Ein Blick nach vorne und zurück

Angekündigt als „größtes Anarchistentreffen seit den Libertären Tagen in Frankfurt 1991“, fand 140 Jahre nach Ausrufung der Antiautoritären Internationale das „Welttreffen des Anarchismus“ vom 8.-12. August in Saint-Imier im Schweizer Jura statt.

Anarchistisches Auditorium (Quelle: Ralf Dreis)

Donnerstag, 9. August:

Strahlender Sonnenschein. Über steile enge Straßen nähern wir uns durch phantastische Berglandschaften dem Uhrmacherstädtchen Saint-Imier. Ein riesiges A im Kreis und das Wort REVOLUTION auf einem Holzschuppen bestätigen, dass wir richtig sind. Im Ort fallen mir sofort die vielen meist schwarz gekleideten Menschen auf. Zuerst zur Eissporthalle – hier findet die anarchistische Buchmesse statt. Wir erfahren, dass sich das Camp auf dem 1300m hohen Mont Soleil, 500m über St. Imier befindet. Über die extrem steile Passstraße geht’s zum Gipfel. Camp 1 nahe der Bergbahnstation ist überfüllt, also weiter rauf zu Camp 2. Auch dort stehen die Zelte dicht an dicht. Wir haben Glück und sind gerade mit Ausladen fertig, als der Bauer die angrenzende Weide zum Campen freigibt. Zelte aufbauen, ein paar Klamotten für den Abend und mit der Bergbahn steil bergab. Landeanflug auf Saint-Imier. Für alle KongressteilnehmerInnen ist die Bahn umsonst. Letzte Fahrt zum Gipfel nachts um drei. Wir gehen zum zentralen Infopunkt, dem Espace Noir. Hier wird nach Selbsteinschätzung der Kongressbeitrag (8,-/12,-/15,- €) bezahlt, gibt es allgemeine Infos, das Programm, den Stadtplan, Musik und Getränke.

Seit 1986 gibt es das anarchistische Kulturzentrum mit Infoladen, Buchhandlung, Galerie, Taverne, Theater und Konzertsaal mitten im Zentrum des Ortes. Es herrscht reges Kommen und Gehen und eine trotzdem sehr entspannte Atmosphäre; französisch-italienisch-spanisches Sprachgewirr, für deutsche Subkultur-Geprägte erstaunlich viele AktivistInnen zwischen 50 und 70, Mütter und Väter mit ihren Kindern und „normal“ aussehende Leute. So soll das sein! Laura, eine Aktivistin aus Bern meint, mit der Übersetzung der Veranstaltungen sei es schwierig. Dafür wurde für den anarchistischen Nachwuchs ein fünfsprachiger Kinderhort organisiert – ob die Kids das brauchen?

Die acht über Saint-Imier verteilten Veranstaltungsorte und der Umfang des Programms sind erst mal irritierend. Der arabische Frühling und seine Folgen, die kapitalistische Krise, Kampf gegen Rechtsextremismus, Anarchafeminismus, soziale Kämpfe in Griechenland, Basisgewerkschaften, autonome Zentren, gewaltfreie Aktionsgruppen, Repression, Arbeiterselbstverwaltung. Wir entscheiden uns für eine Veranstaltung zur ökonomischen Krise im Salle St.Georges um 21 Uhr. Der Saal ist überfüllt und – Laura hat Recht – die Übersetzung gestaltet sich schwierig. Als sich die Veranstaltung schließlich teilt (spanisch-französisch drinnen, englisch-deutsch draußen), geben wir auf. Zurück im Hof des Espace Noir genießen wir ein kühles Bier, während GenossInnen aus Italien revolutionäre Lieder mit Ziehharmonikabegleitung schmettern.

Freitag, 10. August:

Um halb neun wird es unerträglich heiß im Zelt. Raus, Zähne putzen, einen ersten Kaffee, ab zur Bergbahn. Viele sind schon im Ort unterwegs, dem man mit seinen massiven fünfstöckigen, zum Teil leerstehenden Gebäuden ansieht, dass er einmal mehr als die aktuell 4800 EinwohnerInnen hatte. Hier also sind die Ideen des in die Schweiz geflohenen Revolutionärs Michael Bakunin auf fruchtbaren Boden gefallen. Für die Uhrmacher und ArbeiterInnen des Jura seien sie „eine attraktive Alternative zur strengen Doktrin von Karl Marx“ gewesen, schreibt die Berner Tageszeitung „Der Bund“ im Vorfeld des Kongresses. Uns fallen die Wandgemälde aus den 1980er Jahren und die neuen dreisprachigen Geschichtstafeln an vielen Gebäuden der Stadt auf. So am leerstehenden Hotel Central: 1872 schlägt hier die Geburtsstunde der internationalen anarchistischen Bewegung. Bakunin gründet zusammen mit Genossen und jurassischen Uhrmachern, darunter James Guillaume und Adhémar Schwytzguébel, die Antiautoritäre Internationale. Sie weisen die Beschlüsse des Den Haager Kongresses der Ersten Internationalen zurück und halten fest, dass nicht die Eroberung, sondern die Zerstörung jeder politischen Macht, die Pflicht des Proletariats sei. Im Jura entsteht in den 1870er Jahren eine lebendige anarchosyndikalistische Bewegung, mit großem Widerhall in den romanischen Ländern. Bakunin, Guillaume und Schwytzguébel sind auf Porträtfotos auf der Tafel am Hotel Central abgebildet. Es scheint als habe etwas vom emanzipatorischen Geist der damaligen Zeit in Saint-Imier und im Juragebiet überlebt. Bei Wahlen und Volksabstimmungen wird hier im Vergleich zur Restschweiz immer am progressivsten entschieden. Bakunin selbst lebte mehrere Jahre im Jura, er starb 1876 und liegt auf dem Berner Bremgarten-Friedhof begraben.

Nach hervorragendem veganen Frühstück schlendern wir über die Buchmesse und treffen Ursin. „Zum Glück ist der anarchistische Buchmarkt keine Historienveranstaltung mehr“, meint er. „Früher drehte sich fast alles um die spanische Revolution, zum Glück überwiegen längst die aktuellen Kämpfe und Entwicklungen.“ Das Publikumsinteresse an den gut 50 anarchistischen und antiautoritären Verlagen aus verschiedenen europäischen Ländern zumindest ist groß. Um 14 Uhr beginnt meine Griechenlandveranstaltung im Centre de Culture et de Loisier. In einem Saal für 100 Personen drängen sich doppelt so viele, andere warten im Flur; alle Stühle raus, es wird immer enger und ist drückend heiß. Der zweite Referent spricht nur französisch, ich beginne auf Deutsch, wechsle später auf Grund des Übersetzungschaos ins Englische. Egal wie, auf allen Seiten kommt höchstens die Hälfte des Gesagten an. Nach drei anstrengenden Stunden bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass internationale Diskussionen unter solchen Bedingungen nur bedingt Sinn machen. Eva aus Wiesbaden berichtet später von hervorragenden Übersetzungen im Grande Salle de Spectacle, der Stadthalle, wo die Veranstaltungen mit viersprachiger Synchronübersetzung auf Kopfhörern stattfinden. Was natürlich auch eine Frage des Geldes ist. Die laue Sommernacht, jede Menge interessante Menschen und Gespräche bei gutem Wein im Hof des Espace Noir, sorgen für einen versöhnlichen Tagesabschluss.

Samstag, 11. August:

Es scheint als seien mehr AnarchistInnen als EinwohnerInnen in der Stadt. Das herrliche Wetter trägt ein Übriges zur Happening-Atmosphäre bei. Überall diskutierende Gruppen oder Leute, die in der Sonne liegen. Carlos organisiert ein anarchosyndikalistisches Treffen für 17 Uhr, der Ort ist noch unklar. In der Grünanlage am Grande Salle de Spectacle stehen gut 500 Leute fürs Mittagessen an. Die entspannte Atmosphäre hängt auch damit zusammen, dass es keine kläffenden, ineinander verbissene Hundemeuten gibt. Darauf, dass Hunde unerwünscht sind, wird im Programmheft der Anarchistischen Föderation hingewiesen, „da das Treffen möglichst angenehm für alle Menschen und besonders für Familien und Kinder sein soll“. Fast alle haben sich daran gehalten. Die Massenankunft der AnarchistInnen dürfte auch extrem gut fürs Geschäft des lokalen Gewerbes sein. Fast jeder Laden hat Plakate und Programm des Kongresses im Schaufenster hängen. Libertäre bevölkern die Terrassen der Gaststätten. Da auf Grund der kapitalistischen Krise dem Anarchismus mit neuem Interesse begegnet wird, ist zudem der Medienauflauf enorm. Über 70 akkreditierte JournalistInnen und Filmteams aus dem In- und Ausland schleppen ihre Ausrüstung durch die Stadt.

Am frühen Abend kommt es tatsächlich zum Treffen aller in Saint-Imier anwesenden anarchosyndikalistischen Organisationen und Alternativgewerkschaften. Ca. 50 AktivistInnen aus 14 europäischen Ländern und 20 zum Teil bitter verfeindeten Organisationen sind da. Alle versichern, die Zeit sei reif, trotz Differenzen gemeinsam gegen den kapitalistischen Feind zu kämpfen, anstatt sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Gelegenheit dazu besteht zum Beispiel vom 5.-7. September in Thessaloniki, wo auf dem Festival der direkten Demokratie das nächste internationale Vernetzungstreffen von M31 stattfinden wird. „In 140 Jahren wird das Treffen historisch genannt werden“, lacht Michális aus Athen.

Für einige Fundi-VeganerInnen ist das zu viel der Harmonie. Ihnen reicht nicht, dass alle Kongressküchen hervorragend vegan für alle kochen. Religiösen Eiferern gleich wollen sie auch jenen ihre Wahrheit aufzwingen, die abends im Espace Noir eine Wurst essen wollen. Geschrei, Gerangel, Parolen. Dampfwolken über dem Grill, glücklicherweise fällt im Gedränge niemand in die Glut und die Gemüter beruhigen sich. Es gibt wichtigere Themen und der laue Abend ist noch lang.

Sonntag, 12. August:

Bewölkter Himmel, letzte Workshops und Bücherkäufe, Umarmungen, Abschiede, für viele ist heute Abreisetag. Arthur Auderset, Mitglied des Organisationskomitees, zieht vor der Presse ein positives Fazit. Der Anarchismus sei „eine vitale, zukunftsgerichtete politische Kraft“, das habe das Treffen bewiesen. Trotz fehlender gemeinsamer Schlusserklärung sei es gelungen, die sehr unterschiedlichen Richtungen der Bewegung einander näher zu bringen. Na dann. „Von sozialen Bewegungen zur sozialen Revolution“ hieß es 1986 in Frankfurt. Der Weg ist weit. Vom zivilen Ungehorsam gegen die kapitalistische Krise zum Aufstand.

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