Sie wollen uns zu Maschinen machen!

Ein Wandbild in London. Zu sehen ist die große Solidaritätsdemonstration für die „Tolpuddle-Märtyrer“ 1834 (Quelle: http://tolpuddlekx.wordpress.com)

Der Begriff „Lohnsklave“ tauchte wahrscheinlich zum ersten Mal 1836 als Eigenbezeichnung von Textilarbeiterinnen aus Lowell in Massachusetts auf. Die „Lowell Mill Girls“ argumentierten: „Als Verkäufer des eigenen Produktes bleibt die eigene Persönlichkeit intakt. Aber seine Arbeitskraft zu verkaufen, heißt, sich selber zu verkaufen, seine Rechte als freier Mensch zu verlieren und ein Vasall gigantischer Betriebe einer begüterten Aristokratie zu werden, die all denjenigen mit Vernichtung droht, die ihr Recht auf Versklavung und Unterdrückung in Frage stellen“.1 Tatsächlich war die Vorstellung, sein Dasein lebenslang als LohnarbeiterIn fristen zu müssen, noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die meisten Menschen ein abwegiger und bedrohlicher Gedanke. Vor dem Hintergrund handwerklicher und bäuerlicher Traditionen war es eine Erniedrigung, die eigene Arbeitskraft zu vermieten, um dann unter fremder Anweisung so lange und so effizient wie möglich arbeiten zu müssen.

Im deutschsprachigen Raum war Lohnarbeit um das Jahr 1800 noch eine absolute Randerscheinung. Mit schätzungsweise 85.000 bis 160.000 Personen waren zu dieser Zeit allerhöchstens ein Prozent der Beschäftigten lohnabhängig.2 In aller Regel war Lohnarbeit damals noch ein Zuverdienst zu anderen Formen des Einkommens. Das waren zum einen die Erträge aus selbstständiger landwirtschaftlicher oder handwerklicher Arbeit, zum anderen die Einkommen, die den abhängig Beschäftigten in Form von Naturalien wie Essen und Unterkunft (Kost und Logis) „gezahlt“ wurden. Ungeachtet feudaler Unterdrückung und regelmäßiger wirtschaftlicher Notlagen war dieses System der persönlichen Abhängigkeit mit einer gewissen Sicherheit der Lebensgrundlagen verbunden.

Das Erbe des Feudalismus

Mit dem Aufkommen des industriellen Kapitalismus änderte sich dies rasant. Voraussetzung für die Durchsetzung der Lohnarbeit bzw. eines sich selbst regulierenden Arbeitsmarktes waren die „doppelt freien“ Arbeiterinnen und Arbeiter. Zum einen mussten sie juristisch frei sein, um – von feudalen Fesseln befreit – über die eigene Arbeitskraft frei verfügen zu können. Zum anderen mussten sie aber auch „frei“ von jeglichen Produktionsmitteln sein, über die sie noch verfügen konnten. Beide Voraussetzungen wurden forciert. Die Aufhebung der feudalen Abhängigkeiten zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging meist direkt einher mit der Vollendung der sogenannten Einhegungen – der Umwandlung von ländlichem Gemeineigentum (Allmende) in Privateigentum, wobei die Allmende für Landlose häufig die einzig verbleibende Existenzgrundlage war. Hinzu kam die Aufhebung zahlreicher lokaler und regionaler Vorrechte der Bevölkerung, zum Beispiel das Recht der Zünfte auf die Regulierung des Gewerbes. Diese systematische Enteignung der Bauern und Handwerker hatte Marx als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet.

Zu den vorindustriellen Arbeitsbeziehungen gehörten gewisse Prinzipien der Gegenseitigkeit und der Regulation, denen durch die Einführung der Marktwirtschaft ein jähes Ende bereitet wurde. Der unpersönliche Mechanismus der Marktwirtschaft machte die menschliche Arbeitskraft zur Ware und entkoppelte seine Arbeitsbeziehungen bald von allen persönlichen und gesellschaftlichen Bindungen. Dass ein solches System, in dem der Mensch lediglich Warenstatus hat und folglich auch so handeln muss bzw. behandelt wird, nicht lange bestehen konnte, ohne „den Menschen physisch zu zerstören“ und „seine Umwelt in eine Wildnis zu verwandeln“,3 wurde spätestens mit dem Ausbruch der „Epidemie der Armut“ – dem sogenannten Pauperismus – in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich.

Entstehung einer Klasse

England als das erste industrialisierte Land brachte folgerichtig auch die erste Arbeiterklasse der Welt hervor. Die große Enttäuschung der Reform Bill (1832) – durch die an der erbärmlichen Lage der arbeitenden Klassen nichts geändert wurde – hatte Englands ArbeiterInnen kurzzeitig dazu gebracht, alle Bestrebungen, gemeinsam mit dem Bürgertum Verbesserungen ihrer Lage durchzusetzen, aufzugeben. Es war der Beginn einer Klassenbewegung. Diese Polarisierung gab der jungen englischen Gewerkschaftsbewegung 1834 den entscheidenden Anstoß zur Gründung eines neuen Zusammenschlusses von bisher nicht gekannter Größe und potentieller Wirkmacht: der Grand National Consolidated Trades Union (GNCTU), einem gewerkschaftlichen Dachverband, dessen Mitgliederzahl bald auf eine halbe Million angewachsen war. Sie war eine sehr vielfältig, zum größten Teil noch aus Angehörigen „vorindustrieller“ Berufe zusammengesetzte Gewerkschaft. Die Fabrik hatte in England zwar in gewissem Maße Einzug gehalten, aber handwerkliche und agrarische Arbeit waren wirtschaftlich trotzdem noch sehr bedeutend. Es war eine Art Übergangszeit, in der sich große Teile der Bevölkerung noch dagegen wehrten, Proletarier zu werden. Was die GNCTU aber wirklich außergewöhnlich machte, war ihre revolutionäre Zielsetzung. Sie begnügte sich nicht mit dem Erkämpfen besserer Löhne oder der Absicherung von Lebensbedingungen. Ihr endgültiges Ziel war „eine andere Ordnung der Dinge“.

In den 1830er Jahren schrieb dazu ein Mitglied der Bauarbeitergewerkschaft (Builder‘s Union): „Die Gewerkschaften werden nicht nur für weniger Arbeit und höhere Löhne streiken, sondern sie werden letztendlich die Löhne abschaffen, ihre eigenen Meister werden und füreinander arbeiten; Arbeit und Kapital werden nicht länger getrennt, sondern in den Händen der Arbeiter und Arbeiterinnen unauflöslich miteinander verbunden sein.“

Woher kam diese Utopie? Während des Übergangs zur kapitalistischen Industriegesellschaft war der Lebensstandard der Bevölkerung nicht nur quantitativ sondern vor allem auch qualitativ bedroht. Für die sehr standesbewussten Handwerker waren Werte wie Unabhängigkeit, Selbstachtung und Stolz häufig ebenso wichtig wie ein „gerechter Lohn“. Auch die unter der Bevölkerung noch weit verbreitete Sehnsucht nach eigenem Land spiegelte dieses Streben nach individueller Unabhängigkeit und freier Arbeitszeitgestaltung wider. Und diese Vorstellungen waren es, vor denen sich der Abgrund des durch Kommando und Disziplin bestimmten Lohnsystems auftat.

Es war noch ein Schritt von der Vorstellung individueller Unabhängigkeit zur Vorstellung „kollektiver Unabhängigkeit“ und vom Standesbewusstsein zum Klassenbewusstsein, aber dieser Schritt wurde zu Beginn der 1830er Jahre vollzogen, befruchtet durch die Kraft der Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung.4

The Radical Liberal

Die Wurzeln solcher Bestrebungen lassen sich aber auch schon bei Denkern finden, von denen man es heute auf den ersten Blick gar nicht mehr erwarten würde. Fremdbestimmte und gleichförmige Arbeit war etwa mit dem Menschenbild des klassischen Liberalismus aus dem 18. Jahrhundert,5 wie es zum Beispiel Wilhelm von Humboldt vertrat, völlig unvereinbar. Für Humboldt war 1792 „der wahre Zweck des Menschen“ die „höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“. Alle Tätigkeiten, in denen er „von Anderen eingeschränkt und geleitet“ wird und die er nicht selber frei gewählt hat, werden ihm „ewig fremd“ bleiben und er wird sie lediglich mit „mechanischer Fertigkeit“ statt mit „menschlicher Kraft“ ausführen. Da der Mensch ohne Tugend zur Maschine werde, war Humboldts Vision die Emanzipation aller Bauern und Handwerker zu selbstständigen Künstlern. Für ihn war „der Arbeiter, welcher einen Garten bestellt“ in einem wahreren Sinne Eigentümer des Gartens als der „müßige Schwelger, der ihn genießt“. Humboldts Intention war es, „alle Fesseln in der Gesellschaft zu zerbrechen, aber auch dieselbe mit so vielen Banden, als möglich, unter einander verschlingen“. Denn „der Isolierte vermag sich ebenso wenig zu bilden, als der Gefesselte“.6

Dass diese Utopie naheliegenderweise noch im vorindustriellen Zeitalter verankert war, sollte einem nicht die Erkenntnis versperren, dass der „Stammvater des deutschen Liberalismus“ hier im Kern – und auf industrielle Verhältnisse übertragen – antikapitalistische Gedanken formuliert hat, die keineswegs einem beschränkten Individualismus entspringen, sondern sehr soziale Züge tragen. Für Rudolf Rocker bestand das Wesen des Anarchismus gerade in der Synthese genau dieser Art des Liberalismus mit dem Sozialismus.

Vorläufer des Syndikalismus

Ende 1831 und im Mai 1832 hatte sich die Situation in England derart zugespitzt, dass das Land womöglich kurz vor einer Revolution stand. Die Haltung der ArbeiterInnen war als Folge der Reform-Bill-Krise nun stark antipolitisch, was eine massenhafte Hinwendung zu den Gewerkschaften mit sich brachte. Obwohl die erste große Gewerkschaftsbewegung in England lediglich von 1830 bis 1834 währte, so war sie doch in jeder Hinsicht erstaunlich, da sie fast alle grundlegenden Prinzipien des späteren Syndikalismus schon vorwegnahm. Da wäre zum Beispiel die weiter oben beschriebene doppelte Aufgabe der Gewerkschaften, zum einen als Sicherer und Verbesserer des Lebensstandards im Hier und Jetzt, zum anderen als Werkzeug der Transformation hin zu einer von ArbeiterInnen kontrollierten Gesellschaft. Anfang der 1830er Jahre entstand zudem die Theorie vom „Grand National Holiday“, einem revolutionären Generalstreik, durch den der friedliche Übergang zu einer selbstverwalteten Gesellschaft möglich gemacht werden sollte. Ein „Parlament der arbeitenden Klassen“, aus Fabrik- und Werkstattdelegierten zusammengesetzt, sollte das House of Commons ersetzen und schließlich „die ganze politische Macht verschlucken“.7

Das Ende dieser außergewöhnlichen Bewegung kam 1834 allerdings sehr schnell. Schon von Anfang an waren die Gewerkschaften und später die GNCTU wegen ihrer „verbrecherischen Ziele“ schweren Verfolgungen ausgesetzt. Ein Ereignis mit bleibender Symbolwirkung war in diesem Zusammenhang die Verhaftung und Ausweisung von sechs Landarbeitern, die versucht hatten, im ländlichen Tolpuddle bei Dorchester eine Gewerkschaft zu gründen. Eine riesige Solidaritätsdemonstration der städtischen Arbeiterschaft 1834 in London zwang die Regierung zwar schließlich, das Urteil zurückzunehmen, doch die junge Gewerkschaftsbewegung sah sich allgemein nicht in der Lage, den Repressionen der Regierung und den Aussperrungen der Unternehmer etwas entgegenzusetzen. Letztendlich bestand die GNCTU nicht einmal ein Jahr lang, bevor sie wieder in ihre Einzelteile zerfiel. Ein Teil ihres Vermächtnisses ging ab 1838 im Chartismus auf, der allerdings nur noch eine politische Reformbewegung ohne revolutionären Anspruch war. Die theoretischen Ansätze, die in jener Zeit gelegt worden waren, inspirierten Libertäre dagegen noch über Generationen.

Menschliche Maschinen

Dass der Nährboden für diese Ansätze eine selbstbewusste Handwerkerkultur war, der von marxistischer Seite oft verallgemeinernd Rückschrittlichkeit und kleinbürgerliches Gebaren vorgeworfen wird, muss eigentlich gar nicht unbedingt verwundern. Selbst die englischen Maschinenstürmer (Ludditen) am Anfang des 19. Jahrhunderts sind nicht in erster Linie technikfeindlich gewesen, sie waren aber feindlich gegenüber der Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen. Die Maschinenzerstörung war dabei eine Taktik der direkten Aktion, der später andere Taktiken folgten. Als klar wurde, dass der Kampf gegen die Maschine nicht zum Erfolg führen würde, wurde er zum Kampf über die Kontrolle der Maschinen bzw. der Produktionsmittel. Da die Kontrolle über die Maschine der einzige Weg war, um einer Disziplinierung durch die Maschine zu entgehen, lag und liegt die Hinwendung zu syndikalistischen Taktiken und zur Arbeiterselbstverwaltung nahe.

Anmerkungen

[1] Zitiert nach: Noam Chomsky: Democracy and Education, 1994.

[2] Toni Pierenkemper: Wirtschaftsgeschichte, Berlin 2009, S. 43.

[3] Zitat nach Karl Polanyi: The Great Transformation, Wien 1978, S. 19f.

[4] Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Frankfurt a.M. 1987, S. 257, 285, 635f., 935.

[5] Nicht zu verwechseln mit dem späteren Wirtschaftsliberalismus.

[6] Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, Stuttgart 1967, S. 22, 32, 36-37. Für weitere Textstellen siehe auch Noam Chomsky: Government in the Future, 1970.

[7] Thompson, S. 917, 936.

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