Auf das Rathaus die rote Fahne!

„Arbeitersülze – Pfund 3 Mark“. Demonstration in der Oberaltenallee, Juni 1919 (Foto: ETG Hamburg)

Für den westlichen Otto-Normalbürger ist es bis auf Ausnahmefälle eine Rarität, dass Nahrung oder besser gesagt der Mangel an Nahrung eine politische Angelegenheit darstellt. Im Weltmaßstab gesehen ist Unterernährung jedoch noch immer ein Phänomen, dessen erfolgreiche Bekämpfung größte politische Anstrengungen erfordert und erfordern wird.

Permanenter Hunger ist eine konkrete Bedrohung für die körperliche und geistige Gesundheit des Menschen und bedeutet im Extremfall das Ende der eigenen Existenz. Es mag daher wenig verwundern, dass politische und ökonomische Rahmenbedingungen, die kein ausreichendes bzw. zufriedenstellendes Angebot von Nahrung garantieren können, sehr schnell an Legitimität verlieren. Solche Systeme müssen früher oder später entweder reformiert werden, kollabieren in sich selbst oder werden mit immer repressiveren Maßnahmen aufrechterhalten.

Beispiele für Regime, die aus solchen Gründen vom Angesicht der politischen Landkarte getilgt wurden, sind allenthalben zu finden. Zweien der bedeutendsten Umwälzungen der letzten 250 Jahre, der Französischen Revolution 1789 und der Russischen Revolution 1917 lag eine sich massiv verschlechternde Ernährungslage der Bevölkerung zugrunde.

Es ist zu beobachten, wie einfache sozioökonomische Forderungen nach einer materiell besseren Lebensqualität sich zu Konflikten über die gesellschaftlichen Grundlagen entwickeln können.

In der deutschen Geschichte stellt der Erste Weltkrieg ein bedeutsames historisches Beispiel dar. Die soziale Misere während der Kriegszeit und die abschließende Niederlage der Mittelmächte und ihrer Verbündeten führte in Deutschland zu politischen Konflikten, die als Endresultat das Ende der Monarchie, die Niederschlagung der Rätebewegung und den Anfang der parlamentarischen Demokratie in Deutschland nach sich zogen.

In Verbindung damit soll die Lage in Hamburg näher beleuchtet und ein besonderer Blick auf die wohl bedeutendsten sozialen Nachkriegsproteste – die Sülzeunruhen von 1919 – geworfen werden.

Steckrüben und Wasser satt

Die Nahrungslage in Hamburg war bereits lange vor dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Niederlage des Deutschen Reiches äußerst prekär. Grund dafür war einerseits die Blockade der Entente, aber auch der Mangel an Arbeitskräften, Zugtieren und Düngemitteln in der heimischen Landwirtschaft. Schon kurz nach Ausbruch des Krieges wurde damit der Hunger ein zentraler Bestandteil im Leben erst der ärmeren, später dann auch der wohlhabenden Bevölkerungsschichten Hamburgs. Ein Zustand, der erst 1,5 – 2 Jahre nach Kriegsende etwas anderes als eine weitere Verschlechterung erfahren sollte.

Bereits kurz nach Kriegsanfang hatte sich das Nahrungsangebot im Deutschen Reich auf etwa 55% des Vorkriegsniveaus verringert. Besonders Großstädte litten unter dieser Entwicklung: die Bevölkerung Hamburgs musste während des Krieges teilweise mit nur einem Sechstel des Vorkriegsniveaus auskommen; die ohnehin spärlichen Lebensmittelrationen wurden mehrmals verringert. Nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ musste daher das Nahrungsangebot in der Kriegszeit stark unter jenen Bedingungen leiden.

Die Hamburger Regierung, die während der Kriegszeit von der SPD bzw. MSPD in Koalition mit bürgerlichen Parteien gestellt wurde, zeigte sich unfähig, etwas Besseres als ein erbärmliches Elendsmanagement für die hungrige Bevölkerung auf die Beine zu stellen. Maßnahmen, die die Ernährungssituation verbessern sollten, wie etwa Preisobergrenzen für Grundnahrungsmittel sowie Erhöhungen der Arbeitslosenunterstützung verpufften größtenteils im Nichts, wenn sie nicht sogar einen entgegengesetzten Effekt hatten. Vorschläge zur Vergesellschaftung der Nahrungsmittelindustrie, wie die Sozialisierung des Bäckereiwesens oder die Durchführung der Fleischverwertung in den Gemeinden, durch die bessere hygienische Standards und eine fairere Verteilung erzielt werden sollte, wurden vom Hamburger Senat ignoriert und konnten nicht umgesetzt werden. Die einfache Bevölkerung begriff, dass sie im Behörden- und Regierungswesen Hamburgs, wenn überhaupt, nur eine äußerst inkompetente Vertreterin ihrer Interessen gefunden hatte, und so entlud sich die Wut über den verhassten Hunger und die damit verbundene Hilflosigkeit immer öfter über spontane Formen des Protestes und der Selbsthilfe auch direkt gegen die Staatsmacht.

Die als elendig wohl noch zu großzügig bezeichnete Ernährungslage im Krieg sollte sich nach Ende der Kriegshandlungen im Jahre 1918 und der damit zusammenhängenden Novemberrevolution noch einmal verschlechtern. Nicht nur, dass die Auflösung der Seeblockade erst nach Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages über sieben Monate später am 28. Juni 1919 offiziell beschlossen wurde, so blieben in der Folgezeit Getreide- und Futtermitteleinfuhren aus den ehemals besetzten Ostgebieten aus. Die junge Weimarer Republik war nicht in der Lage, kurzfristig bessere Lebensbedingungen für ihre Bürger zu schaffen. Die Alltagssorgen der einfachen Leute blieben demnach fast identisch zu denen vor der Revolution.

Die Sülzeunruhen 1919

Ursache für die Sülzeunruhen in Hamburg war ein zufällig entdeckter Lebensmittelskandal bei der Fleischwarenfabrik von Jacob Heil. Heil, seines Zeichens Gerbereibetreiber, hatte sich wie so mancher andere in der Kriegszeit in Aussicht auf hohe Profite der Nahrungsmittelproduktion zugewandt und produzierte unter unhygienischen Bedingungen aus Ochsen- und Kalbskopfhäuten sowie Ochsenmäulern Sülze und andere Produkte. Die „Zutaten“ für diese kulinarischen Eigenheiten konnten von Heil zu Spottpreisen von anderen Hauthändlern gekauft werden. Hauptgrund dafür war die Tatsache, dass viele Häute und Felle faulig, stinkig und von Maden durchsetzt waren und teilweise schon Jahre gelagert hatten.

Solch schäbige Machenschaften waren den zuständigen Behörden zwar vage bekannt, wurden jedoch selbst nach mehreren Beschwerden und Investigationen weiterhin geduldet und nicht ausreichend untersucht.

Am Morgen des 23. Juni 1919 wurde beim Abtransport eines der Abfallfässer, dessen Inhalt als Dung für Bauern verwendet werden sollte, unabsichtlich beschädigt. Die dann austretende „breiige, undefinierbare Masse“ verbreitete einen unangenehmen Gestank auf der Straße, der die Aufmerksamkeit von Passanten auf sich lenkte. Anwesende Arbeiter behaupteten, dass sich in den Fässern Lebensmittel der Lebensmittelfabrik Heil befänden. Eine schnell und spontan zusammengelaufene neugierige Menge drang daraufhin kurzerhand in die Verarbeitungsräume des Sülzeproduzenten ein und fand dort unter anderem mit dicken Schimmelschichten überzogenen Felle und Häute. Die immer weiter ansteigende Masse von Menschen, die Zeuge der fatalen Produktionsbedingungen wurde, ließ sich nicht von den Sicherheitskräften abschrecken und suchte Heil in seinem Kontor auf, bevor sie ihn in den Fluss Kleine Alster warf, wo er schließlich von zwei Polizisten herausgefischt werden musste. Erst nach Beschwichtungsversuchen des zuständigen Kriminalinspektors ließ die Menschenmenge von weiteren Aktionen an diesem Tag ab.

Am nächsten Tag kam es an verschiedenen Orten Hamburgs zu weiteren Unruhen. Im besonderen Augenmerk der Massen stand dabei das Kriegsversorgungsamt, welches wie viele Geschäfte und Behörden im Laufe der Unruhen gestürmt wurde. Dabei wurden alle Lebensmittelmarken von den Demonstranten erbeutet. Dies zeigt, dass es sich hierbei nicht nur um einen Protest gegen die skandalösen Prozeduren in der Lebensmittelindustrie handelte, sondern auch um eine allgemeine Empörung gegen die schlechte Ernährungslage. Weiterhin wurde der Leiter des Kriegsversorgungsamts, Oberregierungsrat Dr. Lippmann, ohne relevanten Widerstand der Sicherheitskräfte zum Rathausmarkt geschleppt, wo er sich öffentlich verantworten sollte. Nach weiteren Beschwichtigungen ließ man ihn schließlich laufen.

Erst Ruhe und Ordnung, dann die Moral

Die Unruhen führten letztendlich zum Einmarsch der sogenannten „Bahrenfelder”, die sich aus reaktionären, anti-kommunistischen Weltkriegsoffizieren und von Großkaufleuten angeheuerten Zeitfreiwilligen zusammensetzten. Als sich die Truppe, von den Massen als „Noskegarden“ verschmäht, diesen entgegenstellte, kam es aufgrund eines Zwischenfalls zur Eskalation. Maschinengewehrfeuer führte in der Menschenmasse zu einem Toten und 15 Verwundeten. Die Bahrenfelder verschanzten sich nach diesem Vorfall im Rathaus, wo sie unter dem heftigen Feuer der Protestierenden standen, die sich mittlerweile mit Maschinengewehren und Gewehren eingedeckt hatten. Der auf etwa 8.000 – 10.000 zu beziffernden Menschenmenge gelang es am nächsten Tag, dem 25. Juni, das Rathaus zu stürmen. Dabei konnte ein Großteil der 210 Mann starken Bahrenfelder Truppe gefangen genommen werden. Einige wenige wurden bei den Gefechten getötet oder konnten fliehen.

Die staatlichen Autoritäten auf Stadt- und Reichsebene waren sich einig, dass die Situation in Hamburg „befriedet” werden müsse. Mehrmals wurde der Belagerungszustand über die Stadt verhängt. Reichswehrminister Gustav Noske (MSPD), der mit Niederschlagung der Rätebewegungen in Deutschland bereits den Ruf eines „Bluthundes” erlangt hatte, setzte seine Prioritäten darauf fest, „Ruhe und Ordnung” in Hamburg wieder herzustellen. Zwar wurde eine Vereinbarung getroffen, dass keine Reichswehrtruppen in Hamburg einmarschieren, sofern alle Bahrenfelder freigelassen und die Lage in der Stadt stabilisiert ist – jedoch wurde gleichzeitig ein minimaler Zeitraum für die Erfüllung dieser Bedingungen gewährleistet. Am 26. Juni wurde der Befehl gegeben, Hamburg komplett abzuschließen. Ein erster Vorstoß der Reichswehr scheiterte jedoch kläglich, da sich die jungen Truppen von der Bevölkerung über die wirkliche Lage in Hamburg aufklären ließen und danach leicht überredet werden konnten, ihre Waffen nicht auf die hungernde Zivilbevölkerung zu richten. Wenige Tage später jedoch, am 29. Juni, marschierten auf Befehl von Noske unter Führung von Generalmajor Lettow-Vorbeck (dessen Auslieferung von den Alliierten aufgrund seiner grausamen Kriegsführung in Südost-Afrika verlangt wurde) 10.000 schwerbewaffnete Männer ohne nennenswerten Widerstand in die Innenstadt ein. Die Menschenmassen hatten diesem Aufgebot, welches 50 Prozent der mobilen Streitkräfte der Reichswehr ausmachte, wenig entgegenzusetzen und die Unruhen waren damit offiziell beendet. Möglichkeiten zur Gegenwehr blieben im Zuge dieser Besatzung nicht und selbst geringe, als Vergehen wahrgenommene Aktionen, wurden brutal bestraft.

Eine zweite Revolution in Hamburg?

Seit eh und je gibt es Bestrebungen, die Hamburger Sülzeunruhen als gezielten und geplanten politischen Umsturzversuch darzustellen. Zuletzt verbreitete der rechtskonservative Historiker Joachim Paschen dementsprechende Thesen. Ganz im Sinne damaliger Regierungspropaganda deutet er die Vorkommnisse als versuchte „zweite Revolution” und als gegen die Republik gerichteter spartakistischer Aufstandsversuch. Noch bis in die 60er Jahre hinein gab es in Hamburg Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen für die gefallenen Bahrenfelder. Demgegenüber kommt die moderne Forschung nun sehr einhellig zu dem Schluss, dass es sich bei den Sülzeunruhen um klassische Hungerunruhen gehandelt hat. Bemerkenswert war, dass mit der Erstürmung des Rathauses die Macht auf der Straße lag, sich aber „niemand bereit fand, eine revolutionäre Gewalt in der Stadt aufzurichten” (Lothar Danner). USPD und die KPD wussten beide um die Gefahr einer brutalen Niederschlagung und hatten kein Interesse daran, die politische Macht an sich zu reißen und waren darauf auch gar nicht vorbereitet.

Der eigentliche Auslöser der Sülzeunruhen war die katastrophale Ernährungslage, wie sie vielerorts in der Nachkriegszeit im Deutschen Reich vorherrschte. Das spontane Aufbegehren folgte vor allen Dingen dem existentiellen menschlichen Bedürfnis nach materieller Grundversorgung.

Zum Weiterlesen:

  • Sven Philipski: Ernährungsnot und sozialer Protest: Die Hamburger Sülzeunruhen 1919, Hamburg 2010.
  • Uwe Schulte-Varendorff: Die Hungerunruhen in Hamburg im Juni 1919 – eine zweite Revolution?, Hamburg 2010.
  • Ulrich Bauche: „Wir sind die Kraft“: Arbeiterbewegung in Hamburg von den Anfängen bis 1945, Hamburg 1988.

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