Das Raumschiff unseres Allgemeinen Syndikats

Zweiter Teil der aktivismuskritischen Artikelserie “Lieber leben wir als Außerirdische”

“Natürlich gibt es im Rahmen der spontanen Organisation bestehender Kämpfe und sozialer Bewegungen Aufgaben, die von den Beteiligten übernommen werden. Diejenigen, die diese Aufgaben erfüllen oder solche Rollen einnehmen, erwachsen oft aus der Situation des Kampfes selbst; zu anderen Zeiten kann eine Rolle von denjenigen gespielt werden, die sich mit solchen Kämpfen aufgrund einer bereits bestehenden politischen Identität oder ihrer Beteiligung in einer [politischen Gruppe] verbinden. In einer revolutionären Bewegung gäbe es auch Aufgaben zu erledigen. Es ist jedoch keineswegs klar, dass es revolutionäre Aufgaben in Bezug auf die bestehenden sozialen Bewegungen und Kämpfe gibt. Es ist auch nicht klar, welche Rolle (im Guten wie im Schlechten) diejenigen mit bereits bestehenden politischen Identitäten in einer zukünftigen revolutionären Situation spielen können.”
– Endnotes: We Unhappy Few

 

1

Salting ist eine gewerkschaftliche Taktik unter anderen. Sie gehört zu den sozialen Kämpfen äußerlichen, sprich aktivistischen Taktiken. Diese unterscheiden sich von den, so würde ich sie benennen, militanten Taktiken damit grundsätzlich. Diese begriffliche Unterscheidung ist nicht neutral, sondern enthält eine Wertung meinerseits, die im Sinne der sozialen Revolution zuungunsten des Aktivismus ausfällt. Dieses Werten wurde bereits in meiner Selbstkritik als Salting-Tourist deutlich und durch mein Fallbeispiel mit Leben gefüllt.

Taktiken sind Teil einer übergreifenden Strategie. Ihre Sinnhaftigkeit kann also nur innerhalb dieser grundlegend bewertet werden. Möchte man eine aktivistische Stellvertreter:innen-Organisation aufbauen[1]Siehe zur Ausformulierung dieses Arguments Teil III, im Abschnitt zur “Repräsentationsfunktion”, mag Salting – oder ‘strategisch arbeiten geheni – bspw. die sinnhafte Taktik schlechthin sein. Torsten Bewernitz wiederum forumliert einen Eckpunkt militanter Strategie, sowie implizit ihre Abgrenzung zu einer aktivistischen[2]Auch wenn er dies nicht so benennt, sondern im Gegenteil den Begriff des Aktivismus und der Aktivist:innen mit der zitierten, von mir grundsätzlich bejahten Forderung gleichsetzt.:

“[Linksradikale müssen sich] als Organizer*innen verstehen […] Damit soll nicht gemeint sein, dass [sie] nun (wie nach 1968) in die Betriebe gehen und die Arbeitenden für ihre Organisation zu gewinnen suchen. Vielmehr muss Organisierungs- oder Mobilisierungsarbeit vor allem für die eigenen Interessen als Arbeitende getan werden […] Immer noch betrachtet ein Großteil der radikalen Linken, auch wenn sie sich teilweise wieder als ‘Klassenlinke’ begreift, die Arbeiterklasse als etwas ihnen Äußeres […] Es ginge also um Engagement im eigenen Betrieb, im eigenen Arbeitsumfeld und im eigenen Alltag.”[3]Bewernitz 2019: 25f.

Es ist wohl möglich, auf bewusst kontrollierte Weise aktivistische Taktiken fein dosiert in einer militanten Strategie einzusetzen.ii Das heißt auf solche Weise, dass sie die Ziele der militanten Strategie befördern und nicht behindern, bzw. ohne durch ihre Dominanz gar einen eigentlich nicht beabsichtigten politischen Zweck in den Fokus gewerkschaftlicher Aktivität zu rücken. MK Lees buchstabiert all das anhand der Salting-Taktik aus:

“Die meisten Arbeiter:innen haben heute wenig bis gar keine Erfahrung mit formaler, kollektiver Arbeitsplatzorganisation, Entscheidungsfindung und organisierten Kämpfen gegen ihre Chef:innen. Wir, die wir versuchen, unsere eigenen Erfahrungen mit dem Organisieren von erfolgreichen Kampagnen mit anderen zu teilen – egal ob wir Berater:innen von außen oder Insider:innen sind – müssen unseren Erfolg daran messen, wie vielen nicht eingeweihten Arbeiter:innen wir helfen können, die Organisation in die eigenen Hände zu nehmen.

Wir sollten unseren Erfolg nicht daran messen, wie viele militante Verbündete wir dazu bringen können, bestimmte Jobs anzunehmen und Scheiße zu bauen. Oder gar daran, wie viele bereits politisch bewusste Arbeiter:innen wir rekrutieren können. Die meisten Radikalen sagen, sie glauben, dass Arbeiter:innen die Welt regieren können und sollten. Aber wenn es um unsere eigene Organisierung geht, verhalten wir uns viel zu oft nicht dementsprechend.

Unser Ziel ist es, dass Arbeiter:innen ihre eigene, dauerhafte Organisation aufbauen. Das erfordert Geduld, sowie das Bereitstellen der Möglichkeit, zu lernen und zu wachsen und dabei auch Fehler zu machen. Die Arbeiter:innen müssen die Teilnehmer:innen, Anführer:innen und Träger:innen einer Gewerkschaft sein. Die Strukturen müssen ihnen gehören.”[4]Lees 2020a

Die Untersuchungsgruppe der ‘Arbeitersache’ aus München konstatierte in den 70ern gar allgemein für außerirdische, (post)studentische Betriebskader wie mich: “Solche Genossen glauben nie an Handlungsmöglichkeiten […] und stehen über den Dingen.”[5]Arbeitersache, zitiert in: Arps 2011: 91 Militante Kolleg:innen lassen sich also als Gegenteil dieser Beschreibung verstehen: Sie wissen um die Bedingungen ihrer Mächtigkeit und sind in diesem Sinne selbsttätig für ihre eigenen Belange.

Die Betriebsgruppe (BG) Lieferland wurde von einem in Haltung und Handeln militanten Kollegen zusammen mit der FAU gegründet. Er hatte Stress im Betrieb, wollte daran was ändern und suchte sich die FAU in unserer Stadt als dafür passendes Werkzeug aus. Die BG wiederum beherbergte mindestens vier Salting-Tourist:innen, die aus der bestehenden Mitgliedschaft unserer Basisgewerkschaft kamen. Sie hatten freie Ressourcen, brauchten auch irgendeinen Job. Sie suchten sich die BG als aktivistisches Betätigungsfeld aus. Sie brachten jedoch kaum nennenswerte Werkzeuge, also “Erfahrung mit formaler, kollektiver Arbeitsplatzorganisation, Entscheidungsfindung und organisierten Kämpfen gegen ihre Chef:innen” mit.

Zwei zueinander gegenläufige Richtungen – zwei mögliche Wege der weiteren Erforschung, ausgehend vom Beispiel der BG Lieferland. Wir könnten unter den militanten Kolleg:innen in der BG verweilen und ihre Kämpfe und Organisierung analysieren. Doch diese Aufgabe können andere viel besser bewerkstelligen als ich. Oder wir können… Ups… Moment kurz – eine Nachricht von einem erfahrenen FAU-Genossen: “… ich habe den ersten Teil deiner Artikelserie übrigens gerade an einen IG Metall-Organizer gemailt, der war nicht so angetan – er sagt das wäre einfach nicht wichtig… Ich glaube aber, das liegt an der Frage, diskutiert man das mit alten Organizing-Hasen, oder mit Studis, die ‘salten’ wollen, für die finde ich das nämlich durchaus wichtig…”

Mist! Der hauptamtliche DGB-Organizer sollte sich durchaus auch davon angesprochen fühlen. Denn eine Kritik am Salting-Tourismus ist nicht nur für “Studis” relevant. Sie ist, als konkretes Fallbeispiel für einen generellen – wenn auch hier nicht-entlohnten – Gewerkschaftsaktivismus für alle von uns Außerirdischen relevant. Sie ist aufs Engste verzahnt mit einer Kritik am

“gewerkschaftliche[n] Organisierungsmodell […], das sich auf bezahltes Personal verlässt […] weil dieses ein Ersatz für die Eigenaktivität der Beschäftigten werden kann. Es führt zu einer Trennung, bei der Gewerkschaftsprofis die breitere Organisierungsstrategie entwerfen, während die Beschäftigten auf kleinere Rollen beschränkt werden […] Das wirft die Frage auf: wenn ein:e IWW-Organizer:in oder ein:e Sozialist:in einen Job als Salt annimmt, aber die Rolle des:der Strateg:in und Organisator:in monopolisiert – ohne ein Komitee aufzubauen und die Führungsqualitäten seiner:ihrer, zumindest auf Bewusstseinsebene, ‘nicht-radikalen’ Kolleg:innen zu entwickeln – worin besteht dann der qualitative Unterschied zwischen einer vom bezahlten Personal gesteuerten Gewerkschaft und dem Salting-Modell? […] In einer Gewerkschaft wie den IWW betonen wir die Selbstorganisation der Arbeiter:innen – und verlassen uns fast ausschließlich auf sie.”[6]Lees 2020a

MK Lees fasst damit eigentlich nur den common sense über einen Zweck (anarcho)syndikalistischer Strategie in Worte. Zumindest wenn man oberflächlich auf die verbalen Selbstverortungen, Labels, Traditionslinien etc. schaut.iii

 

2

Spitzeln wir nun aber einmal für eine Weile durchs Schaufenster der politischen Organisation in unserer Stadt hinein, die der militante Kollege sich damals als Werkzeug aussuchte. Dann zeigen sich, im Abgleich zum eben Aufgedröselten, einige lose Fäden, die Fragen nach sich ziehen. Die wenigsten, aber durchaus manche der hier Aktiven, scheinen das Werkzeug – die von ihnen betreuten gewerkschaftlichen Beratungsstrukturen und Kampfkassen – für sich selbst in Anspruch zu nehmen. Eben für sich selbst als widerständige Lohnabhängige, für ihre eigenen ‘ökonomischen’ oder unmittelbaren politischen Interessen. Das tun vor allem Neumitglieder mit individuellen Problemen auf Arbeit, sowie sonst passive FAU-Mitglieder.

Es ist also im Gewerkschaftsalltag schon durchs Schaufenster eine Trennung zwischen aktivistischen Aktiven und meist passiven, aber beitragszahlenden Nutznießer:innen in der Praxis zu beobachten. Das ist erklärungsbedürftig, sind die Aktiven der FAU dem Anspruch nach doch ‘revolutionäre Basisgewerkschafter:innen’.iv Wir sollten also eigentlich durchs Schaufenster – zumal bei einer Mitgliederzahl im mittleren dreistelligen Bereich – Militante erspähen, die sich mit anderen Militanten assoziieren, um dadurch gemeinsam stärker zu werden. Diese bereits oberflächlich zu beobachtenden Trennungen – analog zu denen zwischen Kolleg:innen und Tourist:innen im Lieferland – lassen auf ein Verhältnis der Äußerlichkeit schließen, das sich in seiner Gesamtheit als aktivistisches in folgendem Sinne kennzeichnen lässt: “Aktivismus bedeutet, nicht die Transformation seines alltäglichen Lebens anzustreben, nicht direkt gegen das, was unterdrückt, zu revoltieren, sondern im Gegenteil dieses Terrain zu meiden.”[7]Organisation des jeunes travailleurs révolutionnaires 1972

Die Wahl des richtigen Terrains – also des zu bearbeitenden und transformierenden Gegenstands – ist jedoch essenziell für die Sinnhaftigkeit jeder Strategie. Für eine militante Strategie ist die beschriebene Äußerlichkeit irritierend, “wenn man weiss, dass unser alltägliches Leben vom Kapital kolonisiert und von den Gesetzen der Warenproduktion bestimmt ist.”[8]Organisation des jeunes travailleurs révolutionnaires 1972 Nun ziehen zwar in unserer politischen Gruppe aktive Aktivist:innen immer wieder den Einsatz als Außerirdische in Erwägung, unterstützen als Externe BGs oder leisten richtig wichtige und krasse Arbeit in arbeitsrechtlicher Beratung und der Betreuung von Individualkonflikten.[9]Ihr seid heftige aktivistische Held:innen, bitte also meine folgende Nestbeschmutzung nicht als Geringschätzung eurer Arbeit missverstehen! Sie ist auf einer ganz anderen Ebene der Reflektion angesiedelt als die Frage, ob Aktivismus anderen Leuten erstmal hilft – denn das tut er gewiss! Jedoch entstand in den letzten Jahren nur eine einzige weitere eigene Betriebsgruppeninitiative aus der bestehenden Mitgliedschaft heraus. Es gibt auch so gut wie keinen Raum oder Anreiz, sich als Aktivist:innen auch mal niedrigschwellig über eigene Arbeitsbedingungen, Probleme im Betrieb oder Möglichkeiten eigener Organisierung auszutauschen und gegenseitig zu beraten.

Hier liegt ein mehrfaches Verhältnis der Äußerlichkeit zu Grunde. Zunächst der linksradikalen Aktivist:innen zur “Arbeiterklasse”:

“Exakt dieser Punkt lässt viele Arbeitende misstrauisch werden: ‘Warum machen die das? Was haben die davon?’, sind berechtigte Fragen, die sich den ‘Objekten’ eines Organisierungsprozesses von außen oft stellen. Wenn sich herausstellt, dass die Akteur*innen sich selber gar nicht als Teil der Arbeiterklasse fühlen, diese aber für ein politisches Ziel benötigen (sei es, rechten Tendenzen in der Arbeiterschaft etwas entgegenzusetzen, einfach ‘mehr’ zu werden oder das Fußvolk der Revolution um sich zu scharen, weil man selber nicht streiken könne), dürfen sich die angesprochenen Arbeiter*innen erstens missverstanden und zweitens ausgenutzt fühlen.”[10]Bewernitz 2019: 26

Die hier beschriebene aktivistische Entfremdung – oder Außerirdischkeit – ist ein zwischen- und innerpersonales Verhältnis und eines zur Welt zugleich. Aktivistische Entfremdung meint also, dass ich mich getrennt von anderen Lohnabhängigen als Anleitender und Koordinierer verstehe, mich von außen und oben als “Stratege und Organisator” zu ihnen verhalte. Eben hierin liegt ein bereits an meinem spezifischen Beispiel kritisierter Protoleninismus. Dabei zeigte sich, dass es schlicht unerheblich ist, ob wir uns – wie so viele Linksradikale – “als Teil der Arbeiterklasse fühlen”. Außeriridischkeit kann sich gerade auch im Widerspruch zu verbalen Selbstbestimmungen bzw. unter dem Schleier politischer Rationalisierungen entfalten.

So setzt sich dieses Verhältnis der Äußerlichkeit in meinem inneren Umgang mit mir selbst fort. Als Aktivist mache ich meine eigenen materiellen Interessen nicht zum Gegenstand meines Organisierungsprozesses in einer eigentlich als Interessenorganisation konzipierten Gruppe. Damit leite ich durch meine Tätigkeit einen Prozess ein, in welchem sich auch die Ziele und Zwecke dieser Tätigkeit weg von denen einer Interessenorganisation hin eben zu denen einer politischen Gruppe verschieben.[11]Siehe zur Ausformulierung dieses Arguments Teil III, im Abschnitt zur “Repräsentationsfunktion” Mein Alltag und mein Leben als Lohnabhängiger spielen, hier in einer Basisgewerkschaft, praktisch keine Rolle. Der Knackpunkt, welcher Aktivist:innen in Haltung und Handeln von Militanten scheidet, ist das wir ersteren uns nie kollektiv folgende Fragen stellen:

“‘Warum mache ich / machen wir das? Was habe ich / haben wir davon?’ Kurz: Es geht darum, die eigene Positionierung im Klassenkampf zu erkennen und die eigene proletarische Position. Ich meine keine inhaltliche Position, sondern die Reflektion der eigenen Position im kapitalistischen Produktions-, Reproduktions- und Akkumulierungsprozess.”[12]Bewernitz 2019: 26

Eine Genossin meinte in der Diskussion, dass sie sich oft bei unseren Gruppentreffen die Frage stelle, was sie als Abkömmlingin der Mittelschicht mit Immatrikulationshintergrund hier eigentlich mache – ob sie hier vielleicht fehl am Platz sei. Eine andere Genossin sagte hingegen, dass unter den Aktiven viele armutsbetroffen seien, denen es bei der Organisierung durchaus auch um sich selbst gehen würde. Ich spräche uns in der politischen Gruppe Aktiven dies ab. Das ist nicht mein Ansinnen. Auf Grundlage ihres Einspruchs frage ich mich schlicht: Wie kommt es dazu, dass diese Betroffenheit nicht in unseren Fühl- und Denkweisen, nicht in unseren konkreten Aktivitäten Ausdruck findet?

Im Übrigen gilt mehr oder weniger für alle linksradikalen Versuche der Basisorganisierung, dass es solche Räume nicht gibt, die den Schritt von Aktivismus zu Militanz in greifbare Nähe der Außeriridischen rücken ließen. Steigen wir gemeinsam für einem Moment herab aus dem Himmelreich der ‘linksradikalen’ “unüberlegten und naiven Vorannahmen, Ausflüchte, Illusionen und Täuschungen”[13]Endnotes 2019. Welcher Teil der Energie und Hingabe von Kernaktivist:innen bzw. “Initiativkräften” der auf der Welle der ‘Neuen Klassenpolitik’ reitenden Basisinitiativen, Stadtteilgruppen, Solidarischen Netzwerken, Mieter:innen-Initiativen etc. geht denn überhaupt in das Behandeln der eigenen Probleme? Wir sind also nichts Besonderes.v

Ein Verfasser des linksradikalen Strategiepapiers ‘Der kommende Aufprall’ von 2015 sprach auf Nachfrage aus, dass deren recht vernünftig angedachte “Basisorganisierung […] nach eigenen Interessen” ziemlich gescheitert sei. Ähnlich den Stadtteilbasisorganisierungen, bleibt auch unser Allgemeines Syndikat als größtenteils selbstselektierende, politische Gruppe hinter diesen militanten taktischen Vorschlägen der ‘antifa kritik und klassenkampf’ zurück:

“Politische Gruppen und politisierte Kämpfe (dazu zählen für uns z.B. auch linke Gewerkschaftsinitiativen) organisieren sich nach ihren eigenen Interessen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld und gehen solidarisch auf die Kämpfe in ihrer Umgebung/Sparte zu und unterstützen diese möglichst in einer regionalen Basisorganisierung. Dies ist die Ebene einer konkreten Vernetzung, welche an den Alltagsinteressen der Menschen (im Betrieb, der Uni, in der Hausarbeit etc. pp.) ansetzt und hier die Basis, wie auch Kontakte und Orte (real, wie virtuell) für eine gemeinsame solidarische Politik schafft. Damit einher geht für uns die gegenseitige Hilfe durch Erfahrungsaustausch sowie technische als auch finanzielle Hilfe.”[14]antifa kritik und klassenkampf 2015

 

3

Es gibt jedoch Ausnahmen von der beschriebenen Außeriridischkeit unter uns Gewerkschaftsaktivist:innen. Es ist zu befürchten, dass sich diese aktiven Kolleg:innen manchmal – sicher auch beim Lesen dieses Textes – wie Erdlinge fühlen, die versehentlich in den Beamstrahl eines mit sich selbst beschäftigten Raumschiffs geraten sind. Es handelt sich um jene wenigen Kolleg:innen, die aufgrund eigener Arbeitskonflikte Mitglieder geworden und nach dem Ende ihrer Konflikte ebenso Aktivist:innen geblieben sind und immer wieder auch als Militante in Erscheinung treten. Ihrem schwarz-rot leuchtenden Beispiel gälte es im Sinne einer anarchosyndikalistischen Strategie zu folgen.

Unser fast allgegenwärtiger Feierabendaktivismus mag, auf die Gesellschaft und den Stand des Klassenkampfs bezogen, zunächst auch Ausdruck einer durch puren Kampfeswillen oder Strategiepapiere kaum zu behebenden Schwäche sein. Eine Genossin meinte in der Diskussion, dass es deswegen in solchen Zeiten der Schwäche vielleicht auch Aktivist:innen bräuchte. Denn die allermeisten Kolleg:innen hätten ja nicht einmal Bock, sich in einer finanzstarken DGB-Gewerkschaft zu organisieren. Sie würden sich also erst recht nicht für Internationalismus oder gar Revolution interessieren:

“Aktivismus ist eine Form, die uns teilweise durch Schwäche aufgezwungen wird […] wir befinden uns in Zeiten, in denen radikale Politik oft das Produkt von gegenseitiger Schwäche und Isolation ist. Wenn dies der Fall ist, liegt es vielleicht nicht einmal in unserer Macht, aus der Rolle der Aktivist_innen auszubrechen. Es mag sein, dass in Zeiten eines Rückgangs der Kämpfe diejenigen, die weiterhin für die soziale Revolution arbeiten, an den Rand gedrängt werden und dazu kommen, als eine besondere, separate Gruppe von Menschen gesehen zu werden (und sich selbst zu sehen). Es kann sein, dass dies nur durch einen allgemeinen Aufschwung des Kampfes korrigiert werden kann, wenn wir keine Spinner_innen und Freaks mehr sind, sondern einfach das auszusprechen scheinen, was allen auf der Seele liegt.”[15]X. 1999 vi

Zurecht sollten Kritiken laut werden, dass in meinen Überlegungen einige wenige Genoss:innen einmal mehr in die Unsichtbarkeit gedrängt werden. Doch ich würde argumentieren, dass es dringend nötig ist, zunächst einige offene Geheimnisse innerhalb unseres Allgemeinen Syndikats auszusprechen. Dieses Aussprechen möchte das Problemfeld der Außeriridischkeit zunächst ordnen – muss sich aber auch daran messen lassen, ob es damit Wege aufzeigt, um in der Organisationspraxis eben Platz zu machen für das Beispiel der erwähnten militanten Genoss:innen. Denn “um an der Eskalation des Kampfes zu arbeiten, wird es notwendig sein, mit der Rolle der Aktivist:innen zu brechen, in welchem Ausmaß auch immer das möglich ist – um ständig zu versuchen, an die Grenzen unserer Beschränkungen und Zwänge zu stoßen.”[16]X. 1999

Doch trotz solcher Ausnahmen möchte ich die politische Gruppe, aus welcher u.a. ich ins Lieferland reiste, in ihrer Verfasstheit weiter als eine Aktivist:innenorganisation beschreiben und dann analysieren. Was ich bisher am Fallbeispiel des Salting-Tourismus kritisiert habe, findet sich auch in anderen Bereichen der von mir kennengelernten ‘Gewerkschaftsarbeit’ wieder. Die meisten von uns FAU-Gewerkschaftsaktivist:innen in unserer Stadt setzen in Diskursen und Handeln, “eher auf Agitation [von ‘anderen’ Lohnabhängigen], als selbst Teil der sozialen Prozesse zu werden. Historisch gesehen ist das eines der größten Probleme der Linken, verfestigt man doch so die Trennungen zwischen denen, die die Ideen haben und denen, die sie umsetzen, zwischen Führenden und Geführten, zwischen Helfenden und Bedürftigen.”[17]Auch hier liegt in der Behauptung solcher “Trennungen” – wie oben zwischen ‘Aktivist:innen’ und ‘Militanten’ – eine politische Wertung, die ich erst in Teil IV der Artikelserie zufriedenstellend begründen werde.

Lassen sich also Gewerkschaftsaktivist:innen insgesamt als Außerirdische (von bezahlten Hauptamtlichen mal ganz zu Schweigen), so lässt sich deren politische Gruppe sinnbildlich als Organisationsraumschiff charakterisieren. Dieses, so meine zentrale Behauptung, bringt durch seine Organisierungsweisen Aktivist:innen und aktivistisches Handeln zuerst hervor; beziehungsweise fördert es, systemisch gedacht, durch sein Strukturen eine aktivistische Kulturvii und zieht damit wiederum maßgeblich Aktivist:innen in den Aktivenkreis bzw. lässt diese eher bleiben.

Für diejenigen Genoss:innen, die hier schon empört aussteigen: Schwächer formuliert ließe sich auch schreiben: In einer Organisation, die sich nicht bewusst Strukturen gibt, welche aktivistische Entfremdung zurückweisen oder zumindest eindämmen, wird dem Raumschiffcharakter derselben zumindest nicht vorgebaut. In ihr wird also Aktiven zumindest nicht nahegelegt – was sich bei einem einfachen Blick durchs Schaufenster bestätigt – “kontinuierlich unsere Konflikte [zu] diskutieren und [zu] analysieren […], um unsere Angst zu verlieren und das Kämpfen im Alltag zu erlernen.”[18]Zweiter Mai 2015

 

4

Folgen wir also den “Salting-Tourist:innen” aus Teil I von ihrer möchtegern-revolutionären Expedition zurück zu ihrem Ausgangsort. Bei der politischen Organisation, die, wie skizziert, als Raumschiff über den Dingen schwebt, handelt es sich um ein “Allgemeines Syndikat” der FAU in unserer Stadt. Diese Allgemeinen Syndikate sind die autonomen Ortsgruppen der FAU-Föderation. Sie sind eine eigentlich nicht auf ewige Dauer angelegte Keimform der “anarchosyndikalistischen Organisation”[19]Siehe: https://direkteaktion.org/organisierte-nachbarschaften-und-die-zukunft-der-arbeiterboersen/. In den letzten 47 Jahren hat es aber scheinbar seltener auf die Keime der FAU-Föderation geregnet.

In Allgemeinen Syndikaten kommen Lohnabhängige aller Berufe eines bestimmten Gebiets zusammen. Sie werden auch als ‘Vereinigungen aller Berufe’ bezeichnet, sind meist im zwei- bis dreistelligen Mitgliederbereich und haben weniger oft branchenspezifische Sektionen. Diese Allgemeinen Syndikate stellen gewerkschaftlich betrachtet eine mehrfache Kompromisslösung dar.[20]Siehe auch die Kritik an der Verfasstheit der FAU in: Bewernitz 2019 Im historischen deutschen Anarchosyndikalismus der FAUD waren solche Ortsgruppen, die sogenannten ‘Arbeitsbörsen’, hingegen meist wohl tatsächliche Zusammenschlüsse von Arbeitern und deren Betriebsorganisationen zu revolutionären Gewerkschaftsföderationen am Ort.viii

Das unterschied sie grundlegend von den Allgemeinen Syndikaten heute. Letztere sollen sich mit Mitgliederwachstum zu einer komplexeren “Lokalföderation” entfalten, die analog zu den Arbeitsbörsen zu verstehen wären. Diese Organisation würde aus autonomen Branchensyndikaten, Betriebsgruppen und Gewerkschaftssektionen zu außerbetrieblichen Themen sowie Sozialorganisationen bestehen. Die Lokalföderationen sollen bereits eine umfassende gesamtgesellschaftliche Transformationsperspektive für Produktion, Distribution und Konsum im kapitalistischen Hier und Jetzt verankern. Also ‘in der Schale der alten Welt die neue vorbereiten’.

Im Spektrum der revolutionären Organisierungen lassen sich die anarchosyndikalistischen Allgemeinen Syndikate dementsprechend mit Henri Simon dem Pol der “willentlichen Organisation” nahestehend charakterisieren. Es könnte hilfreich sein, diese grundlegende Unterscheidung als Orientierungslinien im von mir zu ordnenden organisationstheoretischen Problemfeld in diesem Teil der Artikelserie im Hinterkopf zu behalten, sowie die daraus für Simon resultierenden Vorbehalte gegenüber der willentlichen Organisation:

“Spontane Organisation entsteht, wenn ein bestimmtes Kollektiv seine Interessen in einer unmittelbaren, konkreten Situation verteidigt und in der Lage ist, seine Formen und Ziele zu ändern, wenn sich die Situation entwickelt. Im Gegensatz dazu wird die willentliche Organisation durch eine ‘begrenzte (oft sehr begrenzte) Anzahl von Menschen’ definiert, die sich auf der Grundlage einiger im Voraus festgelegter Vorstellungen von ihren Interessen zusammenfinden, die sie dann zu fördern versuchen. Diese Unterscheidung hat den Vorteil, dass sie das ‘Organisationsproblem’ nicht als ein Problem der Spontaneität auf der einen Seite und der Organisation und des Bewusstseins auf der anderen Seite darstellt. In Simons Formulierung existieren Bewusstsein und Organisation an beiden Polen, aber in unterschiedlichen Formen.”[21]Endnotes 2019 ix

Anarchosyndikalist:innen suchen in Praxis und deren Theoretisierung die Vermittlung zwischen beiden Polen der Organisierung und beiden Polen des entsprechenden Bewusstseins. Sie verwerfen nicht die einen Pole für die anderen und versuchen auch nicht, die einen den anderen hierarchisch über zu ordnen. Sie streben durch Ausprobieren, Scheitern, etc. nach der wechselseitigen Ergänzung und Bestärkung von spontaner und willentlicher Organisation und deren Bewusstseinsformen im Kontext der aktuell gegebenen Verhältnisse.

Denn beides, so die Anarchosyndikalist:innen, ist für eine gelingende freiheitlich-sozialistische Transformation von Gesellschaften, die auf Ausbeutung und Unterdrückung beruhen, notwendig. Die einen Pole können ohne die anderen nicht in die Nähe der befreiten Gesellschaft führen. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei die direkte Aktion.x Das ist die “programmatische Silhouette”[22]Marcks 2018b des Anarchosyndikalismus.[23]Zum grundlegenden Einstieg in die Thematik empfehle ich: SolFed 2012 Dieser stete Wechselschritt lässt sich nicht als fertiges Programm aufzeichnen. Er ist ein Prozess, welcher sich nur eingelassen in die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und Kräfteverteilungen denken, sowie durch die kämpferische Praxis erschließen lässt.xi

Anarchosyndikalist:innen versuchen also, einen spezifischen Kompromiss revolutionärer Organisierung zu erproben, der dem Rätekommunisten Sam Moss wohl blauäugig vorkäme. Denn nur einer von vielen Stolpersteinen der fortwährenden Vermittlung zwischen den Polen der Organisierung und ihrer entsprechenden Bewusstseinsformen ist, dass

“alle erfolgreichen Organisationen, die für ihre Interessen kämpfen, ab einer bestimmten Größe dazu [neigen], konservativ zu werden, wie ein Blick in die Geschichte anarcho-syndikalistischer Gewerkschaften zeigt. Unsere Aufgabe als radikale Linke besteht [mit Blick auf das Konservativwerden von Interessenorganisationen] darin, Tendenzen zu bekämpfen, in denen Partikular- über Allgemeininteressen gestellt werden. Mit dem Einfordern von Solidarität alleine kommt man da nicht weiter. Es gibt ja faktische Interessengegensätze zwischen Lohnabhängigen. Etwa wenn Festangestellte ihre Interessen auf Kosten von Leiharbeiter*innen durchsetzen wollen, oder dem alleinerziehenden Vater der Jobverlust droht, weil er sein Kind während des Kita-Streiks nicht alleine lassen kann.

Wenn wir nicht wollen, dass diese Interessengegensätze zu Ungunsten der schwächeren Gruppe aufgelöst werden, müssen wir uns in diesen Kämpfen für eine umfassende Solidarität einsetzen, die auch das Zurückstellen eigener Privilegien notwendig macht. Das lässt sich dann aber nicht mehr mit kurzfristigen Interessen oder Bedürfnissen begründen, sondern nur durch unsere politische Perspektive. Wenn dieser Standpunkt eine Chance haben soll, geteilt zu werden, muss er da artikuliert werden, wo eine neue Gesellschaft erkämpft wird: im Handgemenge der sozialen Kämpfe.”[24]Zweiter Mai 2015
Dieses Zitat zeigt auch anschaulich, wie zwischen den genannten Polen zu vermitteln wäre und was das für uns “willentliche” Aktivist:innen bezüglich Organisierung und Bewusstsein bedeuten könnte.

 

5

Die historische Vermittlung zwischen, so möchte ich jetzt schreiben, willentlichen und spontanen Polen der Organisierung und des Bewusstseins durch unsere Vorgänger:innen in der Weimarer Republik beschreibt Jule Ehms:

“Die Militanten der FAUD verstanden sich und ihre Gewerkschaft als Unterstützung und Impulsgeberin für eine an sich eigenmächtig handelnde Arbeiter:innenschaft. Diese sollten ihre Kämpfe, ihre Forderungen und die Arbeitskampfmittel selbst wählen. Die organisatorische Voraussetzung für diese Eigenmächtigkeit bestand in den Augen der Syndikalist:innen in einem föderalen Gewerkschaftsaufbau auf basisdemokratischen Prinzipien, der die Teilnahme der Mitglieder an der Gewerkschaft sichern und diese zugleich zur Selbstständigkeit erziehen sollte.”[25]Ehms 2023: 92

Wie ist das erwähnte Spannungsfeld heute und hier in unserem Allgemeinen Syndikat im Abgleich zu dieser historischen Folie ausgestaltet? Für eine Beschreibung bietet sich die Betrachtung von dessen Aktivengruppen an. Denn jede – zumal horizontal verwaltete – Institution dürfte durch jene entscheidend geprägt werden, die in ihr die größte Aktivität entfalten. In unserem Allgemeinen Syndikat lassen sich zwei verschiedene Typen von Aktivengruppen beschreiben. Ich möchte, mit Jane McAlevey, zwischen “selbstselektierender Gruppe” und “strukturbasierter Gruppe” unterscheiden.[26]Siehe McAlevey 2019: 39f.

In ihrer Gesamtheit als “strukturbasierte Gruppe” lassen sich bei uns derzeit lediglich die Betriebsgruppen einordnen. Auch wenn Gruppen von Mieter:innen, Verbraucher:innen, Carearbeiter:innen, Nachbar:innen etc. prinzipiell angedacht sind. Strukturbasierte Gruppen organisieren sich entlang konkreter, vor allem alltäglicher Interessen. Die Interessen der Aktiven in strukturbasierten Gruppen werden in einer, in der Betriebsgruppe eben betrieblichen Machtstruktur unterdrückt – daher auch ihr Name. Solche Organisationen ermöglichen es, konkrete Probleme anzugehen, von denen die meisten Menschen in dieser Machtstruktur betroffen sind. Deswegen finden sich Kolleg:innen auch allermeistens in einer solchen zusammen. Die Lösung dieser Probleme muss sich an die Gegebenheiten anpassen, setzt damit eine Lerndynamik unter den Betroffenen in Gang. Das bringt im Ergebnis bestenfalls spürbare Verbesserungen in ihrem Alltag, wie geschehen im Lieferland.

Grundlegend ist dabei, dass Ausgebeutete eine Verbesserung oder Lösung ihrer Probleme am ehesten kollektiv erreichen können. Dazu müssen sie sich über Gesinnungsunterschiede hinwegsetzen und gegen Vereinzelung und Angst organisieren. Ihre Solidarität ist bei der Herausforderung der Machtverhältnisse, ihrem Kampf für ihre Interessen von entscheidender Bedeutung. Es sind eine begrenzte Anzahl von Personen von der gegebenen Machtstruktur betroffen. Als gewerkschaftende:r Kolleg:in kann man also zählen, wie viele andere Kolleg:innen sich nach und nach auf unsere Seite der Barrikade bewegen lassen. So weiß man, wann man eine ausreichende Mehrheit hat, damit bestimmte (direkte) Aktionen wahrscheinlich Aussicht auf Erfolg haben.[27]Siehe für eine auführlichere Erläuterung dieses Arguments: https://organizing.work/2019/12/no-shortcuts-but-to-where/ Das ist das zentrale Argument, warum McAlevey obige Gruppenunterscheidung einführt.

“Wir sollten aufhören, es ‘Salting’ zu nennen, wenn du nur einen Job brauchst und nebenbei auch vorhast, dich auf Arbeit zu organisieren. Das macht dich nicht zu einem Salt. Das macht dich wahrscheinlich nur zu einem Wobbly”[28]Lees 2020a, schriebt MK Lees. Aber was ist ein:e Wobbly, also ein:e Vertreter:in des revolutionären Syndikalismus? Durch welches Handeln zeichnen sich diese, wie also auch die Aktiven der FAU, eigentlich aus?

Bewusst anarchosyndikalistisches Handeln würde sich zunächst durch aktive Teilnahme an einem solchen Organisierungsprozess und kollektivem Kampf “im eigenen Betrieb, im eigenen Arbeitsumfeld und im eigenen Alltag”[29]Bewernitz 2019: 26 auszeichnen. Beziehungsweise sogar dadurch, dass sie auf umsichtige und angemessene Weise “bereit [sind], als erstes den Kopf hinzuhalten [und] einen Kampf aufzunehmen.”[30]Zweiter Mai 2015 Anarchosyndikalist:innen sind also, soll das Etikett irgendetwas bezeichnen, zuallererst Ausgebeutete, die sich mit Leidensgenoss:innen oft recht spontan zusammentun, um im Bewusstsein der alltäglichen Ungerechtigkeiten aufzubegehren.

FAU-Genoss:innen docken dann weitergehend in betrieblichen Kämpfen, zumindest laut unserem Selbstbild, an die Erfahrungen der gelebten Solidarität und das entstehende Klassenbewusstsein in kollegialen Beziehungen an, um einen politischen Dialog zu öffnen. In diesem Zusammenspiel können sie versuchen, ihre revolutionäre Perspektive und die Methode der direkten Aktion plausibel zu machen. Das geschieht in kollegialen Beziehungen, vermittelt über gegenseitige Hilfe und betriebliche Erfolge. Möglicherweise können sie einige neue Genoss:innen von einer Mitgliedschaft im Allgemeinen Syndikat überzeugen.[31]Für eine detailliertere anarchosyndikalistische Ausformulierung dieses Arguments, siehe: SolFed 2012: 103f. Sie bemühen sich also, die in jeder Machtstruktur spontan entstehenden Interessenkämpfe ums tägliche Brot in eine “strukturbasierte” Betriebsgruppe und damit eine dauerhaftere Form des Klassenkampfs zu überführen.

“OrganizerInnen in der strukturbasierten Arbeit [sind] permanent gezwungen, Menschen einzubinden, die anfänglich wenig oder überhaupt kein Interesse an der Zugehörigkeit zu einer Gruppe haben.”[32]McAlevey 2019: 39f. Kolleg:innen haben heute in diesem Handgemenge allermeist kein politisches Interesse an einer Zugehörigkeit zu einer politisch linksradikalen und damit “willentlichen Organisation”. Jedoch könnten sie sich dem Kampf gegen den:die Chef:in in einer BG anschließen, wenn sie glauben, dass dadurch etwas Handgreifliches erreicht werden kann. Und sei es die Verletzung der eigenen Würde kollektiv anzugehen.

6

Doch nicht selten offenbaren sich die Kolleg:innen, die Mitglieder solcher willentlicher Organisationen sind, in den Augen ihrer Leidensgenoss:innen als Laberbacken.[33]Siehe dazu grundlegend: https://organizing.work/2020/05/the-leftwing-deadbeat/ Wo also, wieder theoretisch ausgedrückt, der spontane Pol der Organisierung und des Bewusstseins nicht im eigenen Alltag zur Geltung kommt, da kann von Anarchosyndikalismus getrost geschwiegen werden:

“Man muss sich nur den Unterschied zwischen dem Bild, das radikale Linke von sich selbst als rebellische Minderheit zeichnen und dem, was sie im eigenen Alltag tun, vor Augen führen. Wir kennen kaum Linke, die gegenüber ihrem Chef den Mund aufmachen oder an vorderster Stelle stehen, um sich zu wehren, wenn im eigenen Haus eine Mieterhöhung ansteht […] Was unserem Erachten nach radikale Linke von radikalen Laberbacken unterscheidet, ist genau diese Fähigkeit. Bereit zu sein, als erstes den Kopf hinzuhalten, einen Kampf aufzunehmen und solidarisch zu sein. Denn es gibt genug Menschen, die sich wehren würden, wenn sie wüssten, dass sie nicht alleine sind.”[34]Zweiter Mai 2015

Aber solche sozialen Kämpfe bringen auch ihre ganz eigenen, sozusagen “spontanen” Probleme mit sich. Gerade, wenn die strukturbasierten Gruppen nicht ausschließlich dem Kampf um bessere Löhne und weniger Arbeitszeit dienen sollen, sondern auch als Keimzellen der befreiten Gesellschaft. Denn “eine an sich eigenmächtig handelnde Arbeiter:innenschaft [die] ihre Kämpfe, ihre Forderungen und die Arbeitskampfmittel selbst [wählt]” soll sich für die Anarchosyndikalist:innen in ihren Reihen nicht mit kurzfristigen Verbesserungen des Arbeitsalltags bescheiden: “Es ist nämlich das eine, Menschen zu mobilisieren und Kämpfe zu gewinnen, und das andere, da heraus Strukturen und Institutionen zu entwickeln, die so etwas wie eine Gegengesellschaft ermöglichen.”xii

Anarchosyndikalist:innen sind also zugleich organisierte revolutionäre Sozialist:innen, die die Wette eingegangen sind, dass es einer bewussten, “willentlichen” Anstrengung gegen u.a. kapitalistische und staatliche Verhältnisse bedarf, um über die bloße Linderung des Elends der Alltagskämpfe hinaus zu gelangen. Und dafür sehen sie in

“Gewerkschaften […] ein besonderes ‘Zugangsvehikel’ zur Realität […] Weil sie an den konkreten Interessen von Menschen ansetzen, sind sie ideologisch nicht so voraussetzungsreich und damit über eine enge politische Affinität hinaus attraktiv. Und zugleich können sie Grundlage einer dauerhaften sozialen Mobilisierung sein, die nicht so verweht wie eine Politgruppe. Grundgedanke des Syndikalismus war es schon immer […] die alltägliche Rebellion, die in sozialen Konflikten aufscheint, in einer Weise zu institutionalisieren, mit der sie ausgeweitet statt eingehegt wird. Entscheidend sind demnach weniger die Kämpfe an sich, sondern die Beziehungsweisen, die in ihrem Kontext geformt werden.”[35]Marcks 2018a
Wobei es einiges sagt, dass die Direkte Aktion als Referenzpunkt und zugleich Nährboden dieser “Beziehungsweisen” bei Marcks überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Strukturbasierte Gruppen sind “im Handgemenge der sozialen Kämpfe”[36]Zweiter Mai 2015 aktiv. Sie sind das “Zugangsvehikel”[37]Marcks 2018b, mit welchem die anarchosyndikalistische Vermittlung zwischen Alltagskämpfen und revolutionärer Gegenmacht versucht wird. Sie sind an unser Allgemeines Syndikat angebunden. Wer Mitglied in einer FAU-Betriebsgruppe unserer Stadt sein möchte, muss auch Mitglied im Allgemeinen Syndikat sein. ‘Unsere’ strukturbasierten Gruppen haben zwar eine Verbindung zum Raumschiff der Aktivist:innenorganisation, haben auch zuweilen einige unterstützende oder impulsgebende Außeriridische in ihren Reihen.

Aber das Gros an aktiven Mitgliedern, die hauptsächliche Aktivität, wie auch Einflussnahme auf die politische Ausrichtung der gesamten Organisation, findet in und aus einer anderen Form der Aktivengruppen statt…

 

__________

Danke an alle Genoss:innen, die mit mir diskutiert, die kommentiert und kritisiert haben.

Danke an alle Genoss:innen, die nicht mehr dabei sind, mit ihrer Aufbauarbeit unser Allgemeines Syndikat aber zu dem gemacht haben, das es heute ist – und damit die Chance gegeben haben, dass es überhaupt eine vielgestaltige Organisation gibt, die sich unterschiedlich interpretieren und möglicherweise weiterentwickeln lässt.

Illustration: Ino Scheid

Dieser Text als PDF: Lieber leben wir als Außerirdische – Teil II: Das Raumschiff unseres Allgemeinen Syndikats

 

Endnoten

iIn einem Interview mit Johanna Schellhagen wird deutlich, wie wenig präsent in der neuerlich nachschwappenden “Neuen Klassenpolitik”-Welle die linken Schlussfolgerungen aus den westdeutschen Betriebsinterventionen der 70er zu sein scheinen. Schellhagen rät im Interview mit Arps den Aktivist:innen der Klimabewegung, einfach mal mit ein paar Freund:innen in einer Nudelfabrik “strategisch arbeiten zu gehen” – um dann, jetzt mal polemisch zusammengefasst, mehr oder weniger halt zu sehen, was so geht. (Vergleiche Schellhagen 2022) Allein schon die eigentlich absehbare unmittelbare Entmutigung und Verzweiflung solcher protoypischen ‘Fabrikkader’ – 50 Jahre später, nur zusätzlich ohne jeden organisierten Rückhalt – scheint seltsamerweise nicht mitgedacht zu werden. Geschweige denn ein fundiertes Bertriebsorganizing, das wirklich Aussicht auf Teilerfolge hätte?

Allerdings bezieht sie sich durchaus auf die mittlerweile aufgelösten Angry Workers, welche nun ja schon ein paar Jahre als militante Minderheit in ihrem West-Londoner Gegenstück zu den Nudelfabriken politisch herumwurschtelten. Dabei können sie Reflektionen einer eher erfolglosen Organizingpraxis, sowie eine umso erfolgreichere, weil ‘geerdete’ Theorieproduktion vorweisen. Immerhin etwas springt dann doch dabei raus. Bei ihnen lässt sich in punkto Strategie nachlesen, dass “wir nicht einfach da anfangen können, wo wir sind”, sondern dort, “wo Menschen aus der Arbeiter:innenklasse tagtäglich zusammenkommen und dem Kapital und einander gegenüberstehen. Große Arbeitsplätze sind zentral, Nachbarschaften sind nicht irrelevant”. Durch u.a. Salting in diesen Strukturen “hoffen [sie], ein Anziehungspunkt für andere revolutionäre Arbeiter:innen” zu werden.

Die Wobbly Marianne Garneau findet – in einer Rezension deren Buches ‘Class Power on Zero Hours’ – am Ansatz des “Infiltrierens”, wie sie es bezeichnet, viel Kritikwürdiges. Sie sieht sich wiederum an die Fehler der US-amerikanischen Geschichte der Betriebsinterventionen (“industrialization”) erinnert. Die seien letztlich weder auf die Entwicklung von arbeiter:innengeführten Betriebsgruppen, noch auf die militante Verteidigung der materiellen Interessen von Arbeiter:innen hinausgelaufen. Sondern auf die “Entwicklung der eigenen politischen Organisation”, strukturell ähnlich zum Aufbau ‘der Partei’. (Vergleiche Garneau 2020a)

iiHier noch einmal zur Erinnerung MK Lees zu dieser sehr feinen und bewussten Dosierung der aktivistischen Taktik – die dadurch, in meinem Verständnis, nicht grundlegend ihren aktivistischen Charakter verliert: “Salts sind ein Instrument, das uns helfen kann, unser Organizing gezielt und strategisch zu erweitern. Salting kann nützlich sein, wenn die Salts geschult und rechenschaftspflichtig sind […] „Salting” sollte als eine zeitlich begrenzte Aktion definiert werden, die einer Kampagne Auftrieb gibt. Damit unterscheiden sich Salts kategorisch von allen anderen Arbeiter:innen, die ganz andere Beweggründe für ihre Jobbewerbung hatten. Das erlegt ersteren somit auch andere Verhaltensnormen und andere Verantwortlichkeiten auf […] Salts sollten Teil eines Plans sein, in den auch andere eingebunden sind. Salts sollten genau wissen, was von ihnen erwartet wird, wem sie rechenschaftspflichtig sind und wie lange sie voraussichtlich auf dem Job arbeiten werden – selbst wenn die Antwort auf die letzte Frage ‘auf unbefristete Zeit’ wäre.

Es sollte einen Verhaltenskodex geben, und die Arbeiter:innen sollten ihre Verpflichtungen in irgendeiner Weise konkretisieren. In meinem Zweig der IWW bitten wir beispielsweise die Salts, ein Dokument zu unterschreiben, das Einzelheiten über verschiedene Arten von Rechenschaftspflichten enthält, darunter Dinge wie die Teilnahme an der IWW-Organizer:innen-Schulung und das Versprechen, keine romantischen Beziehungen zu irgendjemandem am Arbeitsplatz einzugehen, während sie in der Funktion eines Salts tätig sind. Die beste Verwendung für Salts ist das Sammeln von Informationen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Salts für den schlichten Zweck eingesetzt werden, sich Zugang zum Arbeitsplatz zu verschaffen, die Kontaktinformationen der Arbeiter:innen herauszufinden und wieder zu verschwinden.” (Lees 2020a)

iiiVergleiche: “Da der Syndikalismus keinen Unterschied zwischen Mitgliedern und Organizer*innen macht, hat er gegenüber den korporatistischen Gewerkschaften einen wesentlichen Vorteil, nämlich eine Basis, die zum Organizing motiviert ist (das wäre zumindest die optimistische Annahme, die sich durchaus nicht immer bestätigt).” (Bewernitz 2019: 38)

ivMir geht es hier nicht darum, uns Aktive anhand eines idealisierten Dogmas des rechtschaffenen anarchosyndikalistischen Handelns und Wandelns abzuurteilen. Es geht einmal darum, das Problemfeld des Aktivismus weiter anhand von Praxisbeobachtungen zu ordnen. Es geht mir nebenbei noch darum, sehr theoretisch geschrieben, den “existenziellen Nutzen [von Überzeugungen] und ihre Konsequenzen zu erforschen. Unser Schwerpunkt verlagert sich also von dem, was Überzeugungen an sich bedeuten, zu der Bedeutung, die sie durch das Handeln erlangen. Also weg von dem, was sie bedeuten sollen – hin zu dem, was sie für diejenigen, die sich auf sie berufen und sie benutzen, [in ihrer Lebenswelt] bewirken.” (Michael Jackson – Things as they are (1996))

vSiehe bspw. die Erklärung der Kiezkommune Wedding, in welcher zu lesen ist: “[…] Diese Fokussierung und auch die Frage was als Erfolg betrachtet wird, ist eng damit verknüpft was als linke Politik verstanden wird, also auch mit der Frage nach politischem Bewusstsein. Das wiederum stellt uns vor die Frage wer sich in den Kiezkommunen bisher organisiert. So wie wir das beurteilen können, handelt es sich sowohl bei uns als auch in allen anderen Kiezkommunen, bisher fast ausschließlich um anpolitisierte, meist akademisch gebildete Linke, welche eine bestimmte Herangehensweise an linke Politik mitbringen […]

Nur eine stärkere Einbindung der Nachbarschaft eröffnet überhaupt die Möglichkeit, dass sich Kommunen oder Räte gründen. Der Weg zu anderen linken Veranstaltungen, Demos oder Vernetzungstreffen war aber leider immernoch kürzer als zu den eigenen Nachbar:innen und Kolleg:innen. Diese Kritik richtet sich in noch schärferer Form auch an uns selbst. Diese selbst geschaffene Realität verhindert den politischen Kampf mehr als sie ihm nützt.” (https://kiezkommune.noblogs.org/post/2022/06/27/ein-abschied-und-ein-neuanfang-zur-organisierung-der-kiezkommune-wedding-und-der-gruppe-ella-trebe-mit-dem-bund-der-kommunistinnen/)

viVergleiche auch: “Obwohl sie in der Politik eingesperrt sind, bleiben die Aktivisten doch soziale Individuen, welche dem Einfluss ihres Milieus ausgesetzt sind. Wenn es heiss zu- und hergeht, werden potenziell viele ins Lager der Revolution wechseln […] Die Aktivistenorganisationen sind eigentlich nur die eigene veräusserlichte Schwäche des Proletariats, die sich gegen es wendet.” (Organisation des jeunes travailleurs révolutionnaires 1972)

vii“Kultur” meint hier “Regeln, Werte und Absprachen, denen Menschen bewusst oder unbewusst folgen […] Kultur ist etwas, was man beobachten, aber nicht unmittelbar und schon gar nicht kausal gestalten kann. Kultur lässt sich allenfalls mittelbar beeinflussen und auch dann ohne sichere Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.” (Oesterreich/Schröder 2020: 190)

“Kultur ist, wie ein Schatten, das charakteristische Ergebnis eines Verhaltens und nicht dessen Ursache […] Die Kultur einer Organisation zeigt sich im Verhalten und in der Kommunikationen einer Organisation – wobei wir den Begriff Kommunikationen weit fassen und auch Äußerlichkeiten […] einschließen. Sobald wir eine Organisation nach anderen Prinzipien führen und organisieren und andere Prozesse, Strukturen, Werkzeuge und Äußerlichkeiten verwenden, verändert sich automatisch auch die Kultur einer Organisation.” (Oestereich/Schröder 2020: 20)

viiiVergleiche: “Die nach Berufen (seit 1927 nach Industriezweigen) in Ortsvereinen zusammengefaßten Anarchosyndikalisten traten über Industrieföderationen auf Reichsebene miteinander in Kontakt (von denen nur 5 von 12 geplanten Föderationen zustandekamen). Zugleich kooperierten die Ortsvereine lokal in Arbeitsbörsen miteinander, die ihrerseits sich in Kreis- und Provinzialarbeitsbörsen zusammenschlossen. (195) Der Aufbau der regionalen Börsenstruktur war 1926 abgeschlossen; in den Industrieföderationen war nur etwa ein Drittel der FAUD-Mitglieder organisiert, weil in vielen Orten die Mitgliederzahl nicht ausreichte für die Konstituierung eines besonderen Berufs- oder Industrieortsvereins und in solchen Fällen Freie Vereinigungen aller Berufe gegründet wurden.” (Bock 1989)

ixWeiter: “Eine solche Polarität entspricht einer Erfahrung der Trennung zwischen den kleinen formellen oder informellen Gruppen, an denen wir teilnehmen, und den größeren, dynamischen Bewegungen und Kollektiven des Kampfes, die entstehen und fallen mit einer Logik, die sich unserem Willen entzieht. Diejenigen, die sich mit wilentlicher Oganisation befassen, sind oft sehr angezogen zu Bewegungen der spontanen Organisation, weil sie erkennen, dass dies der Pol ist, von dem aus die gesellschaftliche Transformation kommen wird […] Welches Verhältnis besteht zwischen der gewollten kommunistischen Gruppe, die ausdrücklich über die Überwindung des Kapitalismus nachdenkt, und den spontanen Gruppenerscheinungen die diese Überwindung vollziehen werden? Es gibt eine naive Auffassung bei einigen kommunistischen Gruppen, die glauben, dass ihre Hauptaufgabe darin besteht, andere Menschen von der Gültigkeit ihrer Ideen zu überzeugen und/oder die Massen oder die Klasse in ihren Kämpfen zu führen. Angesichts ihres mangelnden Einflusses auf die Welt wird ihre Haupttätigkeit oft darin bestehen, sich zahlenmäßig zu vergrößern – ihre Gruppe, Organisation oder Partei aufzubauen -, damit sie einen größeren Einfluss haben können.” (Endnotes 2019)

xVergleiche: “Für Anarcho-Syndikalist:innen ist die direkte Aktion viel mehr als eine Taktik, die gegen den Kapitalismus eingesetzt wird. Durch direkte Aktionen versuchen wir, eine Kultur der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe aufzubauen, die in direkter Opposition zur vorherrschenden kapitalistischen Kultur steht, die auf krassem Eigeninteresse und Gier beruht. Durch direkte Aktionen kann die Arbeiter:innenklasse die Fähigkeiten, das Selbstvertrauen und das Verständnis für die Natur der Gesellschaft entwickeln, die notwendig sind, um die zukünftige libertäre Gesellschaft zu verwalten. Direkte Aktionen erfüllen nicht nur unsere unmittelbaren Forderungen, sondern befreien uns auch von der lähmenden Abhängigkeit von politischen Führer:innen und dem Staat. Durch direkte Aktionen kann die Arbeiter:innenklasse die Bande der Solidarität knüpfen, aus welchen das die künftige libertär-kommunistischen Gesellschaft stützende Ethos gewoben wird. Durch direkte Aktionen können die Arbeiter:innen jetzt damit beginnen, die Grundlagen der zukünftigen libertär-kommunistischen Gesellschaft zu schaffen.” (SolFed 2012: 99)

xiVergleiche: “Das dogmatische syndikalistische Festhalten an der Massengewerkschaft beruht auf einer falschen Interpretation der Geschichte. Das Endziel des Syndikalismus war nicht die Gründung von Massengewerkschaften. Das ultimative Ziel des Syndikalismus war es, eine klassenlose Gesellschaft zu errichten, oder, wie es in vielen syndikalistischen Präambeln heißt, einen ‘libertären Sozialismus’. Vor hundert Jahren schien der Aufbau von Massengewerkschaften ein gangbarer Weg zu sein, um dieses Ziel zu erreichen. Heute ist es das nicht mehr. Das diskreditiert nicht die syndikalistische Idee, die Selbstorganisation und Solidarität der Arbeiter zu stärken, um Kapital und Staat zu bekämpfen. Es bedeutet nur, dass der Syndikalismus sich in anderen Formen ausdrücken muss.

Der Versuch, diese Formen vorzuschreiben, wäre reine Zeitverschwendung. Sie können sich nur aus der Selbstorganisation der Arbeiter entwickeln. Der Syndikalismus ist das, was die Arbeiter tun. Als Philosophie des Handelns erfindet er sich ständig neu. Die ArbeiterInnen kämpfen auf kreative Weise. Sie vernetzen sich, tauschen Erfahrungen aus und geben sich gegenseitig materielle Unterstützung und analytische Werkzeuge. Hier beginnt der Syndikalismus für das einundzwanzigste Jahrhundert.” (Bewernitz und Kuhn 2020)

xii Marcks 2018b
Weiter: “In dieser Kunst versuchte sich stets der Syndikalismus, dessen originelles Moment nicht etwa ist, die Basisorganisierung erfunden zu haben, sondern daraus Bausteine der Gegenmacht formen zu wollen. Sie ist demnach kein Selbstzweck, sondern soll zur Befreiung ermächtigen. Denn nur oberflächlich geht es darum, Staat und Kapitalismus alternative Strukturen entgegenzusetzen. In der Tiefe besteht das Werk vielmehr darin, breite Massen für solche Strukturen zu interessieren, sie darin einzubinden und durch sie zu erheben.” (Marcks 2018b)

 

Quellenverzeichnis

antifa kritik und klassenkampf. 2015. Der kommende Aufprall. https://issuu.com/antifakritikklassenkampf/docs/der_kommende_aufprall

Arps, Jan Ole. 2011. Frühschicht. Assoziation A.

Bewernitz, Torsten. 2019. Syndikalismus und neue Klassenpolitik. Die Buchmacherei.

Bewernitz, Torsten, Kuhn, Gabriel. 2020. Syndicalism fpr the tweny-first century. https://theanarchistlibrary.org/library/gabriel-kuhn-and-torsten-bewernitz-syndicalism-for-the-twenty-first-century

Bock, Hans-Manfred. 1989. Anarchosyndikalismus in Deutschland. Eine Zwischenbilanz. https://www.anarchismus.at/texte-anarchosyndikalismus/die-historische-faud/7639-hans-manfred-bock-anarchosyndikalismus-in-deutschland-eine-zwischenbilanz

Driedger und Garneau. 2020. The future of the IWW. https://www.laborwaveradio.com/post/__iww

Ehms, Jule. 2023. Revolutionärer Syndikalismus in der Praxis. Westfälisches Dampfboot.

Endnotes. 2019. We unhappy few. https://endnotes.org.uk/articles/we-unhappy-few.pdf

Garneau, Marianne. 2020a. Better luck next time. https://organizing.work/2020/06/better-luck-next-time/

Lees, MK. 2020a. Salz: Die Würze, nicht die Suppe. https://direkteaktion.org/salz-die-wuerze-nicht-die-suppe/

Marcks, Holger. 2018a. Skizze eines konstruktiven Sozialismus (Teil 1). https://direkteaktion.org/skizze-eines-konstruktiven-sozialismus-teil-1/

Marcks, Holger. 2018b. Skizze eines konstruktiven Sozialismus (Teil 2). https://direkteaktion.org/skizze-eines-konstruktiven-sozialismus-teil-2/

Marcks, Holger. 2019. Skizze eines konstruktiven Sozialismus (Teil 3). https://direkteaktion.org/skizze-eines-konstruktiven-sozialismus-teil-3/

McAlevey, Jane. 2019. Keine halben Sachen. VSA Verlag.

Oesterreich/Schröder. 2020 Agile Organisationsentwicklung. Vahlen.

Organisation des jeunes travailleurs révolutionnaires. 1972. Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfremdung. http://www.kommunisierung.net/IMG/pdf/aktivismusentfremdungpdf.pdf

Pouget, Émile. 2014. Die Revolution ist Alltagssache. Verlag Edition AV.

Schellhagen Johanna. 2022. Geht mal arbeiten. https://www.akweb.de/bewegung/labournettv-der-laute-fruehling-klimabewegung-geht-mal-arbeiten/

SolFed. 2012. Fighting for Ourselves. Anarcho-Syndicalism and the Class-Struggle. Freedom Press.

X., Andrew. 1999. Give Up Activism. https://theanarchistlibrary.org/library/andrew-x-give-up-activism

Zweiter Mai. 2015. Kommt ihr mit in den Alltag? https://archive.arranca.org/ausgabe/49/kommt-ihr-mit-in-den-alltag

Ähnliche Artikel

2 Kommentare zu «Das Raumschiff unseres Allgemeinen Syndikats»

  1. Mal wieder eine wegweisende Analyse von Fallstricken und Schieflagen – eine Arbeit die nicht gerade beliebt aber unglaublich wertvoll ist. Ich nehme mal wieder viel mit, danke dir!

Schreibe einen Kommentar