Im Online-Magazin Communaut erschien Ende März ein Text von Heide Lutosch zu blinden Flecken und seltsamen Annahmen der aktuellen linken Planungsdebatten, wenn es um Pflege- und Sorgearbeit geht. Diese Planungsdebatten drehen sich um die Frage, wie eine alternative Wirtschafts- und Gesellschaftsform jenseits des Kapitalismus, oft jenseits jedweder Tauschwertlogik, aussehen könnte. Das Thema ist für Heide nicht neu, wie auch ihre Publikationen oder Auftritte bei Podcasts wie Future Histories zeigen. Der aktuelle Text im „Communaut“ wurde angesichts einer Tagung in Jena geschrieben. Er formuliert einige Fragen zur konkreten Organisation und Transformation von Carearbeit, bei denen der syndikalistische Werkzeugkasten vielleicht manches Fragezeichen auflösen kann. Dieser Text will also auf die Arbeiten von Heide und die feministische Dimension der Planungs-Debatte einerseits, auf schon vorhandene aber oft vergessene syndikalistische Konzepte andererseits hinweisen.
Fragen aus dem Communaut
Die Thematik führt Heide im Communaut plastisch mit den eigenen Erfahrungen als Patient:in in einer Parkinson-Klinik ein, bevor es an eine Kurzdarstellung der neueren linken Planungsdebatten geht, die neben den weniger beachteten, syndikalistischen Ansätzen wie sie bspw. hier in der „Direkten Aktion“ formuliert werden¹, aktuell v.a. unter Rätekommunist:innen, im Umfeld der Linkspartei, bei Großevents wie der Vergesellschaftungskonferenz und anderswo geführt werden. Gemein ist den Debatten zumeist dabei, dass sie nicht auf Basis vorhandener Basisorganisierung geführt werden und vorhandene Experimente mit basisdemokratischer Wirtschaftsplanung wenig beachten.² Heide Lutosch stellt vier zentrale Schlüsselfragen dieser Planungsdebatte heraus, die für unsere Beschäftigung hier ein gutes Schema bilden:
1. Die Informationsfrage: Wie werden die Informationen über die gesellschaftlich notwendige Arbeit erhoben, vermittelt und verarbeitet.
2. Die Motivationsfrage: Was motiviert Menschen in einer Gesellschaft ohne Arbeitszwang dazu, die gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten auch zu verrichten?
3. Die Entscheidungsfrage: Wer trifft welche Entscheidungen, wie werden Konflikte und Interessensgegensätze vermittelt?
4. Die Transformationsfrage: Wie kommen von der heutigen gesellschaftlichen Situation zu den Strukturen, die wir für eine transformierte Wirtschaft als sinnvoll erachten?
Bezogen auf den Teil der sogenannten „reproduktiven Tätigkeiten“, also jenen Tätigkeiten, die in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht unmittelbar der Produktion von Mehrwert dienen sondern eben die Arbeitskraft oder die Arbeitsgesellschaft reproduzieren, stellt Heide erst einmal fest, dass diese in einer Bedarfs- (und eben nicht profitorientierten) Wirtschaft eigentlich ihre „Abgespaltenheit“ verlieren sollten – da es ja nun um die Gesamtheit der gesellschaftlichen Bedürfnisse gehe. Entsprechend wäre die Pflege der Alten eine Tätigkeit, die ebenso wie die Entwicklung von Software oder das Backen von Brot zu verteilen wäre. Mit der Überwindung der Profitwirtschaft sollte es eigentlich keinen wirtschaftlichen Anreiz geben, die eine Arbeit der anderen vorzuziehen. Entsprechend warnt Heide v.a. davor, diese kapitalistischen Missstände der geschlechtlichen Zuschreibung von Sorgearbeit „ohne Not“ in eine befreitere Gesellschaftsform „mitzuschleifen“.
Heide warnt, wieder zurückkommend auf die selbst erlebten Missstände in einer Parkinson-Klinik, anderenorts anhand der Schwierigkeiten einer kollektivierten Kinderbetreuung und Erziehung eindringlich davor, Institutionen und Rollen – sei es im Krankenhaus oder auch in der Kleinfamilie – einfach so zu belassen wie sie sind, statt sie radikal in Frage zu stellen und neu zu verhandeln. Sie formuliert dabei die konkrete Befürchtung, dass sich dann bspw. für eine:n Parkinson-Patient:in an der unzureichenden und schmerzhaften Behandlung vielleicht gar nichts ändern würde. Diese Befürchtung wird für Heide um so konkreter, als sie sich in keinen Illusionen darüber verliert, dass gesellschaftliche Transformationen heute überhaupt nur noch vor dem Hintergrund katastrophaler klimatischer und geopolitischer Entwicklungen und den daraus resultierenden Herausforderungen denkbar sind und dass die bürgerliche Ideologie vielleicht in keinem Bereich so tief verwurzelt ist wie in der, oft auch unter radikalen Linken als unpolitische Privatsache verhandelten, Carearbeit.
Teil dieser Neuverhandlung ist für Heide – und da trifft sie den Kern vieler anarchosyndikalistischer Ansätze – neu zu bewerten wer in so einer Planung eigentlich Expert:innen-Status hat. Denn laut Heide sind das Patent:innen und Pflegepersonal mindestens ebenso wie die Ärzt:innen. Nur mit der gemeinsamen Expertise der verschiedenen Rollen ließen sich befriedigende und v.a. wirklich bedürfnisorientierte Ansätze für eine Neuorganisation der entsprechenden Carearbeit entwickeln.
Heides Beitrag endet, wie leider die meisten linken Zukunftsdebatten in Deutschland, dort wo es gerade spannend wird: Bei dieser Analyse der grundsätzlichen Herausforderungen und einigen wenigen Gedanken zu eher losen Formaten um an diesen Fragen anzusetzen.
Kurzdarstellung Anarchosyndikalismus und die Planungsdebatte
Die Fragen vor denen Heide steht, sind für unsere Gewerkschaftsbewegung keinesfalls neu, auch wenn die weitergehenden konzeptionellen Ideen unserer Bewegung aufgrund unserer geringen Größe in den letzten Jahren keine übermäßige Aufmerksamkeit erfuhren. Für den Anarchosyndikalismus war schon immer klar, dass wir als Mitglieder einer arbeitsteiligen Gesellschaft auch in einer Bedarfswirtschaft verschiedene Rollen einnehmen und in diesen verschiedenen Rollen auch verschiedene, teilweise widerstreitende Interessen gesellschaftlich abwägen müssen. Auch in einer basisdemokratischen Bedarfswirtschaft werden wir unfrei und vollends abhängig zur Welt gebracht, haben wir als Kinder andere Interessen als die Erwachsenen und werden wieder andere Interessen haben, wenn wir im Alter langsam wieder unselbstständiger werden. Aber auch als Konsument:innen, Anwohner:innen oder Produzent:innen haben wir unterschiedliche Interessen. Als Konsument wünsche ich mir vielleicht ein Produktniveau, dass ich in meiner Rolle als Produzent aber vielleicht nicht erarbeiten will. Als Produzent finde ich vielleicht Sinnstiftung in meinen Produkten, so wie ich sie mit meinem Kollektiv herstelle, arbeite aber vielleicht an den Wünschen der Konsument:innen vorbei – mal vielleicht in der konkreten Ausgestaltung der produzierten Güter, mal vielleicht auch in der Priorisierung, die ich meinem Produktionsbereich zumesse. Als Anwohner:in habe ich vielleicht noch eine weitere, widerstreitende Meinung weil ich vielleicht die Produktion bestimmter Güter an sich gut heiße, nicht aber die konkreten räumlichen Aspekte der Produktion (Standort, Lärm, Umweltfolgen).
Der Anarchosyndikalismus versucht also von den konkreten menschlichen Bedürfnissen und damit Rollen auf mögliche gesellschaftliche Institutionen zu schließen. Dieses Konzept, gesellschaftliche Strukturen anhand von Rollen aufzubauen, ist dabei keine reine intellektuelle Kopfgeburt sondern durchaus auch eine Beobachtung, die sich auch als Ableitung bestehender, weitgehend herrschaftsfreier gesellschaftlicher Arrangements treffen lässt.³
Ich umreiße hier also noch mal kurz das anarcho-syndikalistische⁴ Konzept für den strukturierten Auf- und Ausbau revolutionärer Institutionen, um dann zu sehen, inwieweit sie Antworten auf die oben formulierten, vier zentralen Fragen der Planungsdebatte, auch aus einer feministischen Sichtweise, liefern.
Anarchosyndikalistische Strukturen verfolgen den Aufbau verschiedener Organisationstypen. Ausgangspunkte sind dabei die Bedürfnisse der Lohnabhängigen, die sich anarchosyndikalistisch organisieren, und die potentiellen Machthebel, die gemeinschaftlich gefunden werden um Missstände abzuschwächen oder ganz zu beseitigen. Der mögliche Aufbau von Gegenmacht und alltägliche Widrigkeiten treffen besonders oft im Betrieb zusammen. Und auch für die gemeinsame Vision einer selbstverwalteten Bedarfswirtschaft ist die Organisation entlang von Branchen unerlässlich. Anarchosyndikalist:innen verbinden also klassische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit mit einer Repolitisierung ihrer Branchen, bei der die Arbeiter:innen gemeinsam darüber sprechen, wie ihr entsprechender Wirtschaftszweig umgestaltet werden müsste, damit er den gesellschaftlichen und ökologischen Erfordernissen dient. Beispiele für eine solche Branchenorganisierung in der FAU sind aktuell die Brancheninitiative IT (BIT) und die Initiative Grüne Gewerke (IGG).
Neben unserer Rolle als Arbeiter:innen in bestimmten Betrieben haben wir aber eben, wie oben dargestellt, viele andere Rollen, aus denen sich Bedürfnisse und eben auch Organisationsbedarfe ergeben. Und auch wenn wir in diesen Bereichen keine betriebliche Streikmacht haben, so heißt dies nicht, dass wir keine kollektiven Hebel finden können: So gibt es beispielsweise in der FAU lokale wie auch bundesweite Erwerblosenstrukturen, auch wenn sich daraus bis jetzt noch keine eigenständige Organisation gebildet hat. Lokal organisieren diese Initiativen oft Wissensaustausch zum jeweiligen Jobcenter und einzelnen Sachbearbeiter:innen aber auch Aktionen oder finanzielle Instrumente um die Macht der Jobcenter zu brechen.⁵ Auch die kollektive Berufsberatung, Vermittlung oder Schaffung von Jobs können (in Verbindung mit Branchenorganisationen und Kollektivbetriebsstrukturen) in diesem Bereich kollektive Handlungsmöglichkeiten darstellen. Bundesweite Strukturen könnten sich entsprechend mehr mit der Abwehr bundesweiter Gesetzesänderungen beschäftigen. Ein weiteres Beispiel für Sozialorganisation ist die Schüler:innensektion „Schwarze Rose“ der FAU Dresden. In dieser organisieren sich Schüler:innen potentiell eben nicht nur gegen die Widrigkeiten in der Schule an sich sondern eben auch als eigenständige Schutzstruktur für Konflikte gegenüber Lehrer:innen oder Elternteilen, die ja durchaus auch Mitglieder der FAU sein können und zuweilen sind. Hier wird deutlich, dass es bei den verschiedenen syndikalistischen Organisationen eben nicht nur um eine Verteidigung gegen den kapitalistischen Normalzustand geht, sondern auch um die Bildung sozialer Institutionen, die es ermöglichen rollenbasierte Interessenskonflikte innerhalb selbstverwalteter Gesellschaftteile konstruktiv zu verhandeln. Soziale Organisationen wäre u.a. in den Bereichen Miete und Wohnen, Stadtteil- und Dorforganisierung, Rolle als Konsument:in, Rente usw. denkbar.
Während in heute betrieblich organisierten Sphären Lieferketten und bundesweite Rahmenbedingungen oft auch den schnellen Aufbau bundesweiter Branchenstrukturen notwendig machen, sind andere soziale Rollen, gerade in der reproduktiven Sphäre, schwerpunktmäßig lokal organisiert. Daraus ergibt sich ein Doppelmodell der sogenannten Börsen oder Lokalföderationen als Gesamteinheit aller anarchosyndikalistischen Strukturen an einem Ort oder einer Region (ähnlich den kommunalistischen Konzepten bspw. in Nord-Ost-Syrien) und den stärker bundesweit ausgerichteten Branchenstrukturen für die einzelnen Sektion. Hier noch einmal in zwei Grafiken dargestellt:
Branchen- und Sozialorganisationen und ihr Aufbau von lokalen bis zu regionalen, bundesweiten und Internationalen Föderationen
Versuch einer schematischen Darstellung des aktuell in der FAU stattfindenden Aufbaus
Wie gesagt, aktuell ist die FAU so klein, dass wir die großen utopischen Diskussionen oft zu Gunsten der täglichen, kleinteiligen Arbeiten im Strukturaufbau hinten an stellen müssen. Ob das immer klug ist, steht auf einem anderen Blatt. Unser historisches Konzept sah jedenfalls vor, dass die Lokalföderationen oder eben Arbeiter:innenbörsen, also die lokale Föderation aller anarchosyndikalistischen Strukturen am Ort, sogenannte statistische Büros bilden. Diese Institutionen sollten fortwährend Quellen über die Bedarfe in der jeweiligen Region sammeln und auswerten. Die Branchenorganisationen sollten die selbe Arbeit aus Sicht der Produktionsinstanzen übernehmen. Daraus sollten generelle Notfallpläne für Generalstreiks oder Revolten abgeleitet werden um in einen solchen Moment die Produktion sofort übernehmen und so weit als möglich umstellen zu können. Eine Skizze für einen solchen Notfallplan wurde für Deutschland 1923 erstellt.⁶ Die Revolution als Reaktion auf den rechten Putsch 1936 in Spanien durch unsere Schwesterngewerkschaft CNT wurde durch genau diese Konzepte mit ermöglicht.⁷
Aktuell formuliert die Branchensektion IGG in jedem Fall den Anspruch an diese Planungs- und Transformationsdebatten als Branchensektion anzuknüpfen, wenn ein gewisser Organisationsgrad und damit eine gewisse Breite an Blickwinkeln und Fachwissen erreicht ist. Schon jetzt arbeitet die IGG an Handreichungen für Konsument:innen und ist darum bemüht, die gewerkschaftlich organisierten SoLaWi-Mitglieder miteinander ins Gespräch zu bringen. In Dresden, wo in der FAU teilweise sogenannte Basisgruppen nach Stadtteilen und Landkreisen entstanden sind, versuchen aktuell einige Mitglieder Branchenstrukturen, Kollektivbetriebe, Konsument:innen- und Stadtteilorganisation miteinander zusammen zu denken. Die entsprechenden Mitglieder planen eine Kollektivbetriebs-SoLaWi aufzubauen. Als Basis von Konsument:innen würden sie gern möglichst sämtliche FAU-Mitglieder am Ort gewinnen. Die lokalen Basisgruppen sollen dabei, so der Vorschlag, die Distribution in lokalen Depots organisieren. Diese Depots könnten dann gleich mit anderen Bedürfnissen zusammen gedacht werden, bspw. dem Import kollektiv produzierter Güter (der für Einzelmitglieder oft zu aufwändig ist), wie Reinigungsmitteln von vio.me oder zapatistischen Kaffee aber auch für die kollektive Bevorratung für Lieferkettenunterbrechungen und andere Krisen. Die Hoffnung ist, das daraus eine Dynamik entstehen könnte, bei der immer mehr syndikalistische Puzzleteile wie bspw. die Kollektivierung von Koch- und Sorgearbeiten, die Gründung weiterer Kollektivbetriebe, der Ausbau dezidierter Stadtteilorganisationen in Verbindung mit dem weiteren Auf- und Ausbau von Branchenorganisationen in Gang kommen könnte.
Dass die kollektive(re) Organisation von Reproduktionsarbeit dabei keine Nebensache ist, sondern ein fundamentaler Baustein gemeinsamer Gegenmacht, macht auch die Tatsache deutlich, dass die SoLaWi-Bewegung gerade an ihre Expansionsgrenzen kommt, weil viele Einzelhaushalte die Abholung, das Verkochen und Verarbeiten von Lebensmitteln in einer gewissen Regelmäßigkeit nicht in ihren hektischen und oft unregelmäßigen Erwerbsalltag integrieren können. Auch hier verweist die Praxis der FAU Dresden schon ein wenig darauf, wo die Reise hin gehen könnte: Dank einiger rühriger Genoss:innen ist es in den Strukturen mittlerweile üblich geworden, dass es zu fast jedem Treffen der Organisation (pro Woche ca. 4-9) Essen gibt, nicht selten aus SoLaWi-Gemüse gekocht und nicht selten so viel, dass mensch sich noch etwas für den nächsten Tag auf Arbeit mitnehmen kann. Die eigene Reproduktion konkurriert auf diese Weise weniger mit dem gesellschaftlichen Engagement, mensch muss weniger Raubbau an sich selbst betreiben, um sich für eine andere Gesellschaft gerade zu machen. Diese Logik gilt es auszuweiten und auch das sind in der FAU keine neuen Konzepte, denn schon in den 1920er Jahren wurde für gemeinsame Küchen gekämpft, entstanden kollektive Kinderbetreuung und auch Selbstorganisationsversuche von Kindern und Jugendlichen.⁸
Für einen Vortrag bei der FAU im sächsischen Plauen habe ich neulich diese Grafik für Beispiele erstellt, was an Organisierung im Stadtteil von Seiten unserer Gewerkschaft möglich wäre und auch teilweise schon umgesetzt wird:
Die vier Leitfragen der Planungsdebatte
Nach dem wir hier – sehr verkürzt – einige wichtige anarchosyndikalistische Konzepte betrachtet haben, schauen wir nun wie diese mit den vier oben ausgemachten Leitfragen der aktuellen Planungsdebatte zusammen passen:
1. Die Informationsfrage: Wie werden die Informationen über die gesellschaftlich notwendige Arbeit erhoben, vermittelt und verarbeitet?
Die Erhebung der eigentlichen Bedarfe würde nach anarchosyndikalistischer Konzeption also von Lokalföderationen gewährleistet, sofern sie die Endverbraucher:innen betreffen. Neben allgemeinen, lokalen Konsument:innenausschüssen (also quasi dem, was historisch die statistischen Büros waren) würden Sozialorganisationen bspw. für Patient:innen, Eltern und andere Menschen mit besonderen Bedarfen vermutlich eine unterstützende und korrigierende Rolle spielen.
Die Bedarfe der Betriebe und Wirtschaftszweige würden wiederum in Auseinandersetzung zwischen der Gesamtheit der Konsument:innenausschüsse und den den Branchenorganisationen erhoben, die jeweils die Bedarfe der Einzelbetriebe sammeln. Zu beachten ist, dass im Falle einer basisdemokratischen Selbstverwaltung und Planwirtschaft von unten auch ein mal sehr kurzfristiger, mal langfristig gedachter Transformationsprozess aller Wirtschaftszweige einsetzen würde und diese Transformation besondere Anforderungen an die Planung stellt.
2. Die Motivationsfrage: Was motiviert Menschen, die gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten auch zu verrichten?
Hierzu gibt es an sich keine geschlossene Haltung in der anarchosyndikalistischen Literatur. Ein wichtiger Schlüssel in den meisten Konzepten, der gleichzeitig auch aus politischen und ökologischen Notwendigkeiten heraus nahe liegt, ist, Wirtschaft wann immer möglich kleinstrukturiert und regional zu denken. Eine Idee dahinter ist: Je konkreter Arbeit für die eigene, erlebbare Gemeinschaft geleistet wird, desto höher ist die Motivation (aber auch die Regulation und Kontrolle von Arbeit durch das Feedback der Gemeinschaft). Daneben setzt sich nicht nur in anarchosyndikalistischen Debatten die Erkenntnis durch, dass an den Punkten, wo vielleicht auch in der globalen Umverteilung Wohlstandseinbußen im globalen Norden durch Klimakatastrophe und Umverteilung in den globalen Süden in Kauf genommen werden müssen, andere Motivationsfaktoren zu schaffen sind. Diese Faktoren könnten bspw. der Wegfall von Bullshitjobs, allgemein sinnstiftendere eigene Arbeit, neue gesellschaftliche Freiheiten aber auch eine höhere Qualität der insgesamt vielleicht weniger verfügbaren Konsumprodukte darstellen (bspw. wieder saisonales Gemüse, dafür lecker und vollwertig, keine Fast Fashion mehr, dafür wieder an den Leib geschneiderte Qualitätskleidung, kein IKEA mehr, dafür echtes Tischler:innenhandwerk usw. usf.). Die Motivation der Arbeiter:innen war teilweise auch in der Spanischen Revolution für die ideologisch überzeugten Anarchosyndikalist:innen ernüchternd. Die entsprechenden Untersuchungen müssen ernst genommen werden.⁹ Ein Hoffnungsschimmer dabei: Unsere Schwesterngewerkschaft CNT war damals noch besessen vom bolschewistisch-fordistischen Fabrikfetisch. Solche Produktionsformen gelten heute – weniger fortschrittsgläubig – eher als ein Quell von Entfremdungserfahrung als Anhängsel der Maschine. Hier wäre wohl auch aus eigenen proletarischen Erfahrungen heraus anzusetzen.
3. Die Entscheidungsfrage: Wer trifft welche Entscheidungen, wie werden Konflikte vermittelt?
In dieser Fragen hat der Anarchosyndikalismus große Stärken und Schwächen gleichermaßen. Fangen wir mit seinen Schwächen an: In der anarchosyndikalistischen Theorie sind mir noch keine plausiblen Konzepte über den Weg gelaufen, wie gesellschaftliche Konflikte allgemein vermittelt und befriedet und Regeln des Zusammenlebens allgemein entschieden und gesichert werden sollen. Zwar gibt es erste lose Ideen, wie gemeinsame Übereinkünfte großer Wirtschaftsregionen, dezentrale Milizensysteme oder ähnliches, und auch die kommunalistischen Bewegungen und die Geschichte der spanischen Revolution bieten hier einige Anhaltspunkte. Vor dem Hintergrund, dass aktuell große Bereiche der besiedelten Erdregionen unbewohnbar werden und uns weltweite Hungersnöte ins Haus stehen, kann dies allerdings nur mäßig befriedigen, da klar ist, dass regionale Partikularinteressen und Verteilungskämpfe – egal was wir tun -, die nächsten Jahrzehnte massiv prägen werden. Auch ganz aktuell sind die Konfliktstrukturen in der FAU noch sehr rudimentär entwickelt, aber immerhin gibt es hierzu eine Struktur, die sich aktuell mit deren Weiterentwicklung auseinander setzt.
Eine große Stärke des Anarchosyndikalismus ist wiederum, dass er die Entscheidungsstrukturen, die er sich für die Zukunft wünscht, schon heute aufzubauen versucht. Entsprechend sind unsere unterschiedlichen Lokal-, Branchen- und Sozialstrukturen, die unterschiedlichen Ebenen unserer Föderation bis hin zu unserer Internationalen schon heute Schulen und Experimentierfelder von Selbstverwaltung und Basisdemokratie. Auch hier kommt es schon zu Interessengegensätzen und anderweitigen Konflikten, die konstruktiv bearbeitet werden wollen und schon jetzt machen wir in unseren wachsenden Organisationen damit immer mehr Erfahrungen und entwickeln uns – auch und gerade wenn es um das Verhältnis verschiedener gesellschaftlicher Rollen und Bereiche geht – beständig weiter.
4. Die Transformationsfrage: Wie kommen von der heutigen gesellschaftlichen Situation zu den Strukturen, die wir für eine transformierte Wirtschaft als sinnvoll erachten?
Es sollte deutlich geworden sein, dass der Anarchosyndikalismus bei dieser Frage in seinem Element ist und antwortet: „Wir bauen diese Strukturen für die Zukunft, wo immer möglich, schon heute auf!“ Die Branchenföderationen, Betriebsgruppen und Kollektivbetriebe bilden die Keimzelle für die selbstverwaltete Produktion der Zukunft, die Lokalbörsen bilden die Keimzelle für die Kommunen und Care-Strukturen.
Die „Besonderheit“ der FAU-Strukturen als Zusammenschluss von Lohnabhängigen mit Strukturen in den Branchen und Betrieben ist, dass die Branchen nichts Fremdes sind, über das wir von außen diskutieren. Im Gegenteil, die Branchen und unsere Betriebe sind unser Alltag. Und alltäglich sehen wir, wie wir nach dem Diktat der Profitmaximierung an den Bedürfnissen von uns und unseren Mitmenschen aber auch den ökologischen Notwendigkeiten vorbei arbeiten. Die Planung beginnt nicht irgendwann. Im besten Fall haben wir noch das Feuer, dass wir jeden Tag darüber nachdenken, wie diese Arbeit eigentlich aussehen würde, wenn wir sie sinnvoll und entsprechend sinnstiftend verrichten würden. Fangen wir gemeinsam an, uns mit den Kolleg:innen und Verbraucher:innen/Patient:innen/Klient:innen über die notwendigen Transformationen unserer Branche zu unterhalten, bekommen wir ein Gefühl für die Lücke zwischen dem Ist-Zustand unserer Betriebe und Branchen und einem gesellschaftlich erstrebenswerteren Soll. Wir können beginnen, aus dieser Lücke strategische Ziele für die Veränderung der Branche in unsere gewerkschaftlichen Kämpfe zu integrieren, was uns zu einer Gewerkschaft ganz anderen Typs macht, im Kontrast zur Sachstandsverwaltung innerhalb der DGB-Gewerkschaften (mensch nehme nur Mottos für den 1. Mai wie dieses Jahr: „Erst unsere Jobs, dann eure Profite!“). Und mit jedem Schritt, den wir in unseren gewerkschaftlichen Kämpfen diesen strategischen Zielen näher kommen, werden auch unsere Utopien greifbarer, der Weg verständlicher, die Revolution der Verhältnisse verliert an schwindelerregender Unübersichtlichkeit. Und das ist ein Game-Changer, denn das Problem ist ja nicht, dass die Leute das heutige Wirtschaftssystem nicht zum kotzen finden. Das Problem ist, dass eine andere Wirtschaft und der Weg dahin für viele nicht vorstellbar ist – nicht zuletzt auch für viele Linksradikale.
Zurück zum Communaut
Diesen Text verstehe ich ausdrücklich als eine Ergänzung zu den vielen guten Gedanken, die sich Heide bzgl. Carearbeit macht. Der Betrieb der Parkinson-Klinik, von der Heide in ihrem Artikel ausgeht, müsste meiner Meinung nach in der Zukunft eben nicht nur von den Arbeiter:innen des Krankenhauses umgestaltet, geplant und verwaltet werden (und v.a. natürlich nicht nur von den Ärzt:innen sondern natürlich von allen Beteiligten von Reinigung über Kantine bis Pflege), sondern eben auch von Patient:innen- und Angehörigengremien. Ich kenne mich wirklich nicht mit Parkinson aus, doch schon heute machen sich Kolleg:innen aus dem Gesundheitsbereich mit den Gesundheitskollektiven in verschiedenen Städten für Gesundheitsversorgung unter ganz anderen Narrativen stark. Und Heide hat recht: Vermutlich muss jeder Bereich der Sorgearbeit radikal auf den Prüfstand und neu gedacht werden. Denn befreit vom Ziel der Profitmaximierung, befreit von der Lohnarbeit hätten die sozialen Umfelder von Patient:innen, vielleicht auch die Betriebskollektive ganz andere Rollen im Behandlungsprozess, würden Prävention, Ernährung, Psychologie einen anderen Stellenwert erhalten, wären viele Behandlungen vielleicht nicht mehr in Spezialkliniken verortet, sondern in der Polyklinik des Stadtteils, betreut von interdisziplinären Teams oder würden Behandlungen – wie in der DDR – mehr und mehr wieder zu Hause stattfinden. Ähnliches gilt eben auch für Erziehung, aber auch weniger im Rampenlicht stehende Carearbeit wie Charakterentwicklung, Streitschlichtung, Trauerarbeit etc.
Der Anarchosyndikalismus löst nicht alle Probleme und die realexistierende anarchosyndikalistische Bewegung ist auch wirklich weit weg davon, ein feministisches Paradies zu sein. Aber sie ist ein Entwicklungsraum und sie bringt Werkzeuge mit, die uns eben nicht nur im Betrieb nützen sondern auch bei einer Umverteilung und einem Neuerfinden der Carearbeit zu Hause.
Quellen und Anmerkungen
¹ Artikel zu Planungsdebatten in der DA u.a.: Holger Marcks – Hand in Hand, Steff Brenner – Perspektive gewinnen: Organisierte Nachbarschaften und Föderationen Hand in Hand, Steff Brenner – Grüne Gewerke in die ICL!, Frederik Fuß – Organisierte Nachbarschaften und die Zukunft der Arbeiterbörsen, Steff Brenner – Arbeiter:innenbörsen aufbauen!. Historisch: Studienkommision der Berliner Arbeiterbörsen – Das ist Syndikalismus: Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus, Verlag Edition AV, Frankfurt am Main, 2005
² Denn wenn mensch wissen will, wie mensch heute ganz konkrete Wirtschaftsplanung von unten betreiben kann, gäbe es eigentlich einige Bewegungen, mit denen mensch sich unterhalten sollte: Die Zapatistas in Mexiko bauen bspw. selbstorganisiert Schulen und Krankenhäuser auf, in Venezuela organisiert der Genossenschaftsverband Cecosesola u.a. Gesundheitsversorgung und Nahrungsmittelproduktion für 20.000 Menschen, in Südkorea versorgt die Konsumgenossenschaft Hansalim 800.000 Konsument:innen. International wären noch viele Beispiele mehr zu nennen, die unseren Vorstellungen sicher mal mehr, mal weniger entsprechen – wie ja aber auch die Vorstellung von einer lebenswerten Zukunftsvision innerhalb der deutschen Linken stark unterschiedlich sind. In Deutschland backen wir unterdessen noch kleine Brötchen, bzw. ziehen kleine Möhren. Mit dem Netzwerk Solidarischer Landwirtschaften besteht ein Verbund aus Landwirtschaftsbetrieben, in denen die Planung oft mit den Konsument:innen zusammen statt findet. Leider gehen diese Versuche noch selten über kleine Einzelbetriebe und die Sparte Gemüsebau hinaus. Immerhin beteiligen sich an SoLaWis schon geschätzte 50.000 Menschen in Deutschland. Eine Ausweitung der SoLaWi-Prinzipien auf andere Branchen wird im CSX-Netzwerk für gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften diskutiert.
³ Vgl. beispielsweise Rüdiger Haude, Thomas Wagner – Herrschaftsfreie Institutionen, Texte zur Stabilisierung staatsloser, egalitärer Gesellschaften, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg, 2019
⁴ In der FAU gibt es verschiedene Tendenzen hinsichtlich des näheren strukturellen Aufbaus, für deren Benennung leider nur ein unzureichendes Vokabular besteht. Aus meiner Sicht (stark verkürzt) gibt es einen klassischen Flügel, der die eigenen Strukturen in allen Lebensbereichen seiner Mitglieder für zuständig sieht und bestrebt ist, jeweilige Strukturen aufzubauen die helfen den Alltag zu bewältigen, Gegenmacht zu entwickeln und über den Kapitalismus hinaus zu weisen. Diese Fokus-Setzung auf die unmittelbaren Bedarfe der Mitglieder in Verbindung mit der vollen Palette an Handlungsmöglichkeiten, nenne ich Anarchosyndikalismus. Der Gegenpol besteht in der Haltung, dass die FAU rein für den betrieblichen Aufbau zuständig sei und andere gesellschaftliche Felder von anderen Akteur:innen gefüllt werden müssten. Diese Haltung war historisch in der IWW sehr verbreitet, deshalb nenne ich diese Tendenz nach der IWW-Tradition Unionismus (auch wenn diese Haltung auch in der IWW nie Konsens war). Zwischen diesen beiden Polen gibt es schließlich die Haltung die zwar den Aufbau syndikalistischer Strukturen in allen Lebensbereichen bejaht, die betrieblichen Strukturen aber klar fokussiert sehen will, da sie den größten Hebel für die Gegenwehr der Lohnabhängigen bilden (Generalstreik bspw.).
⁵ So legt die FAU Dresden bspw. Mitgliedern, die sich juristisch gegen Jobcenter-Sanktionen wehren, Geld in Höhe der jeweiligen Sanktionen aus um so den finanziellen Druck durch die Jobcenter zu kontern.
⁶ Studienkommision der Berliner Arbeiterbörsen – Das ist Syndikalismus: Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus, Verlag Edition AV, Frankfurt am Main, 2005
⁷ Wer mehr darüber lesen will, was dabei geklappt hat, was eher nicht und wo die Konfliktlinien und Probleme lagen, dem sei folgendes Buch empfohlen: Walther L. Bernecker – Anarchismus und Bürgerkrieg, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2006
⁸ Milly Wittkop, Hertha Barwich, Aimée Köster u.a. – Der Syndikalistische Frauenbund, Unrast Verlag, Münster, 2007
⁹ Die vielleicht kritischste Auswertung anarchosyndikalistischer Experimente und damit eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die es mit der Revolution ernst meinen ist Michael Seidman – Gegen die Arbeit, Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936 – 38, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2011


