Außer Kontrolle – QAnon, Wu Ming, Faber und Trumps Rache

Es war vielleicht der einzige Selbstmord, bei dem die Mörder lachend den Tatort verließen. Luther Blissett[1] Mehr zum Kollektiv Luther Blissett, die bis dahin unbekannten Autoren von „Q“, eines nicht anders als in vielfacher Hinsicht genial zu nennenden historischen Romans über einen Revolutionär im ausgehenden Mittelalter, begingen Ende des letzten Jahrtausends in Bologna den Seppuku, den rituellen Selbstmord aus Japan.

Was die geselbstmordeten Autoren damals nicht ahnen konnten: 18 Jahre später versuchen Reaktionäre den Agenten „Q“ für ihre eigenen Zwecke zu benutzen: Sie nennen sich „QAnon“ und US-Präsident Donald Trump ist ihr Held, der gegen das verbrecherische Establishment kämpft. Das Trump an sich eine Galionsfigur eben jenes Establishments ist, ficht sie dabei nicht an. Und ist „Q“ im Roman noch ein Agent alten Schrot und Korns, einer, der sich für jemanden anderen ausgibt, um die Bewegung der Täufer zu unterwandern, so haben die von QAnon nichts zu bieten außer widerlichen Erfindungen, die sie über die gigantische rechte Medienpräsenz verbreiten.

QAnon hat von Start weg jenes unterirdische Niveau von vergifteten Brunnen erreicht, mit dem bereits im Mittelalter zum Mord an Juden aufgerufen wurde. Wu Ming selbst sagt dazu: Wer das aufnimmt, hat schon verloren. Das wäre in etwa so, als ob man, im umgekehrten Sinne natürlich, den leidenschaftlichen antifaschistischen Schweizer Musiker Faber in der rotzig melancholischen Satire seiner Lieder wörtlich nimmt, etwa, wenn er darüber singt, sich zu entspannen, wenn Flüchtlinge ertrinken.

Warum nun aber ausgerechnet der Name „Q“ für rechte Weltverschwörungstheoretiker*innen? Das Böse hat von jeher das grundlegende Problem, dass es nicht selbst erschaffen kann, sich dort bedienen muss, was es eigentlich hasst und zerstören will. Das war schon im Faschismus der 20’er und 30’er Jahren so, der sich hierzulande „sozialistisch“ und/oder in Spanien „syndikalistisch“ nannte, die Begriffe aber gleichzeitig mit dem dazugesetzten „national“ vergiftete.

Ein großes Glück: Ganz ähnlich wie der Anti-Trump Aktivist Al Simmons, der seine Karriere als CIA Agent an den Nagel hängte, um als „Spawn“ Basisarbeit bei Obdachlosen zu tun, kehrte „Luther Blissett“ von den Toten zurück. Als namenslose, „Wu Ming“, wiedergeboren, lässt sich ihre Auferstehung nur noch von der eines gewissen Jeshuas (Tarnname Jesus) überbieten. So wie der nicht minder berühmte Krieger der Krähen Indianer Plenty Coups (1848 – 1932) viele Pferde erbeutete, landete Wu Ming dann einen Erfolg nach dem anderen. Hierzulande wurden sie dabei vom Verlag Assoziation A und dem Übersetzer aus dem Italienischen Klaus-Peter Arnold verfolgt und veröffentlicht: Nach „Q“ erschienen hier „54“, zusammen mit Ravalgli „Kriegsbeile“ und in diesen Tagen „Manituana“ – ich berichtete.

Wer aber brachte nun Trump an die Macht, wer zieht an den Fäden von QAnon? Die Antwort ist verblüffend: Der unberechenbare Psychopath, der von einer Minderheit von gerade mal 25,5 % der wahlberechtigten US-Amerikaner zum Präsidenten gewählt wurde, ist in Wirklichkeit ein Erdmännchen.

Alles begann bereits 1970(!) mit „Kalle Wirsch“. Die als Produktion der Augsburger Puppenkiste getarnte, aber eben nur scheinbar liebenswerte Kinderserie „Kalle Wirsch“ ist ein bis ins kleinste Detail offengelegter Umsturzversuch diktaturverliebter Kreise. (Trump, Ratte, Spinne sowie Querro und Quarro als QAnon). Von vielen unterschätzt entkam damals am Ende Erdmännchen Trump, zwar geschrumpft und winzig klein, aber immerhin noch quietschlebendig. Tatsächlich tauchte er noch im gleichen Jahr ausgerechnet am New Yorker Broadway wieder auf, wo er ein Stück produzierte, das ja wohl nicht zufällig „Paris is Out“ heißt, nur angeblich von Richard Seff geschrieben. „Paris“ hier als Synonym für das „alte Europa“, versteht sich. Es hat sich also da schon alles abgezeichnet und dass ihn keiner ernst nahm, hat Trump wieder groß gemacht. Wenigstens konnte auch Kalle Wirsch als Grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann sein Comeback feiern. Das Dilemma: Weil er dem Uranstein abschwor, fehlt Wirsch alias Kretschmann die große Keule, um den sich durch die Weltgeschichte rüpelnden Choleriker Trump unter den Trümmern seines frisch weiß gekalkten Hauses zu begraben. Oder ist auch diese Verschwörung bereits im Gange? Die QAnoner werden es wissen. – Was dagegen? Ja: Wu Ming lesen!

 

 

Beitragsbild: “Libraria Acqua Alta”, von Thomas Hackl, 2018, CC BY-NC 2.0.

2 Kommentare zu «Außer Kontrolle – QAnon, Wu Ming, Faber und Trumps Rache»

  1. Habe etwas gegoogeld aber da ich durch meine Kinder sowieso den Möchtegern König und Verschwörer Zoppo Trump von der Augsburger Puppenkiste kenne, fand ich es gleich ziemlich lustig. Geht ja darum, dass die Rechten sich mit ihrem Messias Trump alias Q Anon wieder bei denen bedienen, die sie zu hassen vorgeben. Herausgefunden habe ich dann noch das Donald Trump tatsächlich dieses Muical 1970 produziert hat. Dadurch das der Artikel gegen Ende die Methoden der Verschwörungstheoretiker nachahmt und Fakten, die gar nichts miteinander zu tun haben aneinanderreiht, ist er wohl mit Absicht wirr, durch den Kakao ziehen/Satire. Gefällt mir.

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