Arbeitswelten in Pandemiezeiten

Innerhalb der Syndikate der Freien Arbeiter*innen Union (FAU) gibt es viele kleine und große Kämpfe. Vor allem im Dienstleistungsgewerbe werden arbeitsrechtliche Mindeststandards, wie z.B. der Arbeitsschutz, mit Füßen getreten. Dass sich dieser Zustand in der Pandemie noch verstärkt, ist kein großes Wunder. Wir wollen hier die Geschichten erzählen, die immer wieder zu kurz kommen. Geschichten von Kündigungen, Unverantwortlichkeiten beim Arbeitsschutz und dem ganz normalen Wahnsinn des Arbeitsmarktes.

Im Allgemeinen Syndikat Halle konnten in diesem Jahr einige Fälle abgeschlossen werden, in denen die Arbeitsrechte von Arbeiter:innen unterlaufen wurden. So auch der Fall von Ottilie.

Ottilie war bis vor kurzem bei einer Reinigungsfirma beschäftigt und wurde dann, kurz vor Ablauf der Probezeit, gekündigt. Chef:innen nutzen die Möglichkeit gerne, um sich mühelos und ohne Angabe von Gründen von ihren Angestellten zu trennen. Fehlt dann noch ein Teil des Lohns, spielt dies häufig keine Rolle mehr, weil die Arbeiter:innen oft keine Kraft mehr für diesen Arbeitskampf haben. Im Falle von Ottilie konnte der fehlende Lohn noch eingetrieben und die gerichtliche Auseinandersetzung umgangen werden. Wie Ottilie die Situation empfunden hat und wie es zu der Kündigung kam, erzählte sie uns in einem Gespräch.

DA: Wie kam es dazu, dass du in dieser Reinigungsfirma angefangen hast?

O: Ich hatte kein Geld mehr, war freiwillig versichert und musste jeden Monat knapp 200 Euro für die Krankenversicherung bezahlen. Deswegen habe ich mich dazu entschlossen, einen Teilzeitjob zu suchen. Die Stelle war für drei Stunden am Tag in einer Schule ausgeschrieben. Ich dachte mir, dass dies eine sinnvolle Arbeit sein könnte.

DA: Wie kam es zu der Kündigung?

O: Genau weiß ich das nicht. Die Kündigung wurde innerhalb der Probezeit ausgesprochen, ich habe knapp sechs Monate da gearbeitet. Die Kündigung kam ein oder zwei Wochen vor Ende der Probezeit und musste keine Gründe aufweisen. Als ich anfing, wurde ich ca. eine Woche in einer Schule eingesetzt und wurde dann gefragt, ob ich auch einen Kindergarten für die Reinigungsfirma übernehmen könnte. Den habe ich dann auch komplett allein gereinigt und mein Arbeitsvertrag war an dieses Objekt geknüpft. Bei der Kündigung wurde dann aber behauptet, ich wäre nur eine Helferin gewesen und hätte auch kein festes Objekt gehabt. Demnach hätte ich überall eingesetzt werden können. Was in der Praxis auch teilweise so war. Die haben dann angerufen und mir gesagt, nächste Woche bist du hier, morgen dort, und hol vorher den Schlüssel ab.

DA: Ende Januar gab es dann einen Zwischenfall. Du hattest Kontakt zu einer mit Corona infizierten Person. Was hast du daraufhin gemacht?

O: Ich habe sofort den Bereichsleiter angerufen und ihm die Situation erklärt, dass ich eigentlich nicht zur Schicht gehen kann und gefragt, was ich jetzt machen soll. Da wurde mir dann gesagt, dass ich trotzdem in die Kita gehen soll, denn sie hätten keinen Ersatz.. Dann habe ich eine halbe Stunde später nochmal angerufen, weil mir das super unangenehm war und weil ich auch schon beim Gesundheitsamt angerufen hatte. Die hatten gesagt , dass ich mich in häusliche Quarantäne begeben soll.

DA: Was haben deine Chefs zur Aufforderung des Gesundheitsamts gesagt?

O: Am anderen Ende der Leitung waren plötzlich drei Leute, die auf mich eingeredet haben – der Bereichsleiter, die Buchhalterin und noch ein anderer Mitarbeiter. Die waren offenbar alle drei in einem Raum und haben gleichzeitig auf mich eingeredet, dass das alles kein Problem ist. Die Buchhalterin hat dann zu mir gesagt, dass ich selbst Corona-positiv arbeiten gehen könnte. Diese Aussage komme von ‘ganz oben’. Ich habe erwidert, dass ich das aktuelle Infektionsschutzgesetz vor mir habe. Darin steht ganz eindeutig, dass ich als Erstkontakt sofort in Quarantäne gehöre und auf keinen Fall zur Arbeit gehen soll.

DA: Wie haben sie auf deinen Einwand reagiert?

O: Sie haben mich nicht ernst genommen. Wegen des Drucks bin ich dann an diesem Tag doch noch auf Arbeit gegangen und habe mich erst am nächsten Tag krankschreiben lassen. Ich wusste, dass mein Arbeitgeber möchte, dass ich weiterhin zur Arbeit gehe und ich keine andere Option habe, außer mich krankschreiben zu lassen. Am nächsten Tag habe ich dann noch einmal mit dem Gesundheitsamt geredet, die mir noch einmal bestätigt haben, dass ich mich in Quarantäne begeben soll. Nach der Quarantäne wurde ich dann erstmal nicht mehr in der Kita eingesetzt, sondern auf einmal wieder in der Schule.

DA: Die Reinigungsfirma hatte in deiner Quarantänezeit wahrscheinlich schon wieder eine andere Person für die Kita eingearbeitet, oder?

O: Das war alles voll unklar. Einen Tag vorher hat mir der Mitarbeiter gesagt, er bringe mir den Schlüssel für die Kita vorbei, damit ich dort am folgenden Tag arbeiten kann. Zwei Stunden später hieß es auf einmal, ich bekomme doch nicht den Schlüssel, sondern solle am folgenden Tag in die Schule kommen. Dann war ich zwei Tage in der Schule. Am zweiten Tag habe ich mit dem Bereichsleiter telefoniert. Der sagte, ich sei in der kommenden Woche freigestellt. Als ich fragte, was das zu bedeuten hat, meinte er, dass in der kommenden Woche Ferien in der Schule sind. Und dann habe ich nachgehakt und klar gesagt, dass ich ja eigentich in der Kita arbeite und es da keine Schulferien gibt. Ich machte klar, dass ich nicht freigestellt werden wollte. Er meinte dann, dass dies in Ordnung ist. Er rief später nochmal an und sagte, ich solle in der kommenden Woche zur Kita kommen und dass wir uns dort treffen.

DA: Habt ihr euch getroffen?

O: Ich stand an dem verabredeten Tag vor der Kita und niemand kam. Am Telefon wurde mir gesagt, dass der Schlüssel nicht da sei, weil derjenige, der den Schlüssel hat, wegen eines Schneesturms nicht nach Halle kommt. Das war dann der neu eingearbeitete Kollege, der den Schlüssel hatte, der eingearbeitet wurde, als ich in Quarantäne war.

DA: Hast du den neuen Kollegen kennengelernt?

O: Wegen des Schlüssels musste ich am nächsten Tag außerhalb meiner Arbeitszeiten in die Kita, um die Arbeit vom Vortag nachzuholen. Dort traf ich dann auf den neuen Kollegen, mit dem ich von da an zusammen für das Objekt verantwortlich war. Mit ihm habe ich dann die nächsten drei Wochen zusammen die Kita gereinigt.

Als dann die Lohnabrechnung kam, hatte ich nur die Hälfte des Geldes bekommen. Ab da war es für mich unklar, wo ich eingeteilt bin und was los ist.  Ich hatte ja einen Vertrag von 15 Stunden pro Woche.. Erst hieß es, sie würden mir den Lohn nachzahlen. Dann meinten sie aber, da wir jetzt zu zweit arbeiten, bräuchten wir für die Arbeit auch nur die Hälfte der Zeit. Ich habe das nicht eingesehen, weil es dafür keine schriftliche oder mündliche Absprache gab. Auch zu zweit haben wir drei Stunden pro Tag für die Kita gebraucht, wir konnten dann halt alle Aufgaben auch ordentlich erfüllen, nicht so wie zuvor allein.

DA: Das klingt nach keiner guten Arbeitsatmosphäre. Gab es keine Strukturen oder Anweisungen?

O: Nein, die gab es nicht wirklich. In den Objekten fehlten zudem häufig Müllbeutel oder Wischmöppe. Wenn du anrufst und Bescheid sagst, passiert nichts. Eine Woche später das Gleiche. Das muss man sich mal vorstellen: wir haben über eine Woche mit verdreckten Wischmöppen einen Kindergarten ‘reinigen’ müssen. Das war eine ziemlich absurde Situation.

Außerdem musste ich schon nach einer Woche selbstständig die Bestellungen machen. Ich wusste aber gar nicht, wie viel Reinigungsmittel oder Papiertücher ich für welchen Zeitraum brauche. Da wurde ich einfach hineingeworfen.

DA: Wurdest du denn nicht eingearbeitet?

O: Nicht richtig. In der Kita und in der Schule bin ich ein Mal mit einem Kollegen, der schon länger in der Firma war, mitgegangen. Zwar konnte ich Fragen stellen und mir wurde vieles gezeigt. Aber die Hälfte der Aufgaben, die auf dem Revierplan standen, hatte dieser Kollege gar nicht erwähnt bzw. gemacht. Erst nach zwei Monaten habe ich so zum Beispiel gesehen, dass jeden Tag die Geländer gereinigt werden müssen, was ja auch logisch ist, gerade in Zeiten der Pandemie. Das hat mir aber niemand gezeigt und in der Praxis wird das auch einfach nicht gemacht, weil dafür gar keine Zeit ist.

DA: Hattest du Kontakt zu anderen Mitarbeiter:innen? Wie war die Stimmung?

O: In den Pausen kam es zu dem ein oder anderen Gespräch. Da wurde sich dann auch viel beschwert, vor allem über die Wertschätzung der Leute. In der Schule kam zum Beispiel regelmäßig der Hausmeister auf den Bereichsleiter zu, um ihm zu sagen, wie schlecht die Arbeit der Firma ist. Er drohte damit, dass die Schule die Reinigungsfirma wechselt, wenn diese nicht mehr die Leistungen bringt. Inmitten der Pandemie ist das natürlich hart, in der viele Mitarbeitende ausgefallen sind. In der Schule müssen alle paar Stunden die Klos gereinigt werden. Da muss immer jemand da sein. Und wenn dann deine Arbeit überhaupt nicht wertgeschätzt wird und du jeden Tag angemotzt wirst…

DA: Weil ja auch dieses Grunddefizit da ist, dass die Zeit einfach nie ausreicht, um all die Aufgaben zu erfüllen, was da auf diesem Zettel steht und ja auch immer auf Kante kalkuliert wird, was das Personal angeht.

O: Das und dann halt dieses Gefühl, sich zu fragen, wie das eigentlich bei mir in der Schule war? Ich habe das Reinigungspersonal nie wirklich wahrgenommen und wenn, dann nicht als wichtige Menschen in der Schule. Das sind sie aber. Und das habe ich dann auch bei meiner Arbeit gemerkt. Ich habe den Lehrenden zwar immer ‚Hallo‘ gesagt und die haben das auch erwidert, aber sonst fühlt man sich sehr isoliert. Auch in der Kita hast du keinen Kontakt zu den Leuten. Die Eltern grüßen dich eher selten. Das macht natürlich viel aus, was die Arbeitsatmosphäre angeht. Du fühlst dich dann schon irgendwie minderwertig.

DA: Probleme des Outsourcings, der Personalmangel und die Zeitdefizite sind in der Pandemie besonders sichtbar. Dabei kommt es gerade in dieser Zeit darauf an, dass diese Dienstleistungen gut sind, oder?

O: Das Reinigungsunternehmen ist vor allem dazu da, Profite zu generieren. Das größte Problem ist, dass es so wie es jetzt läuft, eben nicht funktioniert. Also, dass ich die Reinigung in einer Kita mache, aber nicht bei der Kita angestellt bin, sondern in einem Unternehmen, was von der Kita beauftragt wird, die Reinigung durchzuführen. Da verteilen sich die Verantwortlichkeiten ins Fiktive und werden immer nur weitergegeben.

DA: Was denkst du, wie die Situation verändert werden kann?

O: Die Frage ist, wie viel die Kita für diese Leistung zahlt? Kann das so viel weniger sein, als wenn die Person, die die Kita reinigt, direkt bei dieser angestellt wäre? Ist die Zeit der Reinigung auch so kalkuliert, dass alle mit der Leistung zufrieden sein können und diese auch sozial vertretbar ist? Das hängt dann auch von Fragen ab, wie Leute, die das dann in einer Art Einzelunternehmen machen, an die teuren Geräte kommen, die zum Abziehen der Böden oder für eine Grundreinigung benötigt werden.

Das Interview für die DA führte Jay Parker.

Titelbild © FAU Schweiz

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