Debatte: 'Lieber leben wir als Außerirdische'
Dieser Artikel ist das erste Kapitel aus
Lieber Leben wir als Außerirdische
Basisorganisierung zwischen Aktivismus, Widerständigkeit und Militanz am Beispiel eines Syndikats der FAU
Franz Heuholz mit Beiträgen von Genoss:innen
Syndikat-A Verlag, November 2025
„Die Frage, ‚was wir tun sollten‘, die sich revolutionär gesinnte Gruppen stellen, hängt im Allgemeinen von ihrer Position ‚außerhalb‘ eines Arbeitsplatzes oder anderer Kampfsituationen ab. Der:die Möchtegern-Revolutionär:in hat das Bedürfnis, sich mit den direkt am Kampf Beteiligten, insbesondere ‚den Arbeiter:innen‘, auseinanderzusetzen, und wird versuchen, sie mit Flugblättern zu beeinflussen, in denen er:sie, wenn nicht ausdrücklich ‚Führung‘, so doch zumindest ‚Ratschläge‘ und ‚Lektionen‘ anbietet. Oder vielleicht versuchen die Entschlossensten unter ihnen, nachdem sie das Fehlschlagen einer solchen externen Intervention erkannt haben, sich selbst in die Situation einzumischen, indem sie in die Fabriken gehen oder dorthin, wo voraussichtlich etwas passieren wird.“ – The Communist Group: We Unhappy Few
Kapitel zu lang, ich werd’s nicht lesen!
Markus schreibt über dieses Kapitel: „Du berichtest von deinen eigenen Erfahrungen in der Organisierungskampagne im ‚Lieferland‘, dabei zunächst von den Hoffnungen und dann von den Enttäuschungen. Du führst das Konzept der ‚Salts‘ im Kontext von Gewerkschaften ein und deutest zum Schluss an, dass die falsche Anwendung dieser Taktik nur ein Anzeichen für ein grundlegenderes Problem ist.“ Aktivistische Tourist:innen, die zum ’salten‘ in einen Betrieb kommen, sind in der Regel Lernende und Anzuleitende. Ich jedoch fühlte mich als ‚Organizer‘, also als Anleitender. Diese grundlegend aktivistische Verdrehung ist der Schlüssel, um zu verstehen, was beim ‚Salting‘ im Speziellen, wie Basisaktivismus im Allgemeinen, gewaltig schieflaufen kann. Es klafft hier bei uns Aktivist:innen eine kuriose Lücke zwischen ‚politischem‘ Bewusstsein und der Passivität hinsichtlich widerständiger Solidarität mit anderen Ausgebeuteten und Unterdrückten in unserem eigenen Alltag.
Als unbezahlter Gewerkschaftsaktivist und Salt beförderte ich Trennungen unter uns Lohnabhängigen: durch den Ersatz der Eigenaktivität der Kolleg:innen und die Monopolisierung der Rolle des Strategen und Organizers. Doch ich möchte zu einer Gewerkschaft beitragen, welche die Selbstorganisation von uns als Arbeiter:innen voranbringt, und nicht zunehmend ersetzt oder jenen bloß instrumentell um des Wachstums der eigenen ‚politischen‘ Organisation willen begegnet. Um davon wegzukommen, gilt es einerseits Ressourcen von externen Aktivist:innen planvoll, kontrolliert und rechenschaftspflichtig für Betriebsorganisierung zu nutzen. Andererseits bedeutet es zugleich, die für proletarische Selbstorganisierung und -verteidigung damit einhergehenden Probleme bewusst und kollektiv einzudämmen. Es gilt also, mit Aktivismus teilweise grundlegend zu brechen, manche seiner Momente qualitativ weiterzuentwickeln sowie einige in ihm aufgehobene Ressourcen in unseren Basisorganisierungen zu erden. Es gilt, Macht an eine syndikalistisch verstandene Basis umzuverteilen.
1 Kolleg:innen wie alle anderen?
Dieses Buch handelt davon, warum wir Basisaktivist:innen lieber als ‚Außerirdische‘ ‚die Anderen‘ von unseren ‚Raumschiffen‘ aus organisieren, und warum nicht lieber uns selbst als widerständige Lohnabhängige. Dieses Buch würde aber nicht davon handeln, ginge ihm nicht eine Bruchlandung voraus, die mich schwer zum Überdenken meines Basisaktivismus gebracht hätte. Das war 2021, als ich mit großen politischen Fantasien und starker Zuversicht auf die ‚Erde‘ reiste: von der FAU hinein in eine Betriebsgruppe (BG), wo sich Kolleg:innen bereits um ihre Probleme herum organisierten.
Ich war seit wenigen Jahren aktives Mitglied des Allgemeinen Syndikats der FAU in unserer Stadt, als ich Essensausfahrer im Lieferland und so auch Mitglied in der dortigen BG wurde. Dort war ich einer von nicht wenigen Gewerkschaftsaktivist:innen, die Zeit und Energie in betriebliches Organizing investieren wollten, während sie aber ‚hauptberuflich‘ Student:innen waren. Solche Aktivist:innen, die eine Organisierungskampagne von außen kommend unterstützen, werden im Gewerkschaftssprech „Salts“ (von englisch ’salt‘, also Salz) genannt. Wahrscheinlich weil sie die Würze in der Gewerkschaftssuppe im Betrieb sein sollen: „‚Salting‘ bedeutet, dass man einen Job mit der Absicht annimmt, am Arbeitsplatz eine Organisierungskampagne zu starten oder zu unterstützen“.1 So definiert der:die IWW-Organizer:in MK Lees eine gewerkschaftliche Taktik, die ich in meinem eigenen FAU-Aktivismus unbewusst angewandt habe. Ich habe sieben Monate lang als Rider und als Salt gearbeitet.
Die Betriebsgruppe hatte sich ursprünglich auf Initiative eines widerständigen Kollegen gegründet, der von den eigenen miesen Arbeitsbedingungen im Liefersektor die Schnauze voll hatte. Der Kollege sprach unser Allgemeines Syndikat der FAU an und startete die Organisierungskampagne. Eine Unterschriftenliste wurde unter den Kolleg:innen zusammengestellt und den Chefs überreicht. Dann wurde ihm gekündigt und … – aber das ist eine andere Geschichte. Zum Zeitpunkt meines eher späten Dazustoßens in die BG Lieferland gab es jedenfalls mindestens vier ähnlich positionierte Gewerkschaftsaktivist:innen, die von außen in die Organisierungskampagne und damit zugleich als Riders in den Betrieb kamen. Wir waren über die verschiedenen Stores des Franchiseunternehmens in der Stadt verteilt. Ich ging in einen Store, in welchen ein anderer in der FAU organisierter Kollege bereits strafversetzt worden war.
Ich und die drei anderen Salts hatten entweder unser Studium noch nicht oder erst vor Kurzem abgeschlossen. Wir befanden uns in einer spezifischen Lebensphase innerhalb der privilegierten Ränge des Bildungssystems. In dieser Zeit finanzierten wir unser Leben als Lohnabhängige (noch) in prekären Nebenjobs. Der Rider-Job war eine mögliche Einkommensquelle unter anderen für uns. Oberflächlich betrachtet ging es einigen anderen Kolleg:innen im Betrieb ähnlich. Sie waren oft ebenfalls Student:innen oder Schüler:innen. Manche von ihnen schlossen sich später der BG an. Aber diese neu gewonnenen FAU-Mitglieder hatten ihren Job als Rider in erster Linie als Lohnabhängige begonnen und nicht als Gewerkschaftsaktivist:innen. Eine der erwähnten vier Salts äußerte sich dazu wie folgt: „Kann ich nicht unbedingt teilen. Ich sehe (und hab mich auch im Lieferland) schon zuerst als Lohnabhängige und nicht als Gewerkschaftsaktivistin gesehen. Vielleicht deswegen habe ich meine Zeit dort auch etwas anders erlebt als du.“ Zugegeben, unter uns vier Tourist:innen verhielt ich mich in den sieben Monaten als besonders „wild entschlossener“2 Gewerkschaftsaktivist, wie der Gewerkschafter und Autor Peter Renneberg es bezeichnet:
„‚Wild Entschlossene‘ [im Betrieb] sind selten mit Schlüsselpersonen identisch. Sie sind mit ‚Herzblut‘ bei der Sache, haben den Veränderungswunsch verinnerlicht und bilden oft die ‚Motoren‘ bei Aktivitäten […] Deswegen ist manchmal darauf zu achten, dass nicht allein die wild Entschlossenen die Planungen und Vorgehensweisen bestimmen. Im Aktivenkreis sorgen häufig die ruhigeren und besonneneren Stimmen für eine gute Balance des Aktionsniveaus.“3
Es gab also Unterschiede in den Ambitionen von uns Salts. Ein Genosse meinte in der Diskussion4, dass vielleicht der Begriff ‚Salt‘ dann auch nicht auf uns alle vier angewendet werden sollte, oder wir vielleicht verschiedene Typen von Salts seien. Ein Unterschied jedenfalls zwischen mir und allen anderen Kolleg:innen in der BG war, dass ich mich nicht zuerst im Betrieb organisierte, weil ich als Arbeiter dort meinen Alltag angenehmer gestalten wollte. Ich organisierte mich nicht zuerst, um beispielsweise Probleme mit dem Schichtplan, dem Trinkgeld etc. zu lösen. Stattdessen organisierte ich mich zuerst ‚politisch‘. Wie ein anderer Genosse in der Diskussion bemerkte, unterscheidet sich der:die aktivistische Salt von dem:der widerständigen Kolleg:in in der BG genau darin. Erstere:r hat erst mal keine Ahnung von den tatsächlichen Interessen der Kolleg:innen und interessiert sich selbst für diese auch eher instrumentell und nicht aus eigener Betroffenheit: ‚politisch‘ eben. Hinzu kam, dass ich mir meinen Einsatz als Salt selbst ausgedacht hatte. Ich wurde dazu nicht vom Syndikat motiviert oder von der BG angefragt, wie es beispielsweise MK Lees für ein Gelingen von Salting grundlegend anmahnt. Ich kannte nicht einmal den Begriff, geschweige denn das taktische Konzept dahinter sondern fand scheinbar ‚wie von selbst‘ zu dieser Aufgabe … In unserem Syndikat jedenfalls wurde dieses Vorgehen nicht thematisiert, es gab keine obligatorische Schulung für die doch verhältnismäßig zahlreichen Aktivist:innen, die von außen in einen vom Syndikat organisierten Betrieb einsteigen wollten. Ich denke, dass auch die anderen Genoss:innen wenig Wissen oder Ideen zu dieser Taktik hatten. Die Salting-Genossin sagt:
„Dein Text trifft total gut den wichtigen Punkt, dass es in unserem Syndikat keinerlei Wissen zum Thema Salting gibt, und dass das dann fatal sein kann. In der BG konnte ja jede:r ein bisschen machen, auf was man grade so Lust hatte. Ich denke nicht, dass das der Hauptgrund war, warum die BG am Ende eingeschlafen ist, aber es ist bestimmt auch nicht zuträglich gewesen.“
Das ist also die Situation, in die ich euch gedanklich einladen möchte. Ich möchte in diesem Kapitel generell die Anwendung der Salting-Taktik an meinem Beispiel (selbst)kritisch durchleuchten. Am Ende wird dann die Schlussfolgerung stehen, dass Salting ein Werkzeug unter vielen in den Händen von selbstorganisierten Arbeiter:innen sein sollte. Salts sollten die Selbstorganisierung der Kolleg:innen nicht ersetzen. Weder im Sinne der ‚Führung‘ (gar durch sozialistisch erleuchtetes Bewusstsein, gähn!), die von außen kommt, noch durch die Übernahme zentraler Aufgaben der Betriebsgruppenarbeit. In der erwähnten Analyse von MK Lees wird im Gegenteil klar, dass Salting erheblich mehr Probleme verursachen als lösen kann. Das heißt, wenn es uns wirklich um den Aufbau von Arbeiter:innenmacht im Betrieb geht und nicht um die Selbstinszenierung von linken Laberbacken, beziehungsweise den über Arbeitskämpfe bloß vermittelten Aufbau ihrer politischen Organisatiönchen.
2 Keine selbstständige Gemeinsamkeit
MK Lees bezeichnet also Aktivist:innen wie uns treffend als „Salting-Tourist:innen“5. Als Tourist wollte ich die Kämpfe der BG in einer momentanen Flaute unterstützen. Ich wollte mich tatkräftig solidarisch zeigen und hatte die freien Ressourcen dazu. Trotz solch opfermütiger, edler Motive warnt MK Lees – aus gutem Grund, wie ich noch zeigen möchte:
„Hüten wir uns vor dem Touristen. Es ist nicht immer der Fall, aber manchmal ist das Profil eines Salt das einer Person, die bessere Möglichkeiten hat als den Einsatz als Salt … Achtet also beim Salting auf die Leute, die einfach nur ein Abenteuer suchen, vielleicht eine aufregende Eskapade in ihrem Leben. Das ist einfach nicht förderlich für eine Mentalität, die man für erfolgreiches Organizing benötigt. Denn das ist ein langwieriger, meist langweiliger und oft demoralisierender Prozess. Und wenn jemand kommt und ein Abenteuer sucht und möglicherweise den Helden spielen will, geht das nicht gut aus. Es wird sogar besonders schlecht ausgehen, wenn die üblichen Probleme in einer Kampagne auftauchen und wir dann darauf vertrauen, dass solche Leute das Gehirn der Kampagne sind.“6
Ich habe als Salting-Tourist zunächst die Arbeitsabläufe im Store erlernt. Ich wollte den Riderjob gut machen und von Kolleg:innen und der Schichtleiterin respektiert werden. Während meiner Schichten habe ich Beziehungen zu meinen Kolleg:innen aufgebaut, sie näher kennengelernt und gezeigt, dass ich ihnen unter die Arme greife, wenn es brennt. Ich war aufgeschlossen und humorvoll. Dadurch gewann ich nach und nach das Vertrauen und manchmal auch die Zuneigung meiner Kolleg:innen. Ich hielt mich an alle Tipps für Betriebsrevolutionär:innen, die ich mir bei dem original gangster Berni abgeschaut hatte.7 Mein Ziel war es, die sechsmonatige Probezeit ‚unentdeckt‘ zu überstehen, um dann konfliktorientierter für die BG aktiv zu werden. Wie genau das ablaufen würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Die Person, die offiziell für die Beratung der BG aus dem Syndikat mandatiert wurde, riet mir, mich zurückzuhalten und zunächst keine direkten Anspracheversuche zu unternehmen.
Trotzdem versuchte ich, in Einzelgesprächen mehr über die Probleme meiner Kolleg:innen auf Arbeit zu erfahren. Ich bemühte mich, ihre Beziehungen untereinander zu verstehen und die bisherigen Konfliktlinien im Betrieb zu erkennen. Ich wollte verstehen, wie die internen Abläufe im Betrieb sind. Wann die Storemanagerin die Belegschaft beschiss, wen sie wie bevorzugte und wie ihr Verhältnis zur Geschäftsführung genau war. Ich notierte alles gemeinsam mit dem einzigen anderen schon erwähnten Aktiven im Store in einem ausführlichen Anspracheplan und der Skizze eines Beziehungsdiagramms. Wobei, eigentlich machte nur ich das, er hingegen war schon ziemlich demotiviert. Gegen Ende der Probezeit begann ich dann auch offensivere 1:1-Gespräche zu führen, um organisierende Verabredungen zu treffen. So handelte ich dann, wie es mir die „erfolgreiche Organizerin“8 aus ihrem Geheimnisschatz kundgetan hatte.
Ich versuchte als Angestellter im Store eine eigenständige Chat-Gruppe ausschließlich für Riders einzurichten, um eine Art Gemeinschaftsgefühl und selbstständige Gemeinsamkeit unter den Kolleg:innen zu schaffen. Leider war der Erfolg gering. Ich habe noch während meiner Probezeit das betriebliche Thema der Arbeitstemperatur im heißen Sommer aufgegriffen und mich mit der BG dabei abgestimmt. Obwohl wir keine direkten Aktionen oder anderweitige Arbeitskampfmaßnahmen durchgezogen haben, hat die Storemanagerin umgehend einen Kasten Wasser bereitgestellt. Sie hat auf meine direkte Beschwerde sofort reagiert. Letztendlich waren auch andere kleine kollektive Erfolge im Store das Ergebnis von Initiativen meinerseits. Die Storemanagerin hat sich also zwar auf unsere Seite der „Barrikade“9 gestellt, damit aber ironischerweise die Organisierung mit den Kolleg:innen, das Entwickeln neuer Aktiver (durch andauernde Kämpfe) und damit langfristige, größere Erfolge der Kampagne erschwert.10
In den sieben Monaten als Tourist im Lieferland stellte sich für mich immer mehr Enttäuschendes heraus. Keine Forderung im Betrieb konnte eine Mehrheit oder auch nur mehr als zwei Kolleg:innen hinter sich versammeln. Trotz offensichtlicher und teils eklatanter Missstände, wie dem sogenannten ‚Tourengeld‘, stießen meine Organizingbemühungen in dieser Zeit ins Leere. Beim Tourengeld wurde uns obligatorisch ein Prozentsatz des Trinkgelds abgezogen – genauer gesagt von jeder gefahrenen Tour. Als ich in 1:1-Gesprächen mit Kolleg:innen thematisierte, dass die Umverteilung von Trinkgeldern an den Innendienst nicht rechtens und diese selbst völlig undurchsichtig sei, stieß ich auf wenig Unmut. Mein Vorschlag einer eigenen solidarischen Trinkgeldkasse mit freiwilligen Abgaben fand dann klarerweise erst recht kein Interesse. Kein:e Kolleg:in ließ sich auch nur annähernd in ‚unsere‘ Richtung bewegen. Ein betriebsaktiver, also widerständiger FAU-Genosse aus Stuttgart kommentiert diese Erfahrung:
„Die meisten Erfahrungen, die du als Salting-Tourist gemacht hast, habe ich in meiner Betriebsarbeit nicht gemacht. Weil die Ausgangssituationen andere sind (es gab bei mir keine FAU-Betriebsgruppe, zu der ich gestoßen bin; ich arbeite langfristig im Betrieb; etc.). Was ich aber auch bei mir tendenziell erkennen musste in den letzten Jahren: die Ungeduld, dass trotz phasenweise sehr schlechter Arbeitsbedingungen die Kolleg:innen sich nicht wehren (trotz Unmut darüber in den 1:1-Gesprächen). Und dass man zuviel Organisierungsarbeit übernimmt, anstatt die Aufgaben mit den Kolleg:innen besser aufzuteilen (damit es schneller vorangeht bzw. die Sache überhaupt zustande kommt).
Als Einzel-FAU-Person im Betrieb habe ich aus meinen Erfahrungen den Schluss gezogen, dass es bei einer eher defensiven Belegschaft (die sich nicht traut, offen in den Konflikt mit der Leitung zu gehen), eine Person braucht, die als Beispiel den offenen Konflikt sucht (in Absprache mit den Kolleg:innen), um zu zeigen, dass keine Abmahnungen oder Ähnliches kommen, wenn man sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt. Danach sind die Kolleg:innen mutiger geworden und haben sich mehr für ihre Rechte (auch offen und eigeninitiativ) eingesetzt. Hier stellt sich dann die Frage, wie solche Erfahrungen unter den Kolleg:innen in eine kollektive, organisiertere Dynamik umgewandelt werden können.“
3 Überzogene Erwartungen und Resignation
Möglicherweise hatten die Kolleg:innen im Lieferland kein Interesse daran, etwas zu ändern, weil sie den Job ohnehin nicht länger behalten wollten und ihn auch nicht gerne machten. Weil sie sich also nicht mit ihrer Arbeit identifizierten, wie ein Genosse in der Diskussion meinte. Oder weil sie teilweise schon ihre individuellen Deals mit der Storemanager:in gemacht hatten, wie das beim beliebten Schichtleiter der Fall war. Der war übrigens kurioserweise nach Feierabend aktiver Antifa und verbaler Klassenkämpfer, also ‚politisch‘ aktiv. Er ließ sich aber nicht ein Stück zur gemeinsamen betrieblichen Organisierung bewegen. Eine kuriose Lücke zwischen ‚politischem‘ Bewusstsein, Feierabendaktivismus und Passivität hinsichtlich widerständiger Solidarität im eigenen Arbeitsalltag, die uns in den folgenden Kapiteln als das aktivistische Muster schlechthin immer wieder begegnen wird … Die Passivität aller Kolleg:innen könnte aber auch von der gewerkschaftlichen Seite der BG erklärt werden. Diese hatte in Absprache mit dem Syndikat ab einem recht frühen Zeitpunkt „fast ausschließlich durch öffentlichen Druck“11 im Lieferland für Aufsehen und Unruhe gesorgt. Es kam schon bald praktisch zu keiner betrieblichen Machtentwicklung unter den eher „konfliktunerfahrenen Beschäftigten“12 mehr. Peter Renneberg schreibt entsprechend und recht passend zu solchen Erfahrungen:
„Eine Strategie ausschließlich öffentlichen Drucks […] kann gewerkschaftlich dann sinnvoll sein, wenn die Gewerkschaftsentwicklung (Mitgliedergewinnung, Aktive finden, Strukturen aufbauen usw.) im jeweiligen Betrieb nebensächlich oder sogar uninteressant sind. Die Faustformel lautet jedoch: Kein öffentlicher Druck ohne betriebliche Verankerung und einen Plan für die Gewerkschaftsentwicklung dort. Die Verbindung von betrieblichem und öffentlichem Druck (auch in dieser Reihenfolge) ist in Betrieben mit konfliktunerfahrenen Beschäftigten umso wichtiger, weil gerade dort nicht selten die Hoffnung besteht, dass ihr Konflikt ohne ihr konkretes Zutun, quasi stellvertretend von außen, gelöst werden kann. Für die weitere gewerkschaftliche Entwicklung, für die Solidarität, das Selbstbewusstsein und zukünftige Konflikte ist aber genau diese Erfahrung zentral.“13
Auch die in einem FAU-internen Workshop für alle Stores der BG festgelegten Organizing-Ziele griffen in unserem Store nicht. Das machte mich ungeduldig: Was mache ich hier, wenn sich nichts bewegt? Meine Denk- und Fühlweise war eben grundlegend aktivistisch und der von Tu, einer Figur von Brecht, ähnlich:
„Tu sagte: wenn man immer danach strebt, die bequemste Lage einzunehmen und aus dem Bestehenden das Beste herauszuholen, kurz: Wenn man nach Genuß strebt, wie soll man da kämpfen? Meti sagte: wenn man nicht nach Genuß strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will, warum sollte man da kämpfen?“
Die externe Beratung in der BG versuchte immer wieder, im Sinne Metis, die Aufmerksamkeit auf die eigene Betroffenheit am Arbeitsplatz zu lenken. Er forderte: „Formuliert Ziele, die euren Arbeitstag angenehmer machen.“ Meine innere Reaktion darauf war zumeist Unverständnis. Als wild entschlossener Salting-Tourist hoffte ich genau auf das Gegenteil: dass die Missstände so unerträglich würden, dass meine Kolleg:innen sich endlich einmal rühren ließen! Der Autor und iL-Genosse Jan Ole Arps hat ausführlich beschrieben14, wie eine solche letztlich avantgardistische Herangehensweise und damit einhergehende überzogene Erwartungen15 von studentischen ‚Fabrikkadern‘ zu Resignation führen. Ein Genosse meinte in der Diskussion dieses Textes, dass mir vielleicht auch schlicht die „große Perspektive“ gefehlt habe, welche mich hätte motivieren können. Sein Gegenbeispiel waren Salts bei Amazon, welche ihren Einsatz als „Beitrag zu einem der wichtigsten Arbeitskämpfe unserer Zeit“ begriffen und darin Sinn und jahrelange Motivation fänden. Jedenfalls erkenne ich heute, dass ich bereits zu Beginn auf den einzigen anderen aktiven FAU-Genossen im Store hätte hören und ihm, im Sinne MK Lees, die Initiative in der Organisierung in unserem Store überlassen sollen:
„Salts sollten sich nicht anmaßen, die Führung zu übernehmen, und wenn die Organisationstätigkeit an den Salts hängt, ist es an der Zeit, auf die Bremse zu treten, nicht auf das Gas. Vor allem sollten sich die Salts die Führungsrolle zu gleichen Teilen mit den Nicht-Salts im Komitee teilen, und sie sollten es vermeiden, ein Ungleichgewicht bei der schweren Arbeit zu schaffen, ganz gleich wie groß der Druck ist.“16
Der Genosse hatte mir sehr klar am Anfang gesagt: „Hier gibt es nichts zu organizen.“ Ich wollte das jedoch nicht wahrhaben, unter anderem aufgrund der Hurra-Propaganda aus dem Handbuch ‚Geheimnisse einer erfolgreichen Organizerin‘: „Apathie ist nicht real“17, nicht wahr? Und wenn sich im Betrieb nichts tut, dann hast du dich wohl nicht genug beim Organisieren angestrengt oder hast die Sache sozialtechnisch falsch angegangen. Der Erfolg einer Betriebsorganisierung, so die implizite und fatale Botschaft des Organizing-Hype, liegt letztendlich in deiner eigenen Verantwortung, liebe:r selbsternannte:r Organizer:in.
4 Mantra des Organizing
Ganz anders denkt die Wobbly18 Marianne Garneau in ihrer kritischen Rezension des Angry Workers Buchs ‚Worker’s Power on Zero Hours‘19: „Im Klassenkampf mag es Höhen und Tiefen geben, aber konzentriert man sich mit seinem Organisierungsansatz auf die ‚objektiven Bedingungen‘, so wird das Ganze schnell zu einem bequemen Alibi für das Scheitern der eigenen Organisierung. Der Streik hat nicht stattgefunden? Die Bedingungen haben nicht gestimmt? Die Arbeiter haben sich euch nicht angeschlossen? Sie waren wohl ‚einfach nicht bereit‘. Immer wieder ziehen die Angry Workers Bilanz über ihre Erfolglosigkeit und kommen zu dem Schluss, dass man ‚keine Konflikte und Streiks anstoßen kann, wenn die Bedingungen und das Vertrauen der Arbeiter:innen dafür nicht reif sind.“20
Die Angry Workers, viel näher an meinen Erfahrungen und anschließenden Gedanken, antworten darauf: „Wir halten diese subjektivistische Sichtweise für gefährlich. Denn in ihr erscheint das Bemühen zu verstehen, warum genau Arbeiter:innen Schwierigkeiten haben, sich zu organisieren, lediglich als Ausrede für Misserfolge. Diese Sichtweise trägt zu Burnouts bei und dazu, dass Aktivist:innen sich selbst die Schuld geben, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen – obwohl sie doch dem Mantra des Organizing folgen, das besagt, dass man mit dem richtigen Plan und der richtigen Disziplin die Dinge überall und jederzeit in Gang bringen kann. Das ist auch der Grund, warum wir uns die Mühe machen, die Zusammensetzung der Belegschaften zu beschreiben, eben weil wir wissen müssen, mit welchen spezifischen Hindernissen verschiedene Gruppen von Arbeiter:innen konfrontiert sind. Mit Problemen rund um die Einwanderungsbehörde zum Beispiel – anstatt einfach platt zu sagen: Alle Arbeiter:innen haben Angst, na und?! Oder um, was noch wichtiger ist, nicht dazu beizutragen, dass die Arbeiter:innen irrtümlicherweise glauben, dass ihr Kampf immer erfolgreich sein wird, sobald ihre Abteilung oder ihr Unternehmen geeint und vorbereitet sind.“21
5 „Was tun?!“ – Irgendwas!
Eine aktivistische Durststrecke, wie ich sie in den sieben Monaten als unkontrollierter Salt erlebte, ist nicht selten. Sie kann auch erwünscht und damit eine willkommene Pause sein, wenn die Genoss:innen schon zwei Jahre Auseinandersetzungen im Betrieb hinter sich haben. Viele BG-Aktive schienen im Lieferland froh, dass die neuen Standards in den Arbeitsbedingungen, die mit der BG erkämpft wurden, beibehalten wurden und der Stress abnahm. Aber „wenn Linke ‘strategische’ Jobs annehmen und große Pläne haben (deren Details in der Regel ziemlich unscharf sind) und sich selbst im Zentrum dieser Pläne sehen“22, dann ist so eine Durststrecke für eben solche linken Tourist:innen wie mich unter Umständen kaum länger zu ertragen. Auch die kernaktiven Aktivist:innen des Syndikats plagte die Unzufriedenheit mit der stagnierenden Entwicklung und manche drängten darauf, die BG deshalb nun dichtzumachen. „Was tun?!“, fragte ich mich jedoch umso mehr, und die Organisation des Jeunes Travailleurs Révolutionnaires echot aus den Folgejahren des Mai ’68 in Frankreich:
„WAS TUN? WIE SICH ORGANISIEREN? […] Diese Fragen können nie geregelt werden, man kommt ihrer Lösung nie näher, denn wenn die Aktivisten sie sich stellen, stellen sie sie als von ihrem Leben getrennt. Die Antwort lässt auf sich warten, weil die Frage nicht von jenem gestellt wird, welcher die konkrete Lösung besitzt. Man kann sich stundenlang versammeln, sich das Hirn zermartern. Der praktische Träger, welcher den Ideen fehlt, wird nicht plötzlich auftauchen. Während diese Fragen für das revolutionäre Proletariat Lappalien sind, weil sich ihm die Fragen der Aktion und der Organisation konkret stellen, werden sie zum PROBLEM für die Aktivisten.“23
Und mit der wild entschlossenen Fokussierung auf solche ‚außerirdischen‘ Probleme kam es, zumindest in unserem Store, wie von MK Lees vorhergesagt: „Wenn die Aktivität auf die Salts und/oder einige wenige Aktivist:innen reduziert wird, kann das ein weiterer Moment sein, in dem die Leute anfangen, grundlegende Probleme [der widerständigen Organisierung] zu verdrängen und das Gefühl zu haben, dass sie irgendetwas tun müssten, sonst sei ihre ganze [aktivistische] Arbeit verloren. Das geht nie gut aus.“24
Am Ende der sieben Monate geriet ich, nach all diesen „Rückschlägen“25 und aktivistischen Kränkungen, aufs brüchige Eis: „Rückschläge sind schmerzhaft, aber aus einer Position der Schwäche heraus nach vorne zu eilen ist noch schlimmer. Also ist es besser, langsamer zu machen oder sogar neu anzufangen, als kopfüber auf das Ende zuzurennen.“26 Ich startete jedoch eine offensive Kampagne in der allgemeinen Chatgruppe des Stores ohne vorherige Rücksprache mit der BG. Ich teilte skandalisierende Fakten darüber, wie die Firmenleitung den Arbeiter:innen jeden Monat Geld stiehlt. Ich führte dies ohne organisierten Rückhalt im Betrieb durch, der mich im Falle von Repressionen mit direkten Aktionen hätte schützen können. Denn es gab die BG hier schlicht nur als Keimform. Ironischerweise verdankte ich es wiederum der Storemanagerin, dass sie mich bei der Firmenleitung nicht anschwärzte, sondern gewähren ließ. Sie solidarisierte sich also ein Stück weit und stellte sich zu mir Einsamem auf die Barrikade und so war es nicht nur Glück, dass ich nicht direkt gekündigt wurde. Eine Kündigung hätte zudem in einer Zeit, in der die Organisierungsbemühungen der BG in allen Stores stockten, unnötig Energien und finanzielle Ressourcen aus der gesamten Kampagne abgezogen.
Nach der ins Nichts verlaufenden Chatgruppen-Aktion führte ich noch 1:1-Gespräche mit Kolleg:innen und nahm unsere Lohnzettel zum Anlass. Dabei stellte sich heraus, dass wir unterschiedlich viel Lohn erhielten, was jedoch als Problem, das kollektiv anzugehen wäre, auch niemanden interessierte. Zwei Kollegen zeigten aber letztlich Interesse an einer individuellen arbeitsrechtlichen Beratung durch die FAU, um für sich selbst ausstehende Zahlungen einzufordern. An diesem Punkt entdeckte ich jedoch den Text über Salting von MK Lees und zog erschrocken die Reißleine. Ehrlich gesagt hatte ich ohnehin schon meine Motivation verloren und war dabei, mich aus dem Betrieb zu verabschieden. Es scheint, dass der verzweifelte Aktivitätsschub in der Chatgruppe nur das letzte Aufbäumen vor einem enttäuschten Abschied war: „Wenn man Salts in der Führung hat, die einfach nur wollen, dass die ganze Sache ein Ende hat, ist das keine Situation, in der gute Entscheidungen getroffen werden können“27, wie MK Lees einmal mehr zutreffend feststellt.
Die IWW-Ratschläge zum Thema Salting kamen für mich also vielleicht gerade noch rechtzeitig. Ich war bereits in immer kopfloserer Agitationsarbeit und damit individualisierter Simulation von Betriebsorganisierung verloren gegangen. Ich kann dabei nicht behaupten, dass ich „ein wirklich guter Organizer war“ und mir „schnell den Respekt meiner Kolleg:innen verschaffte“ – was möglicherweise für alle Beteiligten auch ein Glücksfall war.28 Als praktisch planlose Salts war es für die BG sogar am besten, wenn wir unsere sechsmonatige Probezeit im Betrieb einfach stillschweigend abradelten, manche von uns dabei von unscharfen und deshalb umso größeren Plänen erfüllt. Wenn’s blöd läuft, fangen nämlich Externe noch an, im Betrieb ‚politische‘ Reden zu schwingen. Ein fünfter, wild entschlossener Salting-Tourist kam beispielsweise in ‚meinen‘ Store und begann bereits während seiner Probeschicht lautstark, mir gegenüber die Arbeitsbedingungen zu skandalisieren:
„Es geschieht immer wieder, daß Genossen wie du versuchen, in ihrem Betrieb die Belegschaft zu agitieren. Und von dieser kriegen sie dann gesagt: ‚Das ist ja alles ganz schön, was du uns da erzählst. Aber mach man so weiter. Dann fliegst du bald raus!‘ Auf deine – einer etwas kurzsichtigen Opferbereitschaft entspringenden Erklärung: ‚Das macht mir gar nichts aus!‘ kommt dann die Antwort: ‚Uns aber.‘ Damit ist die Sache eigentlich erledigt. Du konntest dein Anliegen nicht vermitteln. Jetzt bist du als Revolutionär isoliert. Wahrscheinlich bist du, wie die meisten von uns, Anfänger in der revolutionären Betriebsarbeit.“29
Er blieb nicht lange und meine Angst, dass wir beide als Gewerkschaftsaktivisten in der Probezeit auffliegen könnten, blieb unbegründet. Mit einer kurzen Schulung vorab, einem klaren Auftrag und präziser Verantwortlichkeit wären zumindest solche krass aktivistischen Vorfälle vermeidbar gewesen.
6 Anfänger:innen mit leninistischem Brett vorm Kopf
Was tat ich dann als Salting-Tourist mit unscharfen Plänen während einer Kampagnenflaute? Wir alle verdienten erst mal und ganz einfach unsere Pizzabrötchen – auch wenn zumindest ich mir diese simple Tatsache zu der Zeit nicht eingestehen konnte. Die Salting-Genossin hingegen erlebte ihre Zeit in der Lieferland-BG viel nüchterner als ich und zieht daraus andere Schlüsse, die manches von mir Geschriebene relativieren:
„Gerade mit dieser Identifikation ‚zuerst Gewerkschaftsaktivist, dann erst Lohnabhängiger‘ hadere ich ein bisschen. Müssen wir als Gewerkschaftsaktivist:innen nicht auch hauptsächlich unsere täglichen Brötchen verdienen? Mir war also, als ich im Lieferland angefangen habe, v.a. erst mal wichtig, wieder einen Job zu haben, weil ich gerade dringend einen brauchte. Dazu hat es dann einfach gut gepasst, dass es dort die BG gab. Ist wahrscheinlich auch ein bisschen Typ-Sache. Ich habe beim Lesen das Gefühl, du bist viel idealistischer an die Sache rangegangen als ich, und dadurch warst du viel ‚wild entschlossener‘. Ich bin irgendwie, mir fällt kein besseres Wort ein, ‚zurückhaltender‘ in den Job eingestiegen.
Zuerst wollte ich also hauptsächlich ein bisschen Kohle verdienen, und nebenbei in die BG-Arbeit reinschauen. Dabei habe ich meine Rolle in der BG als eine am Anfang eigentlich nur zuarbeitende gesehen, habe mich bei den Treffen um’s Protokoll schreiben gekümmert oder andere niedrigschwellige Aufgaben, von denen die schon länger dabei Gewesenen einfach genervt waren. Ich hatte auch einen guten Ansprechpartner in meinem Store, da war sowieso klar, dass er die ‚Führung‘ übernimmt. Beim Lesen und drüber Nachdenken frage ich mich, ob das auch daher kommt, dass wir beide einfach eine andere Position im Syndikat hatten. Also das ist jetzt nur mein ganz subjektives Gefühl, aber ich glaube, die anderen BG-Mitglieder hatten so Gedanken im Kopf wie ‚Franz ist ja FAU-Urgestein, der weiß ganz genau was er macht, dem müssen wir eh nichts mehr erklären‘ oder so ungefähr.“30
Naja, wusste ich aber eben nicht. Doch wild entschlossene Externe wie ich lassen sich auch durch fehlende Organizingkenntnisse und gewerkschaftliche Erfahrungen in ihrer Initiative nicht im mindesten aufhalten. Markus weist hier auf einen weiteren Aspekt hin: „An der Stelle scheint mir vor allem auch das Geschlechterverhältnis eine Rolle zu spielen. Also mir scheint es irgendwie auch typisch männlich, sich durch fehlende Kenntnisse und Erfahrungen nicht aufhalten zu lassen.“ Ich war also nicht nur ein typisch männlicher Anfänger in der revolutionären Betriebsarbeit. Darüber hinaus waren alle von uns Salts Anfänger:innen, was folgende Dinge angeht:
1. Persönliche Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen, also ‚Augenhöhe‘ mit den Kolleg:innen. 2. Wissen um die Lebensrealität und existentiellen Zwänge der Kolleg:innen. 3. Einfühlung in ihre Bedürfnisse, Wünsche und Probleme. 4. Verständnis ihrer notwendigen Verdrängungsleistungen auf Arbeit und ihrer zuweilen existentiellen Angewiesenheit auf den Job. 5. Wissen über den Betrieb, seine Hierarchien und Arbeitsabläufe sowie seine Schwachstellen und Druckpunkte. 6. Produktionsintelligenz, also das Wissen und die Fähigkeit, den Laden am Laufen zu halten. 7. Informelle Konflikterfahrungen im Betrieb. 8. Widerstandsfähigkeit auf der Arbeit und einen gewissen Eigensinn als Arbeiter:innen. 9. Wissen um realistische Handlungsmöglichkeiten. 10. Erfahrungen mit (abwesenden) etablierten Gewerkschaften im Betrieb, in Bezug auf die Bearbeitung der konkreten Arbeitsrealität. 11. Gewöhnung an die Arbeit selbst und entsprechendes Durchhaltevermögen sowie 12. ein Verständnis der internen Konfliktlinien, Spaltungen, Privilegierungen und Kräfteverhältnisse.
Tourist:innen, die zum salten kommen, sind also in der Regel Lernende und Anzuleitende. Ich fühlte mich jedoch als ‚Organizer‘, also als Anleitender. Diese grundlegend aktivistische Verdrehung wird in den folgenden Kapiteln des Buches der Schlüssel sein. Nämlich um zu verstehen, was beim Salting im Speziellen und Basisaktivismus im Allgemeinen gewaltig schieflaufen kann. Denn ich unterschied mich in meinem Selbstbild und meiner angemaßten, zudem unscharfen Rolle nicht von einem „‚leninistischen‘ Missionar“31, wie der Autor Michael Schneider es 1971 so treffend bezeichnete. Gegen solche aktivistisch-leninistischen Verdrehungen gilt es aber zunächst einmal ganz allgemein zu betonen, dass
„die Arbeiter [in Wirklichkeit] ein viel präziseres und umfassenderes (wenn auch nur latentes) Bewußtsein von ihrer Unterdrückung und Ausbeutung [haben], als wir studentischen Kader mit unserem ‚leninistischen‘ Brett vorm Kopf ahnen konnten. Die Skala ihrer Protesthaltungen reicht von der bewußtlosen Verweigerung, die sich z.B. in Grimassenschneiden, aggressiven Witzen, in einer auffälligen Trägheit und Schwerfälligkeit äußert, bis zum bewußten Widerstand, der sich in spontanen Wutausbrüchen gegen Meister und Zeitnehmer oder im individuellen Boykott von Überstunden und erhöhten Bandgeschwindigkeiten äußert.“32
7 Linksradikale „street credibility“
Ich war lange Zeit ’nur‘ ein studentischer Gewerkschaftsaktivist unter anderen im Syndikat gewesen, beschäftigt mit Verwaltungsarbeit, solidarischen Dienstleistungen und internem ‚politischem‘ Organisationsgeplänkel. Doch nun war ich als Salt auch in den Treffen einer Betriebsgruppe von widerständigen Kolleg:innen dabei gewesen. Ich nahm an Organizing-Workshops teil, konnte mich im Betrieb darin praktisch üben und Erfahrungen sammeln. Das Hereinschnuppern in die Betriebsorganisierung während einer aktivistischen Durststrecke blieb für mich aber eine eher entmutigende Erfahrung. Das ist einer der Gründe, warum ich sie aufarbeiten möchte. So kann ich heute bestätigen, dass die Einbindung touristischer Salts noch
„eine weitere organisatorische Gefahr [birgt]: Sobald man im Betrieb ist und Anlaufstelle für die Kampagne oder die Organisation wird, bekommt man im Fall der IWW – aufgrund unserer Struktur – plötzlich eine Glaubwürdigkeit und eine soziale und organisatorische Macht, die auch ein Problem sein kann.“33
Studentischen Aktivist:innen fehlen also zwar Erfahrung, Wissen und Selbstbewusstsein in der betrieblichen Organisierung. Als ‚hauptberufliche‘ Student:innen fehlt diese oft auch in der eigenen existenziellen Auseinandersetzung mit Lohnarbeit. All das haben sie dann jedoch umso mehr im internen Hickhack der politischen Organisation. Mein touristischer Aufenthalt hat mir wahrscheinlich mehr Prestige und damit informellen Einfluss unter meinen Genoss:innen gebracht. Als Mitglied einer BG steigt zum Beispiel die Bedeutung der eigenen Meinung in Richtungsdebatten und Entscheidungsprozessen in der Schar der Feierabendaktivist:innen deutlich an. Hier kann der eigene Salting-Tourismus zur „Ressource werden, zur aktivistischen street credibility als Wert im Feilschen und Handeln.“34 So hätte ich beispielsweise als Sprecher eines aktiven Arbeitskampfes auftreten können. Ich hätte dies intern oder gegenüber der Presse tun können. In den kritischen Fallbeispielen von MK Lees nimmt die Medienarbeit generell eine wichtige Rolle ein, wie auch in der Kampagne im Lieferland. Ich könnte damit beginnen, BG-Workshops in anderen Syndikaten zu geben und das soziale Kapital der Aktivist:innen zu sammeln. Ich könnte in einschlägigen Medien, wie dem Express, die eigene ‚radikale‘ Publizistikkarriere zart anschieben.35 Ich könnte meine Glaubwürdigkeit in der linksradikalen Nische ausbauen, die sich mit den FAU-Syndikaten ja durchaus überschneidet. Das lässt sich mit einem historischen Rückgriff verdeutlichen:
„Je länger der RK [Revolutionäre Kampf] bei Opel [Anfang der 70er] tätig war, desto schwieriger wurde es, genau zu sagen, was die Betriebsarbeit eigentlich erreichen sollte. In Frankfurt war sie vor allem nützlich für das Prestige der Gruppe in der Szene; sie war das politische Aushängeschild des RK, das besonders an der Universität wirkte. Umgekehrt brauchten die RK-Innenkader die Zugehörigkeit zum Kollektiv mit seinen ‚revolutionären Aktionen‘ in Frankfurt, um sich überhaupt als Revolutionäre fühlen zu können.“36
Die linksradikale Nische, innerhalb derer man mit Arbeitskämpfen unerfahren ist, reitet auf der auslaufenden Welle ‚Neuer Klassenpolitik‘37. Plötzlich spricht man auch in ihr von einer schwer antastbaren Position der ‚klassenkämpferischen‘ Autorität. Möglicherweise fährt man aber lediglich Essen aus. Man traut sich nicht einmal, mit dem Organizing anzufangen und mal mit den Kolleg:innen über gemeinsame Probleme zu quatschen. Vielleicht macht man aber auch nur an BG-Treffen oder bei Demos so richtig mit und redet dort ‚radikal‘ auf die eigenen Genoss:innen ein. Das ist noch fataler, da man so den Raum einnimmt, der für die Selbstorganisation der festangestellten Kolleg:innen und die Lösung ihrer betrieblichen Probleme da sein sollte. Denn eine BG sollte eine effektive Kampforganisation im Betrieb sein. Die persönlichen Bedürfnisse von Salting-Tourist:innen – die eigentlichen Probleme, die sie durch die Organisierung lösen wollen – sind aber vorrangig andere als die der meisten Kolleg:innen. Deswegen müssen Salts
„andere Verhaltensstandards und andere Verantwortlichkeiten auferlegt werden [als den organisierten Arbeiter:innen]. Salting sollte als eine zeitlich begrenzte Aktion definiert werden, die einer Kampagne Auftrieb gibt. Damit unterscheiden sich Salts kategorisch von allen anderen Arbeiter:innen, die ganz andere Beweggründe hatten, ihre Jobbewerbung zu schreiben.“38
8 Die Suppe und das Salz
Unser Aktivismus als Salts war auf einer weiteren Ebene problematisch. Die Anwesenheit und Mitarbeit von zeitweise vier Salts hat möglicherweise zu einer unrealistischen Einschätzung des tatsächlichen Organisationserfolgs der BG geführt: rein quantitativ, im Hinblick auf die Mitgliederzahlen, war die BG recht konstant. Aber der qualitative Erfolg von 1:1-Gesprächen, der Entwicklung von solidarischen Beziehungen unter Kolleg:innen und der Planung kleiner direkter Aktionen ließ rapide nach. Also das, was man mit Peter Renneberg „betriebliche Verankerung und einen Plan für die Gewerkschaftsentwicklung im Betrieb“39 nennen könnte. Zwei meiner Salting-Genoss:innen haben sich zwar auf Unterstützungstätigkeiten bei den BG-Treffen beschränkt, doch auch unterstützende Genoss:innen übernehmen zentrale Verantwortung bei den letztlich „schweren Arbeiten“40 der betrieblichen Selbstorganisierung. Sie vermitteln den anderen Kolleg:innen sowie dem Syndikat ein falsches Bild ihrer kollektiven Stärke im Betrieb.
Das regelmäßige Treffen nach Feierabend läuft zwar stabil, es findet regelmäßig statt und ist gut besucht. Doch die Kampagne im Betrieb hat an Schwung verloren: Es gibt keine 1:1-Gespräche und es herrscht generell Flaute im Vertrauensaufbau zum Großteil der Kolleg:innen. Außerdem gibt es ein Kommen und Gehen unter den Aktiven der BG und es findet keine fortlaufende Wissensvermittlung statt, um dieses auszugleichen. Die unterstützenden Salts sind es unter Umständen, welche zumindest eine Kontinuität der Organisierung gewährleisten. Die BG läuft also möglicherweise nur deshalb, weil fast die Hälfte der organisierten Kolleg:innen aus Salts besteht und nicht, weil die BG wirklich Fuß gefasst und bereits festangestellte Kolleg:innen aktiviert hätte. Dadurch findet ‚die Gewerkschaft‘ wieder hauptsächlich ’nach Feierabend‘ statt und nähert sich so der Form der politischen Gruppe und des Aktivismus an. Man kann sich darauf eine Weile ausruhen, doch ist all das kaum ein Erfolgsrezept für das Erreichen folgender syndikalistischer Ziele: 1. Als BG kurzfristig Erfolge auf konfrontative und direkte Art zu erringen, 2. mittelfristig einige neue sozialistische Militante und militante Praxisformen hervorzubringen sowie 3. langfristig als Keimzelle selbstverwalteter Betriebe zu fungieren.
Eine Genossin betonte jedoch in der Diskussion, dass die BG in den zwei Jahren enorm viel erreicht habe und man das nicht vergessen dürfe. Dass vielleicht auch das Problem gerade diese ‚Suppe‘ gewesen sei, also dieser bestimmte Store, welchen ich mir zum ’salzen‘ ausgesucht hätte. Vielleicht seien die Leute hier auch einfach nicht bereit gewesen, sich selbst zu organisieren. Ein anderer Genosse hielt in der Diskussion dagegen, dass es einfach immer einen Unterschied mache, ob man in einen Job reingehe, weil man diesen gesellschaftlich relevant und persönlich erfüllend fände, oder ob man nur für die Entwicklung der Organisation FAU reingehe. Und in letzterem Fall solle man es lieber gleich bleiben lassen. Ich kann beiden Genoss:innen nicht grundlegend widersprechen. Doch ich würde mit MK Lees zuerst dem letzteren Genossen relativierend entgegnen:
„Zugegeben, es gibt Orte und Zeiten für ein Strategie der Einwirkung von außen. Wenn wir uns ganz strikt darauf beschränken würden, nur unsere eigenen Arbeitsplätze zu organisieren, dann würden wir eine Chance vergeben, uns diverser zu organisieren. Wir würden uns strategisch einschränken, wenn wir weitreichendere Organisierungspläne [bspw. über eine Branche bzw. Lieferkette hinweg] aufstellen wollen. Salts sind ein Instrument, das uns helfen kann, unser Organizing gezielt und strategisch zu erweitern. Salting kann nützlich sein, wenn die Salts geschult und rechenschaftspflichtig sind. Wenn der ganze Plan aber darin besteht, dass sich diese Leute selbst als Held:innen in einem John-Steinbeck-Roman fantasieren, werden wir uns auf sehr enttäuschende Weise die Suppe versalzen. Wenn wir Salts einsetzen, dann müssen wir uns über deren Zweck im Klaren sein.“41
Zum Beispiel hätten die meisten von uns Salts nicht sechs Monate warten sollen, um aktiv zu werden. Wir hätten von Anfang an mit einem konkreten Plan in den Betrieb geschickt werden sollen, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen, für welche wir uns nicht hätten exponieren müssen. Die Salting-Genossin meint dazu: „Ich finde es interessant, dass du das vorschlägst. Genau so habe ich meinen Arbeitsauftrag wahrgenommen, um ehrlich zu sein.“ Hut ab! Und doch empfehle ich, auf Grund meines selbstkritischen Berichts, solche Leitlinien kollektiv aufzustellen. Auch wenn sie von manchen wie der Salting-Genossin ohne Anleitung befolgt werden mögen, sollten wir sie wohl nicht der individuellen Einhaltung, gerade im Fall von wildentschlossenen Externen, überlassen. Auch MK Lees gibt, wie geschrieben, konkrete Empfehlungen für sinnvoll geplanten und in seinem Einfluss begrenzten Salting-Aktivismus. Diese könnt Ihr am besten selbst lokal diskutieren und anpassen.i 42 Aber auch der ersteren Genossin aus der Diskussion, welche mich als Salt entlasten und die betrieblichen Umstände problematisieren wollte, würde ich noch grundsätzlicher entgegnen: Wenn mein Einsatz nicht völlig wirkungslos geblieben wäre, wären darin dieselben für mich zu kritisierenden aktivistischen Fühl-, Denk- und Handlungsweisen zur Wirkung gekommen. Externe ‚politische Radikale‘ handeln eben, ob anleitend oder unterstützend, als „Außerirdische“:
„[Die Radikalen] genießen ihre Exteriorität gegenüber jeder Situation. Sie hängen in der Luft und leiten daraus das Gefühl einer irgendwie gearteten Besonderheit ab. Lieber leben sie als Außerirdische – das ist der Komfort, den das Leben der Metropolen, ihr bevorzugtes Biotop, noch einige Zeit lang zulässt.“43
Die im zurückliegenden Kapitel beschriebenen ‚außerirdischen‘ Problemlagen, welche mein Salting-Tourismus hervorbrachte, tauchten nicht zufällig auf. Sie hatten nicht nur mit gerade diesem Betrieb, prekären Beschäftigungsverhältnissen oder den Kolleg:innen des Lieferlands zu tun. Aber ich denke, sie hatten auch nicht nur mit mir als Person, meiner Unerfahrenheit oder meinem Charakter zu tun.
Die ‚Außerirdischen‘ auf die Erde holen
Ratlos und frustriert stand ich nach sieben Monaten vor solchen Vermutungen und Widersprüchen neben meinem E-Bike, mit welchem ich die letzten Pizzen auslieferte. Da richtete eine irritierende Rückmeldung zu meinem Saltingbericht44 meinen Blick zurück auf die Organisation, aus der ich zuerst in das Lieferland als Tourist aufgebrochen war:
„… Ich habe den ersten Teil deiner Artikelserie übrigens gerade an einen IG Metall-Organizer gemailt, der war nicht so angetan – er sagt, das wäre einfach nicht wichtig… Ich glaube aber, das liegt an der Frage, diskutiert man das mit alten Organizing-Hasen oder mit Studis, die ’salten‘ wollen. Für die finde ich das nämlich durchaus wichtig…“
Diese Rückmeldung fand ich zunächst irritierend. Ich hatte mir wohl erhofft, dass auch ein solidarisch gesinnter IGM-Organizer Interesse für meine Gedankengänge aufbringen und vielleicht sogar Klärung zu den gemachten Erfahrungen beitragen könnte. Klar, meine Selbstkritik an falsch eingesetztem Salting ist für alte Organizing-Hasen wie ihn uninteressant. Aber das, was Salting-Tourismus zugrunde liegt, halte ich nicht nur für unerfahrene Studis, die salten wollen, relevant. Teilen wir denn nicht auch als radikale Linke, ob wir nun in den sozialpartnerschaftlichen oder syndikalistischen Gewerkschaften aktiv sind, bei aller Verschiedenheit der Kontexte, ähnliche Probleme im Bezug auf emanzipatorische Betriebsorganisierung? Wie kam es dann, dass der DGB-Organizer sich nicht angesprochen sondern scheinbar eher gelangweilt bis vor den Kopf gestoßen fühlte? Wie ich so darüber nachgrübelte, wurde mir klar, was euch, während ich noch vielleicht naiv irritiert war, schon längst klar geworden sein dürfte:
Das, was ich als Kritik am Saltingtourismus herausarbeitete, lässt sich sehr wohl auch auf die Arbeit des DGB-Organizers übertragen – wovon er aber anscheinend nichts mehr wissen will. Vielleicht weil er meint, nach all den Jahren über solchen Problemen zu stehen, sie eh auf dem Schirm zu haben? Meine Selbstkritik behandelt jedenfalls so gesehen nur ein konkretes Fallbeispiel für externen Gewerkschaftsaktivismus generell – und da muss ich auch jeden DGB-Organizer dazuzählen. Die Kritik an den ‚Außerirdischen‘ trifft auch ihn, wobei Genoss:innen wie er durch ihre Besoldung noch besonders freischwebende ‚Außerirdische‘, also eben genauso ‚Aktivist:innen‘ sind. Die Ursachen der von mir festgestellten ‚außerirdischen‘ Problemlagen liegen, so wurde mir nach und nach klar, viel tiefer als bis hierhin von mir vermutet. Auch Aktivist:innen einer Stadtteilgewerkschaft beispielsweise, die extra in einen zu organisierenden Stadtteil ziehen, sind in dieser Weise zu kritisierende ‚Salts‘ …
Entsprechend fasste ich den Entschluss, von meiner Selbstkritik zu einer Kritik der ‚außerirdischen‘ Form des politischen Aktivseins in Basisorganisierungen generell weiterzugehen. In den restlichen Kapiteln dieses Buchs wird es darum gehen, wie es dazu kommt, dass alle externen Aktivist:innen, ob entlohnt oder ‚ehrenamtlich‘, im Kampf gegen das Kapital scheinbar immer wieder die gleichen Organisierungsformen und Haltungen hervorbringen. Es kann dabei also nicht alleine um eine Kritik gehen am
„gewerkschaftlichen Organisierungsmodell […], das sich auf bezahltes Personal verlässt […] weil dieses ein Ersatz für die Eigenaktivität der Beschäftigten werden kann. [Zwar] führt es zu einer Trennung, bei der Gewerkschaftsprofis die breitere Organisierungsstrategie entwerfen, während die Beschäftigten auf kleinere Rollen beschränkt werden […] [Doch] das wirft die Frage auf: Wenn ein:e IWW-Organizer:in oder ein:e Sozialist:in einen Job als Salt annimmt, aber die Rolle des:der Strateg:in und Organizer:in monopolisiert, ohne ein Komitee aufzubauen und die Führungsqualitäten seiner:ihrer, zumindest auf Bewusstseinsebene, ’nicht-radikalen‘ Kolleg:innen zu entwickeln – worin besteht dann der qualitative Unterschied zwischen einer vom bezahlten Personal gesteuerten Gewerkschaft und dem Salting-Modell? […] In einer Gewerkschaft wie den IWW betonen wir die Selbstorganisation der Arbeiter:innen – und verlassen uns fast ausschließlich auf sie.“45
Auch als unbezahlter Gewerkschaftsaktivist beförderte ich im Zuge meines Salting-Tourismus die von MK Lees aufgeführten Trennungen: durch den Ersatz der Eigenaktivität der Kolleg:innen und die Monopolisierung der Rolle des Strategen und Organizers. Doch ich möchte zu einer FAU beitragen, welche die Selbstorganisation von uns als Arbeiter:innen voranbringt, und nicht zunehmend ersetzt oder bloß instrumentell für’s Wachstum der eigenen ‚politischen‘ Organisation behandelt. Aus ungebrochener Sehnsucht nach Erfahrungen der Solidarität und eigenen Strukturen der Gegenmacht, habe ich mich also nach diesem Kapitel zum Weiterschreiben entschieden. Im restlichen Buch möchte ich zeigen, „dass der Anarcho-Syndikalismus eine Praxis des Experimentierens um einen politisch-ökonomischen Kern herum ist, der die Ideen und Ziele des Anarchismus mit der Strategie der Arbeiter:innenorganisierung des Syndikalismus verbindet.“46 Ausgehend von meinem Fallbeispiel möchte ich aber andererseits weiter ergründen, wie unsere gelebte Praxis einen solchen Anarchosyndikalismus verfehlt oder diesem sogar entgegensteht:
„In diesem Sinne müssen wir uns – als aktivistischer Teil der organisierten arbeitenden Klasse – die berechtigte Frage gefallen lassen, wozu die Arbeiter*innen ‚uns‘ brauchen. Unterstützung von Arbeits- und Arbeiter*innenkämpfen darf kein taktisches Mittel zum Zweck sein, in dem es nur darum geht, die Positionen und Ziele der eigenen Gruppe zu stärken.“47
Mich interessiert also, was uns als Anarchosyndikalist:innen zu ‚Außerirdischen‘ macht. Ich möchte weiter nach Erklärungen dafür suchen, wie mein Handeln, Denken und Fühlen im Lieferland zustande kamen. Ich möchte besser verstehen, was hier eigentlich unter uns Aktivist:innen in der FAU und in linksradikalen Basisorganisierungen allgemein, die solche ‚Außerirdischen‘ hervorbringen, vor sich geht. Für Aktivist:innen aus anderen linken Organisationen, die unterstützenden Aktivismus machen, mag das alles nicht so relevant sein. Doch ‚Basisorganisierungen‘, wenn sie kein Witz sein sollen, sind dem Anspruch nach Interessenorganisationen von Arbeiter:innen für Arbeiter:innen. Und die FAU ist zudem eine syndikalistische Interessenorganisation, welche die Selbstorganisierung, Konfliktorientierung und umfassende Solidarität im eigenen Alltag zur unbedingten Grundlage ihrer gesamten gesellschaftspolitischen Vision gemacht hat. Sie ist also eine transformatorische Basisorganisation und den damit einhergehenden spezifischen Maßstab sollten wir auch an sie anlegen …
Weiterlesen im Buch selbst …
Fußnoten
1Lees 2020a
2Renneberg 2020
3ebd.
4Das gesamte Buch habe ich innerhalb von drei Jahren immer wieder anhand von Entwürfen mit Genoss:innen diskutiert und ihre Kritiken eingearbeitet. Kernaktive Genoss:innen, die meiner Argumentation wiederum besonders kritisch gegenüber stehen dürften, haben sich bis auf eine Ausnahme leider nicht geäußert.
5Lees 2020a
6Lees 2020b
7Siehe Kelb 1971.
Kelb hat durch seine klar verständlichen Texte, seine aufs Mark zielende Botschaft und seine damalige Positionierung als Industrieproletarier eine Art mystischen Geniusstatus unter Basisgewerkschafter:innen hierzulande. Es scheint allerdings keine Berichte von irgendwelchen geglückten betrieblichen Organisationsversuchen zu geben, an denen er mit seiner Programmatik beteiligt gewesen wäre. Was hingegen bekannt ist, ist dass er in seinem späteren Leben barfuß immer wieder in die Redaktion der frühen taz gelatscht kam und Texte über die innerparteiliche Demokratie im Parlamentarismus angeboten hat. Außerdem ist er als Übersetzer von Shakespeare ins Plattdeutsche in Erscheinung getreten. Ein Lebenslauf wie ich ihn mir nicht herrlicher für mich selbst ausmalen könnte. Die Erde sei dir leicht, lieber Berni!
8Siehe Bradbury, Brenner, Slaughter 2018
9Vergleiche: „Jeder Einzelne ist – unabhängig von seiner sozialen Stellung – vom Wohlwollen seiner Oberen abhängig. Und er ist gegenüber denen, die unter ihm stehen, privilegiert. Dieses Prinzip ist nur zu durchbrechen, wenn die Vereinzelung aufgehoben wird. Also durch Solidarität. Da ist die Barrikade: Ist einer bereit, sich mit Seinesgleichen und Untergebenen zu solidarisieren – oder ist er bestrebt, sich nach oben anzupassen? Je nachdem ist er in seinem Verhalten revolutionär oder nicht. Der Feind steht immer oben. Der konkrete Feind ist jeweils der nächsthöhere Vorgesetzte, der sich nicht mit seinen Untergebenen solidarisiert. Für einen Arbeiter ist die Unterdrückung durch einen despotischen Vorarbeiter viel anschaulicher, als die durch einen jovialen Direktor.“ (Kelb 1974: 5)
10Siehe zum genannten scheinbaren Paradoxon, Mitglieder der IWW 2015: 34.
11Renneberg 2020: 111f.
12ebd.
13ebd.
14Vergleiche Arps 2011
15Vergleiche auch speziell dazu Wildcat #90
16Lees 2020a
17Vergleiche Bradbury, Brenner, Slaughter 2018
18‚Wobbly‘, ‚Wobblies‘ ist die liebevolle Bezeichnung für Mitglieder der Basisgewerkschaft ‚Industrial Workers of the World (IWW)‘.
19Angry Workers 2020a
20Garneau 2020a
21Angry Workers 2020b
22Lees 2020a
23Organisation des Jeunes Travailleurs Révolutionnaires 1972
24Lees 2020a
25ebd.
26ebd.
27ebd.
28Vergleich das Beispiel aus einer IWW-Kampagnen-Analyse: „Das Problem war, dass Bobs schnelles Organizing keine wirklichen Betriebsgruppen aufbaute, nicht richtig impfte und keine wirkliche Stärke in den Betrieben entwickelte, bevor er den Abzug betätigte. Infolgedessen kam es häufig zu Massenentlassungen und anderen Vergeltungsmaßnahmen, wie z. B. dem Entzug von Arbeitspapieren (offiziell oder nicht) durch den Arbeitgeber. Bob ist auf diese Weise durch vier oder fünf Betriebe gerast. Ein IWW-Mitglied schätzte, dass er im Laufe der Jahre der Grund war, dass 170 Leute gefeuert wurden.“ (Garneau 2019)
29Kelb 1971: 7
30Dieser Punkt ist richtig spannend und verrät etwas über die internen Statusparameter in der FAU: niedrige FAU-Mitgliedsnummer erzeugt eine Aura der Erfahrenheit. Bei mir allerdings ist das Quatsch, da ich zwar früh ins Syndikat eingetreten, aber dann erst vor zweieinhalb Jahren aktiv geworden war und zudem keine Gewerkschaftserfahrung mitbrachte.
31Schneider 1971: 74
32ebd.: 73
33Lees 2020b
34Nappalos 2021: 15
35Markus wirft an dieser Stelle etwas ein, was das gesamte Buch hinsichtlich meiner Rolle als selbsternannter Organisationsintellektueller, der eben ein analytisches Buch schreibt, durchziehen wird: „Ein bisschen liegt hier noch ein kleiner Widerspruch: in gewisser Weise übersetzt du die gescheiterte Erfahrung ja in ein Buch und arbeitest so daran, es irgendwie zu verwerten. Ich finde das nicht schlimm – aber ganz so leicht lässt sich der Gegensatz hier nicht aufrecht erhalten, wie mir scheint.“ Diesen Widerspruch versuche ich aber im weiteren produktiv zu machen …
36Arps 2011: 101
37So der Buchtitel eines einflussreichen Sammelbandes, vergleiche Friedrich 2018.
38Lees 2020a
39Renneberg 2020: 111f.
40Lees 2020a
41ebd.
42Diese Empfehlungen könnt ihr in der oben im Text aufgeführten Endnote ‚i‘ nachlesen. Generell finden sich über das ganze Buch derart im Text indizierte Endnoten. Die Endnoten selbst mit Zusatzinformationen für wild entschlossene Leser:innen findet ihr am Ende des Buchs.
43Unsichtbares Komitee 2015: 137
44Dieses Buch hatte ich bereits in Auszügen als Artikelserie ab Mitte 2024 online auf der ‚Direkten Aktion‘ veröffentlicht, bevor ich anfing, diese auszudehnen und grundlegend für die Buchform zu überarbeiten.
45Lees 2020a
46Solidarity Federation 2024: 88
47Bewernitz 2019: 28
Endnote
iHier MK Lees Essenzen zu dieser sehr feinen und bewussten Dosierung der aktivistischen Taktik des Salting – die dadurch, in meinem Verständnis, nicht grundlegend ihren aktivistischen Charakter verliert: „Salts sind ein Instrument, das uns helfen kann, unser Organizing gezielt und strategisch zu erweitern. Salting kann nützlich sein, wenn die Salts geschult und rechenschaftspflichtig sind […] Salting sollte als eine zeitlich begrenzte Aktion definiert werden, die einer Kampagne Auftrieb gibt. Damit unterscheiden sich Salts kategorisch von allen anderen Arbeiter:innen, die ganz andere Beweggründe für ihre Jobbewerbung hatten. Das erlegt ersteren somit auch andere Verhaltensnormen und andere Verantwortlichkeiten auf […] Salts sollten Teil eines Plans sein, in den auch andere eingebunden sind. Salts sollten genau wissen, was von ihnen erwartet wird, wem sie rechenschaftspflichtig sind und wie lange sie voraussichtlich auf dem Job arbeiten werden – selbst wenn die Antwort auf die letzte Frage ‚auf unbefristete Zeit‘ wäre.
Es sollte einen Verhaltenskodex geben, und die Arbeiter:innen sollten ihre Verpflichtungen in irgendeiner Weise konkretisieren. In meinem Zweig der IWW bitten wir beispielsweise die Salts, ein Dokument zu unterschreiben, das Einzelheiten über verschiedene Arten von Rechenschaftspflichten enthält, darunter Dinge wie die Teilnahme an der IWW-Organizer:innen-Schulung und das Versprechen, keine romantischen Beziehungen zu irgendjemandem am Arbeitsplatz einzugehen, während sie in der Funktion eines Salts tätig sind. Die beste Verwendung für Salts ist das Sammeln von Informationen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Salts für den schlichten Zweck eingesetzt werden, sich Zugang zum Arbeitsplatz zu verschaffen, die Kontaktinformationen der Arbeiter:innen herauszufinden und wieder zu verschwinden.“ (Lees 2020a)


5 Kommentare zu „Salting-Tourist:innen“
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[…] im Sinne der sozialen Revolution zuungunsten des Aktivismus ausfällt. Dieses Werten wurde bereits in meiner Selbstkritik als Salting-Tourist deutlich und durch mein Fallbeispiel mit Leben […]
[…] der Mittel, zum Selbstzweck zu werden, noch einmal an meinem Beispiel durchprobieren. Ich habe mich selbst als Salting-Tourist für meinen impliziten Leninismus zu kritisieren versucht. Ich habe darin rückblickend gefordert, dass ich meinem erfahreneren BG-Genossen im Lieferland die […]
[…] der Mittel, zum Selbstzweck zu werden, noch einmal an meinem Beispiel durchprobieren. Ich habe mich selbst als Salting-Tourist für meinen impliziten Leninismus zu kritisieren versucht. Ich habe darin rückblickend gefordert, dass ich meinem erfahreneren BG-Genossen im Lieferland die […]
[…] „Lieber leben wir als Außerirdische“ von Franz Heuholz in der „Direkten Aktion“: https://direkteaktion.org/salting-touristinnen/ Einen besonderen Fokus auf die allgemeinen Syndikate wird hier gelegt: […]