen, bestimmte unsensible Arbeiten organisatorisch auszulagern, beispielsweise Druckaufträge. Aber die Tendenz sollte immer dahin gehen, organisatorische Verantwortung zu übernehmen, statt sie zu delegieren und damit abzugeben. „Professionalisierung“ ist eine faule Ausrede und ersetzt kein persönliches Verantwortlichkeitsgefühl.
Warum auch diese Diskussion? Es gibt viele Beispiele dafür, dass es auch ohne bezahlte „Genossen“ läuft, beispielsweise seit 20 Jahren beim Institut für Syndikalismusforschung, seit über 30 Jahren bei Syndikat-A und seit bald 40 Jahren beim Verlag Edition AV. Auf die Einstellung kommt es an, nicht auf das Geld.
Wer nicht den nötigen Idealismus mitbringt, trägt den Totenschein schon in der Tasche. Träge Leute werden nicht dadurch lebendig, dass man sie bezahlt und zahlen läßt oder wie Rudolf Rocker es einmal formulierte:
„Wo kein innerer Drang vorhanden ist, dort entwickelt sich sogar unter den günstigsten Umständen kein wirkliches Persönlichkeitsgefühl, keine innere Überzeugung, kein selbständiges Denken, kein soziales Empfinden, sondern nur blöder Drill, Verkümmerung des Denkens und eine trostlose Verwaschenheit des Empfindens, die jedes Eigengefühl im Keime ersticken und den Menschen zu toten Abguß nach bestimmten Mustern formen, der nur den Zweck erfüllt, von anderen gebraucht und verbraucht zu werden, ganz gleich, ob diese anderen die Kirche, der Staat oder die Partei sind. Wer aus sich selbst nichts machen kann, wird eben von den anderen gemacht, die ihn für ihre Zwecke benutzen.“ (Rudolf Rocker: Max Nettlau, S. 118)
Natürlich gibt es die Argumentation, die FAUD habe bezahlte Funktionäre gehabt. Aber sie hatte die deutliche Tendenz, solche Posten nicht auszubauen, sondern eher einzuschränken. Zudem war es in der damaligen Geschäftskommission und im Verlag harte körperliche Arbeit, statt wie heute überwiegend Mausklicktätigkeit. Meine Empfehlung lautet: Keine bezahlten Funktionärsämter auf Bundesebene einführen.
Was aber, wenn lokal oder regional im Konsens entschieden wird, dass manche Arbeit wichtiger ist als andere und deshalb bezahlt werden sollte? Dann ist das unter föderalistischen Gesichtspunkten nicht unsyndikalistisch. Aber ich hoffe, die Genossinnen und Genossen wissen, was sie tun und beugen den Tendenzen zur Machtakkumulation entsprechend vor.
DA: Wir wollen heute auf einige aktuelle Fragestellungen unserer Gewerkschaftsbewegung eingehen und dabei von deinem sehr umfassenden Blick auf die historischen Gewerkschaftsbewegungen lernen. Denn nun, wo wir uns wieder den Mitgliedszahlen unserer Vorgängerorganisation der FAUD (1919-1933) annähern, kehren auch viele alte Fragestellungen und Themen zurück. Das macht erst einmal die Frage nötig: Wie sehr nützt, angesichts der veränderten gesellschaftlichen Umstände, heute überhaupt der Blick in die Vergangenheit? Wo kann mensch von der historischen Bewegung lernen und wo nicht?
Helge: Da dies eine sehr allgemeine Frage ist, hoffe ich, dass es in Ordnung geht, wenn ich darauf allgemein bzw. stichwortartig antworte. Um anstelle des Interviews kein neues Buch entstehen zu lassen, verweise ich auf weiterführende Literatur. Starten wir also eine kleine Umschau.
In der Vergangenheit läßt sich allerhand entdecken. Solche Funde können dazu führen, dass Fehler nur ein- oder zweimal gemacht werden, statt drei- oder viermal. Bei bester Abstraktion lassen sich einige Mißgeschicke gleich ganz vermeiden. Daneben gibt es unzählige nützliche Beispiele für heute, wie etwas funktionieren kann. Auch läßt sich mitunter plastisch beobachten, wie historische Lernprozesse aussahen; oder das sich Bewegen in Spannungsfeldern zwischen Idealismus und Materialismus, zwischen Prinzipientreue und Flexibilität, zwischen Zentralismus und Föderalismus, zwischen Verlockungen und Durchhalten. Denn alles wurde und wird zwischen Menschen verhandelt mit unterschiedlichen Lebensgrundlagen und psychischen Dispositionen. Vieles vor 100 Jahren ist heute diskutierbar, beispielsweise die sozialrevolutionären Ansprüche versus sozialpartnerschaftliche Strategien. Ich würde mich wundern, wenn die FAU sie heute nicht diskutiert, die gesetzlichen Betriebsräte, Tariffähigkeit und darüber hinaus die Erwerbslosigkeit, die Emanzipation der Frauen, pädagogische Fragen.
Diese und einige Fragen mehr haben eine Gemeinsamkeit: Es sind Klassiker. In der Forschung zur Geschichte geht es mir darum, eben solche durch die verschiedenen Zeiten, Gegenden und mit ihren jeweiligen Akteuren transparent zu machen. Dies läßt sich auch anlaßbezogen untersuchen. Tauchen heute bestimmte Fragen auf, schau ich nach, was die Geschichte dazu bietet. Manchmal bestanden Konzepte, die heute vergessen sind. Geschichte kann auch dazu beitragen, dass sich die heutige Bewegung von Zentralgewerkschaften und Linken nicht bevormunden oder gar die Butter vom Brot nehmen läßt. Geschichtsbewußt würden heutige Akteure viel souveräner auftreten können. Statt zu Flipperkugeln zwischen fremden Ideologiefeldern zu verkommen, ist es mit einer fundierten anarcho-syndikalistischen Identität möglich, eigene Akzente zu setzen und eine selbstbewußte Bewegung zu repräsentieren.
In der FAU habe ich die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die mit ihrer Persönlichkeit und Tatkraft die Gruppe zusammenhalten, fast immer diejenigen sind, die sich auch für Geschichte interessieren. Nur so lassen sich bestimmte Aufgaben analytischer und perspektivischer beraten: ohne Geschichte wenig Fortschritt. Einem Buch gab ich dementsprechend den Titel „Konflikte und Niederlagen des Syndikalismus in Deutschland“ (2022). Darin ging es mir darum, klassische Problemfelder der historischen Bewegung durch die Epochen hindurch aufzuzeigen bzw. in diesem Fall den Mythos aufzuknacken, der Niedergang des Anarcho-Syndikalismus sei auf die Nazis zurückzuführen. Diese Sichtweise verharmlost die sozialdemokratischen Zentralverbände derart, dass ein Unterschätzen ihrer Perfiditäten fatale Folgen auch für den heutigen Anarcho-Syndikalismus haben kann und wird. Den Buchinhalt stelle ich so vor:
„Der Syndikalismus in Deutschland hatte unterschiedliche Gegner, die sich teilweise die Klinke in die Hände gaben. Neben den jeweiligen Staatsgewalten, den Kirchen und dem Kapital traten vor allem die sozialdemokratischen Zentralgewerkschaften sehr effektiv auf den Plan. Sie stoppten in Eintracht mit Staat und Kapital die Entfaltung syndikalistischer Organisationen. Hinzu kamen kommunistische Anfeindungen und organisationsinterne Streitigkeiten. Dadurch hatten die Nazis leichtes Spiel, die kärglichen Reste der syndikalistischen Arbeiterbewegung zu zerschlagen. Der ‚Terror der Zentralgewerkschaften’ setzte dem freiheitlichen Sozialismus in Deutschland am meisten zu und schuf erst die Grundvoraussetzungen, die Arbeiterschaft dem Faschismus hilflos auszuliefern.“
Aus den neueren Erfahrungen betrieblicher Arbeit lohnen sich ganz allgemein zwei Broschüren anarcho-syndikalistischer Intention von Heiko Maiwald „Aus dem Takt. Offensive Betriebsarbeit im Gesundheitswesen“ (2009) und „Aus dem Schatten treten! Anregungen für die anarchosyndikalistische Gewerkschaftsarbeit“ (2011). Daran anschließend gefiel mir aus der Praxis der spanischen Bewegung die Broschüre von Beltran Roca Martinez: „Renaissance des Anarcho-Syndikalismus. Eine Untersuchung am Beispiel der CNT in Sevilla“ (2007)
Schließlich bringt Geschichte Persönlichkeiten hervor, wie Abel Paz oder Erna Sauerbrey, die auf ihre jeweilige Art faszinieren können.
Zum Schluß der Antwort noch ein Denkanstoß: Für mehr Kontinuität im anarcho-syndikalistischen Forschungsbereich wäre es gut, wenn die Bewegung ihr außerakademisches intellektuelles Potenzial halten und ausbauen könnte. Dazu versuchen wir im Institut für Syndikalismusforschung durch vielfältige Angebote Anreize zu geben. Dafür, dass FAU-Mitglieder nach ihrem Studium nicht den Verlockungen der Konkurrenz von u.a. Hans Böckler- und der Rosa-Luxemburg-Stiftung nachgeben, sondern im emanzipatorischen Sinne der anarcho-syndikalistischen Bewegung unabhängig weiterforschen und publizieren. In dem Bereich tut sich einiges, beispielsweise durch die verdienstvollen Recherchen und Aktivitäten der Gustav-Landauer-Initiative oder der „Initiative demokratische Arbeitszeitrechnung“ (IDA). Beide haben Anknüpfungspunkte zum Anarcho-Syndikalismus, referieren bei FAU-Gruppen und letztere lieferte kürzlich einen konstruktiven Artikel in der spanischen „CNT“. Bei ihnen traf ich 2025 auf ein sehr aufmerksames Publikum, hier ein Mitschnitt.
DA: Du setzt dich ja hauptsächlich mit der anarchistischen und anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland auseinander. Trotzdem hast du ja auch international einiges an Überblick, schon durch die historischen Querverbindungen. Der Anarchosyndikalismus der historischen CNT Spanien war ja in Organisationsstruktur aber auch in Hinsicht auf den Blick z.B. auf Technologie und Arbeitsorganisation durchaus anders als die Ausrichtung der historischen FAU Deutschland. Kannst du ein wenig über dieses Spektrum anarchosyndikalistischer Interpretationen und Utopien sagen? Und wo würdest du die heutige FAU da einordnen, die ja 1977 maßgeblich von Exil-Spanier:innen mit angestoßen wurde?
Helge: Mein geographischer Forschungsschwerpunkt ist der deutschsprachige Raum. Ich versuche darin, klassische Themen mit aktuellen Fragestellungen zu verknüpfen und die aktuelle Bewegung historisch zu flankieren.
Eingangs möchte ich kurz die Grundlagen zur Bedeutung der Umgestaltung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche nach freiheitlich-emanzipatorischen Gesichtspunkten skizzieren, da diese Kerngedanken für die weiteren Fragestellungen elementar sein können. Um nachhaltig und in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen wirksam sein zu können, vollzieht sich die anarcho-syndikalistische Soziale Revolution im Idealfall auf drei gleichrangigen Ebenen:
1. der Ökonomie
Umwandlung der kapitalistischen Produktionsweise in eine sozialistische bedürfnisorientierte Wirtschaft ohne Lohnsystem. Dazu sollte das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft und diese durch Sozialisierung der Betriebe vergesellschaftet werden. Alle Beschäftigten entscheiden über die betrieblichen Belange. Die ökonomische Macht verbleibt in betrieblicher Selbstverwaltung. Sie wird nicht an übergeordnete politische Instanzen delegiert, sondern wird durch basisdemokratisch mandatierte Betriebsräte repräsentiert.
Wer fähig ist, die gesellschaftlichen Werte zu produzieren (das Proletariat), ist auch imstande, diese im Gemeinschaftssinne zu verwalten.
Ziel: Ökonomische Gleichheit der Individuen in der Gesellschaft. Reduzierung der Arbeitszeiten auf das Nötigste durch Abschaffung unnützer „Arbeit“, Verbesserung der Arbeitsbedingungen zum Wohle der Beschäftigten, Qualitätsverbesserungen der Güter zum Wohl der Konsumenten.
2. der Politik
Umwandlung politisch-zentralistischer Herrschaftsformen in föderalistisch strukturierte Selbstverwaltung in den Bereichen der Produktion, der Konsumtion, der Verwaltung und der anderen Lebensbereiche. Politische Gleichberechtigung in den Entscheidungsfindungsprozessen, basisdemokratische Verfahrensweisen: Imperative Mandate, Ämterrotation, Beschränkung von Wiederwählbarkeit, jederzeitige Absetzbarkeit von Funktionsträgern, die weder Antrags- noch stimmberechtigt sind und einer dezidierten Rechenschaftspflicht unterliegen. Abschaffung bevormundender Gesetze, der Bürgerklasse und des Staates als höchste Form des politischen Zentralismus.
Ziel: größtmögliche politische Freiheiten und Selbstbestimmung der Individuen in der Gesellschaft.
3. der Kultur
Umwandlung der durch die kapitalistischen Zustände bedingten kulturschädigenden Überzeugungen und Verhaltensmuster in gemeinschaftsförderndes Denken nach den anarchistischen Prinzipien der „Gegenseitigen Hilfe“. Abschaffung der Konkurrenzgesellschaft und Ellenbogenmentalität, stattdessen Förderung von Selbstbewußtsein, Bildung, gesellschaftlicher Integrität, sozialem und konstruktivem Denken, emanzipatorischer Selbstfindung und Möglichkeiten individueller Ausdefinierung der Persönlichkeiten nach den Prinzipien „libertärer Pädagogik“ in „Freien Schulen“. Folglich richtet sich Kultur stets gegen alle antiemanzipatorischen Bestrebungen, die den Menschen in seiner individuellen wie kollektiven sozialistischen Entfaltung und Organisierung unterdrücken, also gegen den politischen Zentralismus des Staates und seiner Organe, einschließlich der Repressionsapparate, des Militärs, der Klassenjustiz, des Erziehungswesens sowie gegen jegliche Einflußnahme der Kirchen und Religionen. Je höher eine Kultur ausgeprägt ist, desto weniger Regeln benötigt sie. Sie läßt sich nicht durch Paragraphen und Vorschriften ersetzen. Über die Rolle der Kultur im Sozialismus und in der Geschichte der Menschheit verfasste Rudolf Rocker das Werk „Die Entscheidung des Abendlandes“ (1949) und bilanzierte: „Wahre Freiheit besteht nur dort, wo sie vom Geiste persönlicher Verantwortung getragen ist.“
Ziel: Ersetzung demokratisch nicht legitimierter und bevormundender Gesetzgebung durch gemeinsam erörterte und beschlossene Regeln sowie durch „Gegenseitige Hilfe“.
Nach anarcho-syndikalistischen Vorstellungen sollte die Soziale Revolution möglichst gründlich vorbereitet werden, damit die Transformation der Gesellschaft auf allen drei Ebenen so reibungslos wie möglich verläuft. Zwar sollte ein sozialer Generalstreik den Startschuß dafür geben. Aber der Großteil der Revolution sollte bereits in der alten Gesellschaft stattfinden im Einüben der Produktion, der politischen Verfahrensweisen und den entsprechenden kulturellen Fertigkeiten. Ökonomische, politische und kulturelle Bereiche bündeln und koordinieren sich hierbei in „Arbeitsbörsen“. Historisch bezeichneten sich die Anarcho-Syndikalisten demnach:
ökonomisch als Sozialisten,
politisch als Föderalisten und
kulturell als Anarchisten.
Internationale Vergleiche sind natürlich ein weites Feld. Dieses Modell der „Arbeitsbörsen“ funktionierte im Zuge der Spanischen Revolution 1936 sowohl in ländlichen Regionen als auch im hochindustrialisierten Katalonien mit der Millionenstadt Barcelona als Zentrum. In Deutschland blieb vieles Theorie, jedoch eine, die in ihrem klassischen Gehalt für heute ein stabiles Grundgerüst abgeben kann. Auch in Spanien erarbeitete die CNT Programme zur Übernahme der Produktion und Verwaltung durch die anarcho-syndikalistische Bewegung, so „Das Konzept des Libertären Kommunismus“ (1936) oder auch die „Statuten der syndikalistischen Organisationen Spaniens“ (1930), abgedruckt in FAU-Bremen (Hg.): „Die CNT als Vortrupp des internationalen Anarcho-Syndikalismus. Die Spanische Revolution 1936 – Nachbetrachtungen und Biographien“ (2006). Im Vergleich können wir wichtige Impulse aus der revolutionären Praxis der Spanischen Revolution studieren. Dafür gibt es illustre Vorlagen, die in die Tiefe gehen, beispielsweise Augustin Souchys Erfahrungsberichte in „Nacht über Spanien“ (1954). Die FAU hat heute die Möglichkeit, sich aus der eigenen Praxis heraus in verschiedenen Punkten den historischen Verhältnissen und Prozessen gegenüber zu stellen und dann konkret zu erörtern: Was ist heute nützlich, was ist modifizierbar und was ist überholt? Ob daraus ein erweitertes oder gar neues Organisationsmodell entspringt, wird daraufhin gemeinsam erörtert werden können; optimalerweise zusammen mit Intellektuellen, die von der Arbeiterklasse lernen, statt sie zu bevormunden.
Für die jüngere Bewegungsgeschichte möchte ich dem wunderbar aktuellen Franz Heuholz mit seinem Werk „Lieber leben wir als Außerirdische“ jemanden an die Seite stellen:
Im Buch „Kein Pech, Arbeiter zu sein“ (1984), geht es um einen frisch promovierten Musikwissenschaftler, der auf Anweisung seiner K-Gruppe, bei der Müllabfuhr zu arbeiten, erstmals betriebliche Realitäten kennen lernt, sich dann tapfer-hartnäckig mit ihnen auseinandersetzt und damit fürs Leben lernt. Das Buch erfuhr leider keine Nachauflage und wäre für die FAU extrem wichtig. Er beschreibt darin ganz authentisch die konkreten betrieblichen Spannungsfelder zwischen revolutionärer Betriebsarbeit, Gewerkschaft, Betriebsräten, Belegschaft und Chefetage aus freiheitlich-emanzipatorischer Sicht. Aus seiner K-Gruppe trat der Erzähler bereits nach kurzer Zeit wieder aus, da diese mit den betrieblichen Realitäten keine Verbindungen hatte.
Mit lesbarer Sprache kommt auch Bernie Kelb aus, beispielsweise in der „Betriebsfibel. Ratschläge für die Taktik am Arbeitsplatz“ (1971) und „Organisieren oder organisiert werden: Vorschläge für Genossen links unten“ (1973).
Zu den Exil-Spaniern: In Deutschland verblieb davon in der FAU nur ein kleiner Teil, der in den 1990er/2000er Jahren vehement eine dogmatische IAA-Linie vertrat. Betriebsbezogene Themen oder Anträge brachten diese aber meines Wissens nach in die Organisation nicht mehr ein. Siehe dazu hier beim Institutsmitglied Martin Veith unter dem Fragetitel „Warum IAA?“
Diese Broschüre ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Aufarbeitung von Geschichte der FAU nützlich war, die morbide und kräftezehrende IAA endlich zu verlassen.
Zusammengefaßt: Die heutige Bewegung kann aus der Vergangenheit sehr viel lernen. Zum historischen Spanien gibt es desweiteren in deutscher Sprache:
Erich Gerlach/Augustin Souchy: Die soziale Revolution in Spanien. Kollektivierung der Industrie und Landwirtschaft in Spanien 1936-1939. Dokumente und Selbstdarstellungen der Arbeiter und Bauern, Karin Kramer Verlag, Berlin 1974 – Neuauflage im Verlag Barrikade, Hamburg 2012.
Santillan/Peiró: Ökonomie und Revolution. Texte von Diego Abad de Santillán & Juan Peiró. Fabrik- und Stadtteilkomitees. Syndikalismus und die soziale Revolution in Spanien. – Rolle der Industrieföderationen und des Anarchismus, Karin Kramer Verlag, Berlin 1975.
Auch der bürgerliche Historiker und Hispanologe Walter Bernecker (jüngst verstorben) hat mehrere Studien verfasst, die der Aneignung lohnen.
DA: Zur historischen Entwicklung des Anarchosyndikalismus allgemein: Es gibt Stimmen, die sagen, dass der Anarchismus und Anarchosyndikalismus v.a. vor dem Hintergrund von Agrargesellschaften und der Proletarisierung durch Vertreibung vom Land stark war. Michael Seidmann stellt in seiner Analyse “Gegen die Arbeit” der spanischen Revolution die These auf, dass nur das Unvermögen der spanischen Kapitalist:innen, die Arbeiter:innenklasse durch Massenkonsum zu befriedigen, den Anarchosyndikalismus in dieser Stärke ermöglichte. Auch viele andere Autor:innen haben danach diese These bekräftigt, dass eine relativ privilegierte Arbeiter:innenklasse in eingehegten, industriellen Beziehungen allgemein demobilisiert ist. (Bürgerlich bspw.: Mau, Lux, Westheuser – Triggerpunkte, in der FAU: Brenner – Neue Thesen, Heuholz – Lieber leben wir als Außerirdische, revolutionäre außerhalb der FAU: The Peoples Want – Revolutions of our times). Auf der anderen Seite fanden die spannenden revolutionären Aufbrüche der letzten Jahrzehnte tatsächlich im Wesentlichen abseits der großen Konsumnationen statt: in Mexiko, Sudan, Syrien und Chile zum Beispiel. Die größte Organisation mit Sympathien für einen globalen, revolutionären Umbruch im Wirtschaftssystem ist dann auch “La Via Campesina” – eine Vereinigung von Indigenen, Landarbeiter:innen und Kleinbäuer:innen. Sind die historischen Konzepte des Anarchosyndikalismus, v.a. sein Fokus auf die Arbeiter:innenschaft der Industrienationen, historisch überholt worden oder zumindest vielleicht stark lückenhaft, weil eben Indigene und Kleinbäuer:innen nicht mitgedacht sind?
Helge: Zunächst: Auch in den größeren Industrienationen gab es immer wieder Aufbrüche mit umfangreichen selbstverwalteten Sozialstrukturen, beispielsweise in den USA, die immer wieder nur militärisch niedergeschlagen werden konnten, so auch der Bergarbeiterstreik in England 1984, der nicht durch Massenkonsum und Nationalismus unterbunden wurde.
Der Anarcho-Syndikalismus selber hat bewiesen, dass er sowohl urban als auch ländlich zu voller Blüte gelangen kann: Barcelona war 1936 eine hoch industrialisierte Millionenstadt. In Aragonien übernahm der Anarcho-Syndikalismus gleichzeitig die Selbstverwaltung der Landwirtschaft.
Dazu empfehle ich Augustin Souchy mit „Bei den Landarbeitern von Aragon“ (1937), Lich 2012. Zu 90 Jahren Spanische Revolution stellte ich zeitgenössische Berichte zusammen.
Generell ist der Anarchismus ein Kind des vorindustriellen 19. Jahrhunderts, während der Anarcho-Syndikalismus als dessen Weiterentwicklung für das 20. Jahrhundert angesehen werden kann. Als Industriebewegung war der Anarcho-Syndikalismus stets dort am stärksten, wo neue oder überhaupt Industriebereiche entstanden mit wenig oder gar keiner gewerkschaftlichen Konkurrenz (Sozialdemokratie oder Rote Gewerkschaftsinternationale). Darin liegt noch heute die Chance auf regionale Renaissancen, ob international in Ländern, wohin die industriellen Produktionsbereiche hinverlagert werden oder auch in Deutschland beispielsweise im Logistikbereich, oder bei einigen Dienstleistungen wie der Gastronomie, die für den DGB wenig rentabel sind.
Syndikalismus = Industrialisierung – zentralistische Konkurrenzorganisationen (S = I-Z)
Dargelegt auch in „Anarcho-Syndikalismus. Einführung in die Theorie und Geschichte einer internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung“, ich 2017
Für Deutschland könnte diese Formel erst dann widerlegt werden, wenn der Anarcho-Syndikalismus es schafft, den Zentralgewerkschaften in ihren Bastionen, den Großbetrieben, flächendeckend und dauerhaft Paroli zu bieten. Historisch gelang dies in Deutschland viel zu selten und oft nur kurzzeitig. Es braucht dafür mehr als begeisternde Agitatoren, aber es wäre immerhin ein Anfang, wenn die FAU solche herausbildet. Historisch: Nach einer Rede von Rudolf Rocker traten in Sömmerda im Jahr 1919 knapp 2.000 Arbeiter des zentralverbändlerischen Deutschen Metallarbeiterverbandes in die FAUD ein. Das gleiche passierte im Jahr 1920 bei den Steinsetzern Berlins, wie es in einer Meldung im „Syndikalist“, Nr. 5/1921 hieß:
„Nachdem der Genosse Rudolf Rocker in der nächsten Versammlung einen der lehrreichsten Vorträge gehalten hatte, konnten wir einen Mitgliederbestand von über 700 Kollegen aufweisen. Wir haben somit in Berlin die absolute Majorität und gleichzeitig auch damit den Zentralverband für Berlin erledigt.“
Aber damals wie heute gilt es, dass die Neumitglieder organisatorisch auch gehalten werden müssen. Allgemein gesprochen könnte sich der Anarcho-Syndikalismus in allen Lebensbereichen für alle Altersstufen durch gegenseitige Hilfen, Verläßlichkeit und emanzipatorische Perspektiven attraktiv machen.
Zum Punkt Demobilisierung durch Privilegierung: Eine gründliche soziologische Ausarbeitung leistete Erhard Lucas, der in „Zwei Formen von Arbeiterradikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung“ zwei Industriestädte Deutschlands gegenüberstellte: Remscheid und Hamborn. In der ersten dominierten Facharbeiter, in der zweiten un- bzw. angelernte „Massenarbeiter“: Remscheid war SPD-dominiert, Hamborn in unionistischer/syndikalistischer Hand. Die FAUD hatte in Hamborn, heute ein Stadtteil von Duisburg, im Jahr 1919 kurzfristig 8.000 Mitglieder. In diesem Zusammenhang, jedoch viel mehr auf den Syndikalismus zugespitzt bzw. erweitert empfehle ich die soziologische Ausarbeitung von Hans Manfred Bock: „Anarcho-Syndikalismus in Deutschland. Eine Zwischenbilanz“(1989).
Was in diesen und anderen Analysen auch bei Marcel van der Linden oder bei Karl Heinz Roth unterschätzt oder nicht geleistet wird, ist die tiefe Auseinandersetzung mit dem reaktionären Gehalt marxistischer Ideologie und deren fatale Auswirkungen auf die Entwicklung und Ausformung der Arbeiterbewegung. Hier liefern beispielsweise Gustav Landauer („Aufruf zum Sozialismus“, 1911) und Rudolf Rocker („Absolutistische Gedankengänge im Sozialismus“, 1950) mit ihren Kritiken enorm wertvolle Beiträge. Auch hier zeigt sich, wie bedeutend die Geschichte für die heutige Bewegung ist, dass die Akteure von heute diese Klassiker überhaupt kennen lernen können. Denn nicht wenige ertüfteln aus marxistischen Klassikern heraus den emanzipatorischen Homunkulus.
Darüber, welche Auswirkungen die „Sozialpartnerschaft“ und darüber hinaus sozialdemokratische Wohlfahrtspolitik konkret auf den Anarcho-Syndikalismus hatte, gibt Evert Arvidsson am Beispiel Schwedens Auskunft in „Der freiheitliche Syndikalismus im Wohlfahrtsstaat“ (1960). Hans Jürgen Degen geht dem in Deutschland nach mit der sehr detaillierten und quellenversierten Studie „Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten“ (2002, Neuauflage 2015). Beide Bücher halte ich als Diskussionsgrundlagen für die FAU noch heute für elementar.
Aber nochmal zurück zu Erhard Lucas: Seine These vom Typus „Massenarbeiter“ als Basis syndikalistischer Organisationen hinkt gewaltig. Denn der Syndikalismus in Deutschland entsprang dem Handwerker- und Facharbeitertum, besonders in der Baubranche und in Spezialberufen. Sie waren betrieblich schwer zu ersetzen und hielten der Konkurrenz sozialdemokratischer Gewerkschaften auch durch die 1920er Jahre am ehesten Stand. Sie bildeten auch später den hartnäckigen und ideell gefestigten Kern der FAUD, während die politisch wie ideologisch indifferenten „Massenarbeiter“ die Organisation zu 10000den nach wenigen Jahren wieder verließen, um sich vom Parteikommunismus instrumentalisieren zu lassen. Das beweist, dass gesellschaftliche und makroökonomische Umstände eine Organisation zwar sprunghaft anwachsen lassen können, das von Marxisten vernachlässigte ideelle und kulturelle Fundament jedoch entscheidend ist oder mit Rudolf Rocker gesprochen:
„Man macht Tote nicht lebendig, indem man sie organisiert“.
Was die Geschichte in Übersee angeht, so fand ich die leider wenig beachtete Studie von Tim Wätzold, „Libertärer Atlantik. Unsere Heimat ist die ganze Welt. Die Entwicklung der Arbeiterbewegungen Südamerikas zur Zeit der europäischen Massenmigration als Teil der Kulturgeschichte des internationalen Proletariats“ (2015) erhellend, in der er historisch teils sehr detailliert aufzeigte, wie, wodurch und womit sich in Südamerika anarchistische und syndikalistische Kulturen gesellschaftlich ausformen konnten und schließlich politische Dimensionen annahmen. In einem weiteren Beitrag in „Syfo – Forschung & Bewegung“, Nr. 3/2013 erläuterte er den „Aufstieg und Fall einer anarchosyndikalistischen Gewerkschaft. Die Entwicklung der Casa del Obrero Mundial in der mexikanischen Revolution“. Vor 100 und mehr Jahren war der Anarcho-Syndikalismus in Mittel- und Südamerika die absolut führende Richtung in der sozialistischen Arbeiterbewegung.
Befriedungsstrategien gab es schon im Altertum: Formeln wie „Teile und herrsche“ oder „Brot und Spiele“ stammen daher. Im Sportwesen des alten Rom herrschte rund ums Kolosseum Hooliganismus. Auch im antiken Griechenland galten politische Herrschergebilde dann als stabiler, wenn größere Teile der Bevölkerung daran teilhaben konnten. Das Zauberwort dafür hieß „Methexis“.
2000 Jahre später empfehle ich zu aktuellen Befriedungsstrategien in Deutschland Michael Wilk/Bernd Sahler: „Strategische Einbindung. Von Mediationen, Schlichtungen, runden Tischen… und wie Protestbewegungen manipuliert werden. Beiträge wider die Beteiligung“. Wilk ist seit über 40 Jahren in den sozialen Bewegungen praktisch aktiv und bietet uns anhand zahlreicher Beispiele einen fulminanten Überblick und entsprechende Analysen zum Thema, die sich auch auf syndikalistisches Engagement übertragen lassen. Er ist Arzt, Anarchist und engagiert sich entsprechend in Rojava für die dortige Gesellschaft und ihre deutlich emanzipatorischen Tendenzen.
DA: Danke, da war extrem viel Spannendes dabei und schon jetzt sehe ich mein Landarbeiter:innengehalt die nächsten Monate für die Bestellung deiner Literaturhinweise draufgehen. Was du aber ein wenig ausgespart hast, ist meine Frage, wie der Anarchosyndikalismus denn besser mit Bewegungen in Ländern ohne große Industrie-Arbeiter:innenschaft Bündnisse schließen kann. Dazu passt, dass du Michael erwähnt hast. Denn beispielsweise in Nord-Ost-Syrien tat sich in meiner Zeit im Internationalen Komitee die FAU schwer damit, eine Beziehungsweise mit der Bewegung in Nord-Ost-Syrien zu entwickeln – eben weil mensch keine syndikalistischen Gewerkschaften vorfand, mit denen mensch sprechen konnte. Ähnliche Hilflosigkeiten hatten manche Anarchist:innen bspw. wenn es darum ging, in Argentinien und Chile gemeinsam mit der indigenen Mapuche-Föderation zu kämpfen. Kannst du vielleicht noch Beispiele liefern, wo dieser Schulterschluss zwischen Arbeiter:innenbewegung, Subsistenz-Bäuer:innen und Landlosenbewegung gut funktionierte?
Helge: Meine Forschungsschwerpunkte sind stark historisch angelegt und zudem auf den deutschsprachigen Raum zentriert. Hier war es für die gesamte Arbeiterbewegung durchgängig extrem schwer, Landarbeiter zu organisieren. Es funktionierte, aber definitiv im revolutionären Spanien. Es ist Wolfgang Haug zu verdanken, der vor allem die Berichte von Augustin Souchy neu herausgibt, beispielsweise aus Spanien 1936/37.
Souchy reiste die kommenden Jahrzehnte durch mehrere Kontinente. Vielleicht lohnen sich auch folgende Titel von ihm: „Lateinamerika. Zwischen Generälen, Campesinos und Revolutionären. 20 Jahre Erfahrungen und Lehren. Edition Mega“, Frankfurt/M. 1974, „Mexiko – Land der Revolutionen. Mitteilungen 1942–1976“, Berlin 2008 und „Reisen durch die Kibbuzim“, Grafenau 1984. Auch auf die oben bereits erwähnte, famose Ausarbeitung von Tim Wätzold sei hier nochmal verwiesen.
Als Historiker kann ich es schmackhaft machen, über die Zwangsjacke eines zeitlich und methodisch zu eng angelegten Anarchismusbegriffes hinauszusehen, wie ihn beispielsweise das Buch „Schwarze Flamme“ postuliert. Hat es etwa keinen Gustav Landauer gegeben? Und keine sozialistischen Gesellschaften vor Erfindung der Dampfmaschine?
Das klassische Substrat von Weltgeschichte könnte für heute hilfreich sein: ökonomisch sozialistisch, politisch föderalistisch und kulturell solidarisch, so könnten epochen- und länderübergreifend die gemeinsamen Nenner gesellschaftlicher Verfasstheiten lauten. Dazu ist eine konstruktive Offenheit und Vielseitigkeit in den strategischen Ausrichtungen hilfreich.
DA: Kommen wir zu einer sehr grundsätzlichen Frage anarchosyndikalistischer Konzeption: In allen Artikeln und Vorträgen die ich am Anfang meiner FAU-Mitgliedschaft vor nun 15 Jahren mitgenommem habe, war immer von der Doppelstruktur aus Industrieföderationen und lokalen Arbeiter:innenbörsen die Rede. Diese Börsen erschloss ich mir, aufbauend auf Artikeln des damals sehr aktiven Autoren Holger Marcks aber auch durch historische Artikel, bspw. aus dem syndikalistischen Frauenbund und durch den Kontakt zur zapatistischen und kurdischen Bewegung immer als eine kommunalistische Struktur, in der wir uns als Konsument:innen, Patient:innen, Junge und Alte, Anwohner:innen etc. zusammentun, den Umgang mit Land und Imobilien aber auch das Zusammenleben und den Selbstschutz organisieren. Um 2022 begann dann in der FAU eine größere Diskussion um die zukünftigen Strukturen in der FAU (siehe auch Steff Brenner – “Arbeiter:innenbörsen aufbauen!”) und ich gewann zunehmend den Eindruck, dass die meisten Gedanken zum kommunalistischen Anteil der anarchosyndikalistischen Bewegung lediglich in der Publikation “Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus” von 1923 wirklich konzeptionell ausgearbeitet wurden und ansonsten eher skizzenhaft und schlagwortartig blieben. Stimmt deiner Meinung nach dieser Eindruck, dass die kommunalistische Seite des Anarchosyndikalismus unterentwickelt blieb oder sind uns hier historische Diskussionsstände verloren gegangen?
Helge: Diese kommunalistische Seite betrifft weniger die Gewerkschaftsgeschichte im engen Sinne, als die vielen Aspekte der politischen, der Sozial- bzw. der Milieugeschichte, die ich oben unter den Punkten 2 (Politik) und 3 (Kultur) skizzierte. Deshalb ist uns die Forschung auch auf diesen Gebieten so wichtig.
Ein Problem in der FAU ist mit Sicherheit, dass dieses außerbetriebliche Feld bei einigen dazu herhält, sich mit unbequemen betrieblichen Fragen nicht befassen zu müssen. Bei einigen geht es eher darum, außerhalb der Lohnarbeit Inselbereiche fürs Wohlbefinden zu kreieren. So entstehen leider immer wieder überflüssige Frontstellungen und Fraktionskämpfe innerhalb der FAU. Den einen wird vorgeworfen, Nurgewerkschafter zu sein, den anderen vorgehalten, dem Anarcho-Individualismus zu frönen. Die einen landen frustriert beim DGB, die anderen sind angewidert von zu viel gefühlter Autorität. Das finde ich schade, denn es ließe sich bestimmt bessern.
Ich sehe die Lösung im Bemühen um konstruktives Denken und Verhalten der Mitglieder beider Lager. Das gibt allen die Chance, dass die kommunalistische Seite als politischer und kultureller Faktor in der Gesamtorganisation ernst genommen und durchdacht wird. Im besten Fall allerdings mehrheitlich von Mitgliedern, die auch werktätig sind und/oder im reproduktiven Sektor arbeiten. Dabei lohnt es sich beispielsweise, tiefer in die Geschichte der damaligen Syndikalistischen Frauenbünde einzusteigen, da diese alle lebenswichtigen Arbeits- und Organisationsfelder aufgriffen, einschließlich der Doppelbelastung von Frauen durch gleichzeitige Lohn- und Hausarbeit. Diese gesellschaftlichen Sphären hoben sie schließlich auf eine politische Ebene und fragten danach, wie die Syndikalistischen Frauenbünde organisatorisch gleichberechtigt mit anderen Industrieföderationen in die FAUD integriert werden könnten.
2026/2027 bringe ich dazu die Studie „Syndikalistische Frauenbünde“ heraus, in der ich versuche, Erkenntnisse aus der Historie für heute anwendbar zu machen.
Darüber, wie sich der Anarcho-Syndikalismus in Deutschland auf politischer Ebene genauer strukturieren kann, bleibt es mangels Praxis bei historischen Andeutungen. Aber auch hier lohnt sich der Blick ins Spanien von 1936, genauso wie nach Kurdistan 90 Jahre später, um zu studieren, wie freie oder annähernd freie Gesellschaften politisch verfasst waren und sind. Die Diskussionsstände sind nicht verloren gegangen.
Tatsächlich scheinen sich, wie du es andeutest, in der FAU konstruktive Köpfe historische Grundlagen zu erarbeiten und für die heutigen Anforderungen zu modifizieren. Beispielhaft dafür stehen der von dir genannte Aufruf „Arbeiterinnenbörsen ausbauen!“, aber auch die Beiträge um „Organisierte Nachbarschaften und Föderationen Hand in Hand. Analysen und praktische Konzepte für handlungsmächtige, libertäre Stadtteilarbeit!“ (2018), herausgegeben von der FAU-Dresden. Der aktuell wohl umfangreichste Versuch ist die Textsammlung „Tribüne Tsukunft Arbeiterbörsen“ (2024)
Im folgenden schlage ich außer Murray Bookchin für verschiedene Perspektiven der Annäherung an kommunalistische Aspekte weitere Literatur vor:
Fiktionale und politische Literatur kamen von Ursula Le Guin „Planet der Habenichtse“ (1974), PM: „bolo bolo“ oder Gerd Stange „Demokratie ohne Herrschaft & Das Ende der Arbeitsgesellschaft“. Die auf Deutschland bezogen modernste und gleichzeitig realistischste anarchistische Ausarbeitung lieferte in den 1980er Jahren der beliebte Anarchist und Praktiker Horst Stowasser mit dem Konzept „Projekt A“. In Anbetracht der Verbürgerlichung der Gesellschaft legte er seine Ansätze für die Umgestaltung der Gesellschaft jedoch in die Sphäre von Kleinstädten. Horst-Stowasser-Institut (Hg.): „Das Projekt A“ (2019).
Daneben gibt es in der grauen Literatur zuhauf Erfahrungsberichte zum Thema (betrieblicher) Selbstverwaltung, die meisten aus den 1970/80er Jahren, einige davon handeln von den praktischen Umsetzungsversuchen des Projekt-A. Diese gelten zwar inzwischen als größtenteils gescheitert. Aber im Bereich der heutigen Umsonstökonomie gibt es Ansätze alternativen Wirtschaftens mit vielerlei Beispielen, belegt im seit 2020 erscheinenden mehrbändigen Werk „Befreiung vom Geld und Eigentum“.
Aus der Blütezeit des Anarcho-Syndikalismus in Deutschland gab es übrigens neben den „Arbeiterbörsen des Syndikalismus“ (1923) auch den Zukunftsroman „Das letzte Gefecht“ von Emile Pataud und Emile Pouget, übersetzt von Rudolf Rocker (1930), der das Werden einer freien Gesellschaft durch den Anarcho-Syndikalismus in Frankreich illustriert und dabei diverse Impulse setzt.
Charles Fourier, ein brillanter und zugleich wenig beachteter Vordenker auch der Frauenemanzipation, erarbeitete Konzepte für ein gleichberechtigt-sozialistisches Leben in der „Phalanstère“. Das waren landwirtschaftliche Wohn- und Arbeitsgenossenschaften für genußvolles kollektives Leben. Selbst die Antike bietet Vorschläge politisch basisdemokratischer Formen, die bis heute maßgebend sind, beschrieben von Jochen Bleicken: „Die Athenische Demokratie“ (1995). Egalitäre Kulturen und gesellschaftliche Konstitutionen lassen sich bis in die Jungsteinzeit nachweisen. Sie hielten teils über 1000 Jahre an, siehe dazu David Graebers/David Wengrows „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“ (2022) oder auch Bernhard Brosius „Von Cayönü nach Catal Hüyük“ (2004).
All dies liefert uns Inspirationen aus vielen Tausend Jahren für die Zukunft.
Und heute? Die Erfahrungen der heutigen Gesellschaft in Rojava werden enorm wichtig sein. Zwar gibt es bereits viel Literatur dazu, aber die dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse müßten auch speziell aus anarcho-syndikalistischer Sicht erschlossen und studiert werden, damit hinterher nicht auf fremdintendiertes Quellenmaterial zurückgegriffen werden muß. Denn der Anarcho-Syndikalismus hat und entwickelt seine eigenen Wertschätzungen und entsprechenden Fragestellungen.
DA: Du kommst ja auch aus Bremen, wo “Solidarisch in Gröpplingen” viel Beachtung findet. Wie blickst du auf diese Ansätze von Stadtteilgewerkschaften? Wäre aus deiner Sicht eine Fusion von Stadtteilgewerkschaften und FAU ein logischer Schritt?
Helge: Die „Stadtteilgewerkschaften“ decken genau diejenigen Arbeitsfelder ab, die den Anarcho-Syndikalismus betreffen und die FAU ergänzen können. „Solidarisch in Gröpelingen“ (Bremen) macht das ziemlich seriös, zuverlässig, und wie ich es beobachte tatsächlich gewollt unabhängig von Parteipolitik, Zentralgewerkschaften, Sozialdemokratie und Kirchen. Sie organisieren sich als Betroffene antikapitalistisch selbst und stehen für Emanzipationsprozesse aus breiten Kreisen der unterdrückten Bevölkerung.
Eine Fusion halte ich jedoch für unklug, da sich Organisationsapparate eher gegenseitig ausbremsen würden und die praktische Dynamik verloren ginge. Aber mit organisatorischem Abstand sollte ein inspirierendes und schlagkräftigeres Zusammenarbeiten gut möglich sein und gegenseitige Lernprozesse ermöglichen.
Praktisch gesprochen: Eine Kneipe im Stadtteil entläßt eine Anarcho-Syndikalistin: Die Stadtteilgewerkschaft ruft zum Boykott der Kneipe auf!
Die FAU kann eine Entlassung nicht verhindern: Die Stadtteilgewerkschaft vermittelt eine neue Arbeitsstelle. Dabei kann die Registermethode zur Anwendung kommen. Dies bezeichnet ein statistisches System, in der die örtlichen Betriebe nach ihrer Qualität für Lohnabhängige katalogisiert und dementsprechend transparent gemacht und empfohlen werden. Auf politischer Ebene würden damit die Arbeitsämter ausgehebelt und die Mitglieder sind vor entsprechend repressiven Maßnahmen geschützt. Ähnliches kann für die Wohnproblematik ausgearbeitet werden, für jede Hilfsorganisation in anarcho-syndikalistischer Selbstorganisation. Optimalerweise sind die Menschen Mitglieder in beiden Organisationen, der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft und der de facto anarcho-syndikalistischen Stadtteilgewerkschaft. Letztere sind eine gute Möglichkeit, den Anarcho-Syndikalismus praktisch wie ideell in breiteren Kreisen der Arbeiterklasse bekannt zu machen. Gleichzeitig sollte die FAU versuchen, auch eigene Stadttteilstrukturen aufzubauen, um auch im und für das Milieu zu organisieren. Vielleicht lohnt ein Blick nach Magdeburg zur „Kiezkommune“:
Auch hier werden die Erfahrungen von heute die nützliche Geschichte von morgen sein.
DA: Ja, die Registermethode, proletarisches Blacklisting etc. sind tolle Methoden. Die wurden in Dresden bspw. auch großflächig beim Gastro-Organizing um 2014 angewandt, heute arbeitet die IGG damit. In Dresden bspw. auch im Sinne der Arbeiter:innenbörsen, heißt, Erwerbslose sprechen sich – über die Gewerkschaft hinaus – über freie Stellen und Konditionen ab und legen auch Untergrenzen fest, unter denen Jobs nicht angenommen werden sollen. Was ich noch nicht nachvollziehen kann ist, warum mensch Stadtteilgewerkschaften und FAU trennen sollte – und dann auch noch trotzdem selbst entsprechende Strukturen aufbauen? Es ist doch klar, dass die Branchengewerkschaften den besten Überblick über Arbeitsbedingungen in den entsprechenden Betrieben haben und auch über die fachlichen Hintergründe und den Konsument:innen entsprechend Empfehlungen geben können, welche Betriebe gestützt und welche boykottiert werden sollten. Außerdem gibt es ja noch die Möglichkeit, Kollektivbetriebe zu gründen. Wenn bspw. kein Chefbetrieb die Bedürfnisse der Nachbarschaft sinnvoll erfüllt oder militante Gewerkschafter:innen keine Jobs mehr finden, weil sie zu bekannt sind. Diese Kollektivbetriebe sollten dann aber wiederum meiner Meinung nach von den Branchengewerkschaften mit kontrolliert werden, damit es keine Individualprojekte werden oder mensch den Bedarfen der abhängig Beschäftigten bspw. durch Dumping zugegen läuft. Also warum denkst du, mensch würde sich da mehr im Weg stehen? Ich sehe eher Synergien und Bündelung von Kräften.
Helge: Ich sprach aus einer pragmatischen Sicht heraus, die ist wohl etwas kurzsichtig. Ich ging nicht davon aus, dass eine Zusammenarbeit mit bereits bestehenden Stadtteilgewerkschaften von Anfang an harmonisch werden würde, da viele politische Vorurteile bestehen. Aber auf längere Sicht kann sich sicherlich auch organisatorisch angenähert werden. Das sehe ich als einen Prozeß des offenen aufeinander Zugehens an. Eine voreilige Fusion führt meinen Erfahrungen nach zu enttäuschten Erwartungen und den entsprechenden Begleiterscheinungen. Aber im Großen gebe ich dir recht, und finde es wichtig, eine Einheit anzustreben. Wo keine Stadtteilgewerkschaften bestehen, kann die FAU dieses Feld als erste bestellen und damit günstigere Ausgangsvoraussetzungen schaffen. In punkto Kollektivbetriebe stimme ich dir zu. Die FAU könnte hier bahnbrechendes leisten, wenn sie sich von der Sozialdemokratie nicht die Butter vom Brot nehmen läßt.
DA: Ein wichtiger Teil von kommunalistischen Strukturen wäre ja die Organisation als Konsument:innen. Diese wurde u.a. vom syndikalistischen Frauenbund vorgeschlagen. Dabei hatten die Genoss:innen einerseits die gewerkschaftliche Waffe des Boykotts im Blick, andererseits aber auch die Selbstversorgung, u.a. durch gemeinsame Agrarflächen, wie auf dem Gelände der heutigen Bakuninhütte in Meiningen. Entsprechend lässt sich die Organisation von Konsument:innen gut zusammen denken mit der heutigen Diskussion um Kollektivbetriebe, in denen die FAU einen nicht unerheblichen Einfluss hat. Ein interessanter Ansatz ist dabei die “solidarische Landwirtschaft”, international bekannt als “community supported agriculture” (CSA). In diesem Konzept (siehe: Interview: Initiative Grüne Gewerke und solidarische Landwirtschaft wird die Aushandlung der Beteiligten in ihren Rollen als Produzent:innen und Konsument:innen bereits institutionalisiert. Es hat sich auch bereits ein Netzwerk gebildet, das versucht, dieses Konzept auf andere Branchen zu übertragen, das CSX-Netzwerk. Auf der anderen Seite ist die FAU bis jetzt gescheitert, Kollektivbetriebe logisch in ihre Strukturen zu integieren. Betriebskonkurrenz und damit Betriebsegoismen werden mit den bestehenden Konzepten noch nicht gebrochen und die ehemals sehr politische Genossenschaftsbewegung wurde fast vollständig in die kapitalistischen Märkte integriert – egal, ob es um Wohn-, Konsument:innen oder Produktionsgenossenschaften ging. Historisch gab es heftige Diskussionen dazu, ob die FAUD sich an der Genossenschafts- und Siedlungsbewegung beteiligen sollte. Im historischen Rückblick, was würdest du sagen, sollten wir von den historischen Vorgänger:innen lernen, um nicht zweimal die selben Fehler zu machen?
Helge: Die Genossenschaftsfrage diskutierten die Syndikalisten schon vor 1914, am heftigsten vielleicht mit Gustav Landauer. Sie behielten recht damit, dass Produktionsgenossenschaften keine revolutionären Gewerkschaften ersetzen, weil sie als sozialistische Inseln im Kapitalismus nicht bestehen können. Um gegen das feindliche Kapital bestehen zu können, müsse selber Kapital angehäuft werden. So lehnte der Reichskongress der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften 1914 die Unterstützung von Produktionsgenossenschaften ab.
Andererseits können genossenschaftliche Formen der Produktion und des Konsums gewerkschaftliche Kämpfe unterstützen. Sie geben entlassenen Kolleginnen und Kollegen Arbeit und den in Arbeitskämpfen Stehenden materielle Unterstützungen. Außerdem können sie handwerkliche Fähigkeiten vermitteln, (pädagogische) Freizeit- bzw. Urlaubsangebote bereithalten und günstigen Wohnraum schaffen. Aktuell boomen die Mietshäusersyndikate, vielleicht bald mit integrierten Arbeitsbörsen und anarcho-syndikalistischen Gewerkschaftslokalen?
Die Sozialdemokratie ist mit ähnlichen Modellen von „Volkshäusern“ einst groß geworden. Darin enthalten waren beispielsweise auch günstige Kantinen, Bibliotheken, Seminarräume, kurzzeitige Wohnunterkünfte und Bestattungseinrichtungen. Damit konnte der Anarcho-Syndikalismus nicht konkurrieren. Das größte Problem entstünde neben der Kapitalanhäufung wohl mit der Verbürokratisierung und damit Hierarchisierung der entsprechenden Projekte. Das läßt beispielsweise die Entwicklung der ehemals libertär geprägten Jugendumweltbewegung erahnen, die nicht wenige Ökokarrieristen hervorbrachte und teils in „Attac“ aufging.
Dennoch braucht der Anarcho-Syndikalismus breitflächige Angebote für Menschen in allen Lebenslagen. Konsumgenossenschaften stehen hingegen nicht im grundsätzlichen Widerspruch zum Anarcho-Syndikalismus. Sie sind eine wichtige Waffe im Boykott, können Streikende mit Lebensmitteln und Küchen direkt unterstützen und schalten den Zwischenhandel aus, was sich günstig auf die Reallöhne auswirkt. Das Lohnprinzip wird damit jedoch nicht aufgehoben.
Die Unterschiede zu den angestrebten Kollektivbetrieben habe ich mir am Beispiel der Kaffeekooperative „Cafe Libertad“ mal so erklären lassen, dass letztere zusätzlich zum Genossenschaftswesen folgendes bieten:
Eine gleiche Entlohnung ohne Hierarchien.
Gleiche Rechte und Pflichten für jedes Mitglied.
Und die Aufhebung der Aufgaben des Vorstandes durch internen Kollektivvertrag oder Vereinbarung; Beschlußfassung auf regelmäßigen Plena entweder mit Konsens- oder Mehrheitsbeschlüssen. Wie die FAU aktuell mit Kollektivbetrieben umgeht oder diese versucht zu integrieren, weiß ich nicht.
DA: An die drei letzten Fragen anschließend: Die industrielle Einhegung, die die deutsche Arbeiter:innenklasse befriedet hat, löst sich angesichts von Klimakatastrophe und Dauer-Akkumulationskrisen des Kapitalismus vielleicht schneller auf, als wir noch vor ein paar Jahren dachten. Ein Ende des Kapitalismus wird für viele wieder vorstellbar – wenn auch nicht im Guten. Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen aber auch in das kapitalistische Wirtschaftssystem ist in allen Umfragen im Keller. Profitieren können davon bis jetzt nur Faschist:innen. Eine gängige These über diesen Umstand ist, dass die linke und anarchistische Bewegung kein klares und plausibles Programm als Alternative vorlegen kann. Aus der rätekommunistischen Ecke kamen dahingehend auch in Deutschland Impulse: Der Film “Der laute Frühling”, das Buch “Handbuch für Unerschrockene” von Johanna Schellhagen und die Initiative für demokratische Arbeitszeitrechnung wären zu nennen. Aus meiner Sicht bräuchte es aber v.a. revolutionäre Branchengewerkschaften die die Umstellung ihrer Bereiche auf eine zukunftsfähige Produktionsweise diskutieren und voran treiben. Das ist auch ein Ansatz der recht erfolgreichen Initiative Grüne Gewerke. Was haben die historischen Erfahrungen in dieser Hinsicht zu bieten?
Helge: Beispielsweise gab es in Paris vor 100 Jahren anarcho-syndikalistische Anlaufstellen für ausländische Arbeiter. Diese bildeten Sprachsektionen und gaben dort schließlich eigene Zeitungen in den jeweiligen Sprachen heraus. Zeitsprung: Wenn die FAU heute rumänische Saisonarbeiter unterstützt, reisen die wieder heim, vereinzeln und werden nächstes Jahr auf einen anderen Arbeitsplatz geschmissen. Wie wäre es, wenn es in Rumänien anarcho-syndikalistische „Konsulate“ als Anlaufstellen gäbe, um die Organisation und die gewerkschaftliche Bewußtwerdung der Saisonarbeiter voranzubringen. Optimal werden die Arbeitskräfte gleich dort vermittelt, um hier kontinuierlicher unterstützt zu werden. Der national und auf weitgehend qualifizierte Berufe beschränkte DGB wird kein Interesse an ihnen haben. Der FAU böte sich hingegen die Möglichkeit eines festeren internationalen Zusammenschlusses, vielleicht angestoßen durch die IGG?
DA: Hier kann ich zumindest berichten, dass wir mit Kolleg:innen aus Arbeitskämpfen wie um die “Mall of shame” und dem Streik in Bornheim weiter in Austausch stehen und sich aus solchen Kämpfen zumindest Chatgruppen entwickeln, mit denen Wanderarbeiter:innen und wir in Verbindung bleiben. Noch keine Zeitung und kein Konsulat aber immerhin. Aber ja, in die Richtung wird es gehen müssen.
Wer die eigenen Klassiker nicht kennt, weiß natürlich nicht, dass der Anarcho-Syndikalismus theoretisch über möglichst ausgefeilte Modelle gesellschaftlicher Selbstverwaltung verfügt. Sie haben dort eine lange Tradition und reichen bis in die Zeit der Ersten Internationale der 1870/80er Jahre zurück. Wer die eigenen Klassiker nicht kennt, glaubt möglicherweise den bornierten marxistischen Behauptungen, dass der Anarcho-Syndikalismus theorielos sei. Das ist natürlich falsch. Der Witz dabei ist, dass marxistische Theorie nach Eroberung der politischen Macht selber nichts anderes hervorbrachte als Diktaturen. Die schlimmsten von ihnen in der UDSSR oder in China fruchteten nicht auf anarcho-syndikalistischem Fundament. Auch in Kuba warten wir seit Jahrzehnten gespannt darauf, wie dieser sozialistische Staat zugunsten einer kommunistischen Gesellschaft nach marxistischer Annahme „absterben“ wird. Zurück zum Konstruktiven:
Das konstituierende Element im Anarcho-Syndikalismus ist die Idee der „Studienkommissionen“ innerhalb der Arbeitsbörsen: Die anarcho-syndikalistischen Betriebsgruppen jeder Branche erarbeiten, ausgehend vom Studium der momentanen Produktionsverhältnisse im Kapitalismus, möglichst konkrete Vorstellungen davon, auf welche Weisen der Betrieb in einer freien Gesellschaft kollektiv weitergeführt werden kann. Das wäre schon heute als Dauer-AG von Betriebsgruppen auf den FAU-Bundeskongressen denkbar, vielleicht zunächst in den Bereichen Landwirtschaft, IT und Pflege.
Hier sehe ich die Vorteile bzw. die Unabdingbarkeit des Anarcho-Syndikalismus für die konstruktiven Revolutionsprozesse. Wer sich dieser praktischen Aufgabe nicht annimmt, läuft Gefahr, Luftschlösser zu bauen. Eine Zusammenarbeit solcher Studienkommissionen mit Experten für Makroökonomie, wie der Initiative für demokratische Arbeitszeitrechnung könnte mittelfristig und zumindest regional Perspektiven für eine bedürfnisorientierte Planwirtschaft in einer föderalistischen, sozialistischen Ökonomie entwickeln. Hier können auch die Erfahrungen aus der Solidarischen Landwirtschaft einfließen.
Insgesamt jedoch braucht der Anarcho-Syndikalismus mehr Fachleute für Ökonomie. Dazu kämen innerhalb von Arbeitsbörsenstrukturen Organisationen für Reproduktions- und Kulturaufgaben, das, was damals die Syndikalistischen Frauenbünde versuchten politisch zu koordinieren. Geschlechtsübergreifend als AG-Idee für jeden Bundeskongreß: Fragen der Erziehung und Versorgung von Kindern, von Pflegebedürftigen, dazu Organisation des Konsum- und Freizeitbereiches. Und immer wieder die Frage: Wie kommen Familien, Erziehungsgemeinschaften und Alleinerziehende zur FAU und bleiben dort?
Für die modifizierte Zukunft des Anarcho-Syndikalismus kenne ich keine bessere historisch-theoretische Grundlage als das Konzept der „Arbeitsbörsen des Syndikalismus“.
DA: Aktuell bildet sich in der FAU wieder eine Jugendorganisation, die FAJ, auch inspiriert von recht erfolgsversprechenden Entwicklungen in der FAU Schweiz. Du hast dem Thema anarchosyndikalistischer Jugendstrukturen ein dickes Grundlagenwerk gewidmet und auch einige Interviews mit der letzten Welle anarchosyndikalistischer Jugendbewegung um 2009 geführt, der jedoch keine Kontinuität vergönnt war. Was würdest du der heutigen FAJ als Tipp mit auf den Weg geben?
Helge: Die damalige ASJ von 2009 hat lediglich als Organisation aufgehört zu existieren, aber heutigen Aktiven personelles wie kulturelles Erbe hinterlassen. Denn genauso wie aus der ASJ-Stuttgart von 1993 sind viele Jugendliche von damals der Bewegung heute erhalten geblieben und inzwischen als erfahrene Genossinnen und Genossen sehr wichtig für die FAU.
Schon 2009 hatte die ASJ-Berlin einen sehr großen Anteil an den Aktionen um den Arbeitskampf der FAU bei Kino Babylon, der ja als Startsignal des großen Aufschwungs der FAU gilt, die sich mehr als verzehnfachte. Der ASJ kommt eine besondere Rolle zu in der nachhaltigen Sozialisierung und Politisierung kommender Leistungsträger. Die damaligen Jugendorganisationen waren organisatorisch selbständig und unabhängig von der FAU. Der jetzige Versuch einer neuen Generation ist innerhalb der FAU-Strukturen angesiedelt. Ob das von Vorteil oder von Nachteil sein wird, können wir dann in ein paar Jahren feststellen. Wichtig ist, diese Erfahrungen zu dokumentieren, um vergleichend daraus zu lernen. Geschichtsschreibung beginnt heute.
2011 versuchte ich, die Generationen aus 100 Jahren anarcho-syndikalistischer Jugendbewegung zu verbinden und lebendig werden zu lassen im Buch „Kein Befehlen, kein Gehorchen! Die Geschichte der syndikalistisch-anarchistischen Jugend in Deutschland seit 1918“ (2011). Darin sind auch drei Interviews mit damaligen ASJ-Gruppen aus Berlin, Bonn und Mainz enthalten, die ich mit den möglichen Lehren aus der Vergangenheit konfrontierte und somit versuchte, sie in eine identitätsfördernde Traditionslinie zu stellen.
Du fragtest nach einem Tipp für die Jugend: Strategisches, konstruktives und perspektivisches Denken. Dem Gegner immer zwei Schritte voraus sein, wie beim Schach.
DA: Heute sieht es so aus, als müsste die heutige FAU bald wieder unter den Bedingungen eines politischen Faschismus überleben. Vielleicht schon, wenn nächstes Jahr die rechten Teile der CDU sich an einer Minderheitsregierung unter Duldung durch die AfD versuchen. Spätestens aber wohl, wenn durch immer neue Kriege, Unbewohnbarkeit weiter Erdteile und durch die Klimakatastrophe verursachte Hungersnöte ungeahnten Ausmaßes der Migrationsdruck immer weiter steigt und Europa noch heftiger als bisher seinen relativen Wohlstand durch Leichenberge an den Außengrenzen und immer totalere Überwachung verteidigen muss. Aus den historischen Erfahrungen: Wie geht mensch als eine Bewegung, die versucht, offen und niedrigschwellig zu sein, damit um? Was waren die Faktoren, die es ermöglichten, dass viele FAUD-Mitglieder ihren Widerstand bis 1945 durchhielten und was waren die Faktoren, die dazu führten, dass die Gesamtstrukturen wesentlich früher zusammen brachen? Was lässt sich vielleicht auch aus der Zeit der Illegalität von 1914-1918 lernen, in der bereits die Vorgängerorganisation der FAUD, die FVdG, bestand und 1919 sogar sprunghaft wachsen konnte. Und mit Hinblick darauf, dass es viele Anarchosyndikalist:innen gab, die nach 1933 versuchten, im Exil eine neue Heimat, aber auch ein politisch-gewerkschaftliches Aktivitätsfeld zu finden: Was sind die Faktoren für ein erfolgreiches Exil und wann hatte es sich historisch bewährt, den Kampfplatz zu räumen und wann war das Bleiben politisch und gesellschaftlich die bessere Wahl?
Helge: Leider konnte die FVdG von 1914 bis 1918 nicht anwachsen, aber wie sie sich organisierte, politisch orientierte und dass sie sogar in dieser repressiven Zeit an Streiks beteiligt war, beschrieb ich samt Vorgeschichte in „Syndikalismus in Deutschland 1914-1918“, erschienen 2013 im Verlag Edition AV.
Wesentliche Faktoren, warum die FAUD weit vor 1933 handlungsunfähig wurde, beschrieb ich in „Konflikte und Niederlagen des Syndikalismus“ (2022), aber auch in einigen regionalen Studien, am ausführlichsten vielleicht in „Zwischen Hafenarbeit und Sexualhygiene. Anarcho-Syndikalismus an der Unterweser 1919 bis 1933“ (2024). Die Bedingungen, Möglichkeiten und Aktionen des Anarcho-Syndikalismus im Hitlerfaschismus samt Ausgangssituation vor 1933 trug ich zusammen in „Anarcho-Syndikalismus in Deutschland 1933-1945“ (2023); in Verbindung mit konkretem Widerstand der frühen 1930er Jahre in „Schwarze Scharen. Anarcho-Syndikalistische Arbeiterwehr (1929-1933)“ (2011).
Wer es kürzer mag, in den folgenden Interviews hatte ich einiges zusammengefasst: Interview zu 100 Jahre FAU und ausführlicher in einem Interview mit DC auf libcom.
Die Frage nach Bleiben oder Exil stellt sich meistens individuell. Im Nazifaschismus wurde der anarcho-syndikalistische Widerstand 1935/36 nahezu komplett zerschlagen. Nur eine Gruppe der FAUD in Kassel hielt bis 1942 aus, von ihnen überlebten die wenigsten. Die wesentlichen kollektiven Handlungen bestanden im Sammeln von Solidaritätsgeldern für Inhaftierte und deren Angehörige, in der Organisierung von Fluchtwegen mit entsprechenden Schleusungspunkten, im Aufbau von Auslandsorganisationen, im Schmuggel von Nachrichten und Zeitungen ins und aus dem Land, der Herstellung illegaler Zeitungen und in allgemeinen Zusammenkünften zum Informationsaustausch, zur Bildung und zur Festigung des Zusammenhaltes – nach außen dargestellt als unpolitische Treffen. Zwar haben sich die Ausgangsbedingungen stark geändert, aber im Kern zählt der Solidaritätsgedanke.
Für ein möglichst bekömmliches Exil gibt es erfahrungsgemäß folgende Eckpunkte:
- Beste Fremdsprachen- und Übersetzungskenntnisse,
- gute Gesundheit,
- lange, erprobte Auslandskontakte,
- Menschenkenntnis,
- Organisationsvermögen,
- handwerkliche Fähigkeiten,
- journalistische Fähigkeiten,
- klassische Bildung,
- Verantwortungsbewußtsein,
- soziale Kompetenzen,
- Abstinenz von Alkohol, Zigaretten, Drogen,
- höhere Bargeldbeträge,
- Sparsamkeit und Vorsicht
- keine Kinderversorgung,
- generelle perspektivische Weitsicht und
- strategisches Bewußtsein bei gleichzeitiger Improvisationskunst und entsprechender Flexibilität.
Dazu kommt, sich bereits in vordiktatorischen Zeiten mit Exilmöglichkeiten vertraut zu machen und ggf. das Land entsprechend vorher zu verlassen. Nicht wenige Genossinnen und Genossen der FAUD exilierten bereits 1932, so Helmut Rüdiger oder Etta Federn. Während Rüdiger ein halbes Dutzend Fremdsprachen beherrschte, lernte Etta Federn die spanische Sprache innerhalb weniger Wochen. Historische Impressionen gibt es hier und aus speziell femininer Sicht hier.
Auch wenn im Inland Widerstand kaum möglich erscheint, so sind zumindest Originalberichte und Dokumente aus der Diktatur und deren Auswirkungen international und natürlich für die kommende Geschichtsschreibung und Analyse für die Zeit nach der Diktatur von immenser Bedeutung. Tipps fürs Inland in einer Diktatur sind ähnlich wie fürs Exil, aber besonders diese hier: Strategisches, konstruktives und perspektivisches Denken. Dem Gegner immer zwei Schritte voraus sein, wie beim Schach.
Eine Empfehlung zur Vorbereitung ist die stets neue Auflage des Buches „Durch die Wüste“.
Viele arme Proletarier und kinderreiche Familien hatten damals nicht die Wahl, sie mußten bleiben. Auch im Alter und mit (chronischen) Erkrankungen wird es nicht leichter.
Vielleicht bringt ein kommender Faschismus ohne Hakenkreuze jedoch viel mehr Eigenschaften, die wir eher aus der Zeit der Sozialistengesetze kennen. Auch hier gibt es ein vielseitiges Reservoir an Erfahrungen. Zu den Bedingungen der revolutionären Arbeiterbewegung unter den „Sozialistengesetzen“ (1878-1890) las ich bislang gerne Horst Karaseks „Belagerungszustand! Reformisten und Radikale unter dem Sozialistengesetz 1878 – 1890“ (1978). Aber auch manch alte Broschüre der FVdG behandelt diese Zeit aus emanzipatorischer Sicht. Die große Studie dazu aus anarcho-syndikalistischer Sicht steht allerdings noch aus.
Aber wann und wo beginnt Diktatur? Ist es nicht schon Diktatur, wenn die FAU zwar nicht verboten und zerschlagen, aber auf ökonomischem Gebiet durch das herrschende „Recht“ gewerkschaftlich entmachtet wird, wie durch die Entscheidung des Reichsarbeitsgerichts 1930 gegenüber der FAUD? Hierzu empfehle ich: Fritz Linow: „Wer die Macht hat, hat das Recht!“. Gewerkschaftsbewegung und Arbeitsrecht (Moers, Syndikat-A, o.J.)
Zum „Tarifrecht“ und den Auswirkungen des Betriebsrätegesetzes siehe: FAU-Bremen: Syndikalismus – Geschichte und Perspektiven (inklusive Ergänzungsband).
Die Anarcho-Syndikalisten definierten Faschismus einst so, wie es uns das Bürgertum bestimmt nicht beibringt, nämlich zuvorderst nach dem Grad der Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die Kapitalistenklasse oder: Je weniger sich Gewerkschaften entfalten können, desto mehr Faschismus herrscht in einem Land. Was diesbezüglich auf die FAU zukommen kann, inklusive gegnerischer Zentralgewerkschaften, deutete ich in der Gewerkschaftszeitung der FAU-Schweiz, „die schwarzi chatz“ (Nr. 73/Frühjahr 2025) kurz an.
Ich denke, die stärkste Waffe der FAUD lag in einem umfangreichen internationalen Korrespondentennetzwerk, auf einem Niveau, das der Anarcho-Syndikalismus in Deutschland nach den 1950er Jahren nicht mehr erreichte. Was die Erfahrungen aus den Jahrhunderten außerdem aufzeigen: Nach einer Diktatur ging es stets darum, möglichst schnell und fundiert aus den Startlöchern zu kommen. Historisch siehe dazu das brillante Alterswerk von Rudolf Rocker:
„Zur Betrachtung der Lage in Deutschland. Die Möglichkeiten einer anarchistischen und syndikalistischen Bewegung“, New York 1947.
Es soll hier aber insgesamt nicht der Eindruck entstehen, als seien keine 90 Jahre vergangen. Man stelle sich nur einmal vor, Hitler hätte die technischen Möglichkeiten von heute gehabt.
DA: Danke, dass du dir diese vielen, umfassenden Fragen hast gefallen lassen. Eigentlich bringst du ja fast jedes Jahr ein Buch raus. 2025 waren das ein Buch zu 500 Jahren Bauernaufstand und Thomas Müntzer und ein Buch zu Frauen im deutschen Anarchosyndikalismus anhand von 28 Biografien. Dieses Jahr hast du schon ein Buch mit Stimmen aus der spanischen Revolution heraus gebracht. Woran arbeitest du gerade? Und freust du dich eigentlich über Vortragseinladungen oder stressen die dich eher?
Das Buch „Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus“ mit den 28 Biographien ist der erste Band in der Reihe „Anarcho-Syndikalistinnen“. Wenn es gut läuft, erscheint 2026 der zweite Band, die Studie „Syndikalistische Frauenbünde“ und 2027 eine Textsammlung von Milly Witkop-Rocker.
In einem Sammelband von Maurice Schuhmann erscheint ein Fachaufsatz zu „Anarcho-Syndikalistische Sexualpolitik“ und außerdem schreibe ich einige Artikel im von Thomas Friedrich herausgegebenen „Handbuch Anarchismus“ (Springer-Wissenschaftsverlag – nicht Axel Springer!). Dafür werden übrigens noch Beiträge gesucht. Eine gute Chance für die FAU, denn die Artikel stehen im Google-Ranking sehr weit oben, oftmals gleich hinter Wikipedia.
Desweiteren dürft ihr euch auf die neue Ausgabe der „Kampfgeister“ freuen, die Mitteilungen des Instituts für Syndikalismusforschung, sowie auf ein Quiz zu 50 Jahren FAU.
Über Einladungen zu Vorträgen freue ich mich sehr. Am meisten referiere ich zur Zeit über „Anarcho-Syndikalismus. Skizzen der Transformation“, „Anarcho-Syndikalistinnen“, „Schwarze Scharen. Anarcho-Syndikalistische Arbeiterwehr 1929-1933“ oder auch ganz allgemein über Anarchismus und Syndikalismus. Dazu kommt „Anarcho-Syndikalismus und Bauernkriege“, im klassischen Gehalt aktueller als es klingt.
DA: Gibt es noch einen wichtigen Aspekt, der dir in diesem Interview gefehlt hat und den du gerne loswerden willst?
Helge: Ich lese gerade die Memoiren von Rudolf Rocker. Die gibt es online und gratis im Internationalen Institut für Sozialgeschichte, als Maschinenschrift in angenehmen Satz. Was ich zu sagen habe, ist nichts im Vergleich zu dieser überaus lehrreichen und spannenden Lektüre. Schaut gerne rein: IISG, Rudolf Rocker Papers, die Nr. 257, über die Berliner Zeit von 1919 bis 1933 hier.
Und seit einigen Monaten schaue ich wieder sehr gerne auf die Webpräsenz der „Direkten Aktion“ und freue mich über die vielen spannenden, lehrreichen und sympathischen Artikel.
Ich wünsche, dass die FAU nicht zum Herzschrittmacher des DGB wird und ihm zuarbeitet, weder finanziell, noch in der Nachwuchsarbeit. Auch sollte er die Zentralgewerkschaften nicht „vor sich hertreiben“, um diese damit erneut attraktiv zu machen, sondern daran gehen, diese zu ersetzen.








