Digitaler Arbeitsdruck

Gerade im Bundestagswahlkampf ist es wieder zu hören: Die Digitalisierung bietet Chancen. Auch die DGB-Gewerkschaften betonen gerne Positives: „Die technischen Möglichkeiten, dezentrale Steuerungsprinzipien etwa, haben etwas potenziell Emanzipatorisches. Zum Beispiel beim altersgerechten Arbeiten, in der qualifizierten Gruppenarbeit in neuen – für den Beschäftigten positiven – Spielarten in der Mensch–Maschine-Kommunikation“, sagt der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. Er betont die Chancen von Industrie 4.0.[1]zitiert nach Alfons Botthof/Ernst A. Hartmann, Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0, Seite 35.

Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) ist da schon klarer in ihrer Zielsetzung. Sie hat ein Positionspapier mit dem Titel „Chancen der Digitalisierung nutzen“ verfasst, mit welchem deutliche Forderungen erhoben werden: „Befristung und Zeitarbeit dürfen daher nicht durch neue Belastungen begrenzt werden. Zeitarbeit und insbesondere die sachgrundlose Befristung müssen auch künftig für die Gestaltung der Arbeitsbeziehungen ohne neue Beschränkungen zur Verfügung stehen.“ Die Mitbestimmung müsse sich dem Tempo der Digitalisierung anpassen: Hier müssten „Verzögerungspotenziale abgebaut, bestehende Regelungen auf ihre Zukunftsfähigkeit hin überprüft werden“. Auch die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages und der täglichen Höchstarbeitszeit von zehn Stunden wird gefordert: „Um hier mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten abzubilden, sollte das Arbeitszeitgesetz deshalb von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umgestellt werden.“[2]siehe http://www.arbeitgeber.de/www\arbeitgeber.nsf/res/Rede-IK-Digitalisierung-von-Wirtschaft-und-Arbeitswelt.pdf/$file/Rede-IK-Digitalisierung-von-Wirtschaft-und-Arbeitswelt.pdf

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Immer mehr Beispiele zeigen, dass eine dominante technische Steuerung die Beschäftigten unter Druck setzt. Kernstück der Industrie 4.0 soll eine rundum vernetzte Produktion sein, Verwaltung und Entwicklungsabteilungen sollen verknüpft werden. Sie beruht auf technologischer Intelligenz, die in Produkten und Maschinen eingebunden wird. „Technik – speziell: Automatisierungstechnik – ‚an sich‘ ist weder ‚gut‘ noch ‚böse‘“, argumentiert Bernd Kärcher, Leitung Research Mechatronic Components von der bei Festo AG & Co. KG. „Entscheidungen beziehen sich immer auch auf die Wahl zwischen zwei Wegen oder Szenarien. Im ersten Szenario bekommen die Mitarbeiter vor Ort Informationen und Kompetenzen. Im zweiten Szenario werden die Mitarbeiter immer perfekter in Prozessen überwacht und benötigen weder Kompetenzen noch Fähigkeiten. Beide Wege sind möglich, auf beiden Wegen kann in Deutschland wettbewerbsfähig produziert werden“.[3]zitiert nach: Alfons Botthof/Ernst A. Hartmann, Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0, Seite 56. Dies setzt Auswertungen durch moderne Systeme voraus. Dabei finden häufig Workflow-Systeme Anwendung. Die dazugehörende Dokumentation und Verwaltung von Beschäftigten- und Kundendaten mit Hilfe moderner Technik ist von besonderer Bedeutung. Auch die Auswertung der einzelnen Arbeitsschritte und somit die Kontrolle der Arbeiter*innen zählen zu den Möglichkeiten. Voraussetzung ist oft eine Datenbank, in der Informationen aus unterschiedlichen Quellen in einem einheitlichen Format zusammengefasst werden.

Die Veränderungen gehen aber weiter: Hybride Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass neben den Beschäftigten auch die Technologie Prozesse steuert. Bekannt ist die Zusammenarbeit von Mensch und automatisierter Steuerung etwa durch die Arbeit von Pilot*innen. Für das Unternehmen hat die Technik Vorteile. Sie kann Daten, Diagnosen und Arbeitsanweisungen präsentieren. Die Lohnabhängigen können weit weniger Daten verarbeiten und weniger Komplexität berücksichtigen als Maschinen. Es können Einzelarbeitsplätze entstehen, bei denen die Technik den Menschen steuert, und die so zu Isolation und Monotonie führen.

Industrialisierung der IT?

Auch Abläufe in der IT könnten zunehmend standardisiert werden, – ähnlich der Entwicklung in der Automobilindustrie in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Einige Fachautor*innen sprechen in diesem Zusammenhang bereits von einer Industrialisierung der IT. Diese Standardisierung hat weitreichende Folgen. Serviceleistungen werden über das Internet zur Verfügung gestellt und können auch von kleineren Unternehmen ausgelagert werden.

Ein Beispiel für die zunehmende Industrialisierung der IT ist „Scrum“. Scrum ist eine Projektmanagement-Software, die der Ausgestaltung von IT-Entwicklungsprojekten dient. Ein wichtiger Aspekt ist die gemeinsame Planung der Arbeitsaufgaben im Team. In einem sogenannten „Sprint Planning“ werden neue Aufgaben definiert, geschätzt und nach Prioritäten erfasst. Wissenschaftler*innen sahen anfangs bei Scrum „Emanzipationspotenziale für die Beschäftigten“. Denn im Team wird gemeinsam über das Vorgehen gesprochen, es erfolgt ein Austausch über Probleme im Planungsprozess. „Der Schätzprozess soll die Arbeitsplanung des Teams demokratisieren. So soll es vor Überlastung durch das Management geschützt werden“ erläutert Stefan Sauer, vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München.[4]Aus: Computer und Arbeit 2/2014, S. 17–19. Die Entwicklung geht jedoch in eine andere Richtung. Scrum ist für hochqualifizierte Beschäftigte „ein Verlustgeschäft; sie werden dann in einem durchgetakteten Arbeitsprozess eingebunden, der sie einem hohen Zeit- und Rechtfertigungsdruck aussetzt, ihnen keine Möglichkeiten bietet, über die Verausgabung ihrer Arbeitskraft mit zu verfügen. Wissensarbeit wird dann am »digitalen Fließband« organisiert“, betont Andreas Boes vom ISF München. [5]siehe: Schröder/ Urban, Gute Arbeit 2016, Seite 232.

Ernormer Druck entsteht einerseits wegen „der hohen Transparenzanforderungen“, denn im Planungsstadium müssen die Programmierer*innen ihre Arbeitsweise offen legen. Vor allem die Einschätzung, wie viel Zeit für einzelne Programmierschritte benötigt wird, setzt die Arbeitenden bei der Umsetzung unter Zeitdruck. Über Scrum werden detailliert Arbeitspakete erfasst, die der Planung dienen sollen.

Social Manufactoring durch Tools wie Scrum?

Andererseits entsteht sozialer Druck innerhalb der Teams, denn es wird gemeinsam über das Vorgehen gesprochen, entsprechend erwarten Teammitglieder die Umsetzung. „Vor möglichen Unterauslastungen des Teams schützt, neben der potenziell möglichen späteren Kontrolle durch Vorgesetzte, schlichtweg der soziale Druck im Team“, so Sauer. Die IT-Entwicklung galt bisher als vergleichsweise wenig standardisiert. Durch Scrum kann jetzt zunehmend Druck auf die Beschäftigten ausgeübt werden. „Das ist mein Fließband“, erläutert ein Programmierer seine Erfahrungen mit Scrum.[6]nach Schröder/ Urban, Gute Arbeit 2016, Seite 232. Die Beispiele zeigen, dass die zukünftige Entwicklung der digitalen Arbeit nicht durch einen Dialog vorangetrieben wird, wie es Bundesarbeitsministerin Nahles mit ihren Grünbuch 4.0 suggeriert. Wissenschaftsprojekte sollen Verschlechterungen aus Sicht der Beschäftigten jedoch verschleiern. Das Bundesministeriums für Wirtschaft fördert ein Forschungsprojekt zu „Social Manufacturing“ und Industrie 4.0.[7]siehe: /www.flw.mb.tu-dortmund.de/cms/de/flw/aktuelles/2015-05_mit_SoWis_zur_4_0/index.html

Bei Social Manufacturing „wird die Interdependenz der Elemente Mensch, Technik und Organisation eines Produktionssystems in den Vordergrund gerückt“, erklärt Hartmut Hirsch-Kreinsen, Professor der Technischen Universität Dortmund. Er verspricht „weitgehend selbstbestimmtes informelles Arbeitshandeln“ durch dieses Projekt.[8]siehe seinen Beitrag in: Schröder/ Urban, Gute Arbeit. 2016. S. 145. Die betriebliche Realität sieht anders aus.

 

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